Kein Ethik-Guru
Portrait:
Der Philosoph Prof. Dr. Klaus Steigleder
Obwohl der "Neue" noch gar nicht lange im Amt
ist, stapeln sich die Bücher im Regal schon bis zur
Decke; die Wände auf der anderen Seite des Büros
dagegen sind noch leer - so richtig gemütlich ist
es noch nicht. Aber die Aussicht aus dem dritten Stock
lässt keinen Wunsch offen: Der Blick auf das Audimax
ist einmalig. Prof. Dr. Klaus Steigleder, seit Dezember
2002 Professor für Ethik in Medizin und Biowissenschaften
(Institut für Philosophie), ist gern aus Stuttgart
an die Ruhr-Uni gekommen. Beim Eingewöhnen halfen
auch die netten Kollegen.
Steigleders Arbeit ist breit gefächert. Ein Schwerpunkt,
den er schon seit längerem verfolgt, ist die Frage
nach den ethischen Problemen am Beginn des menschlichen
Lebens. Ihn beschäftigen der Status von menschlichen
Embryonen und Feten, die Forschung an embryonalen Stammzellen,
das therapeutische Klonen und die genetische Frühdiagnostik.
Aber nicht nur der Anfang des Lebens, auch das Ende
gehört zu seinem Forschungsbereich. So diskutiert
er auch die Fragen, wann Behandlungen zu unterlassen oder
abzubrechen sind, und wann von therapeutischen zu palliativen
Zielsetzungen überzugehen ist. "Nicht zu vergessen
sind aber auch die ethischen Probleme der Nutztierproduktion
und -ernährung", umreißt Steigleder einen
weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit, der ausgebaut werden
soll. Im Umfeld dieses Themas warten viele andere auf
Bearbeitung, z. B. die Grüne Gentechnik oder Probleme
der Welternährung. Nachdem es im letzten Wintersemester
Angebote zu medizinethischen Themen gab, sind für
das nächste Wintersemester Seminare zu den ethischen
Problemen am Lebensende und zum moralischen Status von
Tieren und zu Fragen der Tierethik geplant. Im gerade
begonnenen Sommersemester bietet Steigleder das Seminar
"Ethische Probleme der Reproduktionsmedizin"
an. "Äußerer Anlass ist die Geburt des
ersten Retortenbabys vor 25 Jahren", erläutert
Steigleder. Er führt zurzeit Gespräche, in denen
er das Interesse an speziellen Lehrangeboten, z. B. in
der Medizinischen Fakultät, abklärt. Darum kann
es sein, dass er seine Planungen auch relativ kurzfristig
noch einmal ändert.
Genauso wichtig wie die konkreten Fragen sind ihm die
Begründung von Ethik, die grundsätzliche Klärung
ihrer Anwendungsmöglichkeiten und das Problem von
Ethik-Experten in der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang
warnt er vor überzogenen Erwartungen: "Dem Ethiker
begegnet man oft mit der Haltung: Wenn wir uns schon einen
Ethiker leisten, dann muss er auch auf alle Fragen eine
Antwort haben. Die Antworten des Ethikers können
aber nur Diskussionsbeiträge sein. Ich bin kein
Ethik-Guru, auch wenn sich die Leute manchmal einen wünschen."
Interview
Ethische Kompetenz
Mit Birte Schmekel sprach Prof. Klaus Steigleder über
seine Pläne an der RUB.
RUBENS: Prof. Steigleder, was hat Sie an die Ruhr-Uni
verschlagen?
Prof. Steigleder: Die Professur Ethik in Medizin und
Biowissenschaften gibt mir die Möglichkeit, angewandte
Ethik auf dem Boden der Philosophie an einer Universität
zu betreiben, die für die interdisziplinäre
Arbeit ideal ist.
RUBENS: Was dürfen wir als Nächstes erwarten?
Prof. Steigleder: Soeben ist der Band "Bioethik
- eine Einführung" bei Suhrkamp erschienen,
den ich gemeinsam mit Marcus Düwell herausgegeben
habe. Ich arbeite an einem Lehrbuch der philosophischen
Ethik und werde außerdem Aufsätze im Bereich
meiner Arbeitsschwerpunkte veröffentlichen, u.a.
wohl auch zu der heute immer häufiger aufgeworfenen
Frage, ob man nicht die Abgabe von Organen vergüten
sollte. Die entsprechende Debatte verfolge ich mit einiger
Sorge, und ich werde mich in diese einzubringen versuchen.
RUBENS: Sind Sie für oder gegen die Vergütung?
Prof. Steigleder: Ich bin dagegen. Das ist meine Vorannahme.
In der Ethik weiß man aber nie, ob die Annahmen,
von denen man ausgeht, auch die sind, bei denen man
landet.
RUBENS: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft
aus?
Prof. Steigleder: Ich will versuchen, mich an den Bedürfnissen
vor Ort zu orientieren und in unterschiedlichen Projekten
zu interdisziplinären Kooperationen zu kommen.
Während es für die Naturwissenschaften selbstverständlich
ist, dass man Probleme isoliert und sich auf immer kleinere
Fragen spezialisiert, lebt die Ethik eigentlich vom
umgekehrten Vorgang. Man muss versuchen, Zusammenhänge
herzustellen bzw. die Kontexte zu erfassen. Dies ist
ungeheuer schwierig, überfordert im Grunde den
Einzelnen und birgt schon im Ansatz die Gefahr eines
schrecklichen Dilettantismus. Andererseits kann man,
wie zunehmend deutlich wird, auf den wissenschaftsethischen
Diskurs nicht verzichten. Schon deshalb bedarf es dringend
der Kooperation. Ein Ethik-Experte ist ein Problem.
Ihm lässt sich nur beikommen, wenn er nicht alleine
bleibt. Man muss die unterschiedlichsten Standpunkte
miteinander ins Gespräch bringen und sich an ihren
jeweiligen Stärken und Schwächen abarbeiten.
Es bedarf einer Verbreiterung der ethischen Kompetenz
auf allen Ebenen. Und es bedarf der Nutzung der vorhandenen
ethischen Kompetenz auf allen Ebenen. An der RUB gibt
es schon vielfältige Strukturen auf dem Feld der
Wissenschaftsethik, an die es anzuknüpfen und die
es weiterzuentwickeln gilt.
Vita
Klaus Steigleder wurde am 23.3.1959
in Frankfurt/Main geboren, ist verheiratet und hat zwei
Töchter. Ab 1977 studierte er in Bonn Philosophie
und Klassische Philologie. 1979 nahm er zusätzlich
Katholische Theologie dazu. 1981 wechselte er nach Tübingen
und schrieb in Theologie vier Jahre später seine
Diplomarbeit. Nach seiner Dissertation fasste er 1991
den Entschluss, endgültig in die Philosophie zu
wechseln. Von 1986-93 baute er, gemeinsam mit Dietmar
Mieth, das heutige Zentrum für Ethik in den Wissenschaften
an der Uni Tübingen auf. Er organisierte internationale
Symposien und brachte eine Reihe von drittmittel-geförderten
Forschungsprojekten zu ethischen Problemen der Humangenetik,
gentechnisch veränderter Mikroorganismen, der Erzeugung
transgener Nutztiere und der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung
mit auf den Weg. Er konzipierte das Graduiertenkolleg
"Ethik in den Wissenschaften", das von 1991-2000
in Tübingen arbeitete. Um sich stärker der
eigenen wissenschaftlichen Arbeit widmen zu können,
wechselte er 1993 an die Abteilung für Philosophie
der Uni Stuttgart. Seit dem 11.12.02 ist er Professor
für Ethik in Medizin und Biowissenschaften am Institut
für Philosophie der RUB.
Birte
Schmekel
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