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RUBENS 79 1. Mai 2003

Kein Ethik-Guru

Portrait: Der Philosoph Prof. Dr. Klaus Steigleder


Obwohl der "Neue" noch gar nicht lange im Amt ist, stapeln sich die Bücher im Regal schon bis zur Decke; die Wände auf der anderen Seite des Büros dagegen sind noch leer - so richtig gemütlich ist es noch nicht. Aber die Aussicht aus dem dritten Stock lässt keinen Wunsch offen: Der Blick auf das Audimax ist einmalig. Prof. Dr. Klaus Steigleder, seit Dezember 2002 Professor für Ethik in Medizin und Biowissenschaften (Institut für Philosophie), ist gern aus Stuttgart an die Ruhr-Uni gekommen. Beim Eingewöhnen halfen auch die netten Kollegen.
Steigleders Arbeit ist breit gefächert. Ein Schwerpunkt, den er schon seit längerem verfolgt, ist die Frage nach den ethischen Problemen am Beginn des menschlichen Lebens. Ihn beschäftigen der Status von menschlichen Embryonen und Feten, die Forschung an embryonalen Stammzellen, das therapeutische Klonen und die genetische Frühdiagnostik.
Aber nicht nur der Anfang des Lebens, auch das Ende gehört zu seinem Forschungsbereich. So diskutiert er auch die Fragen, wann Behandlungen zu unterlassen oder abzubrechen sind, und wann von therapeutischen zu palliativen Zielsetzungen überzugehen ist. "Nicht zu vergessen sind aber auch die ethischen Probleme der Nutztierproduktion und -ernährung", umreißt Steigleder einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit, der ausgebaut werden soll. Im Umfeld dieses Themas warten viele andere auf Bearbeitung, z. B. die Grüne Gentechnik oder Probleme der Welternährung. Nachdem es im letzten Wintersemester Angebote zu medizinethischen Themen gab, sind für das nächste Wintersemester Seminare zu den ethischen Problemen am Lebensende und zum moralischen Status von Tieren und zu Fragen der Tierethik geplant. Im gerade begonnenen Sommersemester bietet Steigleder das Seminar "Ethische Probleme der Reproduktionsmedizin" an. "Äußerer Anlass ist die Geburt des ersten Retortenbabys vor 25 Jahren", erläutert Steigleder. Er führt zurzeit Gespräche, in denen er das Interesse an speziellen Lehrangeboten, z. B. in der Medizinischen Fakultät, abklärt. Darum kann es sein, dass er seine Planungen auch relativ kurzfristig noch einmal ändert.
Genauso wichtig wie die konkreten Fragen sind ihm die Begründung von Ethik, die grundsätzliche Klärung ihrer Anwendungsmöglichkeiten und das Problem von Ethik-Experten in der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang warnt er vor überzogenen Erwartungen: "Dem Ethiker begegnet man oft mit der Haltung: Wenn wir uns schon einen Ethiker leisten, dann muss er auch auf alle Fragen eine Antwort haben. Die Antworten des Ethikers können aber nur Diskussionsbeiträge sein. Ich bin kein Ethik-Guru, auch wenn sich die Leute manchmal einen wünschen."



Interview
Ethische Kompetenz

Mit Birte Schmekel sprach Prof. Klaus Steigleder über seine Pläne an der RUB.

RUBENS: Prof. Steigleder, was hat Sie an die Ruhr-Uni verschlagen?
Prof. Steigleder: Die Professur Ethik in Medizin und Biowissenschaften gibt mir die Möglichkeit, angewandte Ethik auf dem Boden der Philosophie an einer Universität zu betreiben, die für die interdisziplinäre Arbeit ideal ist.

RUBENS: Was dürfen wir als Nächstes erwarten?
Prof. Steigleder: Soeben ist der Band "Bioethik - eine Einführung" bei Suhrkamp erschienen, den ich gemeinsam mit Marcus Düwell herausgegeben habe. Ich arbeite an einem Lehrbuch der philosophischen Ethik und werde außerdem Aufsätze im Bereich meiner Arbeitsschwerpunkte veröffentlichen, u.a. wohl auch zu der heute immer häufiger aufgeworfenen Frage, ob man nicht die Abgabe von Organen vergüten sollte. Die entsprechende Debatte verfolge ich mit einiger Sorge, und ich werde mich in diese einzubringen versuchen.

RUBENS: Sind Sie für oder gegen die Vergütung?
Prof. Steigleder: Ich bin dagegen. Das ist meine Vorannahme. In der Ethik weiß man aber nie, ob die Annahmen, von denen man ausgeht, auch die sind, bei denen man landet.

RUBENS: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Prof. Steigleder: Ich will versuchen, mich an den Bedürfnissen vor Ort zu orientieren und in unterschiedlichen Projekten zu interdisziplinären Kooperationen zu kommen. Während es für die Naturwissenschaften selbstverständlich ist, dass man Probleme isoliert und sich auf immer kleinere Fragen spezialisiert, lebt die Ethik eigentlich vom umgekehrten Vorgang. Man muss versuchen, Zusammenhänge herzustellen bzw. die Kontexte zu erfassen. Dies ist ungeheuer schwierig, überfordert im Grunde den Einzelnen und birgt schon im Ansatz die Gefahr eines schrecklichen Dilettantismus. Andererseits kann man, wie zunehmend deutlich wird, auf den wissenschaftsethischen Diskurs nicht verzichten. Schon deshalb bedarf es dringend der Kooperation. Ein Ethik-Experte ist ein Problem. Ihm lässt sich nur beikommen, wenn er nicht alleine bleibt. Man muss die unterschiedlichsten Standpunkte miteinander ins Gespräch bringen und sich an ihren jeweiligen Stärken und Schwächen abarbeiten. Es bedarf einer Verbreiterung der ethischen Kompetenz auf allen Ebenen. Und es bedarf der Nutzung der vorhandenen ethischen Kompetenz auf allen Ebenen. An der RUB gibt es schon vielfältige Strukturen auf dem Feld der Wissenschaftsethik, an die es anzuknüpfen und die es weiterzuentwickeln gilt.

 

Vita
Klaus Steigleder wurde am 23.3.1959 in Frankfurt/Main geboren, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Ab 1977 studierte er in Bonn Philosophie und Klassische Philologie. 1979 nahm er zusätzlich Katholische Theologie dazu. 1981 wechselte er nach Tübingen und schrieb in Theologie vier Jahre später seine Diplomarbeit. Nach seiner Dissertation fasste er 1991 den Entschluss, endgültig in die Philosophie zu wechseln. Von 1986-93 baute er, gemeinsam mit Dietmar Mieth, das heutige Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Uni Tübingen auf. Er organisierte internationale Symposien und brachte eine Reihe von drittmittel-geförderten Forschungsprojekten zu ethischen Problemen der Humangenetik, gentechnisch veränderter Mikroorganismen, der Erzeugung transgener Nutztiere und der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung mit auf den Weg. Er konzipierte das Graduiertenkolleg "Ethik in den Wissenschaften", das von 1991-2000 in Tübingen arbeitete. Um sich stärker der eigenen wissenschaftlichen Arbeit widmen zu können, wechselte er 1993 an die Abteilung für Philosophie der Uni Stuttgart. Seit dem 11.12.02 ist er Professor für Ethik in Medizin und Biowissenschaften am Institut für Philosophie der RUB.



Birte Schmekel
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Letzte Änderung: 30.04.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik