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RUBENS 90 1. Juli 2004


Schutz vor Grubengas

Serie: Medizinhistorische Sammlung


Auf den ersten Blick scheint es sich um ein Tauchgerät zu handeln. Doch dieser Eindruck stimmt nicht ganz. Friedrich Wanz, Ingenieur bei der Firma O. Neupert Nachfolger in Wien, hatte den „Reservoirgerät“ genannten Apparat vor genau 100 Jahren für Rettungsmannschaften konstruiert, die nach Grubenunglücken in die oft mit giftigen Gasen gefüllten und sauerstoffarmen Schächte eindringen mussten, um verunglückte Kumpel zu retten. Der Schutz vor den giftigen Gasen und die Versorgung mit Sauerstoff waren die Hauptaufgaben dieses und ähnlicher Geräte. Wegen ihrer äußeren und auch funktionalen Ähnlichkeit mit „Wassertauchgeräten“ wurden sie auch als „Gastauchgeräte“ bezeichnet.
Das von der Medizinhistorischen Sammlung der Ruhr-Universität auf einem mit Aluminiumfolie gefüllten Glastorso präsentierte Gerät lässt über den Hüften eine halbkreisförmige, sich dem Körper anschmiegende Sauerstoffflasche erkennen. In dieser Lage beeinträchtigte sie die Bewegungsfreiheit des Trägers nur wenig. Der aus stabilen Mannesmannröhren gefertigte Stahlbehälter wurde mit 600 Litern Sauerstoff (später auch mit Luft-Sauerstoffgemischen und Luft) gefüllt. Nach der ursprünglichen Konstruktion von Wanz flossen 10 Liter pro Minute über ein Reduzierventil und einen Metallspiralschlauch in die Rauchhaube nach Mayer-Pilaø, so dass der Vorrat für gut eine Stunde ausreichte. Ein Reserveablassventil sicherte die Versorgung mit Sauerstoff, wenn das Reduzierventil einmal versagte. Beide Ventile sind am schlauchseitigen Ende der Sauerstoffflasche sichtbar. Die ausgeatmete Luft strömte aus der Maske in einen kragenartigen Beutel, aus dem der Überschuss durch eine über der linken Schulter sichtbare Öffnung ins Freie gelangte. Der Beutel stellte ein Reservevolumen für besonders tiefe Atemzüge zur Verfügung, wenn mehr als 10 Liter pro Minute eingeatmet wurden. Leicht war das Gerät in dieser Zusammenstellung nicht. Es wog immerhin 13,75 Kilogramm.
Wanz hatte seinen Apparat auf der Grundlage physiologischer Atemstudien als Alternative zu Systemen entwickelt, bei denen die ausgeatmete Luft regeneriert und wieder verwertet wurde, wie dem Lungenkraft-Dosiergerät nach Mayer-Pilaø, mit dem sich Wanz intensiv beschäftigt hatte. Bei diesem Apparat füllte man vor dem Einsatz 500 Gramm Kaliumhydroxid in Stangenform in den Atemsack ein, um das ausgeatmete Kohlendioxid zu binden und die Luftfeuchtigkeit zu reduzieren. Eine einfache Ventilkombination stellte sicher, dass die Luft in dem Atemsack zirkulierte und ausgiebig mit dem Kaliumhydroxid in Kontakt kam. Als Ersatz für den verbrauchten Sauerstoff wurden pro Minute 1,2 Liter dieses Gases in das System eingespeist. Nach Wanz’ Forschungsergebnissen entstand in den Atembeuteln so aber kein adäquates Gasgemisch, so dass bei Belastungen schnell Atemnot auftrat. Zudem beschädige die entstehende Kalilauge oft die Geräte. Der Wiener Ingenieur wollte daher auf die Luftregeneration ganz verzichten und die natürliche Atmung simulieren. Die Erfahrungen vor Ort mit dem Wanzschen Reservoirgerät waren allerdings nicht überall positiv. Während der Apparat bei Versuchen am Wilhelmschacht in Mährisch-Ostrau sehr gelobt wurde, trat bei Probanden am Giselaschacht in Haan bei Osseg spätestens nach 30 Minuten Atemnot auf.
Das Wanzsche Gerät ist mit einer Reihe weiterer Apparate im Entree des Malakowturms Julius Philipp an der Markstraße zu sehen. Dieser Bereich der Dauerausstellung „Abstieg ins Verborgene“ ist der Geschichte des Turms und der Verbindung zwischen Medizin- und Bergbaugeschichte gewidmet, in der die Rettungsmedizin einen breiten Platz einnimmt. Unter den weiteren Geräten befinden sich auch Konstruktionen der Lübecker Firma Dräger aus den 1910er und 1920er Jahren, in denen das von Wanz kritisierte Prinzip der Luftregeneration entscheidend verbessert wurde. Viele der damals gelösten technischen Probleme stellten sich auch bei der Konstruktion von Beatmungs- und Narkosemaschinen für den Operationssaal. Dräger entwickelte 1925 den ersten Kreislauf-Narkoseapparat der Welt und avancierte in der Folgezeit zu einem der bekanntesten Hersteller für solche Geräte.
Die Atemschutzgeräte selbst besitzt das Deutschen Bergbau-Museum in Bochum. Sie wurden der Medizinhistorischen Sammlung der RUB dankenswerter Weise als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt.

Infos: www.rub.de/malakow/

Stefan Schulz
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Letzte Änderung: 01.07.2004| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik