Schutz vor Grubengas
Serie:
Medizinhistorische Sammlung
Auf den ersten Blick scheint es sich um ein Tauchgerät
zu handeln. Doch dieser Eindruck stimmt nicht ganz.
Friedrich Wanz, Ingenieur bei der Firma O. Neupert Nachfolger
in Wien, hatte den Reservoirgerät genannten
Apparat vor genau 100 Jahren für Rettungsmannschaften
konstruiert, die nach Grubenunglücken in die oft
mit giftigen Gasen gefüllten und sauerstoffarmen
Schächte eindringen mussten, um verunglückte
Kumpel zu retten. Der Schutz vor den giftigen Gasen
und die Versorgung mit Sauerstoff waren die Hauptaufgaben
dieses und ähnlicher Geräte. Wegen ihrer
äußeren und auch funktionalen Ähnlichkeit
mit Wassertauchgeräten wurden sie auch
als Gastauchgeräte bezeichnet.
Das von der Medizinhistorischen Sammlung der Ruhr-Universität
auf einem mit Aluminiumfolie gefüllten Glastorso
präsentierte Gerät lässt über den
Hüften eine halbkreisförmige, sich dem Körper
anschmiegende Sauerstoffflasche erkennen. In dieser
Lage beeinträchtigte sie die Bewegungsfreiheit
des Trägers nur wenig. Der aus stabilen Mannesmannröhren
gefertigte Stahlbehälter wurde mit 600 Litern Sauerstoff
(später auch mit Luft-Sauerstoffgemischen und Luft)
gefüllt. Nach der ursprünglichen Konstruktion
von Wanz flossen 10 Liter pro Minute über ein Reduzierventil
und einen Metallspiralschlauch in die Rauchhaube nach
Mayer-Pilaø, so dass der Vorrat für gut
eine Stunde ausreichte. Ein Reserveablassventil sicherte
die Versorgung mit Sauerstoff, wenn das Reduzierventil
einmal versagte. Beide Ventile sind am schlauchseitigen
Ende der Sauerstoffflasche sichtbar. Die ausgeatmete
Luft strömte aus der Maske in einen kragenartigen
Beutel, aus dem der Überschuss durch eine über
der linken Schulter sichtbare Öffnung ins Freie
gelangte. Der Beutel stellte ein Reservevolumen für
besonders tiefe Atemzüge zur Verfügung, wenn
mehr als 10 Liter pro Minute eingeatmet wurden. Leicht
war das Gerät in dieser Zusammenstellung nicht.
Es wog immerhin 13,75 Kilogramm.
Wanz hatte seinen Apparat auf der Grundlage physiologischer
Atemstudien als Alternative zu Systemen entwickelt,
bei denen die ausgeatmete Luft regeneriert und wieder
verwertet wurde, wie dem Lungenkraft-Dosiergerät
nach Mayer-Pilaø, mit dem sich Wanz intensiv
beschäftigt hatte. Bei diesem Apparat füllte
man vor dem Einsatz 500 Gramm Kaliumhydroxid in Stangenform
in den Atemsack ein, um das ausgeatmete Kohlendioxid
zu binden und die Luftfeuchtigkeit zu reduzieren. Eine
einfache Ventilkombination stellte sicher, dass die
Luft in dem Atemsack zirkulierte und ausgiebig mit dem
Kaliumhydroxid in Kontakt kam. Als Ersatz für den
verbrauchten Sauerstoff wurden pro Minute 1,2 Liter
dieses Gases in das System eingespeist. Nach Wanz
Forschungsergebnissen entstand in den Atembeuteln so
aber kein adäquates Gasgemisch, so dass bei Belastungen
schnell Atemnot auftrat. Zudem beschädige die entstehende
Kalilauge oft die Geräte. Der Wiener Ingenieur
wollte daher auf die Luftregeneration ganz verzichten
und die natürliche Atmung simulieren. Die Erfahrungen
vor Ort mit dem Wanzschen Reservoirgerät waren
allerdings nicht überall positiv. Während
der Apparat bei Versuchen am Wilhelmschacht in Mährisch-Ostrau
sehr gelobt wurde, trat bei Probanden am Giselaschacht
in Haan bei Osseg spätestens nach 30 Minuten Atemnot
auf.
Das Wanzsche Gerät ist mit einer Reihe weiterer
Apparate im Entree des Malakowturms Julius Philipp an
der Markstraße zu sehen. Dieser Bereich der
Dauerausstellung Abstieg ins Verborgene
ist der Geschichte des Turms und der Verbindung zwischen
Medizin- und Bergbaugeschichte gewidmet, in der die
Rettungsmedizin einen breiten Platz einnimmt. Unter
den weiteren Geräten befinden sich auch Konstruktionen
der Lübecker Firma Dräger aus den 1910er und
1920er Jahren, in denen das von Wanz kritisierte Prinzip
der Luftregeneration entscheidend verbessert wurde.
Viele der damals gelösten technischen Probleme
stellten sich auch bei der Konstruktion von Beatmungs-
und Narkosemaschinen für den Operationssaal. Dräger
entwickelte 1925 den ersten Kreislauf-Narkoseapparat
der Welt und avancierte in der Folgezeit zu einem der
bekanntesten Hersteller für solche Geräte.
Die Atemschutzgeräte selbst besitzt das Deutschen
Bergbau-Museum in Bochum. Sie wurden der Medizinhistorischen
Sammlung der RUB dankenswerter Weise als Dauerleihgaben
zur Verfügung gestellt.
Infos: www.rub.de/malakow/
Stefan
Schulz
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