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RUBENS 92

2. November 2004

Starker Nachwuchs

Körper – Form – Seele

Ausstellung im Malakowturm


Der Zusammenhang zwischen menschlicher Körperform auf der einen und moralischer Schutzwürdigkeit bzw. Recht auf Leben auf der anderen Seite ist aus der Diskussion um den Schwangerschaftsabbruch nicht wegzudenken – so kontrovers die Meinungen und so vielfältig die Bezüge auf die menschliche Körperform auch sind. Deutliche Beispiele sind die jüngst initiierten Aktionen, bei denen Briefmarken mit dem endoskopischen Bild eines ungeborenen Kindes gedruckt und Plastikmodelle von Feten verteilt wurden.
In der Ausstellung „Körper – Form – Seele“ wird die Geschichte dieses Zusammenhanges rekonstruiert, der sich im Wechselspiel zahlreicher Einflüsse radikal änderte. Einfluss nahmen etwa die theoretischen Vorstellungen über die vorgeburtliche Entwicklung des Menschen und die verschiedenen Überlegungen zur Beseelung, eingebettet in die jeweils zeittypischen Strategien der Naturforschung und Weltdeutung sowie den Umgang mit Geschlechtlichkeit. Der Form des ungeborenen Körpers zollten diejenigen Philosophen, Theologen und Naturforscher besondere Beachtung, die das Menschsein von einer spezifisch „menschlichen Seele“ abhängig machten und die Beseelung an die Ausbildung „menschlicher Formen“ knüpften. Erst dann – so die bis in das 19. Jahrhundert hinein dominierende Überzeugung in dieser Gruppe von Gelehrten – sei eine Abtreibung in vollem Umfang und mit allen Konsequenzen als Mord zu bewerten.

Vielfältige Visualisierungen

In diesem Kontext spielen Visualisierungen ungeborener Körper eine wichtige Rolle. Die Funktion dieser Visualisierungen war vielfältig: Sie wurden etwa zur Illustration theoretischer Überlegungen, aber auch als Belege für die Gültigkeit von Theorien wie auch als eigenständige Argumente eingesetzt. Die Produktion dieser Visualisierungen war aber nicht nur abhängig von ihrem theoretischen Kontext, sondern auch von technischen Fertigkeiten und Hilfsmitteln, auf die sie gleichzeitig zurückwirkten. Typische Beispiele sind – neben den Präparationstechniken – das Mikroskop, das den Blick in das neue Universum des Kleinen weitete, und die Ultraschalldiagnostik, durch die Ärzten und Eltern in der jüngeren Vergangenheit der Blick auf das lebende Ungeborene möglich wurde, prototypisch repräsentiert durch das früh sichtbare, schlagende Herz.
Von den Verwerfungen und den Kontinuitäten in diesem Prozess berichten in der Ausstellung neben großformatigen Reproduktionen aus alten Handschriften und Büchern auch Modelle und Präparate von ungeborenen Körpern sowie die technischen Hilfsmittel, mit denen sie produziert wurden, wie Mikroskope und ein Ultraschallgerät. Alltagsgegenstände wie Fotoalben lassen erkennen, wie sich die neuen Bilder auch außerhalb der medizinischen Wissenschaft ausbreiteten und die Wahrnehmung des Ungeborenen veränderten. Eine besondere Attraktion ist ein funktionstüchtiges gynäkologisches Ultraschallgerät der Firma Siemens aus dem Jahr 1971. Collagen von Friedrich Gräsel deuten die historischen Objekte aus künstlerischer Sicht. Eine audiovisuelle Präsentation ergänzt die übrigen Ausstellungsbereiche durch bewegte Bilder. Hier werden auch neueste bildgebende Verfahren vorgestellt, wie die dreidimensionale Ultraschalldiagnostik.
Eröffnet wird die Ausstellung am 18. November um 18 h. Dr. Regina Rasenack, Universitäts-Frauenklinik Freiburg, spricht zum Thema „Auswirkungen des Ultraschalls auf die Wahrnehmung des vorgeburtlichen Lebens“.

Info: „Körper – Form – Seele. Visualisierungen des Ungeborenen und die Diskussion um den Schwangerschaftsabbruch“, eine Ausstellung der Abteilung für Geschichte der Medizin / der Medizinhistorischen Sammlung der RUB zusammen mit dem Künstler Friedrich Gräsel im Malakowturm Julius Philipp, Markstr. 258a, Bochum; geöffnet vom 20.11.04 bis 13.3.05: Mi. 9-12 h u. 14-18 h, Sa. 14-18 h, So. 11-18 h; vom 22.12.04 bis zum 5.1.05 ist die Ausstellung geschlossen, weitere Infos: -23394 oder www.rub.de/malakow/

Stefan Schulz
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Letzte Änderung: 30.10.2004| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik