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RUBENS 79 1. Mai 2003

Gewollte Kontroverse

Interview mit Prof. Gramke


Als Motor der Gastprofessur von Mesut Yilmaz gilt der Prof. Jürgen Gramke, der momentan u. a. Honorarprofessor an der Bochumer Fakultät für Sozialwissenschaft ist. Mit ihm sprach Arne Dessaul.


RUBENS: Herr Prof. Gramke, schildern Sie bitte kurz, wie es Ihnen gelang, Herrn Yilmaz an die Ruhr-Uni zu holen?
Prof. Gramke: Aus meinen internationalen Tätigkeiten heraus kenne ich Herrn Yilmaz seit vielen Jahren. Als er mir sagte, dass er nach seinem Rückzug aus der Tagespolitik die Absicht habe, seine Erfahrungen und Erkenntnisse der akademischen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, habe ich sofort zugegriffen. Obwohl bereits mehrere Angebote von europäischen Universitäten und Institutionen vorlagen, Herrn Yilmaz als Dozenten zu verpflichten, ist es mir gelungen, in Absprache mit der Ruhr-Uni bzw. der Fakultät für Sozialwissenschaft, Herrn Yilmaz zu überzeugen, in Bochum tätig zu werden. Maßgebend für seine Entscheidung war, dass gerade das Ruhrgebiet mit seiner Einwanderungstradition einen hervorragenden Boden für die Diskussion aktueller Probleme der Integration türkischer Zuwanderer und Fragen der türkischen Politik darstellt.

RUBENS: Mit welcher Intention geschah dies?
Prof. Gramke: Ich habe im Rahmen meiner Professur immer versucht, theoretische Fragen der Politikwissenschaft mit praktischen Erfahrungen zu verzahnen. Deswegen habe ich stets Persönlichkeiten der Politik bewogen, sich dem Austausch mit Studierenden zu stellen. Rund 2,6 Mio. Mitbürger in unserem Land sind Türken oder türkischen Ursprungs. Aber wir wissen im Grunde wenig darüber, wie eigentlich die Türkei "funktioniert". Mein Anliegen ist es, hier einmal aus erster Hand Zugänge zu liefern. Ich glaube, dass niemand dies besser leisten kann als ein ehemaliger Ministerpräsident, der nicht nur die Politik seines Landes im Blute hat, sondern darüber hinaus auch fließend Deutsch spricht.

RUBENS: Insbesondere bei kurdischen Journalisten und Studierenden ist die Gastprofessur umstritten. Wie stehen Sie dazu?
Prof. Gramke: Eines vorweg, um Missverständnisse zu vermeiden: Mesut Yilmaz hat einen Gastprofessur, keinen Lehrstuhl. Er lehrt, aber er wird dafür nicht bezahlt. Der RUB entstehen also keinerlei Kosten. Dass es eine Kontroverse um seine Gastprofessur gibt, ist absolut legitim, aber auch gewollt: Es besteht die Chance, Fragen der türkischen Innen- und Außenpolitik anzusprechen und zu diskutieren. Wer könnte hierzu besser als Gesprächspartner dienen als der ehemalige Ministerpräsident? Ich glaube, es ist hoch zu bewerten, dass sich Herr Yilmaz bereit gefunden hat, sich jeglichen Auseinandersetzungen zu stellen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Gastprofessur von Herrn Yilmaz dazu beitragen wird, in der von Ihnen angedeuteten Frage Klarheit herbei zu führen. Im Übrigen weiß ich, dass sich Herr Yilmaz auf die Diskussion freut.

Biographisches
Mesut Yilmaz, 1947 in Istanbul geboren, hat Finanz- und Wirtschaftswissenschaften in Ankara und Köln studiert. Nach Tätigkeiten in der Industrie ging er in die Politik, er war 1983 Gründungsmitglied der "Mutterlandspartei" und ab 1986 nacheinander Staatsminister, Kultusminister, Außenminister und mehrfach Ministerpräsident der Türkei. Er ist Mitglied im Europäischen Konvent und seit 1998 Vizepräsident der "European Democratic Union".
An der RUB lehrt er im Fach Politikwissenschaft: im Sommersemester punktuell (s. u.), im Wintersemester wird er ein Seminar leiten. Im Mittelpunkt steht der Weg der Türkei nach Europa. Termine Mai: 14.5., 18 h, Ort noch unbekannt, Gesprächskreis; 15.5., 19 h, Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, Clemensstr., Vortrag zum EU-Konvent.

Weitere Infos http://www.ruhr-uni-bochum.de/lehrstuhl-ip/aktuelles.htm

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Letzte Änderung: 30.04.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik