4.500 Stunden
für die Sauberkeit
Reportage:
Auf Frühschicht mit der Putzkolonne in der G-Reihe
Es ist kurz nach vier Uhr morgens, dunkel. Die Hochhausklötze
der RUB wirken wie ausgestorben, südlich hinter
der G-Reihe hat man freie Parkplatzwahl. Plötzlich
erhellen Pkw-Scheinwerfer die Nacht. Es folgen weitere,
um Viertel nach vier parkt eine Hand voll Fahrzeuge
vor GB. Eines steht quer vor den Parkboxen, abfahrbereit.
Es gehört Cornelia Lichtenberg, Objektleiterin
der Firma Rational.
Cornelia Lichtenberg koordiniert den Einsatz der
Putzkolonne in der G-Reihe und in anderen Gebäuden
der Uni. In den nächsten Stunden wird sie ihren
Pkw noch häufig brauchen, um Material und Mitarbeiter,
die selbst kein Auto haben, zu den verschiedenen Einsatzorten
auf dem Unigelände zu fahren. Jetzt sitzt sie im
Erdgeschoss in einem fensterlosen Raum mit mintfarbenen
Wänden hinter ihrem Schreibtisch. Sie begrüßt
die noch eintreffenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
die sich in ausliegende Anwesenheitslisten eintragen
und sich anschließend auf den Weg zu ihrem Einsatzort
machen. Ihre Ausrüstung holen sich die
Reinigungskräfte im gegenüberliegenden Materialraum:
Handfeger, Müllsäcke, verschiedene Reinigungsmittel,
Putzlappen, Wischer, Wassereimer. Mit beladenen
Reinigungswagen schwärmen sie aus in die drei G-Hochhäuser,
in denen tagsüber die Geisteswissenschaftler studieren.
Etwa zehn Leute arbeiten zeitgleich in jedem der Gebäude;
insgesamt beschäftigt Rational gut 100 Mitarbeiter
an der Ruhr-Uni.
Nach einem schnellen Kaffee machen Cornelia Lichtenberg
und ihre Kollegin Ursula Pisalski eine Runde durch die
Gebäude. Ursula Pisalski ist Vorarbeiterin und
macht ihren Job seit 13 Jahren, Doppelschicht. An ihre
Arbeitszeiten, vier Stunden früh, Pause, dann Nachmittags
ab 16 Uhr noch mal das Gleiche, hat sie sich inzwischen
gewöhnt. Beide Frauen machen ihre Arbeit gern,
obwohl sie oft hart ist. Schauen Sie sich diese
Schmierereien hier im Fahrstuhl an, stöhnt
Cornelia Lichtenberg. Das ist wie im Kindergarten.
Manchmal frage ich mich, wofür wir überhaupt
sauber machen. In der GC-Cafete sieht es aus,
als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Tische
sind übersäht mit Flaschen, Papier, Zigarettenkippen.
Dazwischen liegen angebissene Brötchen. Nach jedem
Uni-Tag sieht es so aus, jeden Morgen beseitigen zwei
Reinigungskräfte das Chaos: dreieinhalb Stunden
einsammeln, sortieren, Putzen, Wischen; um halb acht
muss alles wieder im Normalzustand sein. Bis zu zehn
Müllsäcke wirft eine Cafeteria pro Tag ab.
In den Seminarräumen in GA sieht es oft fast genauso
wüst aus. Olaf Beins flitzt dort jeden Morgen erst
einmal durch, die Seminarräume gehören zu
seiner Etage. Man weiß nicht,
wie einem geschieht, wenn man morgens kommt, erzählt
er und schleppt einen blauen Müllsack zum Container
draußen. An Tagen, an denen es besonders dreckig
ist, muss er Prioritäten setzen, sonst kann er
nicht alles bewältigen. Seit sieben Jahren ist
er dabei. Die Frühschicht hat Olaf Beins bei den
Geisteswissenschaftlern, nachmittags macht er bei den
Sportlern sauber. Früher war er beim Wachdienst.
Nachdem sie meine Stelle dort gestrichen haben,
hab´ ich mit dem Putzen angefangen, erinnert
er sich. Als er vom Container wieder reinkommt, fischt
Olaf Beins weiße Gummihandschuhe aus seinem Putzwagen
und beginnt, die Toiletten zu wischen. Das
hier mache ich nicht so gern. Manchmal ist es echt extrem.
Wenn ich kurz vorm Würgen bin, ist die Schmerzgrenze
erreicht. Ich stell mir dann vor, die Leute wissen nicht,
wie sie ein Klo benutzen sollen wie schaffen
die das? Stellen die sich auf die Brille?
Fünf Stockwerke höher kippt Gabriele Moj
zwei Becher Wasser auf den Flurboden und fährt
mit dem Wischer hinterher. Die gebürtige Polin
reinigt auf ihrer Etage hauptsächlich Büros
von Professoren und beneidet ihren Kollegen von unten
nicht: Büros sind besser als Seminarräume.
Eine afrikanische Kollegin findet das auch, sie ist
gerade in einem anderen Büro beschäftigt.
Wenn du jeden Tag den Müll leerst, ist es
nicht so viel, lacht sie und kippt den Abfall
aus dem Eimer in den großen blauen Beutel auf
ihrem Wagen. Was sie in der Frühschicht nicht schafft,
macht sie am späten Nachmittag. Dann trifft
sie die Professoren und Mitarbeiter auf ihrem Stockwerk.
Manche fragen, wie es mir geht. Das freut mich.
Draußen ist es inzwischen hell geworden. Cornelia
Lichtenberg sprintet wieder einmal zu ihrem Auto, in
der Hand eine Tüte voll frisch gewaschener Wischmöppe:
sie versorgt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in
den entfernteren Gebäuden regelmäßig
mit Material. Bevor ab acht Uhr die Studierenden kommen,
macht sie die Runde noch häufig und sammelt die
Außendienstler zum Schichtende ein.
Um 16 Uhr ist sie wieder in ihrem Büro. Spätschicht.
Hintergrund
An der RUB sorgen zwei Reinigungsunternehmen für
Ordnung und Sauberkeit: Die Firma Schneider und Ehrit
kümmert sich um die Reihen N und I sowie um das
Isotopenlabor hinter N. Die Firma Rational sorgt in
den übrigen Gebäuden dafür, dass man
die Spuren eines langen Uni-Tages am nächsten Morgen
nicht mehr sieht, so in der G-Reihe, im Audimax, in
der Unibibliothek und im Botanischen Garten. Die Frühschicht
dauert von vier bis acht h, die Spätschicht von
16 bis 20 h. Insgesamt arbeiten alle Reinigungskräfte
zusammen 4.500 Stunden pro Woche, um die Uni sauber
zu halten.
Christina
Heimken
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