Russisch für Astronauten
Landesspracheninstitut
NRW: Seit über 30 Jahren in Bochum
Wer Anglistik studiert, beherrscht normalerweise auch
die englische Sprache. Das lernt man in der Schule. Wer
hingegen Slawistik oder Sinologie studiert, besitzt diesen
sprachlichen Vorsprung meist nicht. Gleichwohl ist es
unerlässlich, Russisch oder Chinesisch zu sprechen,
wenn man diese Fächer studiert. Wie also erwirbt
man als Philologe die Sprachkompetenz? In Sprachkursen
an der Uni, mit einem Privatlehrer, im jeweiligen Land
oder am Landesspracheninstitut NRW (LSI).
Das aus vier Schulen (Arabicum, Russicum, Sinicum, Japonicum)
bestehende Institut sitzt in Bochum und ist historisch
eng mit der Ruhr-Uni verknüpft. Anfang der 1970er-Jahre,
als der Kalte Krieg zu Ende ging und erste zarte Bande
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion
gesponnen wurden, hatte der damalige NRW-Wissenschaftsminister
Johannes Rau die Idee, ein Institut zu gründen: Studierende
und andere Hochschulangehörige sollten dort die russische
Kultur und Sprache erlernen. Die Unis Köln
und Bonn hatten sich um das Institut gestritten,
erinnert sich LSI-Direktor Dr. Jochen Pleines. Sie
stritten so lange, bis die Ruhr-Universität den Zuschlag
bekam, fügt er schmunzelnd hinzu. 1973 wurde
das Russicum eröffnet. Das Gebäude an der Humboldtstraße
hatte zuvor Johannes Rau von der Evangelischen Kirche
erworben. Seinerzeit bot das Institut über das Moskauer
Puschkin Institut als Partnerin deutschen Wissenschaftlern
eine der raren Chancen, in die Sowjetunion zu kommen.
Allerdings wurde das Russicum nicht direkt der RUB zugeteilt,
sondern dem NRW-Wissenschaftsministerium. Gleichwohl besetzten
Bochumer Professoren stets wichtige Funktionen im Russicum.
Das galt lange Zeit auch fürs Sinicum (gegründet
1980), Japonicum (1981) und Arabicum (1985). Alle drei
Schulen wurden von Professoren der RUB jeweils im Wechsel
ein Jahr lang ehrenamtlich geleitet bis 1991 Dr.
Pleines hauptamtlicher Leiter des gesamten Landesspracheninstituts
wurde und jede der vier Schulen ebenfalls einen hauptamtlichen
Leiter bekam. Ihnen zur Seite stehen festangestellte Dozentinnen
und Dozenten die Hälfte von ihnen sind Muttersprachler,
die andere Hälfte besteht aus Deutschen, die einst
dieselben Probleme mit der Sprache hatten wie jetzt ihre
Schüler, die aus ganz Deutschland nach Bochum kommen.
Daneben gibt es Gastdozenten sowie bei hoher Teilnehmerzahl
Aushilfsdozenten.
Heute ist das LSI über ein beratendes Kuratorium
direkt mit der Ruhr-Uni verbunden. Dort sitzen neben Staatssekretär
Hartmut Krebs (NRW-Wissenschaftsministerium) und Bochums
Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber beispielsweise
Rektor Prof. Gerhard Wagner, Prof. Inge-Christine Schwerdtfeger
(Sprachlehrforschung der RUB) und Prof. Stefan Reichmuth
(Orientalistik).
Arabisch in sechs Schritten
Außer den Studierenden der Philologie besuchen
viele Studierende anderer Fächer die Kurse: Wirtschaftswissenschaftler,
Ingenieure, Mediziner oder Juristen, die zusätzliche
Qualifikationen erwerben möchten oder Sprachfähigkeiten
für Forschungsprojekte (inkl. Auslandsreisen) benötigen.
Ein Blick auf die lange Liste der Kunden des LSI verrät,
dass sich das Angebot keineswegs nur an Studierende
richtet: Das Auswärtige Amt taucht dort auf, die
Evangelische Kirche, die FAZ, aber auch Industrieunternehmen
wie Bosch oder Siemens. Besonders stolz ist Jochen Pleines
auf die Astronauten der ESA, die allesamt in Bochum
Russisch lernen: Für die müssen wir
spezielle Kurse anbieten, die lernen einfach zu schnell.
Aber nicht nur die Astronauten findet Pleines später
in den Medien wieder: Alle ARD-Korrespondenten,
die in China, Japan, Russland oder der arabischen Welt
arbeiten, waren vorher bei uns, berichtet er.
Wer am LSI z. B. Arabisch lernen möchte, tut dies
in mindestens sechs Schritten. Er startet mit einem
dreiwöchigen Grundkurs. Ihm folgen zwei Aufbaukurse,
einer davon speziell fürs Lesen, sowie zwei Oberkurse
(für Lesen und Kommunikation). Sonderkurse für
Fachwissenschaftler können theoretisch hinzukommen.
Krönung des Ganzen sind die Auslandskurse (4 Wochen)
für Fortgeschrittene. Sie werden in verschiedenen
Ländern der arabischen Welt veranstaltet und bieten
die Chance, in engem Bezug zum jeweiligen Land Hörverständnis
und Sprechfertigkeiten zu verbessern. Geleitet werden
sie von ehemaligen Gastdozenten des LSI. Ganz ähnlich
gestaltet sich das Programm am Russicum, am Sinicum
oder am Japonicum. Alle Schulen arbeiten eng mit Partnerinstituten
in ihren Zielländern zusammen, das Sinicum z. B.
mit der Tongji Uni in Shanghai, einer der Partneruniversitäten
der RUB: Dort werden die Gastdozenten rekrutiert, dort
finden auch die Auslandskurse statt.
Daneben kooperiert das LSI auch mit nationalen, nicht
immer wissenschaftlichen Einrichtungen. So auch beim
jüngsten Projekt, das zusammen mit der IHK Bochum
entstand: Interkulturelle Seminare (die auch losgelöst
vom Sprachunterricht belegt werden können) unter
Titeln wie Kann man Japan lernen? sollen
verhindern, im Ausland allzu oft ins Fettnäpfchen
zu treten. Welche Mittel und Wege benutzt z. B. der
Japaner, um Nein zu meinen. Schließlich
sagt er es aus reiner Höflichkeit nicht.
12 Stunden, mindestens
In keinem LSI-Kurs sitzen mehr als acht Schüler.
Gibt es mehr Bewerber, wird der Kurs geteilt. Das kommt
regelmäßig vor, immerhin wurden im Institut
allein im letzten Jahr exakt 1.422 Schüler unterrichtet,
die meisten in Russisch (492). Beinahe alle Teilnehmer
schlafen im LSI. Für Freizeit bleibt während
der intensiven Sprachkurse ohnehin kaum Zeit: Montags
bis freitags wird acht Stunden lang unterrichtet, hinzu
kommen verpflichtend vier Stunden Eigenarbeit. Am Abend
gibt es regelmäßige Veranstaltungen, ansonsten
arbeiten die Schüler in Gruppen weiter, auch die
Dozenten sind abends im Institut. Samstags wird das
halbe Pensum gefahren. Dieser hohe Einsatz wird schnell
belohnt: Nach nur drei Wochen können sich
unsere Schüler sprachlich sicher im fremden Land
bewegen, schwärmt Direktor Pleines. Das liegt
auch daran, dass die LSI-Dozenten die Lehrmaterialen
selbst konzipieren, sie sind deshalb auf die Teilnehmer
zugeschnitten.
Diese Qualität hat freilich ihren Preis: Pro Woche
Sprachunterricht entrichten die Teilnehmer bis zu 645
Euro, Kosten für Lehrmaterial, Unterkunft und Verpflegung
kommen hinzu. Allerdings zahlen Studierende erheblich
weniger als die Mitarbeiter der Unternehmen oder die
Astronauten für eine Woche Russisch beispielsweise
140 Euro.
Kontakt
LSI NRW, Postfach 10 15 65, D-44715 Bochum, E-Mail:
lsi@lsi-nrw.de,
Internet: www.lsi-nrw.de
Hausanschriften:
Stiepeler Straße 129, 44801 Bochum, Tel. 0234-43879300
(Japonicum und Sinicum)
Humboldtstraße 59-63, 44787 Bochum, Tel. 0234-68740
(Arabicum und Russicum)
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