Globale Herausforderung
Fragen
zum neuen Haushaltssystem an Kanzler Gerhard Möller
und Prorektor Elmar Weiler
Stellenkürzungen durch Qualitätspakt und Globalhaushalt,
fehlende leistungsbezogene Mittel die RUB stellt
sich auf ungemütliche Zeiten ein. Dabei möchte
sie weitgehend selbst handeln und bestimmen können
sowie in jeder Hinsicht flexibel bleiben. Dr. Josef
König und Arne Dessaul sprachen darüber mit
zwei Mitgliedern des Rektorats. Gerhard Möller
(Kanzler) und Prof. Elmar Weiler (Prorektor für
Planung, Struktur und Finanzen) äußern sich
auch zu den Gefahren betriebsbedingter Kündigungen
und zu den Konzepten der Landespolitik.
RUBENS: 2006 führt das Land Globalhaushalte
an allen NRW-Hochschulen ein. Noch gibt es keine offiziellen
Daten dazu. Man befürchtet jedoch, dass der RUB
8 Mio. Euro bzw. 200 Stellen fehlen werden. Außerdem
ergreift die RUB bereits jetzt Maßnahmen. Warum
und welche Maßnahmen sind das?
WEILER: Ganz grundsätzlich: Der Globalhaushalt
bedingt eine ganz andere Art der Haushaltsführung.
Bisher haben wir mit der Input-gesteuerten Kameralistik
gearbeitet. Nun geht es hauptsächlich nach Output,
also nach den konkret erbrachten Leistungen. Wenn wir
das alte System der Kameralistik eins zu eins aufs Jahr
2006 übertragen, werden wir Probleme haben, einen
ausgeglichenen Haushalt zu bekommen. Die Ruhr-Uni muss
sich folglich neu positionieren. Vorab muss sie Freiräume
schaffen, um handlungsfähig und flexibel zu sein.
Da die Umstellung erfahrungsgemäß kompliziert
ist, hat sich das Rektorat entschlossen, schon jetzt
vorbereitende Maßnahmen zu treffen, die eine Flexibilität
in der Haushaltsführung ab 2006 gewährleisten.
Optimieren statt Streichen
RUBENS: Können Sie diese Maßnahmen
konkretisieren?
MÖLLER: Sie betreffen in erster Linie die Stellenbewirtschaftung.
Es kommt darauf an, den Personalhaushalt gezielt zu
steuern. Vor allem die Wiederbesetzungen von Dauerstellen
werden derzeit sehr kritisch überprüft. Neue
Verträge mit wissenschaftlichen Mitarbeitern werden
in der Regel zunächst bis zum 31.12.05 befristet.
Für nichtwissenschaftliches Personal gibt es nur
in absoluten Ausnahmefällen neue Dauerstellen;
stattdessen operieren wir auch hier mit Befristungen
und internen Umbesetzungen. Außerdem werden Wiederbesetzungen
von Lehrstühlen in fast allen Fakultäten überprüft.
Es handelt sich allerdings ausschließlich um Lehrstühle,
die erst noch frei werden, wo es zum Teil noch gar keine
Berufungslisten gibt. Zusammen mit den Fakultäten
fragen wir uns: Muss der Lehrstuhl schnell wiederbesetzt
werden, oder kann die Wiederbesetzung verschoben werden,
oder muss er gar nicht wiederbesetzt werden?
WEILER: Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die
Stelle wegfällt. Möglicherweise kann sie in
einem anderen Fach angesiedelt werden. Das gilt im Übrigen
für alle Stellen, die wir hinterfragen: Es geht
uns nicht ums Streichen, sondern ums Optimieren. Wo
macht die Stelle am meisten Sinn, im Hinblick auf Profilschärfung
oder Studienbedingungen.
RUBENS: Wo könnten kurzfristig Stellen eingespart
werden, ohne den Lehrbetrieb zu gefährden?
MÖLLER: Gerade weil es kurzfristig sehr schwierig
ist, machen wir uns schon jetzt Gedanken über unseren
Personalhaushalt. Zum einen wollen wir seine Unterdeckung
vermeiden. Zum anderen möchten wir Handlungsspielräume
erhalten und dazu gewinnen.
WEILER: Man darf auch nicht vergessen, dass ein Globalhaushalt
viele Chancen bietet. Wenn man ihn richtig nutzt, gewinnt
man Flexibilität und finanzielle Spielräume
in den Fakultäten. Bisher ist ja so, dass eine
freigehaltene Stelle vor allem dem Finanzminister dient.
In Zeiten des Globalhaushalts wird man bewerten müssen,
wie viele Stellen welcher Kategorie für welche
Leistungen in den Fakultäten vorrätig gehalten
werden müssen. Und wenn man dort ökonomisch
und vorausschauend vorgeht, kann man erreichen, dass
der größte Teil der Finanzmittel in den Fakultäten
bleibt, um gestalterische Maßnahmen vorzunehmen,
vielleicht bei Tutoren- oder Mentorenprogrammen.
Auf einzelne Aktivitäten verzichten
RUBENS: Dennoch: Besteht nicht die Gefahr, dass
die RUB Fächer aufgeben muss angesichts
200 möglicherweise fehlender Stellen durch den
Globalhaushalt?
WEILER: Grundsätzlich möchten wir unsere Fächervielfalt
erhalten und für alle Fächer eine sehr gute
Qualität gewährleisten. Das ist schließlich
eines der Leistungsmerkmale unserer Universität.
Erst wenn die langfristige Finanzierbarkeit aller unserer
Aktivitäten massiv in Frage steht, müssen
wir darüber nachdenken, auf einzelne Aktivitäten
zu verzichten. Das hängt aber auch davon ab, wie
viel Luft im Universitätshaushalt durch planerische,
vorausschauende Maßnahmen in den Fächern
selbst erzeugt wird. Man kann sich das in zwei Grenzfällen
vorstellen: Gehen wir mal davon aus, jedes Fach würde
auf dem derzeitigen Personalbestand beharren wollen,
der Haushalt würde aber eine vollständige
Deckung nicht ermöglichen. Dann bleibt eigentlich
nur das Instrument der zentralen Bewirtschaftung, anders
kann man das nicht mehr steuern. Die andere Situation,
die eintreten könnte, wäre aber die, dass
sich die Fakultäten durch interne Strukturmaßnahmen
und Planungen ein sehr genaues Bild darüber verschaffen,
welche Stellen sie für welche Leistungen in Zukunft
erhalten wollen, dass sie ihr Lehr- und Forschungsgeschäft
optimal strukturieren, um dadurch Flexibilität
im Haushalt zu bekommen. Es ist durchaus denkbar, dass
man die Fächervielfalt auf dieser Basis erhalten
kann in einem ausfinanzierten Haushalt. Wenn
uns das nicht gelingt, müssen wir langfristig über
einzelne Einrichtungen der Ruhr-Uni nachdenken. Aber
zunächst müssen wir abwarten, wie uns der
Einstieg in den Globalhaushalt insgesamt gelingt.
MÖLLER: Es gibt allerdings auch Alternativen zur
Aufgabe von Fächern. Wir können zuvor noch
die Wirtschaftlichkeit unserer Strukturen überprüfen.
Beispielsweise besitzt die RUB sehr viele dezentrale,
zum Teil kleine Bibliotheken mit eigenem Personal. Durch
Zusammenlegungen könnte man Kosten sparen, ohne
dabei das Serviceangebot für die Studierenden zu
reduzieren.
RUBENS: Könnte es schlimmstenfalls zu betriebsbedingten
Kündigungen kommen?
MÖLLER: Das ist aus heutiger Sicht auszuschließen.
RUBENS: Und in Zukunft?
MÖLLER: Da müsste sich erheblich etwas an
den Rahmenbedingungen verändern, das heute nicht
abzusehen ist, wovon wir überhaupt keine Vorstellung
haben.
RUBENS: Wir reden immer vom Sparen. Gibt es auch
Chancen, unsere Einnahmen zu erhöhen?
WEILER: Die gibt es. Wir können zum Beispiel unseren
Drittmittel-Sektor verbessern. Wir haben zwar einige
starke Bereiche, aber auch einige schwache. Das Rektorat
bemüht sich seit längerem, das Drittmittel-Aufkommen
zu verbessern, in allen Bereichen. Das wird mittel-
bis langfristig auch erfolgreich sein und dabei helfen,
einen qualitativ hohes Angebot in Lehre und Forschung
anzubieten und Mindereinnahmen von Bund und Land zu
kompensieren. Langfristig schlummert außerdem
noch Potenzial in der Einwerbung von Stiftungs- und
Stipendienmitteln.
Verluste sind bald kompensiert
RUBENS: Gerade ist der wissenschaftspolitische
Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Dietrich Kessel zurückgetreten,
u.a. weil er in der Landesregierung bildungs- und wissenschaftspolitische
Konzepte für die Zukunft der NRW-Hochschulen vermisst.
Vermissen Sie diese Konzepte auch?
WEILER: Die Landesregierung möchte ja die Hochschulen
zu leistungsgerechtem Arbeiten bewegen und bemisst dabei
einen steigenden Anteil der gesamten Universitätshaushalte
nach Leistungskriterien. Das unterstützen wir selbstverständlich.
Es ist allerdings so, dass eine rein quantitative Betrachtung
von Leistung Auslastung, kurze Studienzeiten
und ähnliches ein bisschen den qualitativen
Aspekt vernachlässigt. Überhaupt stellen wir
eine weiter zunehmende Ökonomisierung der Hochschulen
fest, die sicherlich langfristig einen Gutteil der Universitätskultur
beschädigen könnte. Für uns bedeutet
das, Augenmaß zu bewahren. Wir müssen zwar
sparen, aber so ausgewogen, dass wir nicht in einigen
Fächern den laufenden Betrieb gefährden.
MÖLLER: Gerade in den Geisteswissenschaften haben
wir ja Probleme mit den Absolventenzahlen. Das wirkt
sich spürbar bei der Mittelverteilung aus, schon
in diesem Jahr, wo uns dadurch rund 2 Mio. Euro fehlen.
Auch um diese Situation zu verbessern, haben wir in
den Geisteswissenschaften die gestuften Studiengänge
eingeführt. Die Maßnahmen des Landes bei
der Mittelvergabe treffen uns mitten in der Umstellung,
wo die Ziele logischerweise noch nicht erreicht sind.
Andererseits belastet uns der Umstellungsaufwand erheblich.
Das ist unsere Kritik an der Landesregierung gewesen,
und nicht die leistungsbezogene Mittelvergabe als solche.
WEILER: Wir sind auch der Meinung, dass wir die Verluste
aus diesem Jahr bald mehr als kompensieren können,
weil unsere Reformbemühungen greifen werden.
MÖLLER: Was uns darüber hinaus seitens der
Landesregierung helfen würde, sind Eckpunkte einer
Landesplanung. Es wäre für die Hochschulen
hilfreich, wenn sie wüssten, ob das Land davon
ausgeht, dass nicht nur jeder Standort, sondern möglicherweise
auch nahezu jedes Fach an jedem Standort erhalten bleiben
soll. Die Hochschulen können diese Frage nicht
aus sich heraus beantworten.
WEILER: Die Einführung des Globalhaushaltes fällt
ja auch zusammen mit der neuen W-Besoldung für
Hochschullehrer, die leistungsbezogene Zulagen vorsieht.
Außerdem liegt der Referentenentwurf für
ein neues Landes-Hochschulgesetz vor, das es dem Rektor
ermöglicht, anstelle des Landes Hochschullehrer
zu berufen. Dadurch erhält die Uni erheblich mehr
Gestaltungsspielraum, aber auch mehr Verantwortung.
Vor allem aber kommt so auf die Ruhr-Uni ein ganzes
Paket von Neuerungen zu. Das ist schwer zu überblicken.
Nicht nur die Hochschulleitung, noch viel mehr die Fakultäten
und Fächer müssen in diese gänzlich andere
Art der Betrachtung, wie Hochschule finanziert wird,
hineinwachsen. Das ist der wesentliche Aspekt dieser
vorhin angesprochenen Vorsorgemaßnahmen. Sie sollen
uns ermöglichen, in sehr intensivem Gespräch
mit allen Einrichtungen zu überlegen, wie wir jedes
Fach so aufstellen können, dass es 2006 handlungsfähig
ist. Aber nicht nur auf geringem Niveau handlungsfähig.
Stattdessen würden wir gerne in Gesprächen
mit den Fakultäten und Einrichtungen unsere Handlungsspielräume
noch erweitern. Das kann man durchaus unter dem Aspekt
sehen: Vielleicht etwas weniger, aber das, was man tut,
dafür um so besser.
RUBENS: Eine letzte Frage: Sie werden beide in etwa
zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Welche Ruhr-Universität
möchten Sie Ihren Nachfolgern hinterlassen?
WEILER: Sie soll ein Ort sein, an dem man gerne studiert,
gerne forscht und gerne arbeitet.
MÖLLER: Sie soll eine der besten Universitäten
in Deutschland sein.
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