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RUBENS 83 3. November 2003

Ein Traum wird wahr

Interview: Prof. Bonwetsch baut in Moskau ein Historisches Institut auf


Immer auf Achse, immer irgendwo in Russland: Einen Termin mit Prof. Bernd Bonwetsch (Osteuropäische Geschichte) zu bekommen, ist schwer. Noch schwieriger wird es zukünftig: Ab sofort ist er Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau. Kurz vor seinem Aufbruch sprach er mit Indre Döpcke.


Rubens: Herr Prof. Bonwetsch, Sie gehen bis Februar 2006 als Direktor des Deutschen Historischen Instituts nach Moskau. Wie haben Sie den Ruf dorthin erhalten?
Bonwetsch: Vorab muss ich gleich etwas korrigieren: Von Oktober diesen Jahres bis Februar 2006 bin ich von meiner Arbeit hier am Lehrstuhl beurlaubt. Nach Moskau gehe ich für fünf Jahre – bis 2008. Aber zu ihrer Frage: Auf die Stelle des Direktors habe ich mich ganz normal beworben. Im November 2002 war die Stelle in der ZEIT ausgeschrieben.

Rubens: Warum, glauben Sie, hat man Sie gewählt?

Bonwetsch: Nun, meine Wahl wurde mir nicht erläutert, aber ich denke, dass meine langjährigen Kontakte zu russischen Historikern und Archivaren mein Kapital waren. Ohne Kontakte und Erfahrung kann man eine solche Aufgabe nicht angehen.

Rubens: Wie wird Ihre Aufgabe in Moskau aussehen?

Bonwetsch: Das Deutsche Historische Institut gibt es dort noch gar nicht, es muss erst aufgebaut werden. Am Anfang wird daher Organisatorisches meinen Alltag bestimmen. Neben meinem Umzug muss ich passende Räumlichkeiten finden und Mitarbeiter auswählen. Ich habe pro Jahr einen bestimmten Etat zur Verfügung, von dem alles bezahlt werden muss. Bislang bin ich noch mein einziger Mitarbeiter, aber die Stelle des Bibliothekars ist bereits ausgeschrieben.

Rubens: Warum ausgerechnet ein Bibliothekar?
Bonwetsch: Eine der Hauptaufgaben ist im Augenblick der Aufbau einer Bibliothek, die sowohl deutschen Russland-Forschern als auch russischen Deutschland-Forschern offen stehen soll. Eine Reihe von Kollegen hat mir dafür bereits Tausende von Büchern überlassen, auch meine eigene Sammlung geht ins Institut ein. Deshalb ist es wichtig, gleich am Anfang einen Bibliothekar zu finden, damit diese Bücher möglichst bald zugänglich werden. Ich brauche natürlich auch schnell eine Sekretärin, die sich mit der russischen Bürokratie auskennt, Russisch, Deutsch und Englisch spricht und mir hilft, den Alltag zu managen.

Rubens: Mit welchen Gefühlen gehen Sie nach Moskau?
Bonwetsch: Mit gemischten. Einerseits bin ich voller Enthusiasmus, auch mit meinen 63 Jahren, und freue mich auf die neue Arbeit. Schließlich geht damit für mich ein Traum in Erfüllung. Andererseits fühle ich mich wie ein Deserteur. Ich lasse relativ kurzfristig viele, die mir am Herzen liegen, im Stich: meine Sekretärin, Doktoranden, Studierende und nicht zuletzt Kollegen, mit denen ich mich gut verstehe. Außerdem sehe ich die Ruhr-Uni immer auch ein Stück weit als „meine“ Uni an, nach 23 Jahren Lehre und Forschung hier. Dennoch wird sich meine Hauptarbeit in Zukunft auf Moskau konzentrieren.

Rubens: Welche Ziele haben Sie sich für Moskau gesteckt?
Bonwetsch: Zum einen sollen die deutsch-russischen Beziehungen nicht nur im engeren Sinne, sondern auch im Sinne gegenseitiger kultureller, wirtschaftlicher und politischer Beeinflussung erforscht werden. Dann sollen neue Archivmöglichkeiten umgesetzt werden, die vor allem deutschen Forschern die wissenschaftliche Arbeit erleichtern und den Weg in russische Archive vereinfachen sollen. Zum anderen besteht ein Ziel darin, die russischen Deutschland-Forscher zu unterstützen, indem wir ihnen Bücher zu unserer Geschichte und Literatur zur Verfügung stellen, Bücher, die ihnen zurzeit weitgehend unzugänglich sind. Ich würde gern die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Russen positiv beeinflussen. Viele Russen, auch Wissenschaftler, richten den Blick momentan vor allem nach Amerika. Das Deutschlandinteresse ist zurückgegangen. Um es neu aufleben zu lassen, müssen z.B. russische „Germanisten“, wie dort Deutschland-Historiker heißen, an entsprechende Literatur herankommen können. Deswegen wird die Bibliothek auch einen deutschlandhistorischen Schwerpunkt haben. Mir schwebt eine Art Nationalbibliothek für russische Deutschland-Forscher in Moskau vor.

Rubens: Ist schon klar, wer die Aufgaben an Ihrem Lehrstuhl übernimmt, wenn Sie in Moskau sind?

Bonwetsch: Ich werde hier während meiner Beurlaubung vertreten. 2006 werde ich pensioniert, dann wird hoffentlich der Lehrstuhl neu ausgeschrieben. Aber ich werde die nächsten Jahre schon noch an der Uni zu sehen sein, da Drittmittel-Projekte von mir weiterlaufen und auch noch Prüfungen abgenommen werden müssen. Zum Glück ist es ja heute leichter, mit Hilfe der modernen Kommunikation in regem Kontakt zu bleiben.

Rubens: Danke für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre Arbeit in Moskau.

Indre Döpcke
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Letzte Änderung: 31.10.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik