Mit dem Kinderwagen
zur Uni
Familiengründung
beim Studium: Ein Tag mit Amira Jeanne und ihren Eltern
Der Raum ist stockdunkel. Im Dunkeln geht es einfacher.
Die Luft riecht leicht muffig. Ein merkwürdiges
Gemisch, das ein wenig an Zirkus erinnert. Ein nervöses
Trappeln huscht schnell auf metallenen Stäben hin
und her. Plötzlich wird das Scharren lauter, Flügel
schlagen und sorgen für einen leichten Luftzug.
Oh, nein Harvey! Bleib hier! Ja, so ist gut.
Nicole schiebt ihre Hand unter seinen Bauch und Harvey
klettert vorsichtig darauf. Vorbei ist es vorübergehend
mit der Flugfreiheit, denn die 32-Jährige bugsiert
ihn schnell in den Käfig zu seinen drei Artgenossinnen.
Harvey ist eine Elster und Nicole seine Pflegerin. Ein
Hiwi-Job. Nicole ist Biologiestudentin. Und Mutter.
Vor 17 Monaten kam Amira Jeanne. Das war ein
innerer Wunsch. Ich dachte, ich will jetzt ein Kind,
erinnert sich Nicole. Klar war es am Anfang meine
Idee. Welcher Mann kommt schon mit 23 auf die Idee,
ein Kind in die Welt zu setzen?
Der Mann in Nicoles Leben ist Harald, der erst einmal
überlegen musste. Aber nicht lange. Ich dachte
halt erst, es ist finanziell nicht der beste Zeitpunkt.
Gefühlsmäßig war es der richtige Moment.
Ich würde es auf jeden Fall wieder machen.
Amira sitzt auf seinen Knien. Routiniert zieht Harald
ihr die Schuhe aus. Rote Socken mit weißen Punkten
kommen zum Vorschein. Amira zerdrückt den Rest
ihres Frühstücksbrotes, bevor sie ihn in den
Mund steckt. Morgens ist sie oft mit anderen Sachen
beschäftigt und hat keine Zeit zum Essen. Aber
im Auto auf dem Weg zur Uni isst sie es meistens auf,
erzählt Harald. Heute hat es Amira nicht ganz geschafft,
denn ihr Papa und sie stehen schon vor der Tür
der Uni-Zwerge. Jeden Morgen bringt Harald
seine Tochter in die Krippe. Amira geht total
gerne hierhin. Sie findet es interessant, mit anderen
Kindern zusammen zu sein, am Tisch mit ihnen zu essen.
Das macht ihr Spaß, sagt Harald und holt
aus einem kleinen Stoffbeutel zwei Plastikdosen mit
Amiras zweitem Frühstück: Brot und Apfelstückchen.
Die Trinkflasche mit den gelben Hasen hält die
Kleine schon fest in beiden Händen. Viel
Spaß, Mausi! Harald winkt Amira und geht
forschen.
Der 25-Jährige studiert wie Nicole Biologie.
Gerade experimentiert er für seine Diplomarbeit,
sucht nach Pilzen, die Pflanzen krank machen. Das
heißt jeden Tag Labor von 8 bis 18 Uhr. Die Mittagspause
nutzt er für seine Hiwi-Stelle, kümmert sich
um Zellkulturen am Lehrstuhl für Zellmorphologie.
Es ist schon zeitaufwändig und stressig.
Manchmal komme ich abends nur heim, um Amira ins Bett
zu bringen und fahre danach noch mal in die Uni. Trotzdem
kann man sich als Student die Zeit besser einteilen
und sich einfacher abstimmen. Morgens komme ich mitunter
zehn Minuten später, weil es bei den Uni-Zwergen
länger gedauert hat, aber da sagt keiner was. Später
im Beruf wird das nicht so einfach gehen, sagt
Harald.
Dieser Vorteil ermutigt nicht viele Studenten zur Familiengründung.
Weniger als sieben Prozent der Studierenden in Deutschland
haben Kinder, ermittelte das HIS Hochschul-Informations-System
im Auftrag des Deutschen Studentenwerks in der 16. Sozialerhebung
2001. In absoluten Zahlen heißt das: Etwas mehr
als 100.000 Studenten haben Nachwuchs. Dieser Anteil
ist seit 20 Jahren ziemlich konstant. Mehr als die Hälfte
der Kinder ist jünger als drei Jahre. Fast drei
Viertel der Eltern sind im ersten Studium und meist
wie Nicole Ende 20, Anfang 30.
Die angehende Biologin füllt gerade Wasser in ein
viereckiges Plastikbecken mit kleinen Steinen auf dem
Boden. Das Planschbecken der Elstern. Die Vormittage
in der Uni nutzt Nicole jedoch nicht nur für die
Vogelpflege, sondern mehr noch zum Lernen für ihre
Abschlussprüfungen. Als Amira auf die Welt kam,
war sie mitten im Studium. Ich hatte gerade ein
Seminar in Biopsychologie. Genau zweimal durfte man
fehlen und das hab ich, als ich im Wochenbett lag. Danach
ist Harald immer mit Amira im Tragetuch um die Uni scharwänzelt,
damit ich schnell raus konnte, wenn sie Hunger hat.
Ich habe ja gestillt, erinnert sich Nicole. Meine
Professoren hätten bestimmt auch nichts gesagt,
wenn ich Amira mit ins Seminar genommen hätte,
aber da hätte ich mich nicht konzentrieren können.
Die Dozenten waren überhaupt sehr entgegenkommend.
Sie haben Rücksicht genommen, wenn bei mir mal
etwas länger gedauert hat als geplant.
Anfangs war Harald mehr zu Hause und hat sich um das
Baby gekümmert. Keine Rollenteilung im klassischen
Sinn. Mittags haben wir uns dann oft getroffen
und sind in die Mensa gegangen. Amira kennt den Uni-Alltag
genau, sie ist das ja von Anfang an gewöhnt. In
der Mensa findet sie es toll, die vielen Leute anzugucken.
Und sie ist immer ganz aus dem Häuschen, wenn es
zu den Elstern geht. Oder wenn wir auf dem Parkplatz
vor Haralds Gebäude sind, merkt sie das genau,
zeigt auf das Haus und sagt Papa,
erzählt Nicole. Die Mittagszeit war oft Schichtwechsel.
Harald ist an der Uni geblieben und Nicole mit Amira
nach Hause gefahren. Eine Tagesaufteilung, die die jungen
Eltern ohne Probleme regeln konnten. Bis auf eine Ausnahme.
Das schlimmste für mich war, als ich meinen
letzten Block in Biologie machen musste. Das hieß
von 8 bis 17 Uhr Vorlesung und Forschen. Vier Wochen
lang. Amira war etwa ein Jahr alt. Sie hat angefangen
zu laufen. In ihrer Entwicklung ist so viel passiert
und ich hab sie nur abends kurz gesehen, um sie ins
Bett zu bringen, denkt Nicole zurück. Eigentlich
sollte Amira da schon zu den Uni-Zwergen, aber sie wollte
nicht. Da hat Haralds Mutter Urlaub genommen, um auf
sie aufzupassen . Die Aufteilung des Studiums
in Blöcke, wie es in Biologie üblich ist,
findet Nicole deshalb kinderunfreundlich. Noch schwieriger
wird die Situation für Studierende, die allein
ihr Kind erziehen. Jede vierte Mutter studiert und lebt
ohne Partner. Die Mehrheit der studierenden Eltern sorgt
allerdings gemeinsam für ihr Kind. 26 Prozent leben
in einer Partnerschaft ohne Ehering. Über die Hälfte
ist verheiratet. Dazu gehören auch Harald und Nicole.
Hochschwanger haben die beiden geheiratet.
Selbst wenn die Partnerschaft stimmt und der Uni-Stundenplan
flexibel ist, spricht für viele ein Punkt gegen
Nachwuchs: Geld. Die Statistik der Sozialerhebung
verrät, dass sich studierende Eltern hauptsächlich
über Nebenjobs finanzieren. Rund 40 Prozent gehen
laufend, auch während der Semester arbeiten. Bei
Studenten ohne Kinder beläuft sich dieser Anteil
auf knapp ein Viertel. Rund 17 Prozent der Eltern bekommen
Bafög. Die Ablehnung begründet das Bafög-Amt
bei einem Drittel mit einem zu hohen Einkommen aus den
Nebenjobs. Nicole kommt noch in den Genuss
des Bafögs, bei dem es allerdings kein zusätzliches
Geld für Amira gibt. Lediglich der Freibetrag der
Einkünfte, die beim Berechnen des Bafögs einbezogen
werden, ist höher. Dazu kommt das Geld aus Nicoles
und Haralds Hiwi-Stellen, Amiras Kindergeld und das
Erziehungsgeld. Harald bekommt kein Bafög und wird
von seinen Eltern unterstützt. Mir war aber
wichtig, dass meine Eltern nicht mehr als vorher zahlen,
also jetzt nicht für meine Familie aufkommen,
meint Harald. Das hat bisher auch geklappt.
Nicole sitzt über ihren Aufzeichnungen in der Cafeteria.
Botanik. In einer halben Stunde holt sie Amira von den
Uni-Zwergen ab. Nebenher überlegt Nicole kurz,
was sie gleich zum Mittagessen kochen soll. Schwierig
im Moment. Amira ist wählerisch, mag gar kein Gemüse,
Kartoffeln oder Reis. Eigentlich wollte Nicole schon
etwas weiter im Studium sein. Wie es jetzt aussieht,
wird Nicole trotzdem nur ein Semester überziehen,
ist also weit davon entfernt, eine Langzeitstudentin
zu werden. Wenn ich fertig bin, will ich als Quereinsteiger
Lehrerin werden. Klar, bevor ich Harald kennen gelernt
habe, war meine Perspektive eher auf Beruf und Karriere
ausgerichtet. Ich hätte mir gut vorstellen können,
nach Brasilien zu gehen und Artenschutz zu betreiben.
Aber ich glaube, dass Kind und Karriere nicht zusammen
gehen. Man kann einfach nicht beidem gerecht werden,
eines leidet immer. Da ist die Schule eine super Alternative,
glaubt Nicole. Harald will an der Uni bleiben und promovieren.
Vorher arbeitet er dem Abgabetermin für seine Diplomarbeit
entgegen. Der 7. August ist Stichtag. Den sollte er
auch aus einem anderen guten Grund einhalten. Denn nur
fünf Tage später folgt der nächste Stichtag:
Nicole und Harald erwarten ihr zweites Kind. Wohl
der beste Beweis dafür, dass Studieren und Familie
durchaus zueinander passen.
Betreuung und Beratung in der RUB
Im Juli 1998 gründeten Eltern, die in der RUB studieren
oder arbeiten, den gemeinnützigen Verein Uni-Zwerge.
Der Nachwuchs wird dort stundenweise betreut, also auch
nur für die Dauer einer Vorlesung. 33 Kinder zwischen
einem halben und drei Jahren werden von vier Erzieherinnen
betreut. Die Krippe ist von 8.30 bis 17 h geöffnet.
75 Euro ist der Grundbetrag pro Semester. Dazu kommen
2,60 Euro für jede Stunde, in der die Kinder gehütet
werden. Dieser Preis wird reduziert, wenn sich Mutter
oder Vater an der Betreuung beteiligen. Essen bringen
die Eltern selbst mit. Kontakt: -22044 oder www.rub.de/uni-zwerge.
+++
90 Kinder gehen in die Kindertagesstätte
des Akademischen Förderungswerks (Akafö).
In altersgemischten Gruppen werden 60 Mädchen und
Jungen zwischen vier Monaten und sechs Jahren zwischen
7.30 und 17.30 h betreut. Dazu kommen 30 Hortplätze
für Grundschulkinder. Die studierenden Eltern zahlen
jeden Monat 65 Euro, inkl. Vollverpflegung. Die Akafö-Kita
ist voll ausgelastet. Die Wartezeiten sind unterschiedlich,
Alleinerziehende werden bei der Platzvergabe bevorzugt.
Kontakt: -11510 o. www.akafoe.de.
+++
Eine Initiative für Kinderbetreuung, dieses Mal
für Beschäftigte der RUB, ist Prokids
von Kanzler, Personaldezernat und Frauenbüro. Prokids
bietet momentan eine Betreuung in den Sommerferien.
Vom 1.-5. und 8.-12.9.03 kümmern sich erfahrene
Studenten um Kinder zwischen 6 und 13 Jahren. Die halbtägige
Betreuung kostet 30 Euro, die ganztägige 60 Euro
pro Woche. RUB-Mitarbeiter können sich bis zum
13.6. unter -27772 oder per E-Mail (prokids@rub.de)
anmelden.
+++
Beratung für studierende Eltern gibt es vor allem
beim Frauenbüro im Forum Nordost (FNO). Ab Mitte
Juni ist die aktuelle Broschüre Studieren
mit Kind druckfrisch und online erhältlich.
Im Internet stehen zusätzlich Adressen von Beratungsstellen
und Hilfsangeboten sowie Infos zu Mutterschutz, Erziehungs-
oder Kindergeld: www.rub.de/frauenbuero/3/studi_ki.htm
+++
Auch das Bundesfamilienministerium beantwortet
online u.a. Fragen zu Bafög, Krankenkassen, Mutterschutz,
Unterhalt: www.bmfsfj.de/Anlage23555/Text.pdf
+++
Noch melden nur wenige Studierende der Ruhr-Uni ihren
Nachwuchs. Zurzeit sind 164 Studentinnen immatrikuliert,
die als Beurlaubungsgrund eine Schwangerschaft angegeben
haben. Viele lassen sich nicht beurlauben, weil sie
ihr Semesterticket behalten wollen oder das Bafög
brauchen. Ab Sommer 2004 gibt es mit der Einführung
der Studienkonten einen guten Grund, dem Studierendensekretariat
den Nachwuchs zu melden: Studierende Eltern haben Anspruch
auf Bonusguthaben.
Jessica
Piper
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