Die Zukunft
der Ruhr-Uni
Zwischen
Hochschulkonzept, Globalhaushalt und Kernsanierung
In den kommenden Monaten entscheidet sich die Zukunft
der Ruhr-Universität: Kann sie alle Fächer erhalten,
um Volluniversität zu bleiben? Kann sie möglichst
viele Arbeitsplätze sichern, um eine funktionierende
Lehre, Forschung und Administration zu gewährleisten
und ihr Profil weiter zu schärfen? Kann sie all ihren
Angehörigen einen gefahrlosen und modernen Arbeits-
und Studienplatz anbieten: frei von Stolperfallen und
giftigen Chemikalien? Obwohl bei der Beantwortung dieser
Fragen Vorgaben der Politik eine wichtige Rolle spielen,
liegen viele Chancen bei der Ruhr-Uni selbst. RUBENS stellt
die entscheidenden Parameter vor, die das äußere
und innere Bild der Ruhr-Universität Bochum in den
nächsten zehn bis zwanzig Jahren bestimmen werden.
Hochschulkonzept 2010
Das Hochschulkonzept 2010 (HK 2010, s. a. RUBENS
82 u. RUBENS
86) ist eine Idee des Wissenschaftsministeriums
NRW (MWF). Es soll laut MWF der Profilbildung der Hochschulen
dienen, analysiert zunächst jedoch vor allem die
Auslastung. Vereinfacht gesagt möchte das Ministerium
in seit langem unterausgelasteten Lehreinheiten die
Normstudienplätze reduzieren. Wenn also in einer
Lehreinheit landesweit 3.000 Studienplätze die
Norm sind, aber nur 2.400 Studierende eingeschrieben
sind, soll die Norm entsprechend auf 2.400 herabgesetzt
werden. Die Reduzierung könnte auf alle Hochschulen
(anhand der spezifischen Unterauslasten) verteilt werden,
die diese Lehreinheit anbieten. Dann sinkt dort automatisch
auch die Zahl der wissenschaftlichen Planstellen, es
gehen folglich Arbeitsplätze verloren. Der Schwerpunkt
von HK 2010 liegt vorerst auf den kostenintensiven Ingenieur-
und Naturwissenschaften. An der RUB betroffen sind die
Fächer Chemie, Physik, Maschinenbau, Bauingenieurwesen
sowie Elektrotechnik und Informationstechnik.
Wie die anderen NRW-Hochschulen auch, konnte sich die
RUB aber zunächst selbst Maßnahmen überlegen,
wie sie die Unterauslastung in den genannten Fächern
beseitigen möchte. Auf mehr als 160 Seiten formulierte
sie Mitte Februar in einem Bericht ans MWF den Ist-
und den Soll-Zustand (sogar) aller 34 Lehr- und Forschungsbereiche
bis zum Jahre 2010. Der Bericht liefert die fächerspezifischen
Antworten auf die Frage, ob und wie die RUB in den nächsten
Jahren eine campusweite Auslastungsquote zwischen 80
und 120 Prozent sicherstellen kann. In einigen unterausgelasteten
Fächern (Ingenieurwissenschaften, Physik und Astronomie)
soll die Lehrkapazität gleichwohl maßvoll
reduziert werden, ohne die Leistungsfähigkeit dieser
Fächer (z. B. in der Forschung) zu gefährden.
Die frei werdenden Stellen sollen in der RUB bleiben
und dazu dienen, vorhandene Stärken auszubauen.
Über die Details wird die RUB voraussichtlich im
Sommersemester 2004 mit dem MWF verhandeln, eine bindende
Zielvereinbarung ist für den Herbst geplant.
Standortentwicklungsplanung / Generalsanierung
Mitte Februar legte der BLB (Bau- und Liegenschaftsbetrieb
NRW) als Eigentümer der Ruhr-Uni erstmals öffentlich
seine Pläne zur Generalsanierung des Campus vor.
Etwa eine Milliarde Euro sollen demnach in den kommenden
zehn Jahren ausgegeben werden, um aus der RUB wieder
eine voll funktionsfähige und gefahrlose Stätte
der Wissenschaft zu machen. Statt hier und da Betonplatten
auszuwechseln und Häppchenweise Asbest oder PCB
zu beseitigen, holt das BLB zum großen Wurf aus:
Die Gebäudereihen I und N, das MA, das Audimax
und das Parkhaus West sollen kernsaniert werden. Die
G-Reihe, die Ingenieur-Werkhallen sowie die zentralen
Gebäude (Bibliothek, Verwaltung, Studierendenhaus,
Musisches Zentrum usw.) sollen teilsaniert werden, die
Gebäude bleiben also in ihrer Struktur erhalten.
Die Kernsanierung geht deutlich weiter: Diese Häuser
werden entkernt und innen komplett neu aufgebaut. Für
die N-Reihe könnte das auch bedeuten, dass künftig
die Labore zentralisiert werden und nicht mehr auf jeder
Ebene zu finden sind.
Da trotz Großbaustelle der Uni-Betrieb weitergehen
soll, wird Anfang 2005 wohl zunächst ein neues
Gebäude errichtet: im Osten von ND (als NE) oder
im Osten von IC (als ID). Sobald es (nennen wir es fortan
zwecks Vereinfachung NE) fertig ist, würden dort
die Biologen aus ND einziehen. ND wäre also leer
und könnte als Nächstes kernsaniert werden.
Nach Abschluss zögen dort die Chemiker aus NC ein
und so weiter und so fort, bis man einmal um
dem Campus herum ist. Insgesamt soll die RUB dank der
Sanierung aber nicht größer werden. Das heißt,
fürs neue NE müsste sie ein anderes Gebäude
abgeben, z. B. das MA.
Globalhaushalt
Konzepte und Pläne können aber nur umgesetzt
werden, wenn finanzielle Mittel und (damit verbunden)
Stellen vorhanden sind. Der Etat für Wissenschaft
und Bildung wird jedoch bundesweit Jahr für Jahr
entweder nicht erhöht oder gar reduziert. Daran
ändert in NRW auch der Qualitätspakt aus dem
Jahre 1999 nichts, in dem die Landesregierung den Hochschulen
finanzielle Planungssicherheit garantierte; im Gegenzug
hatten die Hochschulen seinerzeit Stellen zu streichen.
An der RUB waren und sind es etwa 200 Stellen.
Nun kann es aber zu weiteren Kürzungen von Stellen
und Geld kommen: Zum einen erhöht die Landesregierung
zurzeit sukzessive den leistungsorientierten Anteil
am Gesamtbudget der Hochschulen. Wer zu wenig Leistung
erbringt (u. a. geringe Absolventenzahlen, zu lange
Studienzeiten, zu wenig Drittmittel für die Forschung)
bekommt weniger Geld. Dadurch fehlen der RUB 2004 bereits
rund zwei Mio. Euro. In den nächsten Jahren könnten
die Verluste sogar noch größer sein.
Zum anderen könnte auch die Einführung des
sog. Globalhaushaltes Arbeitsplätze kosten: Statt
wie bisher die finanziellen Mittel größtenteils
zweckgebunden an die Hochschulen zu verteilen, möchte
die Landesregierung (voraussichtlich) ab 2006 einen
Gesamtbetrag überweisen, über den die Hochschulen
selbst verfügen können. Der Globalhaushalt
wäre somit ein zentraler Baustein der Hochschulautonomie.
Nach dem augenblicklichen Planungsstand finanziert dieser
Gesamtbetrag jedoch die Stellen an der RUB nur zu 95
Prozent. Mindestens 8 Mio. Euro werden fehlen, das würde
etwa 200 zu kürzenden Stellen entsprechen.
Anfang März wurde zum Globalhaushalt eine außerordentliche
Dekanekonferenz an der RUB einberufen. Das Rektorat
stellte dabei drei Sofortmaßnahmen vor: Neue Verträge
mit Wissenschaftlern werden bis zum 31.12.05 befristet;
im nichtwissenschaftlichen Bereich gibt es in den kommenden
zwei, drei Monaten keine Neubesetzungen und keine Freigabe
von Dauerstellen. Parallel dazu wird überlegt,
ob die anstehenden Stellenkürzungen auf alle Fakultäten
(zuzüglich Verwaltung etc.) verteilt werden oder
ob es zu strukturellen Veränderungen kommt; denkbar
wären z. B. erhebliche Stellenkürzungen in
wenigen Fächern.
Hochschulentwicklungsplan
Mit vielen Vorgaben, aber mit wenig Geld muss die Ruhr-Universität
ihre Zukunft planen und gestalten. Sie tat es bereits,
bevor das Land seine Konzepte entwickelte: Der Hochschulentwicklungsplan
der RUB bildet nun das gemeinsame Dach für das
Hochschulkonzept 2010 und die Standortentwicklungsplanung;
das Haushalterische passt auch noch darunter. Die Inschrift
auf dem Dach besagt, dass Hochschulpolitik zwei gleichwertige
zentrale Ziele verfolgen muss: Studierenden eine qualitativ
hochwertige Ausbildung in angemessener Zeit zu gewährleisten
und möglichst optimale Bedingungen für Spitzenforschung
zu schaffen.
Die Ausgangslage an der RUB stimmt: Keine andere Hochschule
in Deutschland verfügt über eine derartige
Fächervielfalt auf einem zusammenhängenden
Campus. Zusammen mit der Generalsanierung des Campus
ergibt sich für die Ruhr-Uni die große Chance,
eine beispielhafte europäische Universität
des 21. Jahrhunderts zu werden. In jedem Fall bleibt
die RUB Reformmotor unter den Hochschulen des Landes:
Die Leistungen in der Forschung (nach Drittmitteln je
Professur) wurden erst kürzlich in der Rangliste
der Deutschen Forschungsgemeinschaft herausgestellt.
Die Bochumer Natur-, Biomedizin- und Ingenieurwissenschaften
belegen die Plätze 5, 7 und 13 unter allen deutschen
Unis. Bei der Schaffung des Europäischen Hochschulraumes
nimmt die Ruhr-Uni eine absolute Vorreiterrolle ein.
Hiervon zeugen 45 Studienfächer mit dem Abschluss
Bachelor, 42 Fächer mit dem Abschluss Master sowie
20 Fächer mit dem Abschluss Master of Education
im Modellversuch Gestufte Studiengänge in
der Lehrerbildung. Hinzu kommen erfolgreiche Maßnahmen
zur Förderung der Gleichstellung oder die Entwicklung
und Umsetzung neuer, Steuerungsmodelle (z. B. Zielvereinbarungen).
Diese Stärken sollen weiter ausgebaut werden.
Verbunden mit der Campussanierung stehen auch rein physische
Veränderungen ins Haus. Beispielsweise werden Teile
der Verwaltung, das Weiterbildungszentrum sowie einige
Fakultäten umziehen: Medizin, Psychologie, Sportwissenschaft
werden wahrscheinlich in die I- und N-Reihe rücken.
Die drei ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten
werden ein Gebäude abgeben. Aus dem FNO könnte
die neue Heimat des noch zu gründenden International
Graduate College werden, welches das Allgemeine Promotionskolleg
der RUB mit allen Graduiertenschulen auf dem Campus
verknüpfen soll. Nach der Sanierung sollen die
Studierenden in allen Gebäuden zunächst einen
übersichtlichen Eingangsbereich vorfinden: mit
Infoschalter, Studienberatung, Prüfungsamt und
direkt dahinter Seminarräumen, Bibliotheken und
Cafeten.
Bei allem Neuen wird die RUB aber weiterhin ihrem Gründungsauftrag
gerecht: durch Innovation und Bildung dazu beizutragen,
die ehemalige Arbeiterregion Ruhrgebiet zukunfts- und
wettbewerbsfähig zu machen. Die RUB verbindet seit
40 Jahren hohe Qualität in Forschung und Lehre
mit einem besonderen Engagement für junge Menschen,
die beim Start ins Studium Nachteile haben (z. B. Studierende
aus Einwandererfamilien und/oder eher bildungsfernen
Haushalten).
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