Starker Nachwuchs
Der
Kult des Poseidon Helikon
Fortsetzung: RUB-Archäologen entdecken das Panionion
Erste Hinweise auf den Kult des Poseidon Helikonios
finden sich bereits bei Homer (8. Jahrhundert vor Christus):
Im 20. Gesang der Ilias, Vers 404, erwähnt der
Dichter zwar dieses Opfer, nicht aber das Panionion
oder den Bund der Ionier, der offenbar erst im 7. Jahrhundert
v. Chr. gegründet wurde. Um den Poseidonkult, der
ursprünglich eng mit der karischen Stadt Melia
verbunden war, entbrannte Mitte des 7. Jahrhunderts
ein Krieg, der "Meliakos Polemos", in dem
Melia zerstört und das Landgebiet unter den siegreichen
Griechen aufgeteilt wurde. Die Griechen führten
den Kult fort und bauten das Panionion. In der Folge
entfalteten sowohl der Kult als auch das Heiligtum eine
starke identitätsstiftende Wirkung und erlangten
enorme Bedeutung für die Stammesbildung (Ethnogenese)
der Ionier und für die Herausbildung ihrer kulturellen
Identität. Noch der antike Historiker Herodot aus
Halikarnassos wusste, dass die Ionier ursprünglich
keineswegs einen homogenen Stammesverband gebildet hatten.
Im 11. und 10. Jahrhundert v. Chr. kamen sie im Zuge
der so genannten "Ionischen Wanderung" in
kleinen Gruppen nach Westkleinasien.
Auf der falschen Spur
Im 1. Buch seiner Historiai schreibt Herodot: "Das
Panionion ist ein heiliger Platz in der Mykale, der
sich nach Norden erstreckt und von den Ioniern gemeinsam
dem Poseidon Helikonios geweiht ist". Ein anderer
antiker Historiker, Diodor, erwähnt, dass das Panionion
ursprünglich an "einsamer Stätte"
gelegen habe und man es später verlegen wollte.
Bereits 1673 hatten englische Reisende auf der Nordseite
des Mykale-Gebirges beim heutigen Ort Güzelcamly
eine Inschrift aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts
v. Chr. entdeckt, die das Panionion erwähnt. Es
schien also nicht fern zu sein.
Dennoch lagen die Archäologen zunächst falsch:
Theodor Wiegand, einer der bedeutendsten Archäologen
des 20. Jahrhunderts, lokalisierte das Panionion 1904
am sog. Otomatik Tepe östlich Güzelcamly,
wo sich ein halbkreisförmiger Stufenbau und Fundamente
eines Altares erhalten haben. Ausgrabungen nahmen jedoch
erst Kleiner und Hommel in den 1950er-Jahren vor. Obwohl
sie keinerlei Reste der archaischen Zeit, also des 7.
und 6. Jahrhunderts v. Chr. fanden, hielten sie die
Ruinen bei Güzelcamly für das archaische Panionion.
Die Bochumer Archäologen um Hans Lohmann konnten
bei ihren diesjährigen Untersuchungen jedoch zweifelsfrei
feststellen, dass dort lediglich eine Bauruine liegt:
"Offenbar hatte man Ende des 4., Anfang des 3.
Jahrhunderts vor Christus beschlossen, den panionischen
Bund und seinen Kult wiederzubeleben, der seit den Perserkriegen
Anfang des 5. Jahrhunderts ruhte", so Lohmann.
"Aber der Plan wurde nie völlig realisiert,
der Bau blieb unvollendet. Das archaische Panionion
musste also woanders liegen."
Auf der richtigen Spur
Der berühmte Gräzist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf
hingegen hatte bereits um 1900 allein auf Grund der
antiken "Nachrichten" die These vertreten,
dass Melia und das Panionion topographisch zusammenfallen.
Die Entdeckung durch Prof. Lohmann und sein Team bestätigen
dies: Im Bereich des Hauptkammes der Mykale, auf "Mykales
luftigem Scheitel" (Homer, Ilias 2, 869) stießen
sie überraschend in 750 Meter Höhe auf die
ausgedehnten Ruinen einer befestigten karischen Höhensiedlung
des frühen 7. Jahrhunderts vor Christus. Darin
fanden sie die Reste eines stark zerstörten ionischen
Tempels der Zeit um 540 v. Chr. Die bis zu drei Meter
breiten, stark verfallenen Wehrmauern bilden ein riesiges
Dreieck, dessen Spitze im Norden liegt. Der Tempel ist
rund hundert Jahre jünger als der Krieg um Melia
und die Zerstörung der Siedlung. Dieser Befund
scheint sowohl die These von Wilamowitz zu bestätigen
als auch die Angaben von Herodot und Diodor: "Eine
einsamere Stätte ist kaum vorstellbar", so
Lohmann.
Raubgrabungen und Vandalen
"Doch haben nicht Erdbeben oder die Witterung
ihre Zerstörung herbeigeführt, sondern sie
wurden offenkundig von Menschenhand absichtsvoll geschleift",
sagt Prof. Lohmann. Raubgrabungen hätten in jüngster
Zeit jedoch am Tempel des Poseidon schwere Schäden
angerichtet, der heute nur noch einen wüsten Schutthaufen
von knapp 36 Metern Länge bildet, schildert Lohmann.
Dorthinein passt ein hundert Fuß langer Tempel,
ein sog. Hekatompedos. Die Säulen waren nach den
erhaltenen Fragmenten zu urteilen etwa sechs Meter hoch.
"Ein archaischer Großbau", sagt Prof.
Lohmann. Seine Umgebung wurde mit Metalldetektoren abgesucht,
wie zahlreiche Raublöcher belegen. Da es unmöglich
ist, diese hochbedeutende archäologische Stätte
in der Bergeseinsamkeit der Mykale wirkungsvoll zu schützen,
ist für das nächste Jahr unter Ägide
des zuständigen Museums Aydyn eine Notgrabung geplant.
"Gilt es doch, hochbedeutendes Kulturgut vor dem
Zugriff von Vandalen zu schützen, die nur auf Gold
aus sind, und anderes wie beispielsweise den wunderschönen
archaischen Stirnziegel mit Darstellung eines Löwen
vom Dachrand des Tempels rücksichtslos zerschlagen",
so Lohmann.
jw
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