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RUBENS 80 1. Juni 2003

Mit dem Kinderwagen zur Uni

Familiengründung beim Studium: Ein Tag mit Amira Jeanne und ihren Eltern


Der Raum ist stockdunkel. Im Dunkeln geht es einfacher. Die Luft riecht leicht muffig. Ein merkwürdiges Gemisch, das ein wenig an Zirkus erinnert. Ein nervöses Trappeln huscht schnell auf metallenen Stäben hin und her. Plötzlich wird das Scharren lauter, Flügel schlagen und sorgen für einen leichten Luftzug. „Oh, nein Harvey! Bleib hier! Ja, so ist gut.“ Nicole schiebt ihre Hand unter seinen Bauch und Harvey klettert vorsichtig darauf. Vorbei ist es vorübergehend mit der Flugfreiheit, denn die 32-Jährige bugsiert ihn schnell in den Käfig zu seinen drei Artgenossinnen. Harvey ist eine Elster und Nicole seine Pflegerin. Ein Hiwi-Job. Nicole ist Biologiestudentin. Und Mutter. Vor 17 Monaten kam Amira Jeanne. „Das war ein innerer Wunsch. Ich dachte, ich will jetzt ein Kind“, erinnert sich Nicole. „Klar war es am Anfang meine Idee. Welcher Mann kommt schon mit 23 auf die Idee, ein Kind in die Welt zu setzen?“
Der Mann in Nicoles Leben ist Harald, der erst einmal überlegen musste. „Aber nicht lange. Ich dachte halt erst, es ist finanziell nicht der beste Zeitpunkt. Gefühlsmäßig war es der richtige Moment. Ich würde es auf jeden Fall wieder machen.“ Amira sitzt auf seinen Knien. Routiniert zieht Harald ihr die Schuhe aus. Rote Socken mit weißen Punkten kommen zum Vorschein. Amira zerdrückt den Rest ihres Frühstücksbrotes, bevor sie ihn in den Mund steckt. „Morgens ist sie oft mit anderen Sachen beschäftigt und hat keine Zeit zum Essen. Aber im Auto auf dem Weg zur Uni isst sie es meistens auf“, erzählt Harald. Heute hat es Amira nicht ganz geschafft, denn ihr Papa und sie stehen schon vor der Tür der „Uni-Zwerge“. Jeden Morgen bringt Harald seine Tochter in die Krippe. „Amira geht total gerne hierhin. Sie findet es interessant, mit anderen Kindern zusammen zu sein, am Tisch mit ihnen zu essen. Das macht ihr Spaß“, sagt Harald und holt aus einem kleinen Stoffbeutel zwei Plastikdosen mit Amiras zweitem Frühstück: Brot und Apfelstückchen. Die Trinkflasche mit den gelben Hasen hält die Kleine schon fest in beiden Händen. „Viel Spaß, Mausi!“ Harald winkt Amira und geht forschen.
Der 25-Jährige studiert wie Nicole Biologie. Gerade experimentiert er für seine Diplomarbeit, sucht nach Pilzen, die Pflanzen krank machen. Das heißt jeden Tag Labor von 8 bis 18 Uhr. Die Mittagspause nutzt er für seine Hiwi-Stelle, kümmert sich um Zellkulturen am Lehrstuhl für Zellmorphologie. „Es ist schon zeitaufwändig und stressig. Manchmal komme ich abends nur heim, um Amira ins Bett zu bringen und fahre danach noch mal in die Uni. Trotzdem kann man sich als Student die Zeit besser einteilen und sich einfacher abstimmen. Morgens komme ich mitunter zehn Minuten später, weil es bei den Uni-Zwergen länger gedauert hat, aber da sagt keiner was. Später im Beruf wird das nicht so einfach gehen“, sagt Harald.
Dieser Vorteil ermutigt nicht viele Studenten zur Familiengründung. Weniger als sieben Prozent der Studierenden in Deutschland haben Kinder, ermittelte das HIS Hochschul-Informations-System im Auftrag des Deutschen Studentenwerks in der 16. Sozialerhebung 2001. In absoluten Zahlen heißt das: Etwas mehr als 100.000 Studenten haben Nachwuchs. Dieser Anteil ist seit 20 Jahren ziemlich konstant. Mehr als die Hälfte der Kinder ist jünger als drei Jahre. Fast drei Viertel der Eltern sind im ersten Studium und meist wie Nicole Ende 20, Anfang 30.
Die angehende Biologin füllt gerade Wasser in ein viereckiges Plastikbecken mit kleinen Steinen auf dem Boden. Das Planschbecken der Elstern. Die Vormittage in der Uni nutzt Nicole jedoch nicht nur für die Vogelpflege, sondern mehr noch zum Lernen für ihre Abschlussprüfungen. Als Amira auf die Welt kam, war sie mitten im Studium. „Ich hatte gerade ein Seminar in Biopsychologie. Genau zweimal durfte man fehlen und das hab ich, als ich im Wochenbett lag. Danach ist Harald immer mit Amira im Tragetuch um die Uni scharwänzelt, damit ich schnell raus konnte, wenn sie Hunger hat. Ich habe ja gestillt“, erinnert sich Nicole. „Meine Professoren hätten bestimmt auch nichts gesagt, wenn ich Amira mit ins Seminar genommen hätte, aber da hätte ich mich nicht konzentrieren können. Die Dozenten waren überhaupt sehr entgegenkommend. Sie haben Rücksicht genommen, wenn bei mir mal etwas länger gedauert hat als geplant.“
Anfangs war Harald mehr zu Hause und hat sich um das Baby gekümmert. Keine Rollenteilung im „klassischen“ Sinn. „Mittags haben wir uns dann oft getroffen und sind in die Mensa gegangen. Amira kennt den Uni-Alltag genau, sie ist das ja von Anfang an gewöhnt. In der Mensa findet sie es toll, die vielen Leute anzugucken. Und sie ist immer ganz aus dem Häuschen, wenn es zu den Elstern geht. Oder wenn wir auf dem Parkplatz vor Haralds Gebäude sind, merkt sie das genau, zeigt auf das Haus und sagt ‚Papa’“, erzählt Nicole. Die Mittagszeit war oft Schichtwechsel. Harald ist an der Uni geblieben und Nicole mit Amira nach Hause gefahren. Eine Tagesaufteilung, die die jungen Eltern ohne Probleme regeln konnten. Bis auf eine Ausnahme. „Das schlimmste für mich war, als ich meinen letzten Block in Biologie machen musste. Das hieß von 8 bis 17 Uhr Vorlesung und Forschen. Vier Wochen lang. Amira war etwa ein Jahr alt. Sie hat angefangen zu laufen. In ihrer Entwicklung ist so viel passiert und ich hab sie nur abends kurz gesehen, um sie ins Bett zu bringen“, denkt Nicole zurück. „Eigentlich sollte Amira da schon zu den Uni-Zwergen, aber sie wollte nicht. Da hat Haralds Mutter Urlaub genommen, um auf sie aufzupassen .“ Die Aufteilung des Studiums in Blöcke, wie es in Biologie üblich ist, findet Nicole deshalb kinderunfreundlich. Noch schwieriger wird die Situation für Studierende, die allein ihr Kind erziehen. Jede vierte Mutter studiert und lebt ohne Partner. Die Mehrheit der studierenden Eltern sorgt allerdings gemeinsam für ihr Kind. 26 Prozent leben in einer Partnerschaft ohne Ehering. Über die Hälfte ist verheiratet. Dazu gehören auch Harald und Nicole. Hochschwanger haben die beiden geheiratet.
Selbst wenn die Partnerschaft stimmt und der Uni-Stundenplan flexibel ist, spricht für viele ein Punkt gegen Nachwuchs: Geld. Die Statistik der Sozialerhebung verrät, dass sich studierende Eltern hauptsächlich über Nebenjobs finanzieren. Rund 40 Prozent gehen laufend, auch während der Semester arbeiten. Bei Studenten ohne Kinder beläuft sich dieser Anteil auf knapp ein Viertel. Rund 17 Prozent der Eltern bekommen Bafög. Die Ablehnung begründet das Bafög-Amt bei einem Drittel mit einem zu hohen Einkommen aus den Nebenjobs. Nicole kommt noch in den „Genuss“ des Bafögs, bei dem es allerdings kein zusätzliches Geld für Amira gibt. Lediglich der Freibetrag der Einkünfte, die beim Berechnen des Bafögs einbezogen werden, ist höher. Dazu kommt das Geld aus Nicoles und Haralds Hiwi-Stellen, Amiras Kindergeld und das Erziehungsgeld. Harald bekommt kein Bafög und wird von seinen Eltern unterstützt. „Mir war aber wichtig, dass meine Eltern nicht mehr als vorher zahlen, also jetzt nicht für meine Familie aufkommen“, meint Harald. Das hat bisher auch geklappt.
Nicole sitzt über ihren Aufzeichnungen in der Cafeteria. Botanik. In einer halben Stunde holt sie Amira von den Uni-Zwergen ab. Nebenher überlegt Nicole kurz, was sie gleich zum Mittagessen kochen soll. Schwierig im Moment. Amira ist wählerisch, mag gar kein Gemüse, Kartoffeln oder Reis. Eigentlich wollte Nicole schon etwas weiter im Studium sein. Wie es jetzt aussieht, wird Nicole trotzdem nur ein Semester überziehen, ist also weit davon entfernt, eine „Langzeitstudentin“ zu werden. „Wenn ich fertig bin, will ich als Quereinsteiger Lehrerin werden. Klar, bevor ich Harald kennen gelernt habe, war meine Perspektive eher auf Beruf und Karriere ausgerichtet. Ich hätte mir gut vorstellen können, nach Brasilien zu gehen und Artenschutz zu betreiben. Aber ich glaube, dass Kind und Karriere nicht zusammen gehen. Man kann einfach nicht beidem gerecht werden, eines leidet immer. Da ist die Schule eine super Alternative“, glaubt Nicole. Harald will an der Uni bleiben und promovieren. Vorher arbeitet er dem Abgabetermin für seine Diplomarbeit entgegen. Der 7. August ist Stichtag. Den sollte er auch aus einem anderen guten Grund einhalten. Denn nur fünf Tage später folgt der nächste Stichtag: Nicole und Harald erwarten ihr zweites Kind. Wohl der beste Beweis dafür, dass Studieren und Familie durchaus zueinander passen.


Betreuung und Beratung in der RUB

Im Juli 1998 gründeten Eltern, die in der RUB studieren oder arbeiten, den gemeinnützigen Verein „Uni-Zwerge“. Der Nachwuchs wird dort stundenweise betreut, also auch nur für die Dauer einer Vorlesung. 33 Kinder zwischen einem halben und drei Jahren werden von vier Erzieherinnen betreut. Die Krippe ist von 8.30 bis 17 h geöffnet. 75 Euro ist der Grundbetrag pro Semester. Dazu kommen 2,60 Euro für jede Stunde, in der die Kinder gehütet werden. Dieser Preis wird reduziert, wenn sich Mutter oder Vater an der Betreuung beteiligen. Essen bringen die Eltern selbst mit. Kontakt: -22044 oder www.rub.de/uni-zwerge.
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90 Kinder gehen in die Kindertagesstätte des Akademischen Förderungswerks (Akafö). In altersgemischten Gruppen werden 60 Mädchen und Jungen zwischen vier Monaten und sechs Jahren zwischen 7.30 und 17.30 h betreut. Dazu kommen 30 Hortplätze für Grundschulkinder. Die studierenden Eltern zahlen jeden Monat 65 Euro, inkl. Vollverpflegung. Die Akafö-Kita ist voll ausgelastet. Die Wartezeiten sind unterschiedlich, Alleinerziehende werden bei der Platzvergabe bevorzugt. Kontakt: -11510 o. www.akafoe.de.
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Eine Initiative für Kinderbetreuung, dieses Mal für Beschäftigte der RUB, ist „Prokids“ von Kanzler, Personaldezernat und Frauenbüro. Prokids bietet momentan eine Betreuung in den Sommerferien. Vom 1.-5. und 8.-12.9.03 kümmern sich erfahrene Studenten um Kinder zwischen 6 und 13 Jahren. Die halbtägige Betreuung kostet 30 Euro, die ganztägige 60 Euro pro Woche. RUB-Mitarbeiter können sich bis zum 13.6. unter -27772 oder per E-Mail (prokids@rub.de) anmelden.
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Beratung für studierende Eltern gibt es vor allem beim Frauenbüro im Forum Nordost (FNO). Ab Mitte Juni ist die aktuelle Broschüre „Studieren mit Kind“ druckfrisch und online erhältlich. Im Internet stehen zusätzlich Adressen von Beratungsstellen und Hilfsangeboten sowie Infos zu Mutterschutz, Erziehungs- oder Kindergeld: www.rub.de/frauenbuero/3/studi_ki.htm
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Auch das Bundesfamilienministerium beantwortet online u.a. Fragen zu Bafög, Krankenkassen, Mutterschutz, Unterhalt: www.bmfsfj.de/Anlage23555/Text.pdf
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Noch melden nur wenige Studierende der Ruhr-Uni ihren Nachwuchs. Zurzeit sind 164 Studentinnen immatrikuliert, die als Beurlaubungsgrund eine Schwangerschaft angegeben haben. Viele lassen sich nicht beurlauben, weil sie ihr Semesterticket behalten wollen oder das Bafög brauchen. Ab Sommer 2004 gibt es mit der Einführung der Studienkonten einen guten Grund, dem Studierendensekretariat den Nachwuchs zu melden: Studierende Eltern haben Anspruch auf Bonusguthaben.

 

Jessica Piper
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Letzte Änderung: 28.05.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik