Dichtefalle
hat Konsequenzen für den Leitungsbau
RUBIN
verrät: Warum Bäume in Rohren Wurzeln schlagen
Leitungssysteme sind die Adern der zivilisierten Welt.
Sie versorgen uns mit Wasser oder Strom und schaffen
unser Abwasser unauffällig fort. Doch während
man bei Trinkwasser schon mal auf Mineralwasser in Flaschen
ausweichen und bei Strom mit Aggregaten aushelfen kann,
gibt es für ein defektes Abwassersystem kaum eine
Alternative. Das Problem muss schleunigst behoben
werden.
Ein Problem, das auf den Nägeln brennt, sind Wurzeln,
die in Rohrleitungen einwachsen. Wollte man allein in
Deutschland diese Schäden allesamt mit einemmal
beseitigen, überstiegen die Kosten schnell die
Milliarden-Euro-Grenze. Doch was ist Schuld daran, wenn
Bäume in Rohren Wurzeln schlagen? Die Lösung
haben jetzt Forscher in einem Kooperationsprojekt des
Lehrstuhls für Spezielle Botanik und des Botanischen
Gartens der RUB mit dem Institut für unterirdische
Infrastruktur (IKT), Gelsenkirchen, gefunden. Es wird
vom Umweltministerium NRW gefördert.
Ingenieure und Biologen fragten sich zunächst,
was die Wurzel in Richtung Rohrleitung drängt
und konnten ihre erste, gängige Hypothese
nicht bestätigen, nach der die Wurzel zum Wasser
wächst, das an undichten Stellen aus den Rohren
sickert. Dagegen spricht u. a., dass die Wurzeln oberhalb
des mittleren Wasserstandes an der Muffe (Rohrverbindung)
in das Rohr eindringen, kaum in das Abwasser eintauchen
und, wo dies doch der Fall ist, stark geschädigt
sind. Zudem verzweigen sich die Wurzeln außerhalb
des Rohres fast nicht, was im feuchten Boden der Fall
wäre.
Schließlich nahmen die Biologen die Wurzelhaube
(Kalyptra) in Sachen Richtungswachstum ins
Visier. Sie bohrt sich in den Boden, indem sie hinter
der Kalyptra liegende Zellen nach vorn drückt.
Hier fand sich die Lösung: Wie in der Menschenmenge
im Fußballstadion weitere hinzuströmende
Gruppen dorthin ausweichen, wo die Besucher weniger
dicht gedrängt stehen, entscheidet die Dichte des
Bodens über die Richtung des Wurzelwachstums.
An einer Dichtegrenze wächst die Wurzel immer in
das weniger dichte Substrat hinein. So kann der Leitungsgraben
zur Dichtefalle werden, wenn das Füllmaterial
einen für das Wurzelwachstum bequemen
Porenraum besitzt. Dann wachsen die Wurzeln parallel
zur Rohrleitung und erreichen mit der ersten Muffe die
nächste Dichtefalle: einen Hohlraum,
der sich aus der Konstruktion der Muffe ergibt. Ausgegrabene
Rohre zeigen, dass eine Wurzel mehr als zwei Jahre in
diesem Hohlraum wachsen kann (Jahresringe der Wurzeln).
Dann hat sie sich den Rückweg meist selbst verbaut,
schiebt die Dichtung beiseite und dringt ins Innere
des Rohres ein.
Damit erklärt sich, warum auch ordnungsgemäß
verlegte, intakte Rohrleitungen gegen Wurzelschäden
kaum gefeit sind. Auch Dichtungsgestaltung sowie Bettung
der Leitung und die Verfüllung der Gräben
müssen unter dem Gesichtspunkt der Wurzelfestigkeit
zukünftig mehr berücksichtigt werden.
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Barbara
Kruse
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