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RUBENS 88 1. Mai 2004


Dicke Lippe

RUB-Forscher liefern neue Daten des Homunkulus


Wenn mich demnächst mal jemand einschüchtert, dann werde ich ihn mir nicht einfach in Unterwäsche vorstellen – ein alter Trick, um sich vor Augen zu führen, dass der andere auch bloß mit Wasser kocht – sondern ich mache es noch besser: Ich werde ihn mir als das kleine Männchen bzw. Weibchen denken, das in seinem Kopf eine dicke Lippe riskiert. Riesige Hände und Genitalien hat es, und kommt ansonsten eher mickrig daher. Wer will sich davor fürchten? Jeder Mensch trägt eine solche Karikatur in seinem Kopf mit sich herum. Und jetzt kann es auch jeder sehen, im Erlebnismuseum „Turm der Sinne“ in Nürnberg oder im Internet unter www.turmdersinne.de.
Das Männlein – bisher gibt es noch kein Weiblein – ist im Groben seit 1950 entlarvt. Damals reizte der kanadische Neurochirurg Wilder Penfield das Gehirn von Patienten direkt mit schwachen Strömen und stellte fest, dass diese Reize Empfindungen in bestimmten Gliedmaßen auslösen. Schnell merkte er, dass die Verteilung der Gehirnbereiche, die die Körperteile repräsentieren, nicht willkürlich sind, sondern wie eine Landkarte angeordnet. Besonders empfindsame Bereiche wie Lippen und Genitalien, Augen und Hände nehmen große Hirnbereiche ein, während weniger empfindsame wie Arme, Beine und Rücken weniger Kapazität beanspruchen. Seine Funde stellte Penfield dann erstmals als Figur dar – der erste sensorische Homunkulus (= kleiner Mann von lat. homo) war geboren.
Dank moderner bildgebender Verfahren ist es heute wesentlich einfacher, ganz genaue Daten der Körperlandkarte im Kopf zu gewinnen. Heute gehen die Forscher umgekehrt vor: Sie reizen nicht das Gehirn direkt, sondern die Körperteile, während sie die Gehirnaktivität beobachten. Dazu nutzen sie z.B. die funktionelle Kernspintomographie (oder funktionelle MagnetResonazTomografie, fMRT). Das Verfahren beruht darauf, dass in aktiven Gehirnbereichen mehr Energie verbraucht wird, weswegen mehr sauerstoffreiches Blut in die jeweilige Region fließt. Da sauerstoffreiches Blut andere magnetische Eigenschaften hat als sauerstoffarmes Blut, kann die fMRT diese lokalen Blutflussänderungen sichtbar machen. Aktive Hirnbereiche sind dann im Bild erkennbar.
Aus solchen aktuellen Daten, die sie in der Literatur sammelten, stellten Forscher um den RUB-Neuroinformatiker PD Dr. Hubert Dinse und den Verantwortlichen des Museums „Turm der Sinne“ Dr. Rainer Rosenzweig, Dr. Barbara Ripper und Dr. Nicola Neumann die Maße des neuen Homunkulus zusammen. Der steht nun lebensgroß zum Anfassen im Nürnberger Erlebnismuseum. Außerdem wurde ihm Leben eingehaucht. Im Internet treibt das Kerlchen seine Späße, tanzt, rappt, schaut ratlos aus der Wäsche und grübelt.
Natürlich ist der Homunkulus, den man Heiner (Hirn-Erregungen des idealisierten Normalbürgers bei Empfindungs-Reizen) getauft hat, ein Durchschnittstyp. Eigentlich sieht jeder kleine Mann und jede kleine Frau, den oder die jemand mit sich herumträgt, anders aus. Je nach persönlicher Veranlagung und Lebensgeschichte sind bestimmte Körperteile des Homunkulus größer oder kleiner, auch Verletzungen und Behinderungen spiegeln sich im Homunkulus, das heißt, er kann sich im Laufe eines Lebens erheblich verändern. Bei Blinden wurden vergrößerte Repräsentationen des Lesefingers (Zeigefingers) entdeckt. Musiker tragen Homunkuli mit größeren Händen herum. Aber eins ist sicher: Jeder sieht aus wie seine eigene Karikatur. Und diese Erkenntnis könnte bei der nächsten mündlichen Prüfung noch hilfreich sein ...

Interview: Keine Frau
Über die neuen Erkenntnisse zum sensorischen Homunkulus sprach Meike Drießen mit PD Dr. Hubert Dinse.


RUBENS: Wie haben Sie die Daten genau gewonnen? Welche Methoden haben sie genutzt?
DINSE: Wir haben ausschließlich Literaturrecherchen betrieben, also bereits publizierte Daten benutzt. Die wichtigsten Methoden dafür waren Mehrkanal-EEG Ableitungen (SEP-Mapping), MEG mapping (MEG = Magnetoenzephalegraphie) und funktionelles Magnetresonanzimaging.

RUBENS: Gab es bei der Auswertung der Daten Überraschungen oder Veränderungen gegenüber dem Modell von 1950?

DINSE: Nach den neuen Befunden sind die Hände und Finger nicht so stark vergrößert wie in alten Abbildungen. Dafür sind der Kopf und Lippen noch größer. Außerdem waren die Geschlechtsteile nach neuen Befunden größer repräsentiert als 1950. Neu war auch der Befund, dass bei Rechtshändern die rechte Hand größer als die linke ist. Erstaunlicherweise gab es aber auch noch unerwartet viele Erkenntnislücken, also weiße Flecken auf der Gehirnlandkarte.

RUBENS: Warum gibt es keine Frau, und wird es mal eine geben?

DINSE: Es gibt einfach keine Daten für die Frau, beispielsweise ergab die Suche keine Daten für die Repräsentation der Brüste. Man kann aber davon ausgehen, dass dies bald untersucht wird.

RUBENS: Bei welchem Körperteil gibt es zwischen den einzelnen Menschen die größten Unterschiede?
DINSE: So wie jeder Mensch eine andere Nase hat, hat auch jeder Mensch ein anderes Gehirn, und dieses unterscheidet sich in allen Aspekten. Große Unterschiede gibt es bei den Händen und Fingern, deren cortikale Karten auch am besten untersucht sind.



md
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Letzte Änderung: 30.04.2004| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik