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RUBENS 90 1. Juli 2004


Mosaiksteine der kolonialen Bewegungen

Bochumer Archäologen entdecken griechisches Heiligtum auf Sizilien



Als kolonisierende Griechen vor knapp 2.700 Jahren auf Sizilien eine Stadt gründeten, machten sie darüber keine der Nachwelt überlieferten Aufzeichnungen. Da man heutzutage dennoch etwas über die damaligen Begleitumstände erfahren möchte, schickt man – im wahrsten Wortsinne – die Archäologen ins Feld. Bei der derzeitigen Rekonstruktion antiker Ereignisse in Süditalien geht es ihnen um einen weiteren Mosaikstein zur griechischen Kolonisation und zur globalen Geschichte der kolonialen Bewegungen.
Seit 2002 arbeiten Archäologen der Ruhr-Universität im antiken Territorium der griechischen Koloniestadt Gela auf Sizilien. Dort wird mittels Oberflächen-Survey (s. u.) ein knapp 200 Quadratkilometer großes Gebiet systematisch nach antiken Spuren abgesucht. Die Bochumer Archäologen möchten so die Siedlungsstrukturen zwischen der späten Bronzezeit (2. Hälfte des 2. Jahrtausends vor Christus) und der Ankunft der Araber auf Sizilien im 9. Jahrhundert nach Christus rekonstruieren. Die vielleicht stärkste historische Zäsur in diesem langen Zeitraum stellt die Gründung der Stadt Gela durch kolonisierende Griechen dar (688 v. Chr.). Aber wie sah es zu diesem Zeitpunkt überhaupt in der Gegend aus? Konnten die Griechen ohne Probleme eine Stadt gründen? Immerhin existierten im Binnenland zahlreiche vorgriechische Siedlungen.

100 neue Fundplätze

Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen sind die Archäologen der RUB bereits viermal auf Sizilien gewesen. In zwei Feldkampagnen (September/Oktober 2002 und September/Oktober 2003) sowie bei zwei Auswertungskampagnen (März 2003 und März 2004) ist es ihnen gelungen, etwa 100 bisher unbekannte Fundplätze nachzuweisen. Diese werden in erster Linie anhand von Scherbenkonzentrationen an der Oberfläche festgestellt. Ähnlich wie in der konventionellen archäologischen Beobachtung der historischen Schichten (Stratigraphie) bildet sich auch an der Oberfläche eine repräsentative Auswahl von Artefakten der darunter liegenden historischen Epochen ab. Dieses Phänomen macht sich die Survey-Technik zunutze. Dabei arbeiten auf Sizilien mehrere Dozenten und etwa 15 Studierende der Ruhr-Uni in zwei Gruppen. Die kleinere Gruppe von drei bis vier Personen erkundet große Areale: oft mehrere Quadratkilometer an einem Tag. Fundträchtige Stellen werden anschließend von der größeren Gruppe (zehn bis zwölf) intensiv abgesucht. Dazu stellen sich die Teilnehmer in Abständen von zehn Metern auf und laufen Flächen von etwa einem Hektar in parallelen Spuren ab. Sie vermessen zudem die Fundstellen und die Surveyflächen mit Hilfe moderner Satellitennavigation (GPS), um sie dann in georeferenzierten Karten im Laptop eintragen zu können. Interessantere Fundareale werden zusätzlich von den Geodäten der FH Bochum unter Leitung von Prof. Hanns-Severin Haase vermessen.

40 Kisten antike Keramik

Bis zu 40 große Kisten antiker Keramik sammeln die Archäologen auf einem einzigen Hektar ein. Bereits nach dem Waschen und Trocknen erlauben die Funde in einer ersten Auswertung einen umfassenden Überblick, wann der jeweilige Fundplatz frequentiert war. Mittels Kartierung können die Bochumer Wissenschaftler eine weitgehend lückenlose Siedlungsgeschichte der ganzen Gegend zeichnen. Auch die Fundobjekte selbst erzählen ihre Geschichte und lassen erste Rückschlüsse über ihre Funktion zu. Dazu ein einfaches Beispiel: Eine hohe Dichte von griechischen Dachziegeln deutet darauf hin, dass an ihrem Fundplatz zu einer bestimmten Zeit ein Gebäude gestanden hat.
Aufgrund der Zusammensetzung der Fundmaterialien an der Oberfläche können die Archäologen außerdem Rückschlüsse auf die Funktion der neu entdeckten Siedlungsplätze ziehen. Wegen des Vorhandenseins von Dachziegeln, Webgewichten, Fragmenten von Getreidemühlen und viel Grobkeramik muss es sich überwiegend um Gehöftstellen handeln. Sie reichen, das zeigt eine erste Durchsicht der behandelten Keramik, bis ins 7. Jahrhundert vor Christus zurück, also bis zur Gründung der Stadt Gela.
Auch andere ökonomische Tätigkeiten konnten festgestellt werden. So wurden umfangreiche Steinbrüche entdeckt, die auch für die Großbauten der Zentralsiedlung, Tempel und Stadtmauern etwa, ausgebeutet wurden. Außerdem wurden Nekropolen (Totenstädte) verschiedener Epochen entdeckt, vor allem bronzezeitliche Kammergräber im Fels, mehrere bronzezeitliche Siedlungsplätze, römerzeitliche Nekropolen aus in den Fels geschnittenen Kistengräbern sowie drei größere römische Siedlungskonzentrationen.
Zu den beeindruckendsten Funden zählt gewiss die in der Nähe eines modernen Bauernhofs entdeckte antike Säulentrommel, die einen hohen Anteil an archaischer Keramik des 7. und 6. Jahrhunderts vor Christus aufweist. Wegen eines dort offensichtlich vorhandenen Sakralbaus könnte es sich um ein Grenzheiligtum handeln, das in der Region zwischen dem Territorium der griechischen Stadt Gela und den einheimischen Siedlungsgebieten des Landesinneren lag.
An verschiedenen Stellen entdeckten die Archäologen zudem Spuren vormoderner und antiker Straßen. Indizien dafür sind mit schwarzen Figuren bemalte Fragmente, die neben einem offenbar historischen Weg nordwestlich von Gela gefunden wurden. Später wurde klar, dass viele antike Gehöfte sich wie Perlenketten an historischen Wegen aufreihten. Derartige Beobachtungen führen nun zu einem komplexen Bild der historischen Topographie und der globalen Landnutzung in der Antike.
Zu Beginn der römischen Kaiserzeit gaben offenbar viele der antiken Bauern ihre Höfe auf. An ihre Stelle traten kleinere Siedlungen, bei denen es sich um Dörfer oder auch größere Villae rusticae gehandelt haben könnte. An drei verschiedenen Stellen wurden Hinweise auf römische Siedlungen und Nekropolen entdeckt.

Bequeme Kolonisten

Bereits jetzt lässt sich sagen, dass das Territorium von Gela anders besiedelt war als das von Metapont, der am besten bekannten griechischen Stadt auf dem süditalienischen Festland. Während man dort in ebenem Gelände das Land vermessen und regelmäßig aufteilen konnte, blieb in Gela offenbar die Küstenebene unbesiedelt. Dagegen gründete man zahlreiche Gehöfte auf den Höhen des hügeligen und zugleich wasserreichen Hinterlandes, wobei man offensichtlich die Geländeformation berücksichtigte und zu einer weit weniger regelmäßigen Anlage der Gehöfte kam. Klar ist überdies, dass den Siedlern sehr viel Land zur Verfügung stand, denn man nutzte nur die besten und angenehmsten Stellen, während etwa steilere Hänge nicht genutzt wurden.
Die sizilianischen Griechen lebten offenbar viel bequemer als die mutterländischen, denn z.B. in Attika wurde jeder Hang terrassiert, um ihn nutzbar zu machen. Mit ihrer großflächigen Siedlungsweise berührten die auf Sizilien lebenden Griechen freilich schnell das Gebiet der einheimischen, vorgriechischen Bevölkerung. Es ist sehr überraschend, dass es hier offensichtlich nicht zur Konfrontation, sondern zur Koexistenz gekommen ist.
Die weiteren Arbeiten in Sizilien gehen u.a. der Frage nach, wie das möglich war. Sie werden bis 2006 mit der soeben verlängerten Förderung durch die Fritz-Thyssen-Stiftung fortgesetzt. Im August 2004 werden knapp 20 Studierende und Dozenten der Ruhr-Universität sowie der FH Bochum erneut nach Sizilien aufbrechen.

Oberflächen-Survey

Die Methode des Oberflächen-Survey hat sich bereits mit großem Erfolg in Griechenland und anderen Gebieten des Mittelmeerraums bewährt. Die Bochumer Archäologen wenden sie erstmals auch auf Sizilien an und untersuchen damit das knapp 200 Quadratkilometer große Gebiet rund um Gela. Ziel der Methode ist, Siedlungsstrukturen und -funktionen anhand von Funden an der Oberfläche zu rekonstruieren. Die Methode verzichtet auf die Technik der Ausgrabung. Mit dem Survey sind Archäologen in der Lage, eine große Fläche auf historische Siedlungsspuren zu untersuchen. Damit können sie sich ein umfassendes Bild von der Siedlungsgeschichte einer ganzen Landschaft machen.

 

Prof. Dr. Johannes Bergemann, Institut für Archäologie
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Letzte Änderung: 01.07.2004| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik