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RUBENS 84 1. Dezember 2003

„Chemie ist ein Gedicht“

Drittes Sonderheft 2003: ChemieRUBIN


Mit ihrem Alphabet, dem Periodensystem der Elemente, fügen sie Buchstaben, Atome, Moleküle aneinander und „dichten“ neue Stoffe, doch diese sind reell. Mit winzigen chemischen Systemen, die sich selbst verdoppeln, tasten sie sich an die Wurzeln des Lebens heran – erforschen eine Form des Wassers, die weder fest noch flüssig, noch gasförmig ist und faszinierende Lösungsmitteleigenschaften besitzt – oder entschlüsseln die Funktion von Proteinen und finden dabei Ansatzpunkte für Medikamente gegen Malaria und Krebs. Wer den Chemikerinnen und Chemikern der RUB jetzt über die Schultern blickt (in neun Beiträgen des aktuellen Sonderheftes des Wissenschaftsmagazins RUBIN), kommt schnell zu dem Schluss: „Chemie ist eine Gedicht“.
Aus Raumstruktur und Gestalt der Moleküle ergibt sich deren Funktion, sagen die Synthesechemiker und formen aus nur einer Molekülsorte Materialien mit völlig verschiedenen Eigenschaften: Ein solches „Multiples Molekül“ ist der Zinkoxid-Würfel (Zn4O4). Hüllt man es zunächst in organische Kleider, und gibt dann den passenden Bindungspartner dazu, dann wird das weitere Wachstum des Würfels gezielt gestoppt. Es entstehen Zinkoxid-Partikel von nur drei Nanometer Größe – sie besitzen eine 1000fach erhöhte Katalysatoraktivität bei der Methanolsynthese (Treibstoff der Zukunft!). Damit nicht genug, auch einzelne Moleküle lassen die Forscher jetzt in den winzigen Poren mesoporöser Materialien reagieren und versehen selbst deren Wände mit einem strategischen Design. Teilchen, die in diesen Poren gezielt aufeinander treffen, reagieren anders als im Becherglas. Es können neuartige Mischungen verschiedener Metalle (Legierungs-Nanopartikel) entstehen. Das praktische Beispiel: Geordnete, mesoporöse Materialien dienen als Abgussform für Kobalt-Platin-Nanodrähte.

Molekulare Kopiermaschinen

Am Anfang des Lebens standen vermutlich RNA- oder RNA-artige Moleküle – kurze Nucleinsäure-Stücke, die sich selbst replizieren. Man nimmt an, dass diese „RNA-Welt“ unserer heutigen „DNA-RNA-Protein-Welt“ vorausgegangen ist. Doch wie kam der Prozess in Gang ohne Hilfe der Enzyme? Aus zwei Bausteinen A und B entwickeln die Forscher das kleinstmögliche chemische System, das sich selbst kopiert, und beobachten theoretisch, wie es gewesen sein könnte. Doch die Kopiermaschinen arbeiten nicht schnell genug (parabolisches Wachstum) für eine Evolution im Darwinschen Sinn: Erst bei exponentiellem Wachstum siegt das stärkere über das schwächere System. Theoretische Untersuchungen sagen den Forschern jedoch voraus, dass auch parabolische Replikatoren unter bestimmten Bedingungen zur Evolution fähig sind. Beweisen sollen das nun Experimente in einem unbelebten, enzymfreien System – noch sind sie nicht gelungen.

Wasser neu entdecken

Dass Wasser je nach Druck und Temperatur fest, flüssig oder gasförmig sein kann, ist hinlänglich bekannt. Doch wer weiß schon, dass es über einer kritischen Temperatur von 374 °C keinem Aggregatzustand mehr zuzuordnen ist oder es allein Eis in zehn verschiedenen Formen gibt? Im Zusammenspiel von Experiment und Simulationen an Supercomputern (152 Prozessoren) kommen Wissenschaftler der Physikalischen und Theoretischen Chemie jetzt hinter die Vielfalt seiner Fähigkeiten. So ist es fraglich, ob sich z.B. die Eigenschaften der Wasserschichten um Makromoleküle und Membranen im Zellplasma, die nur wenige Moleküllagen umfassen, mit denen reinen flüssigen Wassers überhaupt vergleichen lassen. Wie sich jetzt zeigt, beeinflusst das umgebende Wasser die Proteine in ihrer Aktivität (Faltung/Entfaltung) und greift damit direkt in die Biosynthese ein.


Info: ChemieRUBIN ist ab Mitte Dezember für 5 Euro im Dekanat der Fakultät für Chemie (NC 02/129, Tel. -24732) erhältlich.




Barbara Kruse
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Letzte Änderung: 1.12.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik