Alter
Jumbo wird 30
Happy Birthday
DTL
Die komplizierte Klingelanlage vor der verschlossenen
Tür macht es einem gleich klar: Hier kommt nicht
jeder rein. Drinnen warnt es an allen Ecken: Kontrollbereich,
Hochspannung, Lebensgefahr.
Wer sich trotzdem hineintraut, für den gehen alle
Türen von selber auf; Dr. Manfred Roth und Rolf
Wylich sehen ungefährlich aus und haben eine Menge
zu erzählen aus 30 Jahren Dynamitron Tandem Laboratorium,
kurz DTL. Manfred Roth, Leiter des DTL, kennt es
fast von Anfang an, als es auf Initiative der sog. Gummistiefelgeneration
der ersten Professoren der RUB, die noch auf
der Baustelle lehrten hinter das Gebäude
NB gebaut und 1973 in Betrieb genommen wurde. Seither
habe sich nicht viel verändert, erzählt er,
das DTL ist wie ein alter Jumbo: Fast jedes Teil
ist inzwischen erneuert, aber trotzdem ist es dieselbe
Maschine. Einiges hat sich aber doch getan, das
fällt spätestens im Kontrollraum auf. Der
hat tanzsaalähnliche Ausmaße, ist aber gähnend
leer. Das war nicht immer so: Früher füllte
ein Großrechner drei Viertel dieses Raums aus,
erzählt Rolf Wylich vom DTL-Team, heute leistet
ein einziger PC mehr. Einige Serverschränke
und ein Kontrollpult sind übrig, das reicht heute.
Von hier aus steuern vier Operateure das Geschehen im
Labor und wachen über seine Sicherheit. Stets im
Blick haben sie die Alarmleuchte, die mit Strahlungsmessern
an acht Punkten des Labors verbunden ist, weil manche
Experimente ionisierende Strahlung erzeugen, die in
hohen Dosen gefährlich sein kann. Wer während
solcher Tests rein will ins Labor, wird deshalb vorher
mit einem kleinen Strahlungsmesser ausstaffiert, den
es im Auge zu behalten gilt. Übersteigt die
aufgenommen Strahlung den Grenzwert, heißt es
ab nach draußen.
Der Weg ins Innere des DTL ist labyrinthisch. Um
flexibel zu bleiben, baute man so gut wie keine festen
Wände ein, sondern behilft sich nach dem Lego-Prinzip
mit dicken Betonklötzen. Dahinter, in einem
blauen Drahtkäfig, versteckt sich das Herz des
Labors, die Ionenquelle. Vier Mio. Volt liegen hier
an. Das gewünschte Ausgangsmaterial, das als Gas
oder Festkörper vorliegen kann, wird mit einem
Cäsiumstrahl beschossen, sodass sich einzelne Atome
herauslösen. Die werden zunächst elektrisch
aufgeladen und vorbeschleunigt, bevor sie ein Türchen
weiterwandern in einen 15 Meter langen grünen Tank.
Durch ihre negative Ladung werden sie angezogen von
einer Hochspannung in der Mitte des Tanks. Auf ihrem
Weg dorthin werden sie zum ersten Mal beschleunigt.
Dort angekommen, verlieren sie Elektronen an ein Gas,
so dass sie nun positiv geladen sind und von der Spannungsquelle
wieder abgestoßen werden. Ihr neues Ziel ist ein
negativer Gegenpol am Ende des Tanks sie werden
in diesem zweiten Schritt noch schneller (daher auch
Tandem). Aus dem Tank heraus flitzen die
Teilchen in ein Rohrsystem, das sich sternförmig
in Richtung der einzelnen Experiment-Aufbauten verzweigt.
Welchen Weg die Ionen nehmen, entscheiden die Operateure.
Es kann immer nur je ein Experimentierplatz bestrahlt
werden. Pumpen erhalten in den Rohren unter einigem
Getöse ein Vakuum, denn in Luft würden
die Teilchen sofort gebremst und kämen kaum einen
Meter weit, erläutert Manfred Roth. Dann
kann man den Ionenstrahl auch sehen, als leuchtende
Keule. Im Rohr ist er unsichtbar. Dafür,
dass die Teilchen nicht vom rechten Weg abkommen, sorgen
starke Magneten. Sie lenken den Strahl um alle Ecken
und fokussieren ihn am Ende auf sein Ziel, das Target.
Das kann z.B. aus Elektronikbauteilen bestehen, die
mit Hilfe der Teilchen präpariert werden sollen.
Der Strahl, der nur etwa drei Millimeter dick ist, scannt
dafür den sog. Wafer ab, der die Bauteile trägt.
Solche Aufgaben stellen dem DTL neben den Forschern
der RUB auch immer mehr Industrieunternehmen, an die
RUBITEC das DTL vermarktet. Wir sind zertifiziert
nach ISO 9001, erzählt Manfred Roth stolz,
und Rolf Wylich ergänzt: Als Dienstleister
für die Industrie haben wir uns inzwischen einen
guten Namen gemacht. So gehört mittlerweile
auch ein amerikanisches Institut zu den Kunden; es lässt
Zementproben zu Testzwecken mit Ionen beschießen.
Diese Auftragsarbeiten sichern die Existenz des DTL,
dessen Betrieb nicht eben billig ist. So verschlingt
der Beschleuniger jährlich einige Hunderttausend
Kilowattstunden an Strom. An drei Tagen der Woche
arbeitet er nur für Industrieunternehmen. Für
die RUB-Forscher bleibt trotzdem genug Zeit, denn das
Labor ist an sieben Tagen der Woche in Betrieb. 80.000
Wafer werden jährlich beschossen, 3.572 Stunden
lang arbeitete das DTL im Jahr 2002 noch etwas,
das sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat:
In den Anfangsjahren hatten wir rund 8.000 Betriebsstunden
jährlich, so Rolf Wylich. Da waren
zum einen mehr Diplomanden da das DTL kooperierte
auch noch mit den Unis Dortmund und Münster
zum anderen war die Datenverarbeitung so langsam, dass
die Forscher Pausen einlegen mussten, damit der Computer
hinterherkam. Außerdem haben sich in den
vergangenen 30 Jahren natürlich die Forschungsschwerpunkte
verlagert. Heute dient das DTL weniger als früher
zur Erforschung der kernphysikalischen Grundlagen. Die
Forscher nutzen es nun z. B., um die physikalischen
Bedingungen im All zu simulieren. Außerdem können
sie Materialien mit Hilfe des Ionenstrahls analysieren,
denn unter Beschuss sendet jedes Material eine charakteristische
Strahlung aus. Ein recht neues Aufgabengebiet des DTL
ist die Radiocarbonmessung, mit der sich das Alter von
archäologischen Funden bestimmen lässt (s.
RUBENS 68). Am 27. Juni feiert das DTL-Team den
30. Geburtstag des alten Jumbos
Happy Birthday DTL!
Info: Das DTL im Netz: www.dtl.rub.de
md
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