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RUBENS 83 3. November 2003


Abstauben und lüften

PCB an der RUB: Probemessungen in 140 Räumen auf dem Campus


Zwischen „Panikmache“ und „unvollständiger Auskunft“ bewegt sich zurzeit die Informationspolitik zum Thema „PCB“. Während der Asta von einem „Störfall an der Ruhr-Uni“ berichtet, hatte es die Univerwaltung zunächst versäumt, die Studierenden direkt zu informieren. Doch: Was ist wirklich dran am PCB?


Beim Bau der RUB wurden – wie bei vielen in den 1960er- und 70er-Jahren errichteten Gebäuden – PCB-haltige Baustoffe (z.B. Verfugungsmaterial) eingesetzt. PCB (Polychlorierte Biphenyle, s. Kasten) gelten ab 3.000 Nanogramm pro Kubikmeter Luft (Interventionswert) als gesundheitsgefährdend. Bei Werten zwischen 300 und 3.000 Nanogramm (Vorsorgewert) befürchten einige Experten Gefahren für Schwangere und das ungeborene Leben - laut PCB-Richtlinie bei einer Dauerbelastung von 24 Stunden. Laut Mutterschutz dürfen Schwangere nicht in belasteten Räumen arbeiten. Nur Werte unter 300 Nanogramm gelten als unbedenklich.
Wie es an der RUB aussieht, ermittelt seit Februar das Hygiene-Institut Gelsenkirchen. Es misst die PCB-Konzentration in 140 Räumen der RUB (das entspricht einem Prozent der Räume). Bei der Auswahl wurden verschiedene Faktoren berücksichtigt, u.a. die Art der Belüftung oder der Umstand, ob Räume bereits renoviert und/oder asbestsaniert sind. Ausgesucht wurden die Räume vom Eigentümer der RUB, dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB).
Bis Ende Oktober wurde in 51 Räumen gemessen. In elf Fällen lag die PCB-Konzentration im unbedenklichen Bereich (vor allem in den Gebäuden MA, UV, UB, FNO), in zwei Fällen über 3.000 Nanogramm (Gebäude NA), in den restlichen Räumen wurden Werte zwischen 300 und 3.000 Nanogramm festgestellt. Die PCB-Richtlinie NRW gibt in solchen Fällen vor, „die Quellen für die Raumbelastung mittelfristig ... zu entfernen“. Bis zur Sanierung soll „durch regelmäßiges Lüften eine Reduzierung der PCB-Belastung bewirkt werden“. Räume mit einer Belastung von über 3.000 Nanogramm müssen unverzüglich gesperrt und saniert werden. Da an der RUB ohnehin eine Kernsanierung geplant ist, werden die Gefahrenquellen demnächst beseitigt. Ansonsten wird versucht, das Übel mit Staubwischen und Lüften zu beseitigen.
In der Tat reduzieren Lüften und Reinemachen die PCB-Belastung erheblich. Das zeigte sich in den beiden Räumen im NA. Hier wurden zunächst Werte von knapp 5.000 Nanogramm festgestellt. Eigentlich hätten beide Räume sofort saniert werden müssen. Da sie jedoch seit Jahren nicht benutzt werden (sie stehen einem emeritierten Professor zu), wählte die Abteilung Arbeitssicherheit der RUB sie für einen Test aus: Großreinigung – Abwarten – neue Messung. Diese ergab Werte knapp über 2.000 Nanogramm.
Etwas dringlicher gestaltet sich die Situation für Schwangere. Deshalb waren die Umwelttoxikologen vom Hygiene-Institut auch explizit in Räumen unterwegs, wo Schwangere beschäftigt sind. Laut Wolfgang Krause, im Personaldezernat u.a. zuständig für Mutterschutz, wurden in vier Räumen PCB-Werte über 300 Nanogramm gemessen. Für zwei der betroffenen Schwangeren konnten keine Ersatzräume gefunden werden. Sie wurden bei voller Lohnfortzahlung vom Dienst freigestellt. Für eine Schwangere wurde ein Ersatzbüro gefunden. Im vierten Fall wurde nach einer Grundreinigung erneut gemessen und keine bedenkliche Belastung mehr festgestellt.
Eine der beiden freigestellten Schwangeren arbeitete zuvor als Chemotechnikerin am Institut für Geologie, Mineralogie & Geophysik (GMG). Hier war sie direkt in Forschungsprojekte eingebunden und galt als Arbeitskraft, auf die man nicht verzichten kann. Dennoch musste sie kurzfristig ihren Arbeitsplatz räumen – ein harter Schlag für sie selbst und das Institut: „Wir mussten zwei Monate lang ohne Technische Angestellte auskommen“, erinnert sich Prof. Hermann Gies vom GMG. „Eine kontinuierliche Forschung war nicht mehr gewährleistet.“ Natürlich dachte niemand am Institut daran, die schwangere Chemotechnikerin weiterhin in einem PCB-belasteten Raum arbeiten zu lassen, sondern in einem Ersatzarbeitsraum. Denn obwohl kaum jemand an der RUB wegen PCB in Panikmache verfällt, werden die möglichen Gefahren keineswegs unterschätzt.
Gleichwohl weist Dr. Martina Hartmann von der Abteilung darauf hin, dass – aufgrund des höheren Chloranteils – „die PCB-Aufnahme über die Nahrung gefährlicher ist als jene über die Luft“. Diese Auffassung vertritt auch der RUB-Betriebsarzt Johannes Rengeling, er sagt: „Der Hauptanteil des aufgenommenen PCB erfolgt über die Nahrung.“ Hinzu kommt laut Dr. Hartmann, dass alle PCB-Richtlinien von einer Dauerbelastung (laut Weltgesundheitsorganisation: 24 Stunden am Stück) ausgehen. So lange hält sich selten jemand an der RUB auf.
Die Sorgen von Schwangeren, auch von schwangeren Studentinnen, kann Martina Hartmann jedoch gut nachvollziehen. Wer Zweifel hat, ob der Aufenthalt in Hörsälen oder Seminarräumen gefährlich ist, sollte ihrer Meinung Rat beim Frauenarzt suchen (s. Interview unten). Auch Dr. Hartmann berät in diesen Fragen gerne (0234/32-28784). Eine Sorge kann allen Studierenden ohnehin genommen werden: Die Hörsäle an der RUB besitzen zwar keine Fenster, eine zentral gesteuerte Lüftung sorgt allerdings für ständigen Luftaustausch.

PCB Fakten
PCB ist das Kürzel für Polychlorierten Biphenyle, eine Gruppe von chlorierten Kohlenwasserstoffen mit über 200 möglichen Verbindungen. Sie unterscheiden sich in Anzahl und Stellung der Chloratome am Molekül. PCB sind geruchs- und geschmacklos. Sie lösen sich in Wasser kaum auf, dagegen um so besser in organischen Lösungsmitteln, Ölen und Fetten. PCB sind billig herzustellen, relativ unempfindlich gegenüber Wärme, Kälte und Licht, sie sind nicht brennbar, chemisch stabil und besitzen gute Isolationseigenschaften. Sie galten daher bis Anfang der 70er-Jahre als Allround-Chemikalie.
In der Natur gibt es jedoch kaum Möglichkeiten, den Stoff – wenn er in den natürlichen Kreislauf eingebracht ist – wieder abzubauen. Das Verhalten der PCB in der Umwelt ist in erster Linie vom Chlorierungsgrad abhängig. Je höher er ist, desto ausgeprägter weisen die PCB Nachteile auf: Sie sind leicht fettlöslich und reichern sich in der Nahrungskette an. Dies zeigt sich insbesondere bei fetthaltigen, tierischen Nahrungsmitteln (bes. Fisch) und Muttermilch. Die auf Dauer im Körper deponierten PCB können Stoffwechselstörungen der Leber, Hautschäden und eine Beeinträchtigung des Immunsystems bewirken.
PCB werden seit 1929 hergestellt. Die Produktionsspitze war in den 70er-Jahren. Verwendet wurden sie in sog. geschlossenen und offenen Systemen. Ein geschlossenes System ist z.B. ein Kondensator oder ein Transformator. PCB in offenen Systemen finden sich z.B. bei Schmiermitteln, Lacken, Anstrichmitteln, Klebstoffen oder Asphalt.
1968, nach einer Massenvergiftung in Japan durch PCB-verunreinigtes Reisöl, erkannte man die von PCB ausgehenden Gefahren. Etwa 1.800 Menschen waren von der sog. Reisölkrankheit betroffen. 1972 verzichtete deshalb der deutsche Hersteller von PCB (Bayer AG) auf die Herstellung von PCB für offene Systeme. 1989 wurde die Herstellung von PCB generell in Deutschland verboten.
Quelle: PCB Elterninitiative Duisburg

Interview
Rückgang der Belastung
Der BLB hat das in Gelsenkirchen ansässige Hygiene-Institut des Ruhrgebiets mit den PCB-Messungen und Auswertungen beauftragt. Arne Dessaul unterhielt sich mit Prof. Uwe Ewers, der im Hygiene-Institut den Bereich Umweltmedizin und Umwelttoxikologie leitet.


RUBENS: Herr Professor Ewers, wie beurteilen Sie die Gesundheitsgefährdung durch PCB?
Prof. Ewers: Für die Beurteilung bedeutsam ist die Feststellung, dass PCB hauptsächlich über die Nahrung aufgenommen werden (mehr als 95 Prozent der Gesamtmenge) und dass die nahrungsbedingte PCB-Zufuhr seit zehn bis 15 Jahren deutlich rückläufig ist: als Folge des PCB-Verbots Anfang der 80er-Jahre. Die Verminderung der Belastung der Allgemeinbevölkerung zeigt sich u.a. im Rückgang der PCB-Konzentrationen in Humanblutproben und in Muttermilchproben von stillenden Frauen. Die Aufnahme von PCB über die Atemluft macht in Relation zur nahrungsbedingten PCB-Aufnahme nur einen sehr geringen Anteil aus. Dieser Anteil kann bei PCB-Raumluftkonzentrationen von 1.000 Nanogramm pro Kubikmeter und einem Aufenthalt von etwa sechs Stunden pro Tag mit zirka fünf Prozent geschätzt werden.

RUBENS: Halten Sie die in den PCB-Richlinien des Landes NRW vorgegebenen Werte (Vorsorgewert, Interventionswert) für sinnvoll?

Prof. Ewers: Die Richtwerte sind aus meiner Sicht sinnvoll und praktikabel. Sie enthalten ein ausreichendes Maß an Sicherheit und sind streng genommen als Vorsorgewerte einzustufen.

RUBENS: Sind Ihnen Menschen bekannt, die nachweislich durch Aufenthalt in PCB-belasteten Räumen hervorgerufene Gesundheitsschädigungen erlitten haben?
Prof. Ewers: Nein.

RUBENS: An der RUB sind zurzeit vor allem Schwangere aufgrund der Messungen unsicher, ob sie sich noch in Laboren, Büros oder Hörsälen aufhalten sollen – können Sie ihnen mit einem Ratschlag helfen?
Prof. Ewers: Bei PCB-belasteten Räumen ist generell zu empfehlen: verstärktes Lüften und Entfernen von Altstaubablagerungen. Die Messungen werden in der Regel unter ungünstigen Bedingungen (nicht gelüftete Räume) durchgeführt. Daraus resultieren die zum Teil hohen Werte. Durch regelmäßiges Lüften können die PCB-Konzentrationen in der Raumluft deutlich abgesenkt werden. Bei Schwangeren sind zum Schutz des Kindes verschiedene Vorsorgemaßnahmen angezeigt (möglichst keine Medikamente, Verzicht auf Alkohol- und Tabakkonsum). Eine besondere Gefährdung durch PCB-haltige Raumluft besteht nicht, wenn man bedenkt, dass PCB – wie bereits gesagt – nur zu einem geringen Teil über die Atemluft aufgenommen werden. In Relation zu den Schwankungen der nahrungsbedingten PCB-Belastung ist dieser Anteil vernachlässigbar gering. Die Zusatzbelastung über die Atemluft sollte natürlich dennoch möglichst gering gehalten werden. Ich sehe aber keine Probleme und Gefahren, wenn schwangere Frauen in Räumen arbeiten, die PCB-Raumluftkonzentrationen bis zu 900 Nanogramm pro Kubikmeter aufweisen. Dieser Grenzwert wird in Baden-Württemberg als Beurteilungswert hinsichtlich der Beschäftigung von schwangeren Frauen in PCB-belasteten Gebäuden angewandt.



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Letzte Änderung: 31.10.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik