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RUBENS 81 1. Juli 2003

„Es war nie langweilig“

Interview mit Hans-Helmut Weigmann: 33 Jahre an der Spitze des Dezernats 1


Neun Rektoren, drei Kanzler und 33 Asta-Vorsitzende hat Hans-Helmut Weigmann in seiner Amtszeit erlebt. Seit März 1970 ist er als persönlicher Referent rechte Hand des Rektors und leitet das Dezernat 1, das sich mit Selbstverwaltung, Hochschulstruktur und -planung befasst. Nach 33 Jahren geht er Mitte Juli in den Ruhestand. Zuvor sprach Arne Dessaul mit ihm über akademische Selbstverwaltung, die heutige Studierendengeneration, verpasste Chancen zur Profilbildung, die Zukunft der RUB und darüber, wie er in den Siebzigern fast Kanzler geworden wäre – und nur bei den ganz ernsten Themen gab es in den 60 Minuten nichts zu lachen.


RUBENS: Herr Weigmann, mit welchen Gefühlen blicken Sie Ihrem letzten Arbeitstag entgegen?
Weigmann: Mit sehr gemischten Gefühlen. Ich scheide ja nicht aus freien Stücken aus, sondern, weil ich 65 werde. Deshalb bin ich in erster Linie traurig. Noch trauriger wäre ich, wenn bei meiner Verabschiedungsfeier offizielle Reden gehalten würden. Bei diesen Anlässen wird sowieso viel gelogen. Ich weiß das, schließlich habe ich oft genug selbst solche Reden verfasst.

RUBENS: Was werden Sie am meisten vermissen?
Weigmann: Was mir fehlen wird, ist der Kontakt zu vielen Menschen hier sowie das Einbezogensein in bestimmte spannende Entwicklungen.

Ein Versuch von Demokratie

RUBENS: Stellen Sie sich vor, es wäre März 1970 und Sie könnten noch einmal von vorn beginnen. Was würden Sie anders machen?
Weigmann: Eigentlich würde ich nicht viel anders machen. Damals waren wir voller Euphorie und hatten konkrete hochschulpolitische Vorstellungen. Die Ideen der 68er waren allgegenwärtig. An der RUB trat die Biedenkopf-Verfassung in Kraft: Es gab ein Zweikammer-System mit Universitätsparlament und Dekane-Senat und Mitbestimmungsmöglichkeiten für alle Gruppen an der Uni. Ein Versuch von Demokratie halt. Wir wollten planen und verändern. Mit diesen Idealen würde ich mich gerne erneut auf die Arbeit stürzen. Es war ja auch nie langweilig, und es hat mir die ganzen 33 Jahre lang Spaß gemacht.

RUBENS: Zuletzt hat der Staat häufig in die akademische Selbstverwaltung eingewirkt. Wie empfanden Sie das?
Weigmann: Daran sind die Hochschulen zum Teil selbst schuld. Sie haben sich zu oft ans Ministerium gewandt wegen Rechts-, Verfahrens- und sonstiger Fragen. Da dachte man im Ministerium: Na gut, geben wir euch also alles vor und regeln sogar die kleinsten Details, wenn ihr das nicht selber könnt.

RUBENS: Was halten Sie von der heutigen Studierendengeneration?
Weigmann: Eine Zeitlang habe ich resigniert wegen der unpolitischen Studierenden. Zuletzt waren sie wieder mehr zu vernehmen, bei den Studiengebühren und den gestuften Studiengängen. Ich würde sagen: Nicht die Studierenden sind unpolitisch, sondern ihr Verhältnis zu ihrer Vertretung ist es. Ich selbst habe ja auch kaum noch was mit dem Asta zu tun.

RUBENS: War das früher anders?
Weigmann: Ja, durchs Amt bedingt und auf unterschiedliche Art und Weise. Es gab Phasen der echten Konfrontation. Es gab Phasen, wo man sich aneinander gewöhnte und sehr gut klar kam. Heute hat sich mein Verhältnis zum Asta zu einer friedlichen Koexistenz entwickelt, ohne Schärfen und Tiefen.

RUBENS: Sie haben mit neun Rektoren zusammengearbeitet. Mit wem lief es am besten?
Weigmann: Mit Günter Ewald (Rektor von 1973-75) gab es politische und weltanschauliche Berührungspunkte. Knut Ipsen (1979-89) kannte ich vom gemeinsamen Juristischen Referendariat in Kiel. Wir sind zwar grundverschieden, aber seine anpackende Art und meine eher behutsame Vorgehensweise haben sich gut ergänzt – ich glaube, auch zum Wohl unserer Universität.

Im Hintergrund gewirkt

RUBENS: Was war der schönste Augenblick in den letzten 33 Jahren?
Weigmann: Das war, als ich die Botschaft erhielt, den Job hier zu bekommen. Später gab es einige sehr bemerkenswerte Projekte: Oase, WBZ, Boskop, Kobra oder das Institut für Arbeitswissenschaft (s. Kasten). Erfreulich war auch, das Verhältnis zur Stadt Bochum stabilisieren zu können. Obwohl ich weiterhin finde, dass die Uni nicht wirklich in die Stadt integriert ist.

RUBENS: Diese Dinge wurden alle von Ihnen mitinitiiert, aber Sie haben sich dabei nicht gerade in den Vordergrund gedrängt. Auch bei Sitzungen und offiziellen Terminen sah man Sie meist im Hintergrund sitzen und beobachten.
Weigmann: Das hat verschiedene Gründe. Bei Veranstaltungen, die man nur abzusitzen hat, kann man von ganz hinten am schnellsten und unauffälligsten verschwinden. Ansonsten behält man von dort am besten den Überblick. Ich habe halt lieber im Hintergrund gewirkt. Andererseits: Wenn ich den Rektor zum Teil in sensiblen Dingen beraten soll, muss ich ja auch unmittelbar mitkriegen, was los ist. Deshalb war ich auf vielen Terminen. Wenn der jeweilige Rektor auch da war und vorn saß oder stand, gab es für mich keinen Grund, neben ihm zu stehen. Anders war das nur in den unruhigen Zeiten, als es darauf ankam, physisch präsent zu sein. Mit Rektor Ipsen sind wir so manches Mal ins Gedränge geraten.

RUBENS: Ipsen ist doch Boxer und konnte sich gut verteidigen, oder?
Weigmann: Manchmal ging es aber darum, ihn zurückzuhalten. Nein, Spaß beiseite! Er war niemals drauf und dran zuzuschlagen, so diszipliniert ist er eben.

RUBENS: Mit Ihrem Weggang wird sich vieles an der RUB verändern. Möglicherweise wird es die Doppelfunktion Dezernent und persönlicher Referent nicht mehr geben. Halten Sie diese Entscheidung für richtig?
Weigmann: Ja. Ich hatte seinerzeit allen Rektorkandidaten empfohlen, mit einem persönlichen Referenten zu arbeiten, der ausschließlich diesen Job macht. Man sollte auch das Dezernat 1 so belassen wie es jetzt ist: als Brücke zwischen akademischer Selbstverwaltung und Rektorat einerseits und Universitätsverwaltung andererseits. Ich habe ja nicht nur mit neun Rektoren zusammengearbeitet, sondern auch mit drei Kanzlern. Die haben – nach einiger Anlaufzeit – verstanden, dass das Dezernat 1 keine Konkurrenz zur klassischen Verwaltung darstellt. Im Gegenteil. Durch das gute Verhältnis blieben uns ernsthafte Konflikte erspart, wie sie an anderen Unis gang und gebe sind. In Einzelfällen wollten sich Kanzler und Rektor sogar gegenseitig absetzen, mit Hilfe des Ministeriums in Düsseldorf.

RUBENS: Hat es Sie nie gereizt, selbst einmal Kanzler zu werden?
Weigmann: In der politischen Zeit in den Siebzigern wäre ich fast Kanzler in Osnabrück geworden. Das dortige Entscheidungsgremium hatte mich mit großer Mehrheit gewählt. Doch dann scheiterte es am Veto des niedersächsischen Kultusministers. Er fand, im Gremium hätten auf studentischer Seite zu viele Marxisten/Leninisten gesessen. Ich hätte mir auch einen Job an der „linken“ Uni Bremen vorstellen können, aber das hat sich nie ergeben, dort gab es immer nur erfolgreiche Hausbewerbungen. An der RUB hätte ich Stellvertreter des Kanzlers werden können. Bernhard Wiebel (Kanzler bis 1999) hatte mich seinerzeit gefragt. Ich habe aber nein gesagt.

RUBENS: Warum?
Weigmann: Zum einen war mir zu dem Zeitpunkt klar, dass ich mich doch lieber um Hochschulpolitik als um Haushaltsdinge kümmere. Zum anderen war abzusehen, dass ich mich hauptsächlich mit den Dingen hätte befassen sollen, die den Alltag einer großen Universität ausmachen. Ich habe mich für meine Lebensqualität entschieden.

Keine neuen Abhängigkeiten

RUBENS: Nach dem Kanzlervertreter Manfred Nettekoven verliert die RUB binnen weniger Wochen mit Ihnen eine zweite Persönlichkeit. Trösten Sie uns bitte über diese Verluste hinweg!
Weigmann: Jeder kann ersetzt werden. Wichtig ist nur, dass Leute in bestimmten Positionen etwas an sich haben, das andere sowohl anregt und mitzieht als auch geeignet ist, sie zu integrieren.

RUBENS: Glauben Sie, die RUB hat in den letzten Jahren Chancen ungenutzt gelassen?
Weigmann: Ja, beispielsweise beim Qualitätspakt mit dem Wissenschaftsministerium. Da ging es ja darum, Stellen einzusparen und Studiengänge zu schließen. Man hätte damals schmerzhafter und klarer entscheiden müssen. Dann hätten wir jetzt vielleicht ein schärferes Profil, allerdings keine 20 Fakultäten mehr ...

RUBENS: Sondern?

Weigmann: Weniger. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

RUBENS: Was glauben Sie, wie es mit der RUB weitergeht?
Weigmann: Wenn an den richtigen Stellen aktive Menschen sitzen, kann eigentlich nichts schief gehen. Um die effektiven Naturwissenschaften mache ich mir keine Sorgen. Ebenso wenig um die Medizin, die sich als sehr beweglich erwiesen hat. Hut ab! Auch das Beharrungsvermögen der Ingenieure ist erstaunlich. Die Kulturwissenschaften werden hingegen um ihren angemessenen Anteil kämpfen müssen.

RUBENS: Werden Sie künftig noch etwas mit der RUB zu tun haben? Bestimmt hat man Ihnen schon ein Ehrenamt angetragen?
Weigmann: Ich warte erst mal ab, werde aber im Umfeld der Uni bleiben. Vorstellen könnte ich mir Tätigkeiten fürs Kuratorium, für den Verein „Hilfe für ausländische Studierende“ oder für die Oase. Aber eines ist klar: Der Job darf keine neuen Abhängigkeiten mit sich bringen.

RUBENS: Bestimmt sind in den letzten 33 Jahren Ihre Hobbys zu kurz gekommen. Wofür werden Sie zukünftig mehr Zeit haben?
Weigmann: Ich war eigentlich immer ganz zufrieden. Ich habe es allerdings geschafft, meine Arbeit im Büro zu erledigen und habe selten Akten mit nach Hause geschleppt.

RUBENS: Jetzt wissen wir immer noch nichts von Ihren Hobbys!

Weigmann: Na gut. Ich werde mich zukünftig mehr um die Wohngemeinschaft kümmern, in der ich seit 30 Jahren lebe. Ich werde auch mehr lesen und reisen.

RUBENS: Wohin?
Weigmann: In den kommenden Jahren zu meiner Tochter in die Provence, zu Studienfreunden nach Dänemark und Italien sowie zu meinem Bruder nach Princeton.

RUBENS: Vielen Dank, Herr Weigmann. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre Zeit nach der RUB!

Vita
Hans-Helmut Weigmann wurde am 25. Juli 1938 in Berlin geboren. Später siedelte die Familie nach Schleswig-Holstein um. Weigmann studierte Jura in Kiel, Bonn und Lausanne. Er hat in seiner Referendariatszeit sowohl in der Kuratorialverwaltung der Uni Kiel als auch beim President’s Cabinet der Rutgers University in New Jersey gearbeitet. Ab Mai 1968 arbeitete er als wissenschaftlicher Angestellter beim Rektor der TU Braunschweig an einer neuen Verfassung für die TU. Im März 1970 wechselte er an die RUB, wo er fortan persönlicher Referent des Rektors und Leiter des Dezernats 1 war.
In diesen Funktionen hat Weigmann in den vergangenen 33 Jahren zahllose Projekte angestoßen und betreut, die nicht mehr aus dem Alltag der RUB wegzudenken sind. Dazu gehören der Modellversuch KonRUB (heute Weiterbildungszentrum WBZ), die studentische Kulturarbeit (heute Boskop), das Forschungsinstitut für Arbeiterbildung, die Kooperation RUB/IG Metall, das Institut für Arbeitswissenschaft, die Koordinierungs- und Beratungsstelle für den Berufseinstieg (Kobra); zudem war Weigmann Beauftragter für die Kontakte zur Stadt Bochum. Er war darüber hinaus erster Ansprechpartner für die (verfasste) Studentenschaft. Wie eng und liebevoll das Verhältnis zwischenzeitlich war, daran erinnert ein 1994 vom Kulturreferat des Asta entworfenes und verkauftes Skatblatt. Eine Karikatur von Weigmann (als Guerilla mit einer Reval zwischen den Lippen) ziert den Kreuz-Buben und symbolisiert die wesentliche Rolle Weigmanns an der RUB.
Das Dezernat 1 selbst fungiert als Teil der Universitätsverwaltung nahe am Rektorat. Ihm gehören u. a. die Referent/innen an, die den drei Prorektor/innen zuarbeiten. Die Referent/innen bearbeiten zugleich die Angelegenheiten in Lehre, Forschung und Struktur. Das heißt z. B.: Plant eine Fakultät einen neuen Studiengang, kooperiert sie automatisch mit dem Dezernat 1. Im Planungsbereich des Dezernats werden auch diverse Hochschulstatistiken geführt, es werden die zentralen Gremien wie der Senat, die Senatsausschüsse und die Universitätskommissionen betreut usw.

 

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Letzte Änderung: 30.06.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik