Starker Nachwuchs
Körper
Form Seele
Ausstellung im Malakowturm
Der Zusammenhang zwischen menschlicher Körperform
auf der einen und moralischer Schutzwürdigkeit
bzw. Recht auf Leben auf der anderen Seite ist aus der
Diskussion um den Schwangerschaftsabbruch nicht wegzudenken
so kontrovers die Meinungen und so vielfältig
die Bezüge auf die menschliche Körperform
auch sind. Deutliche Beispiele sind die jüngst
initiierten Aktionen, bei denen Briefmarken mit dem
endoskopischen Bild eines ungeborenen Kindes gedruckt
und Plastikmodelle von Feten verteilt wurden.
In der Ausstellung Körper Form
Seele wird die Geschichte dieses Zusammenhanges
rekonstruiert, der sich im Wechselspiel zahlreicher
Einflüsse radikal änderte. Einfluss nahmen
etwa die theoretischen Vorstellungen über die vorgeburtliche
Entwicklung des Menschen und die verschiedenen Überlegungen
zur Beseelung, eingebettet in die jeweils zeittypischen
Strategien der Naturforschung und Weltdeutung sowie
den Umgang mit Geschlechtlichkeit. Der Form des ungeborenen
Körpers zollten diejenigen Philosophen, Theologen
und Naturforscher besondere Beachtung, die das Menschsein
von einer spezifisch menschlichen Seele
abhängig machten und die Beseelung an die Ausbildung
menschlicher Formen knüpften. Erst
dann so die bis in das 19. Jahrhundert hinein
dominierende Überzeugung in dieser Gruppe von Gelehrten
sei eine Abtreibung in vollem Umfang und mit
allen Konsequenzen als Mord zu bewerten.
Vielfältige Visualisierungen
In diesem Kontext spielen Visualisierungen ungeborener
Körper eine wichtige Rolle. Die Funktion dieser
Visualisierungen war vielfältig: Sie wurden etwa
zur Illustration theoretischer Überlegungen, aber
auch als Belege für die Gültigkeit von Theorien
wie auch als eigenständige Argumente eingesetzt.
Die Produktion dieser Visualisierungen war aber nicht
nur abhängig von ihrem theoretischen Kontext, sondern
auch von technischen Fertigkeiten und Hilfsmitteln,
auf die sie gleichzeitig zurückwirkten. Typische
Beispiele sind neben den Präparationstechniken
das Mikroskop, das den Blick in das neue Universum
des Kleinen weitete, und die Ultraschalldiagnostik,
durch die Ärzten und Eltern in der jüngeren
Vergangenheit der Blick auf das lebende Ungeborene möglich
wurde, prototypisch repräsentiert durch das früh
sichtbare, schlagende Herz.
Von den Verwerfungen und den Kontinuitäten in diesem
Prozess berichten in der Ausstellung neben großformatigen
Reproduktionen aus alten Handschriften und Büchern
auch Modelle und Präparate von ungeborenen Körpern
sowie die technischen Hilfsmittel, mit denen sie produziert
wurden, wie Mikroskope und ein Ultraschallgerät.
Alltagsgegenstände wie Fotoalben lassen erkennen,
wie sich die neuen Bilder auch außerhalb der medizinischen
Wissenschaft ausbreiteten und die Wahrnehmung des Ungeborenen
veränderten. Eine besondere Attraktion ist ein
funktionstüchtiges gynäkologisches Ultraschallgerät
der Firma Siemens aus dem Jahr 1971. Collagen von Friedrich
Gräsel deuten die historischen Objekte aus künstlerischer
Sicht. Eine audiovisuelle Präsentation ergänzt
die übrigen Ausstellungsbereiche durch bewegte
Bilder. Hier werden auch neueste bildgebende Verfahren
vorgestellt, wie die dreidimensionale Ultraschalldiagnostik.
Eröffnet wird die Ausstellung am 18. November um
18 h. Dr. Regina Rasenack, Universitäts-Frauenklinik
Freiburg, spricht zum Thema Auswirkungen des Ultraschalls
auf die Wahrnehmung des vorgeburtlichen Lebens.
Info: Körper Form Seele.
Visualisierungen des Ungeborenen und die Diskussion
um den Schwangerschaftsabbruch, eine Ausstellung
der Abteilung für Geschichte der Medizin / der
Medizinhistorischen Sammlung der RUB zusammen mit dem
Künstler Friedrich Gräsel im Malakowturm Julius
Philipp, Markstr. 258a, Bochum; geöffnet vom 20.11.04
bis 13.3.05: Mi. 9-12 h u. 14-18 h, Sa. 14-18 h, So.
11-18 h; vom 22.12.04 bis zum 5.1.05 ist die Ausstellung
geschlossen, weitere Infos: -23394 oder www.rub.de/malakow/
Stefan
Schulz
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