Dicke Lippe
RUB-Forscher
liefern neue Daten des Homunkulus
Wenn mich demnächst mal jemand einschüchtert,
dann werde ich ihn mir nicht einfach in Unterwäsche
vorstellen ein alter Trick, um sich vor Augen zu
führen, dass der andere auch bloß mit Wasser
kocht sondern ich mache es noch besser: Ich werde
ihn mir als das kleine Männchen bzw. Weibchen denken,
das in seinem Kopf eine dicke Lippe riskiert. Riesige
Hände und Genitalien hat es, und kommt ansonsten
eher mickrig daher. Wer will sich davor fürchten?
Jeder Mensch trägt eine solche Karikatur in seinem
Kopf mit sich herum. Und jetzt kann es auch jeder sehen,
im Erlebnismuseum Turm der Sinne in Nürnberg
oder im Internet unter www.turmdersinne.de.
Das Männlein bisher gibt es noch kein Weiblein
ist im Groben seit 1950 entlarvt. Damals reizte
der kanadische Neurochirurg Wilder Penfield das Gehirn
von Patienten direkt mit schwachen Strömen und stellte
fest, dass diese Reize Empfindungen in bestimmten Gliedmaßen
auslösen. Schnell merkte er, dass die Verteilung
der Gehirnbereiche, die die Körperteile repräsentieren,
nicht willkürlich sind, sondern wie eine Landkarte
angeordnet. Besonders empfindsame Bereiche wie Lippen
und Genitalien, Augen und Hände nehmen große
Hirnbereiche ein, während weniger empfindsame wie
Arme, Beine und Rücken weniger Kapazität beanspruchen.
Seine Funde stellte Penfield dann erstmals als Figur
dar der erste sensorische Homunkulus (= kleiner
Mann von lat. homo) war geboren.
Dank moderner bildgebender Verfahren ist es heute wesentlich
einfacher, ganz genaue Daten der Körperlandkarte
im Kopf zu gewinnen. Heute gehen die Forscher umgekehrt
vor: Sie reizen nicht das Gehirn direkt, sondern die Körperteile,
während sie die Gehirnaktivität beobachten.
Dazu nutzen sie z.B. die funktionelle Kernspintomographie
(oder funktionelle MagnetResonazTomografie, fMRT). Das
Verfahren beruht darauf, dass in aktiven Gehirnbereichen
mehr Energie verbraucht wird, weswegen mehr sauerstoffreiches
Blut in die jeweilige Region fließt. Da sauerstoffreiches
Blut andere magnetische Eigenschaften hat als sauerstoffarmes
Blut, kann die fMRT diese lokalen Blutflussänderungen
sichtbar machen. Aktive Hirnbereiche sind dann im Bild
erkennbar.
Aus solchen aktuellen Daten, die sie in der Literatur
sammelten, stellten Forscher um den RUB-Neuroinformatiker
PD Dr. Hubert Dinse und den Verantwortlichen des Museums
Turm der Sinne Dr. Rainer Rosenzweig, Dr.
Barbara Ripper und Dr. Nicola Neumann die Maße des
neuen Homunkulus zusammen. Der steht nun lebensgroß
zum Anfassen im Nürnberger Erlebnismuseum. Außerdem
wurde ihm Leben eingehaucht. Im Internet treibt das Kerlchen
seine Späße, tanzt, rappt, schaut ratlos aus
der Wäsche und grübelt.
Natürlich ist der Homunkulus, den man Heiner (Hirn-Erregungen
des idealisierten Normalbürgers bei Empfindungs-Reizen)
getauft hat, ein Durchschnittstyp. Eigentlich sieht jeder
kleine Mann und jede kleine Frau, den oder die jemand
mit sich herumträgt, anders aus. Je nach persönlicher
Veranlagung und Lebensgeschichte sind bestimmte Körperteile
des Homunkulus größer oder kleiner, auch Verletzungen
und Behinderungen spiegeln sich im Homunkulus, das heißt,
er kann sich im Laufe eines Lebens erheblich verändern.
Bei Blinden wurden vergrößerte Repräsentationen
des Lesefingers (Zeigefingers) entdeckt. Musiker tragen
Homunkuli mit größeren Händen herum. Aber
eins ist sicher: Jeder sieht aus wie seine eigene Karikatur.
Und diese Erkenntnis könnte bei der nächsten
mündlichen Prüfung noch hilfreich sein ...
Interview: Keine Frau
Über die neuen Erkenntnisse zum sensorischen Homunkulus
sprach Meike Drießen mit PD Dr. Hubert Dinse.
RUBENS: Wie haben Sie die Daten genau gewonnen?
Welche Methoden haben sie genutzt?
DINSE: Wir haben ausschließlich Literaturrecherchen
betrieben, also bereits publizierte Daten benutzt. Die
wichtigsten Methoden dafür waren Mehrkanal-EEG
Ableitungen (SEP-Mapping), MEG mapping (MEG = Magnetoenzephalegraphie)
und funktionelles Magnetresonanzimaging.
RUBENS: Gab es bei der Auswertung der Daten Überraschungen
oder Veränderungen gegenüber dem Modell von
1950?
DINSE: Nach den neuen Befunden sind die Hände und
Finger nicht so stark vergrößert wie in alten
Abbildungen. Dafür sind der Kopf und Lippen noch
größer. Außerdem waren die Geschlechtsteile
nach neuen Befunden größer repräsentiert
als 1950. Neu war auch der Befund, dass bei Rechtshändern
die rechte Hand größer als die linke ist.
Erstaunlicherweise gab es aber auch noch unerwartet
viele Erkenntnislücken, also weiße Flecken
auf der Gehirnlandkarte.
RUBENS: Warum gibt es keine Frau, und wird es mal eine
geben?
DINSE: Es gibt einfach keine Daten für die Frau,
beispielsweise ergab die Suche keine Daten für
die Repräsentation der Brüste. Man kann aber
davon ausgehen, dass dies bald untersucht wird.
RUBENS: Bei welchem Körperteil gibt es zwischen
den einzelnen Menschen die größten Unterschiede?
DINSE: So wie jeder Mensch eine andere Nase hat, hat
auch jeder Mensch ein anderes Gehirn, und dieses unterscheidet
sich in allen Aspekten. Große Unterschiede gibt
es bei den Händen und Fingern, deren cortikale
Karten auch am besten untersucht sind.
md
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