Hungerkünstler
Ingo Burghardt
erforscht Schnecken mit Solarzellen
Von wegen, Schnecken sind ekelig! Manche Landschnecke
fällt zwar bei Gartenbesitzern in Ungnade, aber Meeresschnecken
faszinieren: Viele von ihnen, die zur Gruppe der Opisthobranchia
gehören, sind spektakulär gefärbt und daher
bei Tauchern beliebte Fotoobjekte. Einige haben darüber
hinaus eine ganz besondere Fähigkeit: Sie können
ihrer Nahrung Photosynthese betreibende Chloroplasten
oder einzellige Algen klauen, sie im Körper
speichern und damit selbst Photosynthese betreiben.
Für diese Schnecken mit Solarzellen interessiert
sich Ingo Burghardt ganz besonders. Der Doktorand erforscht
zwei Schneckengruppen in der Arbeitsgruppe von Privatdozentin
Heike Wägele am Lehrstuhl für Spezielle Zoologie
(Fakultät für Biologie). Die Vertreter der Gruppe
Sacoglossa ritzen Zellen von grünen Algen mit ihren
Mundwerkzeugen an und saugen den Zellsaft mit den Chloroplasten
heraus. Die Chloroplasten werden in Zellen der Mitteldarmdrüse
eingelagert. Sie ist das zentrale Verdauungsorgan der
Schnecken, und es ist bislang ein Rätsel, wieso das
Verdauungssekret die Chloroplasten nicht angreift. Damit
die Chloroplasten dem Licht optimal ausgesetzt sind, ist
die Mitteldarmdrüse der Schnecken stark vergrößert
und verzweigt.
Die andere Schneckengruppe, die Sonnenenergie nutzen kann,
gehört zu den Meeresnacktschnecken. Diese bestimmte
Untergruppe der Nudibranchia sind mit den Sacoglossa nicht
eng verwandt, und ihr Mechanismus der Sonnenlicht-Ausnutzung
hat sich unabhängig entwickelt. Ihre Leibspeise sind
Korallen, die wiederum einzellige Algen (Zooxanthellen)
als Symbionten (Lebewesen, die Nutzen aus einer gegenseitigen
Lebensgemeinschaft ziehen) in ihrem Körper tragen.
Auch diese Algen wandern in die Mitteldarmdrüse der
Schnecke. Anders als die Sacoglossa, die nur einzelne
Zellbestandteile einlagern, nehmen die Nudibranchia also
komplette Zellen in ihre eigenen Körperzellen auf.
Australien, Ägypten, Indonesien
Wenn die Schnecken auf ihren Futterkorallen sitzen,
sind sie oft nur sehr schwer von ihrem Untergrund zu
unterscheiden. Die Rückenanhänge sehen häufig
aus wie Korallenpolypen, und da sie genau wie die Polypen
Algenzellen eingelagert haben, unterscheiden sie sich
auch farblich kaum: Sowohl die Polypen als auch die
Schnecken schimmern grünlich-bräunlich. Wie
gut die Schnecken getarnt sind, hat Ingo Burghardt im
Jahr 2002 während eines viermonatigen Forschungsaufenthalts
in Australien auf Lizard Island (Great Barrier Reef)
erfahren. Dort haben er und Forscherkollegen beim Tauchen
und Schnorcheln nach den Schnecken gesucht, einige eingefangen
und in Laboraquarien umgesiedelt. In Langzeitversuchen
haben sie getestet, wie lange die Schnecken bei Licht
ohne Nahrung auskommen. Nach vier Monaten musste
ich den Versuch abbrechen, weil ich wieder nach Hause
geflogen bin. Die Schnecken mit Zooxanthellen bzw. Chloroplasten
waren immer noch am Leben. Schnecken anderer Arten ohne
Solarzellen überleben ohne Nahrung
nur einige Tage bis maximal einige Wochen, so
der Doktorand beeindruckt. Rekordhalter im Hungern sind
Schnecken der Art Pteraeolidia ianthina:
In einem Aquarium von Heike Wägeles Arbeitsgruppe
lebt ein Exemplar, das seit neun Monaten ohne Nahrung
allein mit Licht überlebt.
Nach Ägypten ging es für Ingo Burghardt im
Mai 2003. Beim Tauchen im Roten Meer stieß er
auf einen interessanten Fund: bestimmte Meeresnacktschnecken,
die sich von kleinen Krebsen ernähren und daher
mit der Nahrung keine einzelligen Algen aufnehmen
aber dennoch Algen im Körper tragen. Woher die
Tiere diese Zellen gewinnen, ist nicht bekannt. Vermutlich
holen sie sie wie Staubsauger aus dem freien Meerwasser.
Das Prinzip scheint sehr effektiv zu sein. Wir halten
bereits seit acht Monaten solch ein Tier ohne Nahrung.
Zuvor hat niemand gewusst, das diese Schnecken so lange
Hungerperioden überleben können, so
Ingo Burghardt. Der Doktorand bereiste nach seinem Aufenthalt
in Ägypten auch noch Indonesien, wo es eine besonders
große Artenvielfalt der von ihm untersuchten Schnecken
gibt. Zurzeit wertet er an der RUB die Daten aus, die
er auf seinen Reisen gesammelt hat. Unter anderem stehen
Untersuchungen der zahlreichen Schnecken aus, die er
aus Indonesien mitgebracht hat: Ich habe also
noch einiges zu tun, schmunzelt er. Bis zum Sommer
will er damit fertig sein, denn dann bricht er zur nächsten
Forschungsreise auf es geht wieder für einige
Monate nach Australien.
Evolutionsvorteil: Geklautes Gift
Wir untersuchen die Evolution bestimmter Meeresschnecken,
fasst Privatdozentin Heike Wägele (Spezielle Zoologie)
die Forschungsprojekte ihrer Arbeitsgruppe zu den Opisthobranchia
zusammen: Wie sind die zahlreichen Untergruppen (weltweit
5.000-6.000 Arten) miteinander verwandt, welche sind
stammesgeschichtlich älter? Um die Stammesgeschichte
zu rekonstruieren, untersuchen die Schneckenforscher
Gestaltmerkmale der verschiedenen Schneckenarten sowie
deren Gene, um aus den Gemeinsamkeiten und Unterschieden
Rückschlüsse auf die Verwandtschaft zu ziehen.
Besonders interessant ist die Frage, warum sich der
Schneckenstammbaum an manchen Ästen viel stärker
verzweigt als an den übrigen, so dass es in bestimmten
Untergruppen auffallend viele verwandte Arten gibt.
Bestimmte Schneckengruppen haben Schlüsselmerkmale
entwickelt, die ihnen einen Evolutionsvorteil bieten.
So gibt es eine Gruppe von Meeresschnecken, die giftige
Schwämme frisst und das Gift dann selbst zum Schutz
vor Feinden verwendet. Solche neuen Merkmale erlauben
es den Schnecken oft, andere Lebensräume zu besiedeln.
Es folgt eine Aufspaltung in viele neu entstehende Arten,
die sog. Radiation, erklärt Heike Wägele.
Die Aufnahme von Chloroplasten oder Zooxanthellen aus
der Nahrung ist ebenfalls ein Schlüsselmerkmal,
das den Schnecken, die es besitzen, einen Überlebensvorteil
bietet: Sie können durch die aus dem Sonnenlicht
gewonnene Energie lange Hungerzeiten überstehen.
Neue Arbeitstechniken: PAM taucht ab
Um neue Erkenntnisse über die Meeresschnecken mit
eingelagerten photosynthetischen Einheiten zu gewinnen,
setzen die Bochumer Wissenschaftler eine Reihe von Arbeitstechniken
ein: Sie untersuchen die Tiere histologisch und ultrastrukturell,
fertigen also Gewebeschnitte an, die sie licht- und
elektronenmikroskopisch untersuchen. Dadurch wollen
sie z. B. klären, wie die Algenzellen bzw. Chloroplasten
in die Zellen der Meeresschnecken eingelagert sind und
Hinweise darauf bekommen, wieso sie nicht verdaut werden.
Durch einen Vergleich der Gewebestrukturen wollen die
Wissenschaftler die Verwandtschaft zwischen den verschiedenen
Schneckenarten aufdecken und herausfinden, wie sich
die Photosynthese-Schnecken entwickelt haben.
Zur Stammbaumanalyse führen sie auch DNA-Untersuchungen
durch.
Als erste deutsche Forschergruppe setzt das Bochumer
Team das Diving-PAM- (Pulse Amplitude Modulated)
Fluorometer, kurz Diving-PAM, zur Untersuchung
der Schnecken ein. Dieses Gerät misst die Aktivität
der photosynthetischen Einheiten im Schneckenkörper.
Die Wissenschaftler beleuchten die Schnecke dabei durch
einen Glasfiberschlauch. Das Licht regt die Photoreaktion
in den Chloroplasten an, und Diving-PAM misst die bei
der Reaktion entstehende Fluoreszenzstrahlung. Daraus
lässt sich auf Anzahl und Photosyntheseaktivität
der Chloroplasten bzw. Zooxanthellen in den Schneckenkörpern
ermitteln.
Christina
Heimken
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