Das war spitze!
Was den
Angehörigen der RUB zu Eliteuniversitäten
einfällt
Pünktlich zum Beginn des Super-Wahljahres 2004 brachten
Spitzenpolitiker der SPD das Thema Spitzenunis
auf die Tagesordnung, um Kompetenz in Sachen Bildung und
Wissenschaft anzudeuten. Konkret möchten die roten
Bundespolitiker vorhandene Hochschulen zu Spitzen- bzw.
Eliteunis formen: u.a. dadurch, dass sich bestimmte Unis
ihre Studierenden selbst aussuchen können und mehr
Geld bekommen. In den Ländern ist man parteiübergreifend
der Auffassung, dass keine gesamte Hochschule spitze
sein kann, sondern nur bestimmte Fachbereiche. Und was
denkt man an der RUB? Wir stellten knapp 20 Uniangehörigen
die Frage: Braucht Deutschland Eliteunis?
Hier einige der Antworten:
Eliteunis?! Und wo bleiben die gemeinen Studierenden?
Die Qualität der Lehre leidet bereits für
alle spürbar. Es wird gespart, gespart, gespart.
Ab 2005 beispielsweise finanziert das Land NRW das Tutorenprogramm
nicht mehr. Tutorien aber sind für Studienanfänger
unverzichtbar. Sie erleichtern den Einstieg ins Studium,
da in Kleingruppen fachliche Fragen und Unklarheiten
bearbeitet werden, sie geben umfassende Orientierungshilfen
und fördern das Kennen lernen der Kommilitonen
untereinander. Wie sollen Probleme wie die Bildungsmisere
in Deutschland gelöst werden, wenn nur noch wenige
die Möglichkeit erhalten, optimal betreut zu werden
und sich somit entsprechend zu qualifizieren?
Indre Döpcke, Studentin (Geschichte, Politik,
Kunstgeschichte)
Eine typisch deutsche Frage. Eliten kann man
nicht auf dem Erlasswege verordnen oder durch bloße
Umleitung von Geldströmen erzeugen. Elitenbildung
geschieht ganz demokratisch: durch Fußabstimmung
von Studierenden und Lehrenden. Prof. Reinhold
Glei, (Lateinische Philologie)
Ich denke, dass wir doch ganz gute Unis haben.
Warum müssen wir uns immer mit anderen vergleichen?
Kristina Jansen, Studentin (Germanistik, Soziologie,
Geschichte)
Im ersten Moment habe ich gedacht: Pfeifen wir
jetzt auf Verkürzung der Studienzeiten, Angleichung
der Abschlüsse in Europa oder die Forderung, dass
40 Prozent eines Jahrgangs studieren sollen? Dann habe
ich mir die Frage gestellt, ob man seinen Fuhrpark tatsächlich
dadurch aufwertet, dass man zu den vielen vermeintlichen
Rostlauben einen (vermeintlichen?) Ferrari stellt. Ich
persönlich setze eher auf eine gesunde Basis. Aber
vielleicht ist es genauso müßig darüber
nachzudenken, wie über die Entbeamtung der Professorenschaft,
oder? Carsten Lienenkamp, Verwaltungsangestellter
(Arbeits- und Organisationspsychologie)
Die Einführung von Eliteunis halte ich für
eine absolute Schnellschussidee. Wie schlecht die Studienbedingungen
an den deutschen Unis sind, erleben wir hier jeden Tag,
wenn Hörsäle und Dozentensprechstunden hoffnungslos
überfüllt sind, Seminarplätze verlost
werden und Bibliotheken schlecht bestückt sind.
Reformen müssten das Niveau aller Hochschulen heben,
statt einige wenige Unis mit Bundesgeldern zu Eliteunis
umzugestalten. Außerdem befürchte ich, dass
hohe Studiengebühren den Zugang zu solchen akademischen
Kaderschmieden für Kinder aus sozial schwächeren
Familien versperren würden. Miriam Morek,
Studentin (Germanistische Linguistik, Anglistik, Pädagogik)
Pünktlich zum Auftauchen des Begriffes Eliteuni
blieben an der RUB die Uhren (für immer?) stehen,
weil 60.000 Euro für die Reparatur nicht vorhanden
sind. Ich bitte ernsthaft darum, die stehenden
Uhren als Ausdruck der prekären finanziellen Situation
der deutschen Hochschulen auf 5 nach 12 zu stellen.
Das gäbe ein symbolträchtiges Bild, das man
dem Ministerpräsidenten und dem Bundeskanzler zukommen
lassen könnte. Markus Piotrowski, Akademischer
Rat (Pflanzenphysiologie)
38.000 Dollar zahlen Studenten für ein Studienjahr
in Harvard. Harvard ist eine Eliteuni. Massenbetrieb
und mittelmäßige Forschung gibt es an Eliteunis
nicht. Für die Forschung stehen umfangreiche finanzielle
Mittel zur Verfügung. Das schafft Effizienz und
damit Wettbewerbsvorteile, international. Gut ist das,
wenn das Genie vor den Geldbeutel gesetzt wird. Eliteunis
müssen begabten Studenten zugänglich sein,
unabhängig vom Vermögen ihrer Eltern. Das
setzt Stipendien und Subventionen voraus. Julia
Richter, Studentin (Psychologie)
Keine Ahnung, ob Deutschland Eliteunis braucht,
aber wenn ich mir das Uni-System hier in Frankreich
angucke, finde ich das deutsche um Klassen besser. In
Frankreich ist alles total verschult, es gibt einen
festen Stundenplan, die Studenten werden behandelt wie
dumme Schulkinder und sprechen so gut wie nie mit den
Professoren. Falls doch, trauen sie sich kaum, sie anzugucken.
Alles wird schriftlich erledigt, nix mündlich.
Ob solche Unis wirklich besser sind (und die Leute hier
mehr lernen), als die in Deutschland, wage ich zu bezweifeln.
Birte Schmekel, Studentin (Amerikanistik, Germanistik,
Geschichte, zurzeit in Lille)
Eine Elite-Universität zu werden, braucht
Zeit und Geld, viel mehr Zeit und viel mehr Geld, als
es sich unsere Politiker offenbar vorstellen können.
Mit der Umverteilung von 100 Millionen aus im Hochschulbau
eingesparten 250 Millionen an zehn Universitäten
ist jedenfalls gar nichts zu bewegen, ganz im Gegenteil.
Das föderale Hochschulsystem würde weiter
demontiert. Vor allem anderen jedoch ist eines vonnöten,
um eine Elite-Universität zu werden. Stanford zeigt
es uns in seinem Wappen. Da steht übrigens
in Deutsch der Satz Ulrich von Huttens: Die
Luft der Freiheit weht. Autonomie, der Abbau der
überbordenden Bürokratisierung und Befreiung
von politischer Besserwisserei würden weit mehr
bewirken als die wieder einmal zu kurz gedachten
Eintagsfliegen zur Kurierung eines Systems, das
Jahrzehnte verfehlter Bildungspolitik beinahe schon
ruiniert haben. Immerhin eines hat die Diskussion um
die Elite-Universität im positiven Sinne bewirkt.
Sie hat der Öffentlichkeit drastisch das ganze
Ausmaß der Misere und die Hilflosigkeit der Politik
vor Augen geführt. Prof. Elmar W. Weiler,
Prorektor der RUB für Planung, Struktur und Finanzen
ad/md
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