Es war
nie langweilig
Interview
mit Hans-Helmut Weigmann: 33 Jahre an der Spitze des
Dezernats 1
Neun Rektoren, drei Kanzler und 33 Asta-Vorsitzende
hat Hans-Helmut Weigmann in seiner Amtszeit erlebt.
Seit März 1970 ist er als persönlicher Referent
rechte Hand des Rektors und leitet das Dezernat 1, das
sich mit Selbstverwaltung, Hochschulstruktur und -planung
befasst. Nach 33 Jahren geht er Mitte Juli in den Ruhestand.
Zuvor sprach Arne Dessaul mit ihm über akademische
Selbstverwaltung, die heutige Studierendengeneration,
verpasste Chancen zur Profilbildung, die Zukunft der
RUB und darüber, wie er in den Siebzigern fast
Kanzler geworden wäre und nur bei den ganz
ernsten Themen gab es in den 60 Minuten nichts zu lachen.
RUBENS: Herr Weigmann, mit welchen Gefühlen
blicken Sie Ihrem letzten Arbeitstag entgegen?
Weigmann: Mit sehr gemischten Gefühlen. Ich scheide
ja nicht aus freien Stücken aus, sondern, weil
ich 65 werde. Deshalb bin ich in erster Linie traurig.
Noch trauriger wäre ich, wenn bei meiner Verabschiedungsfeier
offizielle Reden gehalten würden. Bei diesen Anlässen
wird sowieso viel gelogen. Ich weiß das, schließlich
habe ich oft genug selbst solche Reden verfasst.
RUBENS: Was werden Sie am meisten vermissen?
Weigmann: Was mir fehlen wird, ist der Kontakt zu vielen
Menschen hier sowie das Einbezogensein in bestimmte
spannende Entwicklungen.
Ein Versuch von Demokratie
RUBENS: Stellen Sie sich vor, es wäre März
1970 und Sie könnten noch einmal von vorn beginnen.
Was würden Sie anders machen?
Weigmann: Eigentlich würde ich nicht viel anders
machen. Damals waren wir voller Euphorie und hatten
konkrete hochschulpolitische Vorstellungen. Die Ideen
der 68er waren allgegenwärtig. An der RUB trat
die Biedenkopf-Verfassung in Kraft: Es gab ein Zweikammer-System
mit Universitätsparlament und Dekane-Senat und
Mitbestimmungsmöglichkeiten für alle Gruppen
an der Uni. Ein Versuch von Demokratie halt. Wir wollten
planen und verändern. Mit diesen Idealen würde
ich mich gerne erneut auf die Arbeit stürzen. Es
war ja auch nie langweilig, und es hat mir die ganzen
33 Jahre lang Spaß gemacht.
RUBENS: Zuletzt hat der Staat häufig in die
akademische Selbstverwaltung eingewirkt. Wie empfanden
Sie das?
Weigmann: Daran sind die Hochschulen zum Teil selbst
schuld. Sie haben sich zu oft ans Ministerium gewandt
wegen Rechts-, Verfahrens- und sonstiger Fragen. Da
dachte man im Ministerium: Na gut, geben wir euch also
alles vor und regeln sogar die kleinsten Details, wenn
ihr das nicht selber könnt.
RUBENS: Was halten Sie von der heutigen Studierendengeneration?
Weigmann: Eine Zeitlang habe ich resigniert wegen der
unpolitischen Studierenden. Zuletzt waren sie wieder
mehr zu vernehmen, bei den Studiengebühren und
den gestuften Studiengängen. Ich würde sagen:
Nicht die Studierenden sind unpolitisch, sondern ihr
Verhältnis zu ihrer Vertretung ist es. Ich selbst
habe ja auch kaum noch was mit dem Asta zu tun.
RUBENS: War das früher anders?
Weigmann: Ja, durchs Amt bedingt und auf unterschiedliche
Art und Weise. Es gab Phasen der echten Konfrontation.
Es gab Phasen, wo man sich aneinander gewöhnte
und sehr gut klar kam. Heute hat sich mein Verhältnis
zum Asta zu einer friedlichen Koexistenz entwickelt,
ohne Schärfen und Tiefen.
RUBENS: Sie haben mit neun Rektoren zusammengearbeitet.
Mit wem lief es am besten?
Weigmann: Mit Günter Ewald (Rektor von 1973-75)
gab es politische und weltanschauliche Berührungspunkte.
Knut Ipsen (1979-89) kannte ich vom gemeinsamen Juristischen
Referendariat in Kiel. Wir sind zwar grundverschieden,
aber seine anpackende Art und meine eher behutsame Vorgehensweise
haben sich gut ergänzt ich glaube, auch
zum Wohl unserer Universität.
Im Hintergrund gewirkt
RUBENS: Was war der schönste Augenblick in
den letzten 33 Jahren?
Weigmann: Das war, als ich die Botschaft erhielt, den
Job hier zu bekommen. Später gab es einige sehr
bemerkenswerte Projekte: Oase, WBZ, Boskop, Kobra oder
das Institut für Arbeitswissenschaft (s. Kasten).
Erfreulich war auch, das Verhältnis zur Stadt Bochum
stabilisieren zu können. Obwohl ich weiterhin finde,
dass die Uni nicht wirklich in die Stadt integriert
ist.
RUBENS: Diese Dinge wurden alle von Ihnen mitinitiiert,
aber Sie haben sich dabei nicht gerade in den Vordergrund
gedrängt. Auch bei Sitzungen und offiziellen Terminen
sah man Sie meist im Hintergrund sitzen und beobachten.
Weigmann: Das hat verschiedene Gründe. Bei Veranstaltungen,
die man nur abzusitzen hat, kann man von ganz hinten
am schnellsten und unauffälligsten verschwinden.
Ansonsten behält man von dort am besten den Überblick.
Ich habe halt lieber im Hintergrund gewirkt. Andererseits:
Wenn ich den Rektor zum Teil in sensiblen Dingen beraten
soll, muss ich ja auch unmittelbar mitkriegen, was los
ist. Deshalb war ich auf vielen Terminen. Wenn der jeweilige
Rektor auch da war und vorn saß oder stand, gab
es für mich keinen Grund, neben ihm zu stehen.
Anders war das nur in den unruhigen Zeiten, als es darauf
ankam, physisch präsent zu sein. Mit Rektor Ipsen
sind wir so manches Mal ins Gedränge geraten.
RUBENS: Ipsen ist doch Boxer und konnte sich gut
verteidigen, oder?
Weigmann: Manchmal ging es aber darum, ihn zurückzuhalten.
Nein, Spaß beiseite! Er war niemals drauf und
dran zuzuschlagen, so diszipliniert ist er eben.
RUBENS: Mit Ihrem Weggang wird sich vieles an der
RUB verändern. Möglicherweise wird es die
Doppelfunktion Dezernent und persönlicher Referent
nicht mehr geben. Halten Sie diese Entscheidung für
richtig?
Weigmann: Ja. Ich hatte seinerzeit allen Rektorkandidaten
empfohlen, mit einem persönlichen Referenten zu
arbeiten, der ausschließlich diesen Job macht.
Man sollte auch das Dezernat 1 so belassen wie es jetzt
ist: als Brücke zwischen akademischer Selbstverwaltung
und Rektorat einerseits und Universitätsverwaltung
andererseits. Ich habe ja nicht nur mit neun Rektoren
zusammengearbeitet, sondern auch mit drei Kanzlern.
Die haben nach einiger Anlaufzeit verstanden,
dass das Dezernat 1 keine Konkurrenz zur klassischen
Verwaltung darstellt. Im Gegenteil. Durch das gute Verhältnis
blieben uns ernsthafte Konflikte erspart, wie sie an
anderen Unis gang und gebe sind. In Einzelfällen
wollten sich Kanzler und Rektor sogar gegenseitig absetzen,
mit Hilfe des Ministeriums in Düsseldorf.
RUBENS: Hat es Sie nie gereizt, selbst einmal Kanzler
zu werden?
Weigmann: In der politischen Zeit in den Siebzigern
wäre ich fast Kanzler in Osnabrück geworden.
Das dortige Entscheidungsgremium hatte mich mit großer
Mehrheit gewählt. Doch dann scheiterte es am Veto
des niedersächsischen Kultusministers. Er fand,
im Gremium hätten auf studentischer Seite zu viele
Marxisten/Leninisten gesessen. Ich hätte mir auch
einen Job an der linken Uni Bremen vorstellen
können, aber das hat sich nie ergeben, dort gab
es immer nur erfolgreiche Hausbewerbungen. An der RUB
hätte ich Stellvertreter des Kanzlers werden können.
Bernhard Wiebel (Kanzler bis 1999) hatte mich seinerzeit
gefragt. Ich habe aber nein gesagt.
RUBENS: Warum?
Weigmann: Zum einen war mir zu dem Zeitpunkt klar, dass
ich mich doch lieber um Hochschulpolitik als um Haushaltsdinge
kümmere. Zum anderen war abzusehen, dass ich mich
hauptsächlich mit den Dingen hätte befassen
sollen, die den Alltag einer großen Universität
ausmachen. Ich habe mich für meine Lebensqualität
entschieden.
Keine neuen Abhängigkeiten
RUBENS: Nach dem Kanzlervertreter Manfred Nettekoven
verliert die RUB binnen weniger Wochen mit Ihnen eine
zweite Persönlichkeit. Trösten Sie uns bitte
über diese Verluste hinweg!
Weigmann: Jeder kann ersetzt werden. Wichtig ist nur,
dass Leute in bestimmten Positionen etwas an sich haben,
das andere sowohl anregt und mitzieht als auch geeignet
ist, sie zu integrieren.
RUBENS: Glauben Sie, die RUB hat in den letzten Jahren
Chancen ungenutzt gelassen?
Weigmann: Ja, beispielsweise beim Qualitätspakt
mit dem Wissenschaftsministerium. Da ging es ja darum,
Stellen einzusparen und Studiengänge zu schließen.
Man hätte damals schmerzhafter und klarer entscheiden
müssen. Dann hätten wir jetzt vielleicht ein
schärferes Profil, allerdings keine 20 Fakultäten
mehr ...
RUBENS: Sondern?
Weigmann: Weniger. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
RUBENS: Was glauben Sie, wie es mit der RUB weitergeht?
Weigmann: Wenn an den richtigen Stellen aktive Menschen
sitzen, kann eigentlich nichts schief gehen. Um die
effektiven Naturwissenschaften mache ich mir keine Sorgen.
Ebenso wenig um die Medizin, die sich als sehr beweglich
erwiesen hat. Hut ab! Auch das Beharrungsvermögen
der Ingenieure ist erstaunlich. Die Kulturwissenschaften
werden hingegen um ihren angemessenen Anteil kämpfen
müssen.
RUBENS: Werden Sie künftig noch etwas mit der
RUB zu tun haben? Bestimmt hat man Ihnen schon ein Ehrenamt
angetragen?
Weigmann: Ich warte erst mal ab, werde aber im Umfeld
der Uni bleiben. Vorstellen könnte ich mir Tätigkeiten
fürs Kuratorium, für den Verein Hilfe
für ausländische Studierende oder für
die Oase. Aber eines ist klar: Der Job darf keine neuen
Abhängigkeiten mit sich bringen.
RUBENS: Bestimmt sind in den letzten 33 Jahren Ihre
Hobbys zu kurz gekommen. Wofür werden Sie zukünftig
mehr Zeit haben?
Weigmann: Ich war eigentlich immer ganz zufrieden. Ich
habe es allerdings geschafft, meine Arbeit im Büro
zu erledigen und habe selten Akten mit nach Hause geschleppt.
RUBENS: Jetzt wissen wir immer noch nichts von Ihren
Hobbys!
Weigmann: Na gut. Ich werde mich zukünftig mehr
um die Wohngemeinschaft kümmern, in der ich seit
30 Jahren lebe. Ich werde auch mehr lesen und reisen.
RUBENS: Wohin?
Weigmann: In den kommenden Jahren zu meiner Tochter
in die Provence, zu Studienfreunden nach Dänemark
und Italien sowie zu meinem Bruder nach Princeton.
RUBENS: Vielen Dank, Herr Weigmann. Wir wünschen
Ihnen alles Gute für Ihre Zeit nach der RUB!
Vita
Hans-Helmut Weigmann wurde am 25. Juli 1938 in Berlin
geboren. Später siedelte die Familie nach Schleswig-Holstein
um. Weigmann studierte Jura in Kiel, Bonn und Lausanne.
Er hat in seiner Referendariatszeit sowohl in der Kuratorialverwaltung
der Uni Kiel als auch beim Presidents Cabinet
der Rutgers University in New Jersey gearbeitet. Ab
Mai 1968 arbeitete er als wissenschaftlicher Angestellter
beim Rektor der TU Braunschweig an einer neuen Verfassung
für die TU. Im März 1970 wechselte er an die
RUB, wo er fortan persönlicher Referent des Rektors
und Leiter des Dezernats 1 war.
In diesen Funktionen hat Weigmann in den vergangenen
33 Jahren zahllose Projekte angestoßen und betreut,
die nicht mehr aus dem Alltag der RUB wegzudenken sind.
Dazu gehören der Modellversuch KonRUB (heute Weiterbildungszentrum
WBZ), die studentische Kulturarbeit (heute Boskop),
das Forschungsinstitut für Arbeiterbildung, die
Kooperation RUB/IG Metall, das Institut für Arbeitswissenschaft,
die Koordinierungs- und Beratungsstelle für den
Berufseinstieg (Kobra); zudem war Weigmann Beauftragter
für die Kontakte zur Stadt Bochum. Er war darüber
hinaus erster Ansprechpartner für die (verfasste)
Studentenschaft. Wie eng und liebevoll das Verhältnis
zwischenzeitlich war, daran erinnert ein 1994 vom Kulturreferat
des Asta entworfenes und verkauftes Skatblatt. Eine
Karikatur von Weigmann (als Guerilla mit einer Reval
zwischen den Lippen) ziert den Kreuz-Buben und symbolisiert
die wesentliche Rolle Weigmanns an der RUB.
Das Dezernat 1 selbst fungiert als Teil der Universitätsverwaltung
nahe am Rektorat. Ihm gehören u. a. die Referent/innen
an, die den drei Prorektor/innen zuarbeiten. Die Referent/innen
bearbeiten zugleich die Angelegenheiten in Lehre, Forschung
und Struktur. Das heißt z. B.: Plant eine Fakultät
einen neuen Studiengang, kooperiert sie automatisch
mit dem Dezernat 1. Im Planungsbereich des Dezernats
werden auch diverse Hochschulstatistiken geführt,
es werden die zentralen Gremien wie der Senat, die Senatsausschüsse
und die Universitätskommissionen betreut usw.
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