Alleskönner Alge
Prof. Happe
sucht neue Wege zur Energiegewinnung
Lebensmittelzusatz, Kosmetikinhaltsstoff, Energielieferant:
Grünalgen sind wahre Alleskönner. Besonders
als Energielieferant interessiert die vielseitige niedere
Pflanze das Team um Prof. Thomas Happe, der seit Anfang
2003 an der RUB forscht.
Dass die herkömmliche Energiegewinnung aus fossilen
Brennstoffen nicht von ewiger Dauer sein kann, ist inzwischen
jedermann klar. Nicht nur, dass das dadurch entstehende
CO2 der Atmosphäre schadet, den Vorräten sind
natürliche Grenzen gesetzt. Unter den möglichen
Alternativen scheint vor allem die Brennstoffzelle, die
im kleinen Maßstab schon in Autos eingesetzt wird,
viel versprechend: Wasserstoff verbindet sich in der Brennstoffzelle
mit dem Sauerstoff der Luft zu reinem Wasser. Dabei wird
Strom erzeugt, der sich beliebig nutzen lässt. So
weit so gut, aber: Woher soll der notwendige Wasserstoff
kommen? Noch gewinnt man ihn aus fossilen Brennstoffen,
das Problem bleibt also das alte. Hier kommt aber die
Alge ins Spiel.
Zehnmal schneller als Schilfgras
Einige Algen können mittels eines Enzyms, der
sog. Hydrogenase, Wasserstoff produzieren. Die dafür
nötige Energie gewinnen sie durch Photosynthese.
Das Enzym ist aber extrem sauerstoffempfindlich und
wird daher nur unter anaeroben Bedingungen gebildet.
Um diesen Sauerstoffmangelzustand mit möglichst
wenig Aufwand zu erreichen, nutzen die Forscher einen
Trick: Sie füttern die Algen mit zu wenig Schwefel,
wodurch diese ihren Stoffwechsel so verändern,
dass sie mehr Sauerstoff atmen als sie durch die Photosynthese
produzieren. In einem geschlossenen System einem
Tank oder Plastikschlauch stellen sie so den
sauerstofffreien Zustand von allein her. Wir können
die Algen unter normalen Bedingungen anzüchten
und ihnen nur genau so viel Schwefel geben, dass er
nach ein bis zwei Tagen aufgebraucht ist, erläutert
Prof. Happe. Nach einem weiteren Tag fangen die
Algen an, Wasserstoff abzugeben. Das können sie
etwa zwei Wochen lang tun, dann wird ihnen der Stress
zuviel. Wenn es soweit ist, entfernen die Forscher
70 bis 80 Prozent der Algen aus der Kultur und lassen
sie sich wieder unter normalen Bedingungen vermehren,
bis das ganze von vorn beginnt. Die entfernten Algen
könnten z. B. zu Biodiesel verarbeitet werden.
Algen stellen einen schnell wachsenden Rohstoff
dar, bemerkt Happe am Rande: Sie wachsen
zehnmal schneller als Schilfgras.
Das Prinzip ist also einfach, und der Wirkungsgrad schon
jetzt größer als zehn Prozent, obwohl das
System noch nicht optimiert ist zum Vergleich:
Der Wirkungsgrad der H2-Produktion durch Photovoltaik
liegt bei ca. zehn Prozent. Aber das genügt noch
lange nicht: Um den Energiebedarf eines durchschnittlichen
Dreipersonenhaushalts durch Wasserstoff aus Algen decken
zu können, würde man eine Fläche von
ca. 50 Kubikmeter Algenkultur benötigen. Da die
Algen für Wachstum und Produktion Licht brauchen,
kann man sie nur in ca. zehn bis 20 cm tiefen Gefäßen
halten, so dass der Haushalt ein Algenbecken von ca.
500 Quadratmetern Größe haben müsste.
Natürliche Selektion und genetische Manipulationen
haben aber bereits Algen hervorgebracht, die fünfmal
mehr Wasserstoff produzieren. Untersuchungen zeigen,
dass auch der Wirkungsgrad des Systems steigt und die
Forscher hoffen, ihn in Zukunft um den Faktor vier bis
sechs steigern zu können. Dazu entwickeln sie auch
neuartige Algenstämme, die hell- statt dunkelgrün
sind, und so mehr Licht durchlassen. Das könnte
für die Entwicklung von neuen, tieferen
Bioreaktoren wichtig sein, um die benötigte Fläche
zu reduzieren.
Mit oder ohne Alge
Prof. Happe und seinen Kollegen haben aber auch auf
einem anderen Gebiet einen wichtigen Durchbruch errungen:
Den Wissenschaftlern gelang es vor kurzem, die Geninformationen
zu ermitteln, die für den Bau des Enzyms Hydrogenase
nötig sind. Schleust man diese Informationen in
Bakterien ein, können diese 100mal mehr Hydrogenase
produzieren als die Alge. Das Enzym (ein Molekül
davon produziert pro Sekunde ca. 5.000 Moleküle
Wasserstoff) kann man inzwischen auch isolieren und
auf anorganische Trägermaterialien aufbringen,
die als Wasserstoff-produzierender Katalysator wirken.
Damit dieses System auch an der Luft also ohne
Sauerstoffmangel arbeiten kann, sind die Forscher
dabei, das Enzym so zu verändern, dass es nicht
mehr sauerstoffempfindlich ist. Man könnte
sich nun z. B. eine mobile Brennstoffzelle vorstellen,
die ihren Wasserstoff aus einer enzymbeschichteten Membran
bezieht. Die für die Wasserstoffproduktion notwendige
Energie in Form von überzähligen Elektronen
könnte man z. B. mit einer chemischen Reaktion
koppeln. Oder man baut eine weitere Einheit ein, die
Photosynthese betreibt wie die Alge, blickt Prof.
Happe in die Zukunft. Weiteres Ziel der Forscher ist
es, den Mechanismus der Wasserstoffproduktion im Protein
zu verstehen, um auf Basis der von der Natur geschaffenen
Reaktion chemische Katalysatoren herzustellen. Der gebürtige
Herner gibt sowohl dem System mit als auch dem ohne
Alge gute Chancen: Es komme nur auf die richtige Nische
an. Wunder kann man natürlich nicht erwarten,
aber in fünf bis zehn Jahren könnte es erste
Anwendungen geben, spekuliert er.
Prof. Happe hat an der Ruhr-Uni Biologie studiert, ist
nach der Promotion Mitte der 90er Jahre an die Uni Bonn
gegangen und hat ein Jahr bei befreundeten Algenforschern
in Berkeley verbracht. Nach Bochum ist er gern zurückgekommen:
Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets und kenne die
Schönheiten dieser Region. Auch weiß ich
die gute Wissenschaftslandschaft und die kurzen Wege
an der RUB zu schätzen. Zudem passt sein
Schwerpunkt gut in die hiesige Forschungslandschaft:
Seine Arbeitsgruppe ist bereits am Proteincenter, am
internationalen Graduiertenkolleg Regulationsnetzwerke
in zellulären Systemen und am Sonderforschungsbereich
Molekulare Biologie komplexer Leistungen von botanischen
Systemen beteiligt. Es ist praktisch, dass
hier schon eine gute Infrastruktur am Lehrstuhl Biochemie
der Pflanzen besteht, die wir gemeinsam nutzen können,
so Happe. Auch an einer interdisziplinärer Zusammenarbeit
ist er interessiert und plant bereits gemeinsame Projekte
mit den Maschinenbauern (Institut für Energietechnik)
und den Chemikern.
md
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