Gewollte Kontroverse
Interview
mit Prof. Gramke
Als Motor der Gastprofessur von Mesut Yilmaz gilt der
Prof. Jürgen Gramke, der momentan u. a. Honorarprofessor
an der Bochumer Fakultät für Sozialwissenschaft
ist. Mit ihm sprach Arne Dessaul.
RUBENS: Herr Prof. Gramke, schildern Sie bitte
kurz, wie es Ihnen gelang, Herrn Yilmaz an die Ruhr-Uni
zu holen?
Prof. Gramke: Aus meinen internationalen Tätigkeiten
heraus kenne ich Herrn Yilmaz seit vielen Jahren. Als
er mir sagte, dass er nach seinem Rückzug aus der
Tagespolitik die Absicht habe, seine Erfahrungen und
Erkenntnisse der akademischen Öffentlichkeit zur
Verfügung zu stellen, habe ich sofort zugegriffen.
Obwohl bereits mehrere Angebote von europäischen
Universitäten und Institutionen vorlagen, Herrn
Yilmaz als Dozenten zu verpflichten, ist es mir gelungen,
in Absprache mit der Ruhr-Uni bzw. der Fakultät
für Sozialwissenschaft, Herrn Yilmaz zu überzeugen,
in Bochum tätig zu werden. Maßgebend für
seine Entscheidung war, dass gerade das Ruhrgebiet mit
seiner Einwanderungstradition einen hervorragenden Boden
für die Diskussion aktueller Probleme der Integration
türkischer Zuwanderer und Fragen der türkischen
Politik darstellt.
RUBENS: Mit welcher Intention geschah dies?
Prof. Gramke: Ich habe im Rahmen meiner Professur immer
versucht, theoretische Fragen der Politikwissenschaft
mit praktischen Erfahrungen zu verzahnen. Deswegen habe
ich stets Persönlichkeiten der Politik bewogen,
sich dem Austausch mit Studierenden zu stellen. Rund
2,6 Mio. Mitbürger in unserem Land sind Türken
oder türkischen Ursprungs. Aber wir wissen im Grunde
wenig darüber, wie eigentlich die Türkei "funktioniert".
Mein Anliegen ist es, hier einmal aus erster Hand Zugänge
zu liefern. Ich glaube, dass niemand dies besser leisten
kann als ein ehemaliger Ministerpräsident, der
nicht nur die Politik seines Landes im Blute hat, sondern
darüber hinaus auch fließend Deutsch spricht.
RUBENS: Insbesondere bei kurdischen Journalisten
und Studierenden ist die Gastprofessur umstritten. Wie
stehen Sie dazu?
Prof. Gramke: Eines vorweg, um Missverständnisse
zu vermeiden: Mesut Yilmaz hat einen Gastprofessur,
keinen Lehrstuhl. Er lehrt, aber er wird dafür
nicht bezahlt. Der RUB entstehen also keinerlei Kosten.
Dass es eine Kontroverse um seine Gastprofessur gibt,
ist absolut legitim, aber auch gewollt: Es besteht die
Chance, Fragen der türkischen Innen- und Außenpolitik
anzusprechen und zu diskutieren. Wer könnte hierzu
besser als Gesprächspartner dienen als der ehemalige
Ministerpräsident? Ich glaube, es ist hoch zu bewerten,
dass sich Herr Yilmaz bereit gefunden hat, sich jeglichen
Auseinandersetzungen zu stellen. Ich bin fest davon
überzeugt, dass die Gastprofessur von Herrn Yilmaz
dazu beitragen wird, in der von Ihnen angedeuteten Frage
Klarheit herbei zu führen. Im Übrigen weiß
ich, dass sich Herr Yilmaz auf die Diskussion freut.
Biographisches
Mesut Yilmaz, 1947 in Istanbul geboren, hat Finanz-
und Wirtschaftswissenschaften in Ankara und Köln
studiert. Nach Tätigkeiten in der Industrie ging
er in die Politik, er war 1983 Gründungsmitglied
der "Mutterlandspartei" und ab 1986 nacheinander
Staatsminister, Kultusminister, Außenminister
und mehrfach Ministerpräsident der Türkei.
Er ist Mitglied im Europäischen Konvent und seit
1998 Vizepräsident der "European Democratic
Union".
An der RUB lehrt er im Fach Politikwissenschaft: im
Sommersemester punktuell (s. u.), im Wintersemester
wird er ein Seminar leiten. Im Mittelpunkt steht der
Weg der Türkei nach Europa. Termine Mai: 14.5.,
18 h, Ort noch unbekannt, Gesprächskreis; 15.5.,
19 h, Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, Clemensstr.,
Vortrag zum EU-Konvent.
Weitere Infos http://www.ruhr-uni-bochum.de/lehrstuhl-ip/aktuelles.htm
ad
|