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RUBENS 83 3. November 2003

Globalisierung ja, Liberalisierung nein

Annette Massmann analysierte das Mediensystem Kubas


Autoritär, geschlossen, sozialistisch: So gilt bislang das Mediensystems Kubas. Doch auf der politisch isolierten Insel tut sich was: Das Mediensystem beschleunigt die Globalisierung des Landes, die Wirtschaft agiert zunehmend global – zugleich wirken die Medien jedoch systemstabilisierend und bewirken keine politische Veränderung. Sie sind nicht liberal, weder in ihren Strukturen noch in ihren Inhalten. Zu diesem Ergebnis kommt Annette Massmann (36) vom Institut für Medienwissenschaft in ihrer Dissertation „Kuba: Globalisierung, Medien, Macht“, die jetzt im iko-Verlag erschienen ist (588 S., 34,90 Euro inkl. CD-ROM). Die Kommunikationswissenschaftlerin hat ihre Doktorarbeit am Lehrstuhl für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie (Prof. Franz Stuke) verfasst. Es ist die erste kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum mit dem Mediensystem der inzwischen touristisch sehr beliebten Insel.
Für ihre Dissertation hat Massmann vier mehrmonatige Forschungsaufenthalte auf Kuba eingelegt. Ihr Interesse am dortigen Mediensystem reicht allerdings noch weiter zurück: Sie war mit einem Kubaner verheiratet und hatte zwei Jahre lang auf Kuba gelebt. Dennoch entstand ihre Arbeit unter schwierigen Bedingungen. „Eine offizielle Forschungserlaubnis hatte ich nicht, obwohl ich mich monatelang darum bemüht hatte“, sagt sie. „Ich folgte also dem Rat des Ministeriums für Höhere Erziehung, dass alle Archive des Landes prinzipiell jedermann offen stehen.“ Das Thema sei politisch brisant, hieß es von offizieller Seite, so dass sie mit diesem „Freibrief“ auf eigene Faust forschen musste.
Der Aufwand hat sich für sie gelohnt: Das Ergebnis ist eine umfassende Aufschlüsselung des kubanischen Mediensystems, in der Massmann mit einigen Vorurteilen aufräumt: So ist das kubanische Mediensystem alles andere als „provinziell“ oder isoliert, im Gegenteil. Die Regierung nutze die Medien zur „offensiven und professionellen Außendarstellung“, statt ihre weltweite Isolierung durch Binnennutzung zu untermauern. Kubanische Firmen sind inzwischen global vernetzt, vor allem über das Internet. Damit trifft die traditionelle Klassifizierung der Mediensysteme in „entwickelt“ und „nicht entwickelt“, „frei“ und „unfrei“ bezogen auf Industriestaaten und Entwicklungsländer nicht mehr zu: Das Entwicklungsland Kuba hat ein weitgehend entwickeltes Mediensystem, so Massmann. Allerdings bleiben politische Veränderungen aus, politisch ist Kuba nach wie vor ein regional geschlossener Raum.
Am Beispiel der Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (NIKT) zeigt die Autorin, wie der damit einhergehende ökonomische, rechtliche oder soziokulturelle Wandel zu Globalisierung führt, aber nicht notwendigerweise auch zur Liberalisierung des Mediensystems. Denn die Regierung gewährt nur Teilöffentlichkeiten Zugang zum Internet, allen voran den großen Firmen – das weite und „freie“ Internet ist für den Großteil der Bevölkerung nicht erreichbar. Auch in Bezug auf sog. alternative Medien fällt Massmanns Analyse wenig positiv aus: Es gibt wenige alternative, liberale Medien unter dem Dach der katholischen Kirche, doch eine politisch anders denkende „Szene“ kann sich nicht entwickeln, weil schlicht die ökonomischen Mittel fehlen. „Das ist das Schizophrene am Handelsboykott der USA, der nun schon 40 Jahre andauert“, so Massmann: „Indem diese Mittel nicht ins Land fließen, kann sich das System nicht von innen heraus verändern. Der Handelsboykott stabilisiert das politische System.“
Massmanns Studie berücksichtigt alle Medien, sie analysiert das kubanische „Leitmedium“ Hörfunk, die mit der ökonomischen Krise stark eingeschränkten Fernsehsender, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Das Problem, an die Medien heranzukommen, obwohl sie nicht permanent vor Ort war, löste sie über Beziehungen. Zwei Freunde, die in einer Art Antiquariat arbeiten, hatten zum Beispiel den „Auftrag“, Printmedien wie Bücher, die Regierungszeitung „Granma“ oder Fachzeitschriften zu sammeln, bis Annette Massmann wieder im Lande war. Manches „exportierte“ sie auch, was nicht nur der Wissenschaft diente – so etwa den Drei-Peso-Schein mit dem Konterfei des Revolutionshelden Che Guevara, den es heute nicht mehr gibt.
jw
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Letzte Änderung: 31.10.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik