Mirjam Nadjafzadeh
begleitete drei Monate lang wilde Samangos in Südafrika
Unter Affen
Vor allem an das ungewöhnliche Weckkommando erinnert
sich Mirjam Nadjafzadeh noch Wochen nach Ende ihrer Reise:
Die Affen sind morgens aufs Wellblechdach gehüpft
und haben mich so zu ihrer täglichen Tour abgeholt.
Die Biologiestudentin hat sich einen Traum erfüllt:
Sie ist nach Südafrika geflogen, um dort eine Gruppe
wilder Samangos (Diadem-Meerkatzen) zu beobachten. Von
März bis Mai ist Mirjam den Tieren täglich gefolgt,
um neue Erkenntnisse über ihr Sozialverhalten zu
gewinnen.
Während dieser Zeit hat Ian Gaiger sie auf seiner
Farm beherbergt und betreut. Der südafrikanische
Zoologe bewohnt seit sechs Jahren mit seiner Frau eine
Farm in den Soutpans-Bergen in der Limpopo-Provinz, der
nördlichsten der neun Provinzen Südafrikas.
Er nimmt Studierende auf, die Primaten wie Paviane oder
Meerkatzen, aber auch andere Wildtiere wie Leoparden in
ihrer natürlichen Umgebung erforschen wollen. Die
Studierenden übernachten in einer umgebauten Scheune,
die rund 200 Meter entfernt vom Farmgebäude liegt.
Auf der Farm gibt es fließendes (auch warmes) Wasser,
Strom (18 bis 22 Uhr), Herd und Kühlschrank (beide
mit Gas betrieben) und ein Telefon. In der 70 Kilometer
entfernten Stadt Louis Trichardt erledigten Mirjam und
die anderen Studierenden ihre Großeinkäufe.
Frühstück in den Bäumen
Durch die Samangos bin ich zur Frühaufsteherin
geworden, lacht Mirjam, vorübergehend
jedenfalls. Die mit etwa 64 Tieren ungewöhnlich
große Gruppe legt jeden Tag eine Strecke von rund
ein bis zwei Kilometern zurück, bergauf und bergab
durch dichten Busch in einem Territorium von rund 52
Hektar. Um halb sechs bin ich aufgestanden. Um
sechs sind die Samangos meist im Wald verschwunden,
da bin ich hinterher gekrochen. Ab und zu konnte ich
erst mittags losgehen, dann musste ich sie mühevoll
suchen. Die Angewohnheit der Tiere, ihr Frühstück
häufig in den Bäumen auf dem Farmgelände
einzunehmen, hat Mirjam viele Stunden der Suche erspart.
Beobachtet hat Mirjam die Samangos, die sich vorzugsweise
hoch in den Bäumen aufhalten, mit einem Fernglas.
Dabei hatte sie keine Angst allein im Busch. Da
war ja kein Mensch außer unserer Forschergruppe,
und die Leoparden hätten sich wohl eher vor mir
gefürchtet, schmunzelt sie. Nur nachts im
Dunkeln war sie nicht allein unterwegs: Ich hab
immer zugesehen, dass ich bis sechs Uhr die Farm erreicht
habe, denn nach Sonnenuntergang verliert man im Wald
schnell die Orientierung.
Obwohl die Samangos bereits daran gewöhnt sind,
dass ihnen Biologen folgen, erzeugt jedes neue Forschergesicht
zunächst Argwohn. Nach einer Weile haben
sich die Tiere aber an meiner Anwesenheit nicht länger
gestört. Sie haben keine Alarmrufe mehr ausgestoßen
und sind nicht mehr weggerannt. Eines meiner schönsten
Erlebnisse war, als sich ein Jungtier eine Armlänge
von mir entfernt niedergelassen und mir ruhig in die
Augen geschaut hat, schwärmt Mirjam. Einmal
ist ihr allerdings auch etwas mulmig geworden: Da
haben sich sieben Paviane in wenigen Metern Abstand
hinter und über mir auf einem Felsen hingesetzt
und mich beobachtet. Paviane sind schon sehr interessante
Kerlchen, aber auch um einiges aggressiver als die Samangos
...
Neues zum Sozialverhalten
Auf ihr Projekt hatte sich Mirjam mit Fachliteratur
gut vorbereitet. Im Verlauf ihres Studiums konnte sie
zudem Erfahrungen in Verhaltensbiologie sammeln: Durch
Beobachtungen an Blutbrustpavianen im Naturzoo Rheine
hat sie verhaltensbiologische Methoden anzuwenden gelernt
und Einblicke in die Sozialstrukturen dieser Affen gewonnen.
Obwohl die Beobachtung selbst naturnah gehaltener Affen
nicht mit der Erforschung frei lebender Tiere gleichzusetzen
ist, hat Mirjam sich doch wichtiges Rüstzeug für
ihre Arbeit in Südafrika angeeignet: Ohne
Vorerfahrung hätte ich das Projekt nicht durchführen
können. Ian ist kein Verhaltensbiologe und konnte
mich fachlich nicht begleiten.
Bei ihrer Forschung hat Mirjam eine Reihe von Verhaltensweisen
untersucht. Zum Beispiel hat sie durch scan sampling
die Aktivitäten der beobachteten Samangos protokolliert:
Sie hat dazu jeweils zehn Minuten lang alle 30 Sekunden
das Verhalten der Tiere dokumentiert, abhängig
von Parametern wie Temperatur und Tagesperiodik. Die
Daten liefern neue Erkenntnisse: Die von mir
beobachtete Samango-Gruppe ist zwar in vieler Hinsicht
schon gut untersucht, aber ihr Sozialverhalten hat vor
mir noch niemand angeschaut, so Mirjam.
Mirjam möchte auch für ihre Diplomarbeit ins
Ausland gehen und verhaltensbiologische Studien an wild
lebenden Säugetieren durchführen am
liebsten an Delfinen. Das Projekt mit den Samangos
war für mich wie eine kleine Diplomarbeit. Ich
wollte schon immer mal ins Ausland gehen und habe durch
den Aufenthalt in Südafrika überprüft,
ob die Freilandarbeit wirklich das Richtige für
mich ist. Und das ist sie, obwohl sie anstrengend ist!
Für diese Gewissheit hat sie in Kauf genommen,
ein Semester zu verlieren die einmalige Erfahrung
entschädigt sie für den Zeitverlust, der sich
nicht auf die drei Monate in Südafrika beschränkt:
Wieder zurück in Bochum musste Mirjam die Daten
statistisch auswerten und sorgfältig dokumentieren,
damit die Ergebnisse ihrer Untersuchungen anderen Verhaltensbiologen
zur Verfügung stehen. Andere Studierende können
Mirjams Freilandprojekt also nun fortsetzen und erfahren,
was für ein Gefühl es ist, sich morgens von
einer Gruppe Meerkatzen wecken zu lassen.
Diadem-Meerkatzen (Cercopithecus mitis)
Diadem-Meerkatzen sind Baumbewohner, die sich überwiegend
von Blättern und Früchten ernähren. Sie
kommen in den Regenwäldern Zentral-, Ost- und Südafrikas
sowie im Kongobecken vor. Die Tiere werden vier bis
sechs Kilogramm schwer, erreichen eine Kopf-Rumpflänge
von rund 50 bis 65 cm und eine Schwanzlänge von
etwa 75 cm. Die Männchen werden größer
als die Weibchen. Diadem-Meerkatzen bilden polygyne
Gruppen von rund 10 bis 40 Individuen: Ein Alphamännchen
steht einer Gruppe von Weibchen vor und den untergeordneten
Männchen; das dominierende Männchen beansprucht
das alleinige Paarungsrecht. Über den Augen haben
Diadem-Meerkatzen eine helle bogenförmige Fellzeichnung,
die an einen Schmuckreif erinnert und der sie ihren
Namen verdanken.
Info: Wer wie Mirjam Nadjafzadeh ein zoologisches
Praktikum im Ausland absolvieren möchte, sollte
im Internet www.zoologenforum.de
anklicken. Dort gibt es zudem Infos und Unterstützung
für den Berufseinstieg im Zoo oder Museum, bei
einem Naturschutzverband, einer Biologischen Station
etc.
Christina
Heimken
|