|
|
|
 |
RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
|
|
| |
| |
|
 |
|
|
|
|
Diskussionskultur
Editorial
Im Mai und Juni sah sich die RUB einer Fülle von
lauten öffentlichen Protesten und wütenden Reaktionen
aus Medien und von Privatpersonen ausgesetzt. Der aktuelle
Gastprofessor Mesut Yilmaz trieb einige Hundert Demonstranten
auf die Straße, vor dem IBZ durchbrachen einige
die Absperrung, um lauthals den Vortrag des ehemaligen
türkischen Ministerpräsidenten zu stören.
Mit ihm reden oder diskutieren wollten sie bewusst nicht.
Einen Sturm der Entrüstung gar lösten Äußerungen
von Prof. Joachim Wiemeyer (Christliche Gesellschaftslehre,
Katholisch-Theologische Fakultät) in der ARD-Sendung
Report am 2. Juni 2003 aus. Nach seinem Satz, Und
dann bin ich der Auffassung, dass wir vor allem für
Jüngere medizinische Leistungen bereithalten müssten,
aber nicht jede lebensverlängernde Maßnahme
für sehr alte Leute noch durchführen müssen,
hagelt es Briefe und E-Mails mit Beschimpfungen, Unterstellungen,
Ankündigungen von Strafanzeigen. Auch von Euthanasie
war die Rede, manche stellten Vergleiche mit Mengele und
der NS-Zeit an und forderten vom Rektor die Entlassung
von Prof. Wiemeyer. Beschimpfen ja, mit ihm diskutieren
nein, das wollten sie nicht.
Beruhigend, dass sich auch einige wenige besonnene Stimmen
zu Wort meldeten und für sich erkannten, Wiemeyer
habe mit seinen ungeschickten Formulierungen
der Gesellschaft letztlich einen Dienst erwiesen:
Denn er habe eine Diskussion angestoßen, vor der
sich die Politiker letztlich aus Opportunismus drücken.
Das Rektorat der Ruhr-Uni hat in beiden Fällen
akademisch reagiert. Yilmaz ist unser Gast und als
solcher genießt er unseren Schutz. Als Gastprofessor
an einer Universität muss er sich aber Argumenten
und Tatsachen stellen, und so ist jeder aufgerufen, sich
in der Diskussion mit ihm direkt auseinander zu setzen.
Im Falle Wiemeyer hat das Rektorat eine öffentliche
Diskussionsveranstaltung Gesundheit im Verteilungskampf
können wir uns alles leisten, was wir können
organisiert und damit die Aufgabe der Universität
in der Gesellschaft betont: das Gespräch über
gesellschaftliche Entwicklungen zu fördern, eine
breitere akademische Argumentationsgrundlage zu schaffen,
ohne jemanden an den Pranger zu stellen.
Beide Fälle zeigen typische Probleme unserer Diskussionskultur.
Es ist in Deutschland unüblich, dass ein Politiker
wie Yilmaz die Seiten wechselt und sich der akademischen
Diskussion stellt. Hierzulande sind Politiker sowieso
generell dem Verdacht ausgesetzt, Dreck am Stecken zu
haben. Bei Wiemeyer duldet es unsere political correctnes
nicht, dass Professoren sich mit provokanten Thesen in
die Gesellschaft einmischen, die möglicherweise einen
Dammbruch bedeuten können.
Da lob ich mir doch die Haltung von Voltaire, der Rousseau
in einem Brief einst schrieb: Mein Herr, ich verachte
Ihre Ansichten! Aber ich werde stets dafür eintreten,
dass Sie sie frei äußern können.
jk
|
|
|
|
|
| |
|
|