Führung durch den Teilchenzoo
Hadronenforschung:
Bochumer Wissenschaftler geben der Teilchenphysik neue
Impulse
Wissenschaftler sprechen oft liebevoll vom Teilchenzoo,
wenn sie die Gesamtheit der heute bekannten Elementarteilchen
beschreiben. Doch was vor 70 Jahren als beschaulicher
Streichelzoo begann, ist heute ein riesiger Safaripark
geworden, in dem sich selbst Physiker bisweilen verloren
vorkommt. Seit einem Jahr sorgen Neuentdeckungen, sog.
exotische Teilchen, für Verwirrung, denn sie lassen
sich in keines der bereitstehenden Gehege hineinzwängen
und verlangen nach völlig neuen Konzepten. Die
Ordnung im Teilchenzoo steht Kopf; es scheint an der
Zeit zu sein, sich von liebgewonnenen Vorstellungen
und überholten Lehrbuchweisheiten zu trennen.
Bei dieser wissenschaftlichen Revolution in vorderster
Front mit dabei: Bochumer Physiker. Die Institute
für Experimentalphysik I und Theoretische Physik
II haben sich in der Welt der Hadronenphysik einen Namen
gemacht und konnten aufsehenerregende Erfolge verbuchen.
Bei der Suche nach exotischen Teilchen sind die Professoren
Dr. Helmut Koch und Dr. Werner Meyer bei zahlreichen
internationalen Forschungsvorhaben an großen Teilchenbeschleunigern
in Deutschland, der Schweiz und den USA mit im Rennen.
Die Arbeiten der Theoretiker um Prof. Dr. Klaus Goeke
und Dr. Maxim Polyakov trugen maßgeblich zur Entdeckung
der bisher größten Sensation, des sog. Fünf-Quark-Teilchens,
bei. Aber beginnen wir die Führung in der guten
alten Zeit, als im Teilchenzoo noch alles in geordneten
Bahnen verlief.
Abgesehen von elektromagnetischen Effekten wird das
Geschehen in der mikroskopischen Welt der Elementarteilchen
von zwei Kräften gesteuert, die man (etwas einfallslos)
die starke und die schwache Kraft nennt. Sie sorgen
dafür, dass Atomkerne nicht auseinanderfallen,
regeln die Vorgänge beim radioaktiven Zerfall,
sind einfach allgegenwärtig. Alle Teilchen, die
der starken Kraft unterliegen, nennt man Hadronen, die
anderen Leptonen.
Prominenteste Vertreter der Hadronen-Familie sind die
Kernbausteine Neutron und Proton. Aber wer glaubt,
das Hadronen-Haus im Teilchenzoo hätte
nur diese beiden Attraktionen zu bieten, irrt. Kaonen,
Pionen, Charmonium eine Unmenge weiterer Teilchen
tummelt sich dort vergnügt. Etwas Ordnung ins Chaos
bringen die Quarks. Sie sind die Bausteine der Hadronen
und erlauben, diese in zwei Gruppen zu teilen: Baryonen
und Mesonen.
Der geistige Vater der Quarks, der Physiker Gell-Mann,
postulierte, dass sich die Baryonen stets aus drei Quarks
zusammensetzen. Der Legende nach benannte er die kleinen
Kerlchen, die im deutschen Sprachraum wider besseren
Wissens Assoziationen zum Kühlregal im Supermarkt
wecken, nach einem literarischen Vorbild: kleinen, zwergähnlichen
Figuren aus James Joyces Roman Finnegans
Wake, die ebenfalls immer im Dreierpack auftreten.
Die Mesonen hingegen sollen aus einem Quark-Antiquark-Paar
bestehen. In beiden Fällen verhindern die Gluonen,
Klebstoffteilchen, dass die Hadronen auseinanderfallen.
So weit, so gut. Doch selbst dieses nicht ganz einfache
Modell ist ins Wanken geraten. Seit einiger Zeit prognostizieren
Theoriephysiker, dass der Vorrat an Hadronen mit den
bekannten Vertretern längst nicht erschöpft
ist. Ihrer Meinung nach sind auch solche denkbar, die
sich aus deutlich mehr als drei Quarks zusammensetzen.
Vor sechs Jahren setzten Bochumer Physiker zusammen
mit einer russischen Gruppe den Steckbrief eines solchen,
bisher unbekannten Teilchens auf. Masse und Lebensdauer
die wichtigsten Erkennungsmerkmale konnten
sie genau vorhersagen. Mehrere internationale Forschungseinrichtungen
nahmen mit diesen präzisen Vorgaben die Fahndung
nach dem Exot auf und wurden fündig. Die
Sensation war perfekt: Das neue Teilchen besteht aus
mindestens vier Quarks und einem Antiquark und trägt
den wohlklingenden Namen Theta+.
Doch wie findet man ein solches Teilchen, und warum
erst jetzt? Die Arbeit der Hadronenphysiker ist prinzipiell
immer gleich: Mit riesigen Geschwindigkeiten, oft nahe
der Lichtgeschwindigkeit, jagen sie Teilchen durch ausgedehnte
Beschleunigeranlagen. Die Geschosse prallen aufeinander,
werden zerschmettert und zerfallen in ihre Bestandteile,
die sich neu formieren. Gewaltige Detektoren messen
jedes neue Teilchen und jede neue Information. Alles
eine Frage der Statistik. Bis auf diese Weise seltene
Teilchen entstehen und erkannt werden, sind Geduld und
Forscherneugier auf harte Proben gestellt. Bei Theta+
mussten einige Anlagen drei Jahre lang messen, um es
zweifelsfrei zu identifizieren.
Seitdem ist die Welt der Hadronenforscher in Aufruhr.
Fast täglich erscheint eine neue Theorie,
die das exotische Teilchen erklären will,
schmunzelt Prof. Goeke. Hauptsächlich sind es zwei
Modelle, die miteinander konkurrieren. Das eine Lager
versucht, das alte Konzept der Drei-Quark-Teilchen nun
auf Quark-Quintette zu erweitern. Das andere Lager,
zu dem auch Goeke und Polyakov gehören, schwört
auf das Soliton-Modell. Demnach ist das
Vakuum nicht leer, sondern mit unendlich vielen Quarks
negativer Energie gefüllt. Ein Hadron aus drei,
fünf oder mehr Quarks darf deswegen nicht als völlig
isoliert betrachtet werden, sondern steht immer in Wechselwirkung
mit diesem Quark-See.
Wie so oft, wird auch hier ein Experiment den Streit
zwischen den Theoretikern entscheiden müssen. Die
Anhänger beider Modelle berechnen zurzeit fieberhaft
die Eigenschaften weiterer exotischer Hadronen, nach
denen große Forschungseinrichtungen suchen können.
Prof. Koch setzt besondere Hoffnungen auf ein Großprojekt,
das momentan bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung
(GSI) in Darmstadt entsteht. An der Planung und dem
Entwurf des internationalen Beschleunigerzentrums, das
demnächst in Bau geht, war er maßgeblich
beteiligt. Dort werden Versuche möglich sein, die
einige offene Fragen klären können. Nach beträchtlichen
Umbauarbeiten kehrt dann vielleicht wieder Ruhe im Teilchenzoo
ein.
Die Arbeitsgruppen
Die Arbeitsgruppe (AG) von Prof. Helmut Koch
beteiligt sich an der Suche nach neuen, exotischen Teilchen.
Vor ca. zehn Jahren entdeckte sie z.B. einen Zustand,
der ein viel versprechender Kandidat für ein Teilchen
ist, das nur aus Gluonen besteht. Ob beim Elektronenbeschleuniger
ELSA in Bonn, in Jülich oder in Stanford
überall, wo kleine Teilchen mit wahnsinnigen Geschwindigkeiten
aufeinanderprallen, ist das Know-how der Bochumer gefragt.
Ihre Spezialität: so wenig Reaktionsprodukte wie
möglich (insbesondere hochenergetische Photonen)
unbemerkt aus dem Versuchsaufbau entwischen zu lassen.
Nur so sind genaue Rückschlüsse auf die neu
entstandenen Hadronen möglich. Die Wissenschaftler
setzen dabei auf den sog. Crystal-Barrel-Detektor, der
sich wie ein Fass geformt um den Bereich
des Aufpralls schmiegt. Seine Tausende von Cäsium-Jodid-Kristallen
können die Photonen auffangen und nachweisen.
Als theoretische Entdecker des exotischen Theta+-Teilchens
(Fünf-Quark-Teilchen), könnte man die AG um
Prof. Klaus Goeke und Dr. Maxim Polyakov bezeichnen.
Lange bevor es in aufwändigen Versuchen rund um
die Welt nachgewiesen wurde, hatte sie seine Eigenschaften
mit Hilfe des Soliton-Modells berechnet. Nach diesem
Erfolg sind die Wissenschaftler ihrem theoretischen
Modell natürlich treu geblieben. Zurzeit haben
sie sich die Stöße von Elektronen mit Protonen
und Neutronen vorgenommen und wollen genau voraussagen,
welche Teilchen bei einem solchen Aufprall aus den Kernbausteinen
herausgeschleudert werden.
Nicht im Sport, sondern in der Physik werden in Bochum
Weltrekorde aufgestellt: in der AG von Prof. Werner
Meyer. Niemand sonst bringt die Kerne von schwerem
Wasserstoff (Deuterium) dazu, sich so gleichförmig
und synchron zu drehen. Natürlich geht es um den
Spin eine Eigenschaft, die jedes Teilchen besitzt
und die wie eine Art Drehung um die eigene Achse zu
verstehen ist. Wenn man sie lässt, sind diese Achsen
völlig willkürlich ausgerichtet, doch in einem
Magnetfeld kann man sie in eine bestimmte Richtung zwingen.
Eine der spannendsten Fragen der Teilchenphysik ist
die, wie sich der Spin eines Hadrons auf seine Bestandteile
(Quarks, Gluonen) aufteilt. Der Lösung kommen die
Forscher näher, indem sie u.a. Elektronen auf Materialien
schießen, bei denen die Spins der Nukleonen möglichst
alle in dieselbe Richtung zeigen. Für solche Experimente
gut geeignet ist eine spezielle Variante des Festkörpers
Butanol, der statt Wasserstoff dessen schwereren Bruder
Deuterium enthält. 80 % der Spins konnten die Bochumer
in diesem Material in dieselbe Richtung ausrichten
das macht ihnen niemand nach.
Weltweit führend
Über den Stellenwert der Bochumer Hadronenphysik
sprach Birgit Krummheuer mit Prof. Helmut Koch (Experimentalphysik
I).
RUBENS: Herr Professor Koch, Sie und ihre Kollegen
denken darüber nach, die Institute für Experimentalphysik
I und für Theoretische Physik II umzubenennen in
Institut für Hadronenphysik. Warum?
Koch: De facto forschen bereits drei Lehrstühle
bzw. Arbeitsgruppen der Kern- und Teilchenphysik in
Bochum seit Jahren sehr erfolgreich in der Hadronenphysik.
Die im nächsten Jahr wieder zu besetzende C3-Professur
wird ebenfalls dort angesiedelt. Im Rahmen der Profilschärfung
der Fakultäten ist es daher logisch, eine solche
Umbenennung vorzunehmen.
RUBENS: Wo sehen Sie die Bochumer Hadronenphysik
im internationalen Vergleich?
Koch: Ich glaube, sie zählt weltweit zu den zehn
Prozent der besten Institutionen. Die Experimentatoren
sind in erfolgreichen Versuchen tätig, sie haben
zudem großen Einfluss auf zukünftige Entwicklungen
genommen. Dazu zählen der Aufbau des Hadronenbeschleunigers
bei der GSI und die Entwicklung von polarisierten Targets
mit bisher unerreichtem Polarisationsgrad. Auch die
Theorie ist sehr international ausgerichtet und hat
bei der Aufklärung der Struktur des Nukleons sowie
der Vorhersage von neuartigen Hadronen (Theta+) eine
wichtige Rolle gespielt. Die Bedeutung der theoretischen
und experimentellen Gruppen wird auch daran deutlich,
dass beide zuletzt internationale Konferenzen und Workshops
in Deutschland veranstaltet haben.
RUBENS: Momentan stehen in der Teilchenphysik viele
Konzepte, die heutige Studenten in ihren Lehrbüchern
vorfinden, auf dem Prüfstand. Wie beurteilen Sie
das?
Koch: Für aktive Forscher ist es spannend, in einer
Phase zu leben, in der neue Effekte gefunden werden.
In unserem Fall werden sie sicher dazu beitragen, das
alte Bild vom Aufbau der Hadronen zu ergänzen oder
neue Ideen zu lancieren.
RUBENS: Experimentelle Teilchenphysiker können
nur selten ihre Versuche an der eigenen Uni durchführen.
Wie beurteilen Sie die Mitarbeit an internationalen
Großprojekten?
Koch: Es gibt naturgemäß nur einige Orte
in der Welt, wo Beschleuniger stehen, an denen die hier
diskutierten Experimente durchgeführt werden können.
Die Vorteile bei der Mitarbeit an auswärtigen Experimenten
liegen insbesondere für Doktoranden und
Diplomanden in der internationalen Ausrichtung
der Arbeiten, die wegen der großen internen Konkurrenz
auf hohem Niveau sein müssen. Die Nachteile liegen
darin, dass regelmäßige Reisen nötig
sind. Allerdings werden viele der in die Detektoren
eingebauten Komponenten zu Hause konzipiert und getestet,
so dass der Ausbildungsaspekt nicht zu kurz kommt. Zahlreiche
Arbeiten lassen sich heute per Computer von zu Hause
aus erledigen. So werden z.B. größere Komponenten
der in Kalifornien sowie in der Schweiz und Deutschland
aufgebauten Experimente von Bochum aus gesteuert.
Birgit
Krummheuer
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