Zwei überflüssige Veranstaltungen
Archivsplitter:
Standortentscheidung anno 1961
Schönes Ausflugswetter hatten die gut 30 Abgeordneten
des Landtages und Vertreter von Ministerien nicht, als
sie sich am 24. Januar 1961 nach Dortmund und Bochum aufmachten,
um die von diesen Städten angebotenen Grundstücke
für die aufzubauende Technische Universität
zu begutachten. Die Reise war aber auch recht kurzfristig
angesetzt, nachdem sich die Landesregierung entschlossen
hatte, nun doch das Parlament an ihrer eigentlich feststehenden
Entscheidung für Bochum zumindest formal zu beteiligen.
Anders als der Gutachter Dr. Linde, Stuttgart, sahen weder
die Öffentlichkeit noch die Parlamentarier bemerkenswerte
Unterschiede hinsichtlich der Güte der Gelände,
die sich, wie die FAZ titelte, wie ein Ei dem anderem
ähnlich waren.
Die Stadt Bochum hatte sich für den Besuch mächtig
ins Zeug gelegt. Oberbürgermeister Heinemann und
Oberstadtdirektor Petschelt empfingen die Busse der Delegation
bereits an der Stadtgrenze; mit Polizeieskorte ging es
in den Stadtteil Querenburg, genauer: auf den Hof Hautkapp,
den die Stadt gut ein Jahr zuvor angekauft hatte. Hier
hatte man ein aufblasbares, beheiztes Glanzstoff-Nylon-Zelt
sowie eine acht Meter hohe Aussichtsplattform errichten
lassen. Der Weg vom Bus hierher war in dem schneebedeckten
Gelände durch Holzbohlen geebnet, für den Fall,
dass sich einige der Gäste weiter vorwagen wollten,
waren Gummiüberschuhe bereitgestellt. Im Zelt informierte
Petschelt die Gäste über die Verkehrsanbindung,
über Versorgung und Entwässerung sowie über
Bergschäden, die aufgrund diverser Stellungnahmen
u. a. der Bergbaubehörde aber weitgehend ausgeschlossen
werden könnten (eine haltlose Annahme, wie sich später
herausstellen sollte).
Auffallend zugeknöpfte Parlamentarier
Die hofierten Parlamentarier zeigten sich, so die Presse
unisono, sowohl in Dortmund als auch in Bochum, auffallend
zugeknöpft und vermieden jegliche Stellungnahme.
Inzwischen war die Frage des Standortes der neuen Universität
nämlich Opfer parteipolitischen Taktierens geworden.
Jahrelang hatte bis dahin Dortmund als der prädestinierte
und unbestrittene Standort der neu zu gründenden
TH bzw. TU gegolten. Nachdem nun aber aufgrund
verdeckter Initiative Innenminister Dufhues
Bochum ins Spiel gebracht worden war, bot es sich für
die CDU-Regierung aus parteipolitischer Sicht geradezu
an, dem SPD-Begehren etwas entgegenzusetzen, das als
eigene Idee und eigenständiges Konzept dargestellt
werden konnte. Im Kabinett wurden Ministerpräsident
Meyers und Kultusminister Schütz rasch die vehementesten
Befürworter Bochums. Ein Umstand allerdings erschwerte
die Umsetzung des Plans: Die alleinige Kompetenz der
Regierung in dieser Frage war umstritten; hätte
sie diese an sich gezogen, hätte das Parlament
die Entscheidung kassieren können. Eine Abstimmung
im Landtag war unumgänglich.
Haupt- bzw. Kulturausschuss, an die die Beratung verwiesen
war, erachteten wenige Monate später eine erneute
Besichtigung der in Frage stehenden Gelände für
erforderlich. Bei herrlichstem Sonnenschein konnte die
Delegation nun am 28. Juni 1961 neben fünf
Pfund Gutachtermaterial die möglichen Standorte
nochmals in Augenschein nehmen. In Bochum hatte man
sich wieder etwas Besonderes einfallen lassen: Die Grenzen
des Querenburger Geländes waren mit Ballons markiert,
die man zu Ende der Veranstaltung auf ein Zeichen hin
effektvoll aufsteigen ließ.
Die Aussprache über die neuen Erkenntnisse hatte
sich aber, wie der Abgeordnete Holthoff (SPD) in der
Sitzung am 5. Juli bemerkte, erübrigt, da das Ergebnis
schon am Vortage in der Presse gestanden habe. In der
Tat hatte die CDU-Spitze in einem innerparteilichen
Kraftakt ihre schwachen Kandidaten in der
Fraktion, namentlich aus Dortmund und dem ostwestfälischen
Raum, auf Linie gebracht, diese Einmütigkeit
sogleich in die Öffentlichkeit getragen
und so eine Fraktionsdisziplin erzwungen, die die wahre
Stimmungslage verfälschte.
Jörg
Lorenz
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