Überzeugungstäter
Umbruchphase an der RUB: Zwischen Bakkalaureus und Bachelor
Früher gab es in den meisten geisteswissenschaftlichen
Fächer ausschließlich den Abschluss Magister,
dann kam im Rahmen des Magister-Reformmodells der Bakkalaureus
Artium hinzu und schließlich noch der Bachelor und
der Master. Bachelor und Master sind bald der alleinige
Standard an der RUB, doch in der momentanen Übergangsphase
konkurrieren die Abschlüsse miteinander. Wenn es
um Plätze in den Seminaren geht, konkurrieren bisweilen
auch die Studierenden. RUBENS gibt einen Überblick.
"Sie fühlen sich allein gelassen mit scheinbar
undurchsichtigen Studien- und Prüfungsordnungen und
klagen immer häufiger über mangelnde Beratung,
Orientierungslosigkeit und Prüfungsängste. Erfahrungsgemäß
verlängern sich dadurch die Studienzeiten. [...]
Um Wege zu finden, die solchen Mißständen entgegenwirken
können, hat die Ruhr-Universität im Wintersemester
1993/94 ein Reformmodell zur Neustrukturierung des Magisterstudiums
eingerichtet." So heißt es in einem Vorwort
zum Magister-Reformmodell vom damaligen RUB-Rektor Prof.
Dietmar Petzina.
Nicht zuletzt aufgrund dieser Argumente entschieden sich
zwischen 1993 und 2001 viele Studierende für das
reformierte Studium. Die RUB war seinerzeit die erste
Uni in NRW, die den Bakkalaureus Artium als ersten berufsqualifizierenden
Abschluss anbot. Pro Wintersemester wurden rund 150 Studienplätze
auf die Bewerber verteilt. Es gab ein ausführliches
Beratungsangebot und Hilfe bei der Erstellung eines Stundenplans
für Erstsemester. Bis zum Sommersemester 2004 erwarben
rund 650 Studierende den Bakkalaureus Artium.
Alles auf den Bachelor
Im Wintersemester 2001/02 wurde vieles anders: Die
RUB führte flächendeckend die gestuften Studiengänge
mit den Abschlüssen Bachelor und Master ein. Seitdem
kann man sich nicht mehr für das MA-Reformmodell
einschreiben, zum März 2005 endet es ganz. Doch
schon jetzt treten die alten Studienformen (neben dem
Bakkalaureus auch der herkömmliche Magister) zunehmend
in den Hintergrund. Schließlich setzt die RUB
hauptsächlich auf Bachelor und Master. Diese strukturelle,
finanzielle und personelle Fokussierung ist gut nachvollziehbar
und bringt der RUB als Reformuniversität viel Lob
ein. Gleichwohl haben die verbliebenen Studierenden
des MA-Reformmodells darunter zu leiden. Konkret müssen
sie vor allem auf die früher so umfangreiche Beratung
verzichten. Ein scheinbar ewiges Hinterherlaufen ist
stattdessen nötig, um an die wichtigsten Informationen
zu gelangen. "Man erreicht so gut wie niemanden
mehr. Wenn doch, dann ist sie oder er nicht zuständig.
Auch das Internet hilft nur noch sehr begrenzt",
erklärt die Reformstudentin Nina Lange. In der
Tat weisen die Internetseiten des MA-Reformmodells teilweise
den Stand von 1999 auf. Dahinter steckt ein Personalproblem.
Bis März 2005 sind lediglich zwei wissenschaftliche
Mitarbeiterinnen, für jeweils zwölf Stunden,
und eine studentische Hilfskraft für neun Stunden
zur Organisation des MA-Reformmodells eingestellt.
"Ich kann mir vorstellen, wie die Studenten zu
Hause manchmal verzweifelt in ihr Kissen beißen,
aber die Möglichkeiten sind leider sehr begrenzt",
sagt Astrid Steger. Sie ist Projektmanagerin sowohl
des Reformmodells als auch des Optionalbereichs für
die gestuften Studiengänge. Steger und einige Kollegen
beraten die Reformmodeller auch weiterhin, allerdings
vollkommen freiwillig. "Das klappt nur, weil wir
Überzeugungstäter sind", und das möchte
Steger auch bis zur letzten Prüfung bleiben; etwa
150 Studierende wollen noch ihren Bakkalaureus Artium
erwerben.
Studiengebühren im Nacken
Geleitet und organisiert werden die Prüfungen
in diesem Wintersemester jedoch zum letzten Mal vom
Reformmodell. Danach sind die jeweiligen Fächer
und Prüfungsämter zuständig. Nach Erwerb
des Bakkalaureus Artium können die "Reformmodeller"
wählen, ob sie noch den alten Magister erwerben
wollen oder aber in einen neuen Masterstudiengang wechseln.
Natürlich bleibt auch die Möglichkeit, mit
dem Bakkalaureus direkt einen Beruf zu ergreifen. Das
war zu Beginn des Reformmodells nicht ganz einfach.
Damals erhielten viele Bewerber Absagen, weil die Personalmanager
sie für zu jung hielten. Mittlerweile zeichnet
sich allerdings eine deutlich höhere Akzeptanz
junger Hochschulabsolventen ab. Das war und ist bekanntlich
auch Ziel der Studienreformen: Europaweit soll eine
allgemeine Studiendauer von maximal fünf Jahren
erzielt werden. Laut Projektmanagerin Steger ist das
schnellere Durchkommen mit gestuften Studiengängen
allerdings nicht automatisch gewährleistet. Angesichts
der zusätzlich zu erwerbenden Berufserfahrungen,
finanzieller Knappheit und "mit den Studiengebühren
im Nacken" sei das nicht leicht, so Steger.
Für die Reformmodeller der RUB ergaben sich nach
der Etablierung von Bachelor und Master noch ganz andere
Schwierigkeiten im Studienalltag. z. B. die explodierenden
Zahlen in den Veranstaltungen. Auf einmal galten zudem
Anmeldepflichten für Seminare. Die schnell gefüllten
Listen treiben die Studenten noch heute oft zur Weißglut.
Außerdem haben in zahlreichen Seminaren Studierende
mit der Absicht eines Scheinerwerbs Vorrang, während
die sog. "Examensthemensammler" verzweifelt
nach Plätzen suchen. "In dieser Übergangsphase
gibt es leider zahlreiche Wenn und Abers", räumt
auch Astrid Steger ein.
Noch bis Dezember 2004 läuft eine Befragung der
Reformmodell-Absolventen. Darin wird ermittelt, welche
Wege die Studierenden nach dem jeweiligen Abschluss
eingeschlagen haben. Auch die Homepage soll auf Hochglanz
gebracht werden. Bis Ende März 2005 wird sie zu
einer historischen Page gestaltet. Sie soll die Geschichte
des "Reformmodells zur Neustrukturierung des Magisterstudiums"
erzählen.
INFO: B.A. IST NICHT GLEICH B.A.
Sowohl der Bakkalaureus Artium als auch der Bachelor
of Arts werden mit "B.A." abgekürzt.
Es gibt dennoch einige inhaltliche Unterschiede zwischen
ihnen, ebenso zwischen dem MA-Reformmodell und den gestuften
Studiengängen. Das MA-Reformmodell diente ausschließlich
zur Neustrukturierung der Magisterordnung. Darin wurden
für den Bakkalaureus Artium (auch Grundlagenstudium
genannt) drei Fächer gleichwertig studiert. Die
obligatorischen Zusatzqualifikationen bestanden aus
drei vorgegebenen Gebieten, die nicht in die Examensbenotung
einflossen. Nach dem Bakkalaureus startete man sein
Berufsleben oder machte in einem der drei Fächer
seinen Magister. Dieser wiederum unterschied sich vom
herkömmlichen Magister, bei dem man bis zum Schluss
ein Haupt- und zwei Nebenfächer studierte.
In den gestuften Studiengängen werden innerhalb
des BA Studiums zwei Fächer gleichwertig studiert
und mindestens drei Module aus fünf frei wählbaren
Gebieten des Optionalbereichs belegt (z. B. Fremdsprache
oder EDV). Ein Modul fließt in die Examensnote
ein. Der Optionalbereich erfüllt damit im Prinzip
die Rolle der Zusatzqualifikationen aus dem Reformmodell.
Entgegen verbreiteter Ansichten, vor allem unter den
Lehrenden, stellt der Optionalbereich aber keinen Fachersatz
da. Nach dem Bachelor kann man einen Beruf ergreifen
oder weiterstudieren. Seinen Master muss man nicht notwenig
in einem der Bachelorfächer machen.
Die gestuften Studiengänge wurden an der RUB mittlerweile
auf das Lehramtsstudium (Master of Education) und die
Naturwissenschaften (1- oder 2-Fach-Bachelor / Master
of Science) ausgedehnt.
Kristin
Sporbeck
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