UTC: Rebellion
im Hotel Größenwahn
Gebäudeserie
Jeder von uns kann sich sicher noch an sein erstes
Semester an der RUB erinnern. Wer hat sich anfangs nicht
in den Kellerräumen verirrt und verzweifelt nach
einem Ausgang gesucht? Wieso liegt der mal auf 02 und
mal auf 01? Und warum gibt es nicht überall eine
Cafete? RUBENS liefert die Antworten - diesmal zum UTC.
GC den Geisteswissenschaftlern, NC den Naturwissenschaftlern,
IC den Ingenieuren - und MC den Medizinern? Nein, ganz
so einfach ist es leider nicht. Das Phänomen MC
ist eine ungehörte und, so möchte man fast
sagen, unendliche Geschichte. Jetzt ist es an der Zeit,
die "bauliche" Odyssee des Phänomens
MC von Beginn an nachzuzeichnen.
Lange war es das Stiefkind der Uni - heute ist es der
verlorene Sohn: das Gebäude MC. Das Gros der Studierenden
würde das äußere Gebäude der M-Reihe
vermutlich den Medizinern zusprechen, wenn man sie danach
fragte. Aber weit gefehlt! Und zwar in gleich zweifacher
Hinsicht: Zum einen gehört es eben nicht den Medizinern,
zum anderen hat es den Namen "MC" schon lange
abgelegt. Doch um das alles zu verstehen, muss man sich
erst in die fernen Jugendtage der RUB zurückversetzen:
1962: Euphorische Jahre. Der Bau der RUB wird beschlossen
und mit ihm der eines Klinikums, das direkt an der Uni
entstehen soll. Alles verheißt groß und
toll und wunderbar zu werden. Aber dann kommt das, was
schon weit größere Pläne der Menschheit
durchkreuzt hat: das Schreckgespenst Finanznot. Keine
Uni-Klinik also. Vorerst.
1971: Die drei Gebäudekolosse der M-Reihe sind
hochgezogen und die ersten Mediziner beziehen ihr neues
Heim in MA. Und der Rest? MB und MC stehen als Rohbauten
nutzlos und leer da. Die Pläne für die Institute
der Theoretischen Medizin liegen vorerst auf Eis. Stattdessen
hofft man weiter auf den Klinikbau. Lange Jahre des
Stillstands folgen.
Halbe Mio., ganze Mio.
1977: Nach bewegungslosen Jahren plötzlich hektisches
Hin und Her: Die RUB entscheidet sich für das "Bochumer
Modell" der Medizinerausbildung, d.h. direkt vor
Ort in bestehenden Bochumer Krankenhäusern. Die
Pläne für einen Klinikneubau werden komplett
gestrichen - die beiden M-Rohbauten stehen endgültig
sinnlos am Rande des Campus.
1978: Zwischendurch lässt man hoffnungsschwanger
verlauten, die Zahnklinik würde nun doch entstehen
und käme ins MC. Aber wieder passiert nichts.
1983: Soll das Bochumer Finanzamt oder die Fernuniversität
Hagen ins MC-Gebäude ziehen? Nein, das waren nur
letzte verzweifelte Gedanken. Etwas Sinnvolleres fordert
das Akafö: Studierendenapartments und Zimmer für
ausländische Gastwissenschaftler.
1989, Mai: Das MB-Gebäude findet schließlich
seine Bestimmung und wird 1991 zum Entwicklungs- und
Technikzentrum der RUB (TZR) ausgebaut.
1989, Oktober: Na, endlich: Ein Göttinger Baulöwe
kauft das MC zum Spottpreis von 500.000 DM. Er plant
ein Hotel- und Kongresszentrum - mit Tennis, Squash
und Ladenzeile. Wie schön. Aber ist das Problem
damit wirklich vom Tisch? Das Akafö will noch immer
Studierendenwohnungen und sichert sich das Vormietrecht.
1989, November: Es kommt zum großen Showdown:
Studierende brechen durch die Mauern des Rohbaus und
besetzen den Koloss. Die "Widerstands-AG"
verlangt mehr studentischen Wohnraum als im MC-Hotel
geplant, denn für die nunmehr 35.000 Studenten
wird es schon seit Jahren eng - Uni und Wohnheime waren
nur für 16.000 geplant. Wozu ein Kongresszentrum
bauen, wenn Studierende bei Freunden auf dem Fußboden
schlafen müssen? Die Besetzer lassen den RUB-Kanzler
ans Telefon kommen und schlagen ihm vor, eine "Suite"
im "Hotel Größenwahn" zu besichtigen.
1990, Januar: Die Gerüchteküche brodelt: Will
der Göttinger Baulöwe raus aus dem Vertrag?
Platzt der Traum vom Hotel MC? Die Widerstands-AG'
sieht einen Erfolg ihrer Besetzung. Und tatsächlich:
Das MC wird für 1 Mio. DM weiterverkauft - für
das Doppelte des Kaufpreises also. Und was vermuten
schlaue Köpfe? Der Unternehmer hatte in das MC
investiert, einen Parkplatz auf die Schotterpiste davor
gesetzt und sich an der Wertsteigerung eine goldene
Nase verdient. Gar nicht so dumm.
1990: Das MC wird - nun endgültig - an eine zweite
Baufirma weiterverkauft. Eine Vertragsbedingung: 20%
der Fläche für Studierendenapartments. Dem
neuen Besitzer ist das zuviel - er will das Gebäude
ausschließlich privatwirtschaftlich nutzen und
kauft sich von seiner Verpflichtung frei. Die Ablösesumme
wird von der Uni benutzt, um am Rande des Uni-Centers
das "Europa-Haus" zu bauen und so endlich
Pläne zu verwirklichen, die seit Jahren in der
Luft hingen: Wohnraum für Studierende und Gastwissenschaftler.
Vollkommen privatwirtschaftlich
1991: Nach 20 Jahren als nackter Rohbau wird MC endlich
ausgebaut - von nun an bekannt unter dem wohlklingenden
Namen "Uni Tech Center". Heute haben im UTC
verschiedene privatwirtschaftliche Firmen Fuß
gefasst: Arztpraxen, Gastronomie, ein Unternehmen für
Medizintechnik, ein Jura-Repetitorium. Und es läuft
gut - Gerüchten zufolge dachte das Unternehmen
sogar schon an ein MD-Gebäude ...
Das ist auch schon das Ende der Geschichte. Spannender
als erwartet. Fast schon ein Gebäude-Krimi. Ob
das MC noch zur Uni gehört oder nicht sollte nun
auch geklärt sein: Gehört es nicht. Das Land
NRW hat das Heft komplett aus der Hand gegeben und nach
zähem Ringen die Privatwirtschaft in die Nachbarschaft
der Uni geholt. Nicht die schlechteste Lösung allerdings
- wenn man bedenkt, dass in all der Verzweifelung sogar
die rabiateste aller Lösungen zur Diskussion stand:
der erbarmungslose Abriss.
Katrin
Figge
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