Mosaiksteine der kolonialen Bewegungen
Bochumer
Archäologen entdecken griechisches Heiligtum auf
Sizilien
Als kolonisierende Griechen vor knapp 2.700 Jahren auf
Sizilien eine Stadt gründeten, machten sie darüber
keine der Nachwelt überlieferten Aufzeichnungen.
Da man heutzutage dennoch etwas über die damaligen
Begleitumstände erfahren möchte, schickt man
im wahrsten Wortsinne die Archäologen
ins Feld. Bei der derzeitigen Rekonstruktion antiker
Ereignisse in Süditalien geht es ihnen um einen
weiteren Mosaikstein zur griechischen Kolonisation und
zur globalen Geschichte der kolonialen Bewegungen.
Seit 2002 arbeiten Archäologen der Ruhr-Universität
im antiken Territorium der griechischen Koloniestadt
Gela auf Sizilien. Dort wird mittels Oberflächen-Survey
(s. u.) ein knapp 200 Quadratkilometer großes
Gebiet systematisch nach antiken Spuren abgesucht. Die
Bochumer Archäologen möchten so die Siedlungsstrukturen
zwischen der späten Bronzezeit (2. Hälfte
des 2. Jahrtausends vor Christus) und der Ankunft der
Araber auf Sizilien im 9. Jahrhundert nach Christus
rekonstruieren. Die vielleicht stärkste historische
Zäsur in diesem langen Zeitraum stellt die Gründung
der Stadt Gela durch kolonisierende Griechen dar (688
v. Chr.). Aber wie sah es zu diesem Zeitpunkt überhaupt
in der Gegend aus? Konnten die Griechen ohne Probleme
eine Stadt gründen? Immerhin existierten im Binnenland
zahlreiche vorgriechische Siedlungen.
100 neue Fundplätze
Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen sind
die Archäologen der RUB bereits viermal auf Sizilien
gewesen. In zwei Feldkampagnen (September/Oktober 2002
und September/Oktober 2003) sowie bei zwei Auswertungskampagnen
(März 2003 und März 2004) ist es ihnen gelungen,
etwa 100 bisher unbekannte Fundplätze nachzuweisen.
Diese werden in erster Linie anhand von Scherbenkonzentrationen
an der Oberfläche festgestellt. Ähnlich wie
in der konventionellen archäologischen Beobachtung
der historischen Schichten (Stratigraphie) bildet sich
auch an der Oberfläche eine repräsentative
Auswahl von Artefakten der darunter liegenden historischen
Epochen ab. Dieses Phänomen macht sich die Survey-Technik
zunutze. Dabei arbeiten auf Sizilien mehrere Dozenten
und etwa 15 Studierende der Ruhr-Uni in zwei Gruppen.
Die kleinere Gruppe von drei bis vier Personen erkundet
große Areale: oft mehrere Quadratkilometer an
einem Tag. Fundträchtige Stellen werden anschließend
von der größeren Gruppe (zehn bis zwölf)
intensiv abgesucht. Dazu stellen sich die Teilnehmer
in Abständen von zehn Metern auf und laufen Flächen
von etwa einem Hektar in parallelen Spuren ab. Sie vermessen
zudem die Fundstellen und die Surveyflächen mit
Hilfe moderner Satellitennavigation (GPS), um sie dann
in georeferenzierten Karten im Laptop eintragen zu können.
Interessantere Fundareale werden zusätzlich von
den Geodäten der FH Bochum unter Leitung von Prof.
Hanns-Severin Haase vermessen.
40 Kisten antike Keramik
Bis zu 40 große Kisten antiker Keramik sammeln
die Archäologen auf einem einzigen Hektar ein.
Bereits nach dem Waschen und Trocknen erlauben die Funde
in einer ersten Auswertung einen umfassenden Überblick,
wann der jeweilige Fundplatz frequentiert war. Mittels
Kartierung können die Bochumer Wissenschaftler
eine weitgehend lückenlose Siedlungsgeschichte
der ganzen Gegend zeichnen. Auch die Fundobjekte selbst
erzählen ihre Geschichte und lassen erste Rückschlüsse
über ihre Funktion zu. Dazu ein einfaches Beispiel:
Eine hohe Dichte von griechischen Dachziegeln deutet
darauf hin, dass an ihrem Fundplatz zu einer bestimmten
Zeit ein Gebäude gestanden hat.
Aufgrund der Zusammensetzung der Fundmaterialien an
der Oberfläche können die Archäologen
außerdem Rückschlüsse auf die Funktion
der neu entdeckten Siedlungsplätze ziehen. Wegen
des Vorhandenseins von Dachziegeln, Webgewichten, Fragmenten
von Getreidemühlen und viel Grobkeramik muss es
sich überwiegend um Gehöftstellen handeln.
Sie reichen, das zeigt eine erste Durchsicht der behandelten
Keramik, bis ins 7. Jahrhundert vor Christus zurück,
also bis zur Gründung der Stadt Gela.
Auch andere ökonomische Tätigkeiten konnten
festgestellt werden. So wurden umfangreiche Steinbrüche
entdeckt, die auch für die Großbauten der
Zentralsiedlung, Tempel und Stadtmauern etwa, ausgebeutet
wurden. Außerdem wurden Nekropolen (Totenstädte)
verschiedener Epochen entdeckt, vor allem bronzezeitliche
Kammergräber im Fels, mehrere bronzezeitliche Siedlungsplätze,
römerzeitliche Nekropolen aus in den Fels geschnittenen
Kistengräbern sowie drei größere römische
Siedlungskonzentrationen.
Zu den beeindruckendsten Funden zählt gewiss die
in der Nähe eines modernen Bauernhofs entdeckte
antike Säulentrommel, die einen hohen Anteil an
archaischer Keramik des 7. und 6. Jahrhunderts vor Christus
aufweist. Wegen eines dort offensichtlich vorhandenen
Sakralbaus könnte es sich um ein Grenzheiligtum
handeln, das in der Region zwischen dem Territorium
der griechischen Stadt Gela und den einheimischen Siedlungsgebieten
des Landesinneren lag.
An verschiedenen Stellen entdeckten die Archäologen
zudem Spuren vormoderner und antiker Straßen.
Indizien dafür sind mit schwarzen Figuren bemalte
Fragmente, die neben einem offenbar historischen Weg
nordwestlich von Gela gefunden wurden. Später wurde
klar, dass viele antike Gehöfte sich wie Perlenketten
an historischen Wegen aufreihten. Derartige Beobachtungen
führen nun zu einem komplexen Bild der historischen
Topographie und der globalen Landnutzung in der Antike.
Zu Beginn der römischen Kaiserzeit gaben offenbar
viele der antiken Bauern ihre Höfe auf. An ihre
Stelle traten kleinere Siedlungen, bei denen es sich
um Dörfer oder auch größere Villae rusticae
gehandelt haben könnte. An drei verschiedenen Stellen
wurden Hinweise auf römische Siedlungen und Nekropolen
entdeckt.
Bequeme Kolonisten
Bereits jetzt lässt sich sagen, dass das Territorium
von Gela anders besiedelt war als das von Metapont,
der am besten bekannten griechischen Stadt auf dem süditalienischen
Festland. Während man dort in ebenem Gelände
das Land vermessen und regelmäßig aufteilen
konnte, blieb in Gela offenbar die Küstenebene
unbesiedelt. Dagegen gründete man zahlreiche Gehöfte
auf den Höhen des hügeligen und zugleich wasserreichen
Hinterlandes, wobei man offensichtlich die Geländeformation
berücksichtigte und zu einer weit weniger regelmäßigen
Anlage der Gehöfte kam. Klar ist überdies,
dass den Siedlern sehr viel Land zur Verfügung
stand, denn man nutzte nur die besten und angenehmsten
Stellen, während etwa steilere Hänge nicht
genutzt wurden.
Die sizilianischen Griechen lebten offenbar viel bequemer
als die mutterländischen, denn z.B. in Attika wurde
jeder Hang terrassiert, um ihn nutzbar zu machen. Mit
ihrer großflächigen Siedlungsweise berührten
die auf Sizilien lebenden Griechen freilich schnell
das Gebiet der einheimischen, vorgriechischen Bevölkerung.
Es ist sehr überraschend, dass es hier offensichtlich
nicht zur Konfrontation, sondern zur Koexistenz gekommen
ist.
Die weiteren Arbeiten in Sizilien gehen u.a. der Frage
nach, wie das möglich war. Sie werden bis 2006
mit der soeben verlängerten Förderung durch
die Fritz-Thyssen-Stiftung fortgesetzt. Im August 2004
werden knapp 20 Studierende und Dozenten der Ruhr-Universität
sowie der FH Bochum erneut nach Sizilien aufbrechen.
Oberflächen-Survey
Die Methode des Oberflächen-Survey hat sich bereits
mit großem Erfolg in Griechenland und anderen
Gebieten des Mittelmeerraums bewährt. Die Bochumer
Archäologen wenden sie erstmals auch auf Sizilien
an und untersuchen damit das knapp 200 Quadratkilometer
große Gebiet rund um Gela. Ziel der Methode ist,
Siedlungsstrukturen und -funktionen anhand von Funden
an der Oberfläche zu rekonstruieren. Die Methode
verzichtet auf die Technik der Ausgrabung. Mit dem Survey
sind Archäologen in der Lage, eine große
Fläche auf historische Siedlungsspuren zu untersuchen.
Damit können sie sich ein umfassendes Bild von
der Siedlungsgeschichte einer ganzen Landschaft machen.
Prof.
Dr. Johannes Bergemann, Institut für Archäologie
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