Ein Traum wird
wahr
Interview:
Prof. Bonwetsch baut in Moskau ein Historisches Institut
auf
Immer auf Achse, immer irgendwo in Russland: Einen Termin
mit Prof. Bernd Bonwetsch (Osteuropäische Geschichte)
zu bekommen, ist schwer. Noch schwieriger wird es zukünftig:
Ab sofort ist er Direktor des Deutschen Historischen
Instituts in Moskau. Kurz vor seinem Aufbruch sprach
er mit Indre Döpcke.
Rubens: Herr Prof. Bonwetsch,
Sie gehen bis Februar 2006 als Direktor des Deutschen
Historischen Instituts nach Moskau. Wie haben Sie den
Ruf dorthin erhalten?
Bonwetsch: Vorab muss ich gleich etwas korrigieren:
Von Oktober diesen Jahres bis Februar 2006 bin ich von
meiner Arbeit hier am Lehrstuhl beurlaubt. Nach Moskau
gehe ich für fünf Jahre bis 2008. Aber
zu ihrer Frage: Auf die Stelle des Direktors habe ich
mich ganz normal beworben. Im November 2002 war die
Stelle in der ZEIT ausgeschrieben.
Rubens: Warum, glauben Sie, hat man Sie gewählt?
Bonwetsch: Nun, meine Wahl wurde mir nicht erläutert,
aber ich denke, dass meine langjährigen Kontakte
zu russischen Historikern und Archivaren mein Kapital
waren. Ohne Kontakte und Erfahrung kann man eine solche
Aufgabe nicht angehen.
Rubens: Wie wird Ihre Aufgabe in Moskau aussehen?
Bonwetsch: Das Deutsche Historische Institut gibt es
dort noch gar nicht, es muss erst aufgebaut werden.
Am Anfang wird daher Organisatorisches meinen Alltag
bestimmen. Neben meinem Umzug muss ich passende Räumlichkeiten
finden und Mitarbeiter auswählen. Ich habe pro
Jahr einen bestimmten Etat zur Verfügung, von dem
alles bezahlt werden muss. Bislang bin ich noch mein
einziger Mitarbeiter, aber die Stelle des Bibliothekars
ist bereits ausgeschrieben.
Rubens: Warum ausgerechnet ein Bibliothekar?
Bonwetsch: Eine der Hauptaufgaben ist im Augenblick
der Aufbau einer Bibliothek, die sowohl deutschen Russland-Forschern
als auch russischen Deutschland-Forschern offen stehen
soll. Eine Reihe von Kollegen hat mir dafür bereits
Tausende von Büchern überlassen, auch meine
eigene Sammlung geht ins Institut ein. Deshalb ist es
wichtig, gleich am Anfang einen Bibliothekar zu finden,
damit diese Bücher möglichst bald zugänglich
werden. Ich brauche natürlich auch schnell eine
Sekretärin, die sich mit der russischen Bürokratie
auskennt, Russisch, Deutsch und Englisch spricht und
mir hilft, den Alltag zu managen.
Rubens: Mit welchen Gefühlen gehen Sie nach
Moskau?
Bonwetsch: Mit gemischten. Einerseits bin ich voller
Enthusiasmus, auch mit meinen 63 Jahren, und freue mich
auf die neue Arbeit. Schließlich geht damit für
mich ein Traum in Erfüllung. Andererseits fühle
ich mich wie ein Deserteur. Ich lasse relativ kurzfristig
viele, die mir am Herzen liegen, im Stich: meine Sekretärin,
Doktoranden, Studierende und nicht zuletzt Kollegen,
mit denen ich mich gut verstehe. Außerdem sehe
ich die Ruhr-Uni immer auch ein Stück weit als
meine Uni an, nach 23 Jahren Lehre und Forschung
hier. Dennoch wird sich meine Hauptarbeit in Zukunft
auf Moskau konzentrieren.
Rubens: Welche Ziele haben Sie sich für Moskau
gesteckt?
Bonwetsch: Zum einen sollen die deutsch-russischen Beziehungen
nicht nur im engeren Sinne, sondern auch im Sinne gegenseitiger
kultureller, wirtschaftlicher und politischer Beeinflussung
erforscht werden. Dann sollen neue Archivmöglichkeiten
umgesetzt werden, die vor allem deutschen Forschern
die wissenschaftliche Arbeit erleichtern und den Weg
in russische Archive vereinfachen sollen. Zum anderen
besteht ein Ziel darin, die russischen Deutschland-Forscher
zu unterstützen, indem wir ihnen Bücher zu
unserer Geschichte und Literatur zur Verfügung
stellen, Bücher, die ihnen zurzeit weitgehend unzugänglich
sind. Ich würde gern die Zusammenarbeit zwischen
Deutschen und Russen positiv beeinflussen. Viele Russen,
auch Wissenschaftler, richten den Blick momentan vor
allem nach Amerika. Das Deutschlandinteresse ist zurückgegangen.
Um es neu aufleben zu lassen, müssen z.B. russische
Germanisten, wie dort Deutschland-Historiker
heißen, an entsprechende Literatur herankommen
können. Deswegen wird die Bibliothek auch einen
deutschlandhistorischen Schwerpunkt haben. Mir schwebt
eine Art Nationalbibliothek für russische Deutschland-Forscher
in Moskau vor.
Rubens: Ist schon klar, wer die Aufgaben an Ihrem Lehrstuhl
übernimmt, wenn Sie in Moskau sind?
Bonwetsch: Ich werde hier während meiner Beurlaubung
vertreten. 2006 werde ich pensioniert, dann wird hoffentlich
der Lehrstuhl neu ausgeschrieben. Aber ich werde die
nächsten Jahre schon noch an der Uni zu sehen sein,
da Drittmittel-Projekte von mir weiterlaufen und auch
noch Prüfungen abgenommen werden müssen. Zum
Glück ist es ja heute leichter, mit Hilfe der modernen
Kommunikation in regem Kontakt zu bleiben.
Rubens: Danke für das Gespräch. Wir wünschen
Ihnen alles Gute für Ihre Arbeit in Moskau.
Indre
Döpcke
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