Dr. Pionier
Bilanz:
Ein Jahr allgemeines Promotionskolleg der RUB
Hätte ich meine Doktorarbeit innerhalb eines
Graduiertenkollegs schreiben wollen, hätte ich
mich vielleicht noch Jahre gedulden müssen. Als
ich suchte, gab es in ganz Deutschland nichts Passendes
zu meinem Thema, erklärt Johannes Wamser.
Für den 28-jährigen Diplomgeografen mit den
Schwerpunkten Wirtschaftsgeografie und Projektmanagement
stand allerdings fest, dass er in seiner Dissertation
Indien als Markt und Investitionsziel ausländischer
Unternehmer analysiert. Schließlich hatte
er bereits für längere Zeit in Indien geforscht
und gearbeitet. Mit etwas Glück hätte er irgendwo
in Deutschland an einem Lehrstuhl als Wissenschaftlicher
Mitarbeiter landen können, um dort zu promovieren.
Aber dann noch genügend Zeit für die Bearbeitung
des Themas und weitere Forschungsreisen zu finden, wäre
so wohl schwieriger geworden.
Ausreichend Geld, Zeit und Freiheit für die Forschung
gewährt in solchen Fällen nur ein Stipendium.
Johannes Wamser hat eines vom Allgemeinen Promotionskolleg
der RUB. Ohne dieses Stipendium hätte ich
notgedrungen doch an eine andere Uni gehen müssen,
sagt er, Vielen meiner Mit-Stipendiaten geht es
genauso. 13 weitere junge Wissenschaftler (Stand:
Mai 2003) gehören zum Kolleg: eine katholische
Theologin, zwei Juristen, ein Historiker, eine Theaterwissenschaftlerin,
drei Biolog/innen, eine weitere Geografin, ein klassischer
Philologe, eine Chemikerin, ein Orientalist, ein Mathematiker
und ein Philosoph. Man sieht es sofort: Das kann
kein Graduiertenkolleg im klassischen Sinne sein, dafür
ist die Gruppe viel zu heterogen, bringt es Prof.
Uwe Abresch auf den Punkt. Der Mathematiker ist Sprecher
der Betreuer des Kollegs, Johannes Wamser ist Sprecher
der Stipendiaten.
Die Geschichte des Allgemeinen Promotionskollegs
begann vor rund einem Jahr, nachdem das Land NRW das
Gesetz, das die sog. individuelle Graduiertenförderung
regelte, abschaffte und diese Förderung den Hochschulen
überließ. Das Land stellte zwar wie gehabt
Mittel zur Verfügung, diese waren jedoch nicht
mehr zweckgebunden. An der RUB widerstand man der Versuchung,
die etwa 300.000 Euro jährlich für Bücher
oder Geräte auszugeben: Das Geld fließt weiterhin
in die Förderung von Graduierten allerdings
unter anderen Voraussetzungen. War früher die Förderung
einzige Gemeinsamkeit der bis zu 25 (individuellen)
Stipendiaten der RUB, bilden sie jetzt eine Gemeinschaft,
zusammen mit ihren Betreuern.
Dabei handelt es sich eher um eine Schicksals- als eine
Zweckgemeinschaft. So enden die vorgeschriebenen Treffen
der Stipendiaten (zwei in jedem Sommer-, drei in jedem
Wintersemester) nicht nach den obligatorischen Vorträgen
an der Uni, sondern in der Regel erst wesentlich später
in einem privaten Rahmen. Auch fachlich haben sich
die Expertin für Tanz und der angehende Fachmann
fürs Internetrecht weit mehr zu sagen, als man
annehmen könnte. Dass sich die Verhaltensbiologin
für eine Forschungsmethode des Wirtschaftsgeografen
interessiert, erstaunt da schon weniger.
Über den fachlichen Details schwebt als verbindendes
Element ohnehin das große Problem Promotion,
wie Johannes Wamser es nennt. Doch genau dieses Problem
geht die Gruppe gemeinsam und mit großem Erfolg
an. Man hilft sich mit Tipps weiter und spornt sich
gegenseitig zu schnellerem, effizienterem Arbeiten an.
Auch Prof. Abresch wundert sich über diese Eigendynamik
und sieht die Kernziele des Promotionskollegs bereits
jetzt verwirklicht: Blick über die Fächergrenzen,
kürzere Promotionszeiten und geringere Abbrecherquoten.
Doch die Promotion an sich ist nicht das einzige gemeinsame
Schicksal der Stipendiaten: Im Grunde genommen
sind wir als erste Teilnehmer am Allgemeinen Promotionskolleg
so etwas wie Pioniere, erläutert Johannes
Wamser, Uns war zu Beginn völlig freigestellt,
wie wir das Kolleg gestalten so lange es kein
Geld kostet. Die Universitätskommission für
Forschung (UKF), die im letzten Jahr das Allgemeine
Promotionskolleg ins Leben gerufen hat, schuf bewusst
nur den Rahmen.
Ihn mit Leben zu füllen, war Aufgabe der Pioniere.
Gefüllt wurde er bislang mit zwei Blockveranstaltungen.
Am Schreibzentrum der RUB erfuhren die Stipendiaten
im letzten Herbst einen Tag lang alles Wissenswerte
zum Thema Schreiben einer Dissertation;
im Weiterbildungszentrum erlernten sie im Mai an zwei
Tagen Rhetorik, Vortragstechnik und Vortragsverhalten.
Beide Blöcke werden fortan zum Regelprogramm
gehören, verspricht Prof. Abresch.
Für weitere Fort- und Weiterbildungen fehlt allerdings
das Geld. Das Rektorat der RUB stellt dem Allgemeinen
Promotionskolleg zwar ein Budget zur Verfügung,
doch davon sollen in erster Linie die Stipendien
finanziert werden, betont Prof. Abresch. Nur falls
doch einmal ein Stipendium vor Ablauf zurückgegeben
wird, gewinne man einen gewissen finanziellen Spielraum.
Auch Johannes Wamser misst dem Stipendium als solchem
die höchste Priorität bei: Das ist
ja auch ein eminent wichtiges Instrument für die
Ruhr-Uni, junge Spitzenforscher zu behalten, deren Forschungsthema
zufällig gerade nicht in ein thematisch fest umrissenes
Graduiertenkolleg passt. Prof. Abresch ergänzt:
Wichtig ist nur, dass die Förderung wirklich
verlässlich ist.
Promovieren
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten zu
promovieren. Wer eine i. d. R. befristete
Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bekommen kann
und mag, steht als interner Doktorand auf
der Gehaltsliste der Hochschule (oder sonstigen wissenschaftlichen
Einrichtung) und bezieht so sein Geld. Am Institut oder
Lehrstuhl forscht er oder sie zur Dissertation und ist
darüber hinaus fest in den üblichen wissenschaftlichen
Betrieb (Lehrveranstaltungen, Betreuung von Diplomarbeiten
etc.) eingebunden.
Wer keine Stelle hat und folglich extern
promoviert, benötigt andere Einkommensquellen.
Das kann ein normaler Arbeitsplatz sein oder ein Stipendium.
Stipendiaten gibt es zum einen an den zahlreichen Graduiertenkollegs
(allein die RUB besitzt 17), die projektbezogen und
thematisch begrenzt forschen. Stipendien vergeben zum
anderen politische Institutionen wie die Friedrich-Ebert-Stiftung
(SPD) oder die Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU). Unpolitisch
und keinen thematischen Zwängen unterlegen war
bis zum Jahre 2002 die per Landesgesetz vorgeschriebene
individuelle Graduiertenförderung. Nach Streichung
des entsprechenden Gesetzes folgte ihr an der RUB das
Allgemeine Promotionskolleg.
Allgemeines Promotionskolleg Überblick
Die Stipendien des Allgemeinen Promotionskollegs ermöglichen
Doktorand/innen der Geistes- und Naturwissenschaften
eine interdisziplinäre, begleitende und systematische
Förderung ihrer individuellen Forschungsvorhaben.
Die Stipendiaten schreiben ihre thematisch nicht gebundenen
Arbeiten unter einem Dach. Sie verpflichten sich, an
den begleitenden Veranstaltungen (zwei im Sommer-, drei
im Wintersemester) des Kollegs teilzunehmen und diese
per Vortrag und Diskussion aktiv mitzugestalten. Zusätzlich
werden sie geschult und weitergebildet (z. B. Rhetorik,
Vortrag) und erhalten Kontaktmöglichkeiten zu Wissenschaft
und Wirtschaft.
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Zehn neue Stipendiat/innen hat das Allgemeine Promotionskolleg
am 4.6. aufgenommen. Der thematische Reigen ist
breit, betonte der Prorektor für Forschung
und Wissenstransfer, Prof. Jörg Winter, bei der
Verleihung der Stipendien. Die Themen der Doktorarbeiten
reichen von der Katholischen Theologie über bis
zur Biochemie. Insgesamt arbeiten im Kolleg nun 22 Nachwuchswissenschaftler/innen.
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Bewerben können sich Absolvent/innen aller Fachrichtungen,
die einen Hochschulabschluss haben, der zur Promotion
berechtigt. Gefördert werden sie entweder mit einem
Grundstipendium (Dauer: zwei Jahre) oder mit einem Abschlussstipendium
(sechs Monate) für Dissertationen, die ein überdurchschnittliches
Ergebnis erwarten lassen. Die Höhe des Stipendiums
beträgt monatlich 750 Euro plus 50 Euro Pauschale
für Sach- und Reisekosten plus eventuell 100 Euro
Kinderzuschlag.
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Infos und Anträge: Reinhard Zwink, Dezernat 2,
Forschungs- und Studierendenförderung, FNO 1/142,
Tel. 25484
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