Starker Nachwuchs
Editorial
Wertverluste
Vor einigen Tagen brachte ich einem Nachbarn ein Paket,
das wir angenommen hatten. Als ich ihm sagte, dass ich
ihn kaum noch zu Gesicht bekomme, klagte er über
viel Arbeit im Büro, und als ich Ähnliches
von mir berichten wollte, fiel mir seine Tochter ins
Wort: "Das lässt sich überhaupt nicht
vergleichen", sagte sie, und fuhr fort: "wenn
ich sehe, wie die an der Uni arbeiten ... die machen
sich doch da einen schönen lauen Lenz. Seit Wochen
will ich etwas im Sekretariat kopieren, aber die haben
immer nur von 10 bis 12 Uhr für den Publikumsverkehr
auf, und da habe ich Vorlesungen und Seminare. Obwohl
das Sekretariat besetzt ist, halten die sich stur an
ihre Öffnungszeiten." Julia ist Studentin
an einer großen, alten und ehrwürdigen Universität
in NRW - also nicht an der RUB, aber ganz ehrlich, hätte
ihr das nicht so oder ähnlich auch bei uns passieren
können ... ?
Wenn unsere Studierenden nachts in der Uni campieren
müssen, um sich rechtzeitig für ein begehrtes
Seminar anzumelden, wenn sie darüber klagen, dass
sie in den Semesterferien bei manchen Dozenten nur alle
sechs Wochen einen Termin in der Sprechstunde haben
können, wenn Studierende die Ergebnisse von Seminararbeiten
und die Scheine erst im folgenden Semester korrigiert
zurück bekommen und sich deswegen nicht rechtzeitig
zur Prüfung anmelden können, weil ihnen noch
Unterlagen fehlen, dann braucht man sich nicht zu wundern,
wenn ihr Engagement schwindet, wenn sie sich - leider
allzu früh - innerlich von der Universität
enttäuscht abwenden. Sicher, das ist nicht die
Regel, aber negative Äußerungen Weniger können
sehr schnell die gute Arbeit Vieler vergessen machen
und bleibende Schäden hinterlassen.
Die Uni braucht die Identifikation und das Engagement
ihrer Studierenden während des Studiums und - wenn
wir sie uns als Alumni gewogen erhalten wollen - auch
nach dessen erfolgreichem Abschluss. Dafür braucht
sie zuallererst die Identifikation von Wissenschaftlern
und Mitarbeitern. Gewiss, manchem mag das immer schwerer
fallen, wenn er sich mit immer mehr Arbeit konfrontiert
sieht oder um seinen Vertrag bangen muss, weil Haushaltskürzungen
am Horizont schimmern. Und dennoch darf das keine Entschuldigung
sein. Die Ruhr-Universität ist personell weit besser
ausgestattet als die meisten Unis in NRW - und schafft
es dennoch nicht, so viele Absolventen hervorzubringen,
um den Geldverlust zu stoppen.
Unter der Überschrift "Würdelos"
schrieb Martin Spiewak in der ZEIT (21.10.2004): "Während
man anderswo mit Stolz oder gar Ehrfurcht über
die besten Bildungsinstitutionen spricht, schlägt
unseren Universitäten vor allem Gleichgültigkeit
entgegen." Er fordert sie auf, sich zuallererst
selbst ernst zu nehmen. Man kann es auch mit Goethe
ausdrücken, der einst Schopenhauer ins Album schrieb:
"Willst du dich deines Wertes freuen,/So musst
der Welt du Wert verleihen."
jk
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