Abstauben und lüften
PCB an
der RUB: Probemessungen in 140 Räumen auf dem Campus
Zwischen Panikmache und unvollständiger
Auskunft bewegt sich zurzeit die Informationspolitik
zum Thema PCB. Während der Asta von einem
Störfall an der Ruhr-Uni berichtet, hatte
es die Univerwaltung zunächst versäumt, die
Studierenden direkt zu informieren. Doch: Was ist wirklich
dran am PCB?
Beim Bau der RUB wurden wie bei vielen in den 1960er-
und 70er-Jahren errichteten Gebäuden PCB-haltige
Baustoffe (z.B. Verfugungsmaterial) eingesetzt. PCB (Polychlorierte
Biphenyle, s. Kasten) gelten ab 3.000 Nanogramm pro Kubikmeter
Luft (Interventionswert) als gesundheitsgefährdend.
Bei Werten zwischen 300 und 3.000 Nanogramm (Vorsorgewert)
befürchten einige Experten Gefahren für Schwangere
und das ungeborene Leben - laut PCB-Richtlinie bei einer
Dauerbelastung von 24 Stunden. Laut Mutterschutz dürfen
Schwangere nicht in belasteten Räumen arbeiten. Nur
Werte unter 300 Nanogramm gelten als unbedenklich.
Wie es an der RUB aussieht, ermittelt seit Februar das
Hygiene-Institut Gelsenkirchen. Es misst die PCB-Konzentration
in 140 Räumen der RUB (das entspricht einem Prozent
der Räume). Bei der Auswahl wurden verschiedene
Faktoren berücksichtigt, u.a. die Art der Belüftung
oder der Umstand, ob Räume bereits renoviert und/oder
asbestsaniert sind. Ausgesucht wurden die Räume vom
Eigentümer der RUB, dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb
NRW (BLB).
Bis Ende Oktober wurde in 51 Räumen gemessen. In
elf Fällen lag die PCB-Konzentration im unbedenklichen
Bereich (vor allem in den Gebäuden MA, UV, UB, FNO),
in zwei Fällen über 3.000 Nanogramm (Gebäude
NA), in den restlichen Räumen wurden Werte zwischen
300 und 3.000 Nanogramm festgestellt. Die PCB-Richtlinie
NRW gibt in solchen Fällen vor, die Quellen
für die Raumbelastung mittelfristig ... zu entfernen.
Bis zur Sanierung soll durch regelmäßiges
Lüften eine Reduzierung der PCB-Belastung bewirkt
werden. Räume mit einer Belastung von über
3.000 Nanogramm müssen unverzüglich gesperrt
und saniert werden. Da an der RUB ohnehin eine Kernsanierung
geplant ist, werden die Gefahrenquellen demnächst
beseitigt. Ansonsten wird versucht, das Übel mit
Staubwischen und Lüften zu beseitigen.
In der Tat reduzieren Lüften und Reinemachen die
PCB-Belastung erheblich. Das zeigte sich in den beiden
Räumen im NA. Hier wurden zunächst Werte von
knapp 5.000 Nanogramm festgestellt. Eigentlich hätten
beide Räume sofort saniert werden müssen. Da
sie jedoch seit Jahren nicht benutzt werden (sie stehen
einem emeritierten Professor zu), wählte die Abteilung
Arbeitssicherheit der RUB sie für einen Test aus:
Großreinigung Abwarten neue Messung.
Diese ergab Werte knapp über 2.000 Nanogramm.
Etwas dringlicher gestaltet sich die Situation für
Schwangere. Deshalb waren die Umwelttoxikologen vom Hygiene-Institut
auch explizit in Räumen unterwegs, wo Schwangere
beschäftigt sind. Laut Wolfgang Krause, im Personaldezernat
u.a. zuständig für Mutterschutz, wurden in vier
Räumen PCB-Werte über 300 Nanogramm gemessen.
Für zwei der betroffenen Schwangeren konnten keine
Ersatzräume gefunden werden. Sie wurden bei voller
Lohnfortzahlung vom Dienst freigestellt. Für eine
Schwangere wurde ein Ersatzbüro gefunden. Im vierten
Fall wurde nach einer Grundreinigung erneut gemessen und
keine bedenkliche Belastung mehr festgestellt.
Eine der beiden freigestellten Schwangeren arbeitete zuvor
als Chemotechnikerin am Institut für Geologie, Mineralogie
& Geophysik (GMG). Hier war sie direkt in Forschungsprojekte
eingebunden und galt als Arbeitskraft, auf die man nicht
verzichten kann. Dennoch musste sie kurzfristig ihren
Arbeitsplatz räumen ein harter Schlag für
sie selbst und das Institut: Wir mussten zwei Monate
lang ohne Technische Angestellte auskommen, erinnert
sich Prof. Hermann Gies vom GMG. Eine kontinuierliche
Forschung war nicht mehr gewährleistet. Natürlich
dachte niemand am Institut daran, die schwangere Chemotechnikerin
weiterhin in einem PCB-belasteten Raum arbeiten zu lassen,
sondern in einem Ersatzarbeitsraum. Denn obwohl kaum jemand
an der RUB wegen PCB in Panikmache verfällt, werden
die möglichen Gefahren keineswegs unterschätzt.
Gleichwohl weist Dr. Martina Hartmann von der Abteilung
darauf hin, dass aufgrund des höheren Chloranteils
die PCB-Aufnahme über die Nahrung gefährlicher
ist als jene über die Luft. Diese Auffassung
vertritt auch der RUB-Betriebsarzt Johannes Rengeling,
er sagt: Der Hauptanteil des aufgenommenen PCB erfolgt
über die Nahrung. Hinzu kommt laut Dr. Hartmann,
dass alle PCB-Richtlinien von einer Dauerbelastung (laut
Weltgesundheitsorganisation: 24 Stunden am Stück)
ausgehen. So lange hält sich selten jemand an der
RUB auf.
Die Sorgen von Schwangeren, auch von schwangeren Studentinnen,
kann Martina Hartmann jedoch gut nachvollziehen. Wer Zweifel
hat, ob der Aufenthalt in Hörsälen oder Seminarräumen
gefährlich ist, sollte ihrer Meinung Rat beim Frauenarzt
suchen (s. Interview unten). Auch Dr. Hartmann berät
in diesen Fragen gerne (0234/32-28784). Eine Sorge kann
allen Studierenden ohnehin genommen werden: Die Hörsäle
an der RUB besitzen zwar keine Fenster, eine zentral gesteuerte
Lüftung sorgt allerdings für ständigen
Luftaustausch.
PCB Fakten
PCB ist das Kürzel für Polychlorierten Biphenyle,
eine Gruppe von chlorierten Kohlenwasserstoffen mit
über 200 möglichen Verbindungen. Sie unterscheiden
sich in Anzahl und Stellung der Chloratome am Molekül.
PCB sind geruchs- und geschmacklos. Sie lösen sich
in Wasser kaum auf, dagegen um so besser in organischen
Lösungsmitteln, Ölen und Fetten. PCB sind
billig herzustellen, relativ unempfindlich gegenüber
Wärme, Kälte und Licht, sie sind nicht brennbar,
chemisch stabil und besitzen gute Isolationseigenschaften.
Sie galten daher bis Anfang der 70er-Jahre als Allround-Chemikalie.
In der Natur gibt es jedoch kaum Möglichkeiten,
den Stoff wenn er in den natürlichen Kreislauf
eingebracht ist wieder abzubauen. Das Verhalten
der PCB in der Umwelt ist in erster Linie vom Chlorierungsgrad
abhängig. Je höher er ist, desto ausgeprägter
weisen die PCB Nachteile auf: Sie sind leicht fettlöslich
und reichern sich in der Nahrungskette an. Dies zeigt
sich insbesondere bei fetthaltigen, tierischen Nahrungsmitteln
(bes. Fisch) und Muttermilch. Die auf Dauer im Körper
deponierten PCB können Stoffwechselstörungen
der Leber, Hautschäden und eine Beeinträchtigung
des Immunsystems bewirken.
PCB werden seit 1929 hergestellt. Die Produktionsspitze
war in den 70er-Jahren. Verwendet wurden sie in sog.
geschlossenen und offenen Systemen. Ein geschlossenes
System ist z.B. ein Kondensator oder ein Transformator.
PCB in offenen Systemen finden sich z.B. bei Schmiermitteln,
Lacken, Anstrichmitteln, Klebstoffen oder Asphalt.
1968, nach einer Massenvergiftung in Japan durch PCB-verunreinigtes
Reisöl, erkannte man die von PCB ausgehenden Gefahren.
Etwa 1.800 Menschen waren von der sog. Reisölkrankheit
betroffen. 1972 verzichtete deshalb der deutsche Hersteller
von PCB (Bayer AG) auf die Herstellung von PCB für
offene Systeme. 1989 wurde die Herstellung von PCB generell
in Deutschland verboten.
Quelle: PCB Elterninitiative Duisburg
Interview
Rückgang der Belastung
Der BLB hat das in Gelsenkirchen ansässige Hygiene-Institut
des Ruhrgebiets mit den PCB-Messungen und Auswertungen
beauftragt. Arne Dessaul unterhielt sich mit Prof. Uwe
Ewers, der im Hygiene-Institut den Bereich Umweltmedizin
und Umwelttoxikologie leitet.
RUBENS: Herr Professor Ewers, wie beurteilen Sie
die Gesundheitsgefährdung durch PCB?
Prof. Ewers: Für die Beurteilung bedeutsam ist
die Feststellung, dass PCB hauptsächlich über
die Nahrung aufgenommen werden (mehr als 95 Prozent
der Gesamtmenge) und dass die nahrungsbedingte PCB-Zufuhr
seit zehn bis 15 Jahren deutlich rückläufig
ist: als Folge des PCB-Verbots Anfang der 80er-Jahre.
Die Verminderung der Belastung der Allgemeinbevölkerung
zeigt sich u.a. im Rückgang der PCB-Konzentrationen
in Humanblutproben und in Muttermilchproben von stillenden
Frauen. Die Aufnahme von PCB über die Atemluft
macht in Relation zur nahrungsbedingten PCB-Aufnahme
nur einen sehr geringen Anteil aus. Dieser Anteil kann
bei PCB-Raumluftkonzentrationen von 1.000 Nanogramm
pro Kubikmeter und einem Aufenthalt von etwa sechs Stunden
pro Tag mit zirka fünf Prozent geschätzt werden.
RUBENS: Halten Sie die in den PCB-Richlinien des Landes
NRW vorgegebenen Werte (Vorsorgewert, Interventionswert)
für sinnvoll?
Prof. Ewers: Die Richtwerte sind aus meiner Sicht sinnvoll
und praktikabel. Sie enthalten ein ausreichendes Maß
an Sicherheit und sind streng genommen als Vorsorgewerte
einzustufen.
RUBENS: Sind Ihnen Menschen bekannt, die nachweislich
durch Aufenthalt in PCB-belasteten Räumen hervorgerufene
Gesundheitsschädigungen erlitten haben?
Prof. Ewers: Nein.
RUBENS: An der RUB sind zurzeit vor allem Schwangere
aufgrund der Messungen unsicher, ob sie sich noch in
Laboren, Büros oder Hörsälen aufhalten
sollen können Sie ihnen mit einem Ratschlag
helfen?
Prof. Ewers: Bei PCB-belasteten Räumen ist generell
zu empfehlen: verstärktes Lüften und Entfernen
von Altstaubablagerungen. Die Messungen werden in der
Regel unter ungünstigen Bedingungen (nicht gelüftete
Räume) durchgeführt. Daraus resultieren die
zum Teil hohen Werte. Durch regelmäßiges
Lüften können die PCB-Konzentrationen in der
Raumluft deutlich abgesenkt werden. Bei Schwangeren
sind zum Schutz des Kindes verschiedene Vorsorgemaßnahmen
angezeigt (möglichst keine Medikamente, Verzicht
auf Alkohol- und Tabakkonsum). Eine besondere Gefährdung
durch PCB-haltige Raumluft besteht nicht, wenn man bedenkt,
dass PCB wie bereits gesagt nur zu einem
geringen Teil über die Atemluft aufgenommen werden.
In Relation zu den Schwankungen der nahrungsbedingten
PCB-Belastung ist dieser Anteil vernachlässigbar
gering. Die Zusatzbelastung über die Atemluft sollte
natürlich dennoch möglichst gering gehalten
werden. Ich sehe aber keine Probleme und Gefahren, wenn
schwangere Frauen in Räumen arbeiten, die PCB-Raumluftkonzentrationen
bis zu 900 Nanogramm pro Kubikmeter aufweisen. Dieser
Grenzwert wird in Baden-Württemberg als Beurteilungswert
hinsichtlich der Beschäftigung von schwangeren
Frauen in PCB-belasteten Gebäuden angewandt.
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