Weniger geht nicht
Skandinavistik an der RUB: Über die Abwicklung
eines Studiengangs
Zwei Räume, eine Professorin, eine halbe Schwedisch-Lektorin,
eine Hilfskraft. Daraus besteht der Skandinavistik-Studiengang
an der RUB mittlerweile noch. Die Skandinavistik wird
abgewickelt, wie es so unschön im Amtsdeutsch
heißt. Seit dem Wintersemester 01/02 herrscht
Einschreibestopp. Die übriggebliebenen Studierenden
sollen unter vernünftigen Bedingungen
zu Ende studieren können, versprach seinerzeit
das Rektorat. Doch wie sieht so etwas aus? Worauf haben
die Studierenden Anspruch? Natürlich darauf, dass
sie ihre letzten Scheine machen, Sprachkurse besuchen
und für Magisterarbeiten recherchieren können.
Doch den Status Quo zu halten, ist nicht einfach.
In den 70er-Jahren erhielt Prof. Dr. Fritz Paul (heute
Göttingen) den einzigen Bochumer Skandinavistik-Lehrstuhl.
Ihm folgte Prof. Dr. Walter Baumgartner, der 1994 nach
Greifswald wechselte. Ein wichtiger Grund für den
Weggang beider Wissenschaftler war die geringe Ausstattung
der Bochumer C3-Professur, deren Aufstockung das Wissenschaftsministerium
NRW wiederholt ablehnte. Der erste Versuch, die Stelle
Mitte der 90er-Jahre nach einjähriger Besetzungssperre
und unregelmäßigen Vertretungen durch Professoren
der übrigen Skandinavistik-Standorte in NRW (Münster,
Köln und Bonn) wiederzubesetzen, scheiterte im ersten
Anlauf. Nach einer zweiten Ausschreibung wurde Dr. Susanne
Kramarz-Bein damals noch unhabilitiert zum
WS 96/97 berufen. Doch schon 1998 wechselte sie nach inzwischen
vollendeter Habilitation nach Münster auf eine C4-Stelle.
Ihr folgte nach einer hausinternen Umbesetzung
Prof. Dr. Else Ebel, die seitdem die Sektion leitet
und in Spitzenzeiten zwischen 100 und 150 Studierende
betreute.
Nach Münster geschickt
1999 starteten die Verhandlungen der NRW-Hochschulen
mit der Landesregierung im Rahmen des Qualitätspakts
und des Expertenrats (u. a. RUBENS 42, 43, 50). Der
Expertenrat hatte die RUB im Januar 2000 besucht und
knapp ein Jahr später u.a. empfohlen, die Lehrerausbildung
aufzugeben sowie die theologischen Fakultäten und
verschiedene kleinere Fächer zu schließen
darunter neben Indologie, Neugriechischer und
Byzantinischer Philologie auch die Skandinavistik. Das
Argument lautete: Ein-Professoren-Fächer seien
nicht zukunftsfähig. In den folgenden Gesprächen
zwischen der RUB-Leitung, der Landesregierung und anderen
Unis wurde zwar der Erhalt der Lehrerausbildung an der
RUB gesichert (die Theologien durften ohnehin nicht
geschlossen werden), die o.g. Ein-Professoren-Fächer
mussten jedoch abgewickelt werden. Eine entsprechende
Rechtsverordnung des NRW-Wissenschaftsministeriums erfolgte
im Februar 2001.
Die Fachschaft Skandinavistik versuchte jedoch weiterhin,
das Fach in Bochum zu erhalten. Als Argumente nannte
sie u.a. die Rolle vieler Studierender nordischer Sprachen
als Wissensmultiplikatoren in der Erwachsenenbildung
sowie als Mitarbeitende skandinavischer Firmen im Ruhrgebiet.
Auch die Medien berichteten (WAZ vom 26.4.01: Ministerium
amputiert ein gesundes Glied), selbst Solidaritätsschreiben
von skandinavischen Kulturinstitutionen und Botschaften
trafen ein ohne Erfolg: Es blieb beim Abwicklungsbescheid;
am 13.12.01 beschloss der Senat der RUB auf Antrag
der Fakultät für Philologie die Umwidmung
der Skandinavistik-Professur in eine Komparatistik-Stelle,
um hierdurch zumindest ein anderes kleines Fach zu stärken.
Allerdings wurde dem Fach eine Restlaufzeit bis zum
WS 07/08 zugestanden. Trotzdem bekamen alle Skandinavistik-Studierenden
am 24. 2.03 einen Brief vom Dekanat der Philologie.
Es empfahl, nach Münster oder eine andere Uni zu
wechseln, da der kontinuierliche Lehrbetrieb in Bochum
nicht mehr gewährleistet sei: Ein günstiger
Moment für einen Hochschulwechsel ist nach [...]
der Zwischenprüfung, aber auch zu einem anderen
Zeitpunkt lässt sich ein Wechsel leicht durchführen.
Eine Studentin fragte daraufhin bei der Studienberatung
der Uni Münster nach: Natürlich, hieß
es, müssten die Bochumer nach Münsteraner
Studienordnung studieren was bei einigen Betroffenen
bedeutet hätte, zwei bis drei Leistungsscheine
nachzumachen und das Latinum nachzuholen. Außerdem
bietet die Uni Münster nicht alle Bochumer Nebenfächer
an, was den Wechsel zum Teil unmöglich macht.
Deshalb gab es nach einigen Gesprächen der Fachschaft
Skandinavistik beim Ministerium und im RUB-Rektorat
eine neue Vereinbarung. Prof. Ebel sollte ihre eigene,
bereits umgewidmete C3-Professur vertreten. Diese
Vertretung läuft bis Juli 2005 weiter, zumindest
bis dahin ist der Lehrbetrieb sichergestellt, allerdings
werden nicht alle der aktuell etwa 50 Studierenden (Haupt-
und Nebenfach) ihr Studium beendet haben.
Beliebte Sprachkurse
Parallel dazu wird der Studiengang Skandinavistik abgewickelt.
Ende März 2004 lief die befristete Stelle der Dänisch-Lektorin
aus; ihre Nachfolgerin erhielt lediglich einen Lehrauftrag
die Stelle ist weg und mit ihr der Büroraum.
Die Studierenden fragen sich nun, was passieren wird,
wenn 2005 die Sondervereinbarung mit Prof. Ebel endet?
Finden die Beratungsgespräche dann im Wohnzimmer
statt oder per Telefon?
Neben den 50 Skandinavistik-Studierenden nutzen auch
andere Studierende der RUB die Angebote des auslaufenden
Studienganges, speziell deren Sprachkurse: Im Sommer
2004 tummeln sich im Schwedisch-Anfängerkurs rund
250 Leute, darunter viele aus dem Optionalbereich. Diesen
Ansturm muss die Schwedisch-Lektorin Nicola Jordan mit
einer halben Stelle bewältigen; hinzu kommt das
jährliche Austauschprogramm Sprachlernen
im Tandem mit der Uni Göteborg, das sich
großer Beliebtheit erfreut. Ebenfalls stark nachgefragt
sind die nur noch per Lehrauftrag abgedeckten Kurse
in Dänisch und Norwegisch.
Ob bzw. wie es mit der Sprachausbildung weitergehen
wird, ist jedoch völlig unklar. Weniger geht
nicht, heißt es unter den Studierenden.
Und zumindest den Kampf um den Erhalt des Schwedisch-Lektorats
hat die Fachschaft nicht aufgegeben: Sie hat eine
Briefaktion an Rektor und Dekan gestartet weit
über 100 Studierende appellieren an beide, das
Lektorat zu erhalten.
Im Zuge des europäischen Zusammenwachsens dürften
die heute nach wie vor noch als exotische
Orchideen belächelten skandinavischen
Sprachen kontinuierlich nachgefragt werden. Die Berufschancen
der Skandinavisten stehen gewiss nicht schlechter als
die der anderen Geisteswissenschaftler zumal
es viele Studierende gibt, die sich ehrenamtlich engagieren.
Nicht nur im Einsatz für die Aufrechterhaltung
akzeptabler Studienbedingungen, sondern auch bei der
Organisation kultureller Veranstaltungen mit Skandinavien-Bezug.
Derzeit ist die Wahrung des Bestehenden primäres
Ziel des Fachschaftsrates und der Studierenden. Sie
hoffen, dass sie von den zuständigen Stellen wie
Dekanat und Rektorat die notwendige Unterstützung
erhalten, um den Status Quo zu halten und tatsächlich
vernünftig zu Ende studieren zu können.
Sabine
Ries & Ulrich Schröder
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