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RUBENS 86 30. Januar 2004

Breit und spitz(e)

Gastkommentar


Gibt es noch etwas, was in den letzten Wochen zum Thema der Eliteuniversität nicht gesagt oder geschrieben worden ist? Wahrscheinlich kaum. Gibt es Dinge, die zu wenig, zu undeutlich gesagt worden sind? Schon eher. Gibt es Akteure, die man im Konzert der Stimmen zu wenig gehört hat? Bestimmt. Und das sind leider die Universitäten. Zumal diejenigen, die nicht in der erwartungsfrohen Position sind, zu den künftigen Auserwählten zu gehören, die den Geldsegen ernten werden, der nun entfesselt werden soll, um in planbar absehbarer Zeit mit Harvard oder Oxford zu konkurrieren. Sprechen wir nicht von der Unmöglichkeit, Modelle zu implementieren, die in anderen Ländern in Jahrhunderten und mit ganz anderen Voraussetzungen entstanden sind. Sprechen wir auch nicht von den unterdurchschnittlichen Universitäten, wo aus welchen - selbst- oder fremdverschuldeten - Gründen auch immer Wichtiges versäumt wird. Sprechen wir von diesen mittelmäßigen Hochschulen, die es ja geben muss, wenn das Reden von der Elite oder der Spitze irgendeinen Sinn machen soll. Und das wird dann die Mehrheit der Universitäten in Deutschland sein. Warum sind sie nicht spitze? Weil es ihnen an Genies, an Kompetenzen, an gutem Willen gebricht? Wohl kaum. Vielmehr, weil sie mit der Ausdünnung des Mittelbaues, einer zu geringen Anzahl an Professoren, mangelnden Bibliotheks- und Labormitteln der Fülle an interessierten Studierenden nicht gerecht werden können. Diese Situation wird sich mit der Schaffung von Eliteuniversitäten - sofern denn dies gelingt - nicht ändern. Auch das ist allseits bekannt. Wozu also das Reden von der Eliteuniversität?
Die SPD, die das Thema angestoßen hat, hat ein erfolgsträchtiges Issue für die Wahlkämpfe dieses Jahres. Das ist gut für sie, für sonst keinen. Die Situation der Universitäten kommt in die öffentliche Debatte. Das wäre gut für sie, wenn diese nach allen Seiten offen geführt würde und die Chimäre der Eliteuniversität nicht als Befreiungsschlag in der allgemein als schwierig empfundenen hochschulpolitischen Situation fungieren würde. Damit aber diese Öffnung der Debatte stattfindet, ist es notwendig, dass sich die Mittelmäßigen oder - wem das Label nicht gefällt - die Nicht-Auserwählten vernehmlich an der Debatte beteiligen. Dass sie deutlich machen, was sie in der Breite der Lehre und Forschung leisten, und was sie benötigen, dass aus der Breite die Spitze erwachsen kann. Denn: Haben wir nicht aus dem Sport die Erfahrung, dass Leistung in der Spitze dort entsteht, wo Förderung in der Breite funktioniert? Also: Überlassen wir die öffentliche Debatte über die Qualität der Lehre und Forschung nicht denen, die sie sich für andere Zwecke zunutze machen wollen. Unter uns führen wir sie ja ohnehin.





Prof. Barbara Thomaß, Medienwissenschaft
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Letzte Änderung: 30.01.2004| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik