Exzellenz made
in Bochum
Der neue
Prorektor für Forschung Prof. Jörg Winter
im Gespräch
Die einstimmige Wahl im Senat am 28. Februar bezeichnete
er als "Vertrauensvorschuss", entsprechend
motiviert trat er sein Amt an: Prof. Dr. Jörg Winter
ist der neue Prorektor für Forschung und Wissenstransfer
der RUB - und Plasmaphysiker. Über exzellente Forschung
in Bochum, Nullsummenspiele in der Nachwuchsförderung
und "Physik für den Hausgebrauch" sprach
er mit Jens Wylkop.
RUBENS: Herzlichen Glückwunsch zur Wahl,
Herr Prof. Winter. Wie waren die ersten anderthalb Monate
im neuen Rektorat?
Winter: Für mich turbulent. Neue Fragen und Probleme
sind aufgetaucht, in die ich mich erst einarbeiten muss.
Ich hatte meinen Terminkalender für dieses Jahr
schon weit im Voraus geplant, nun kommen die Verpflichtungen
als Prorektor hinzu, so dass ich einiges umdisponieren
muss. Es wird auch noch eine Zeit lang turbulent bleiben.
Ich bin aber zuversichtlich, dass wir das langfristig
in ruhigeres Fahrwasser bringen werden.
RUBENS: Wie werden Sie Ihre Zeit zwischen Prorektorenamt
und Lehrstuhl aufteilen?
Winter: Ich habe vor, mir feste Zeiten für die
Rektoratsarbeiten zu setzen, ebenso natürlich für
die Arbeit an meinem Lehrstuhl. Das wird insgesamt etwa
50 zu 50 ausgehen, denke ich. Natürlich gibt es
hier und da Stoßzeiten, die vorübergehend
mehr Engagement für die eine Sache erfordern.
"Mein Büro steht immer offen"
RUBENS: Werden Sie eine Art "Sprechstunde"
für die Mitglieder der RUB anbieten?
Winter: An meinem Lehrstuhl steht mein Büro im
Prinzip immer offen, so möchte ich es auch im Rektorat
handhaben. Wenn jedoch der Wunsch nach einer formellen,
festen Sprechstunde bestehen sollte, werde ich das gern
anbieten.
RUBENS: Apropos Büro: Die drei Prorektoren haben
nun erstmals eigene Büros im Verwaltungsgebäude
bekommen: Was versprechen Sie sich von der räumlichen
Nähe zu den Mitgliedern des Rektorats?
Winter: Diese Initiative von Rektor Wagner halte ich
für sehr gut. Das Rektorat ist ein Team, das vom
regen Austausch lebt. Die räumliche Nähe ist
unverzichtbar, um sich auch mal spontan mit den Kolleginnen
und Kollegen auszutauschen.
RUBENS: Sie haben die einstimmige Wahl als "Vertrauensvorschuss"
bezeichnet, der sie motiviert. Wie sieht es nun aus,
nachdem das Wahlergebnis gesackt ist: Ist es Lust oder
Last, Prorektor zu sein?
Winter: Die Turbulenzen der ersten Wochen haben mich
nicht abgeschreckt: Meine Frustrationsschwelle ist relativ
hoch. Bei allen terminlichen Problemen und allen neuen
Fragen habe ich schon sehr viel über unsere Hochschule
gelernt. Ich bin Naturwissenschaftler, doch seitdem
ich mich als Prorektor mit der Forschung an unserer
Universität beschäftige, sind z. B. die Geisteswissenschaften
nicht mehr so weit weg für mich wie vorher. Die
Prioritäten verschieben sich.
RUBENS: Stichwort Prioritäten: In ihrem Statement
zur Wahl sagen Sie, die anstehende Gründung des
Medizinzentrums habe absolute Priorität: Was hat
es damit auf sich und wie weit ist die Gründung
gediehen?
Winter: Nun, hier entsteht ein "Universitätszentrum
Medizintechnik", was jedoch nur ein vorläufiger
Arbeitstitel ist. Konkret bedeutet dies, dass Mediziner,
Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammenarbeiten,
ihre Kompetenzen und Aktivitäten bündeln.
Und das geht noch weiter: Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler
und Ökonomen werden sich ebenfalls daran beteiligen
und z. B. die - im weitesten Sinne - "Gesundheitswirtschaft"
beleuchten, also ihr Know-how und Wissen einbringen.
Das Zentrum wird Synergien für die Hochschule und
für die ganze Region freisetzen. Unternehmen werden
sich daraus ausgründen und sich hier ansiedeln.
Kurz: Die Medizintechnik wird durch dieses Zentrum einen
extrem hohen Stellenwert in der Ruhr-Uni einnehmen.
RUBENS: Welche Prioritäten setzen Sie noch in Ihrer
Amtszeit?
Winter: Die Positionierung unserer Hochschule im nationalen
und internationalen Wettbewerb. Wir müssen Schwerpunkte
durch Zielvereinbarungen fördern - und zwar innerhalb
der Universität, also zwischen dem Rektorat und
einzelnen Einheiten, wie auch zwischen der Hochschule
und dem Land NRW. Die Zielvereinbarungen sind ein wichtiges
Steuerungs- und Motivierungsinstrument. Wir müssen
sie noch intensiver als bisher einsetzen und nutzen,
um unsere Forschung weithin sichtbar zu machen. Die
Forschungsleistungen selbst, also die Exzellenzen, müssen
nach wie vor aus den jeweiligen Bereichen - Fakultäten,
Instituten, Lehrstühlen - kommen, aber durch Zielvereinbarungen
kann das Rektorat hier unterstützend wirken.
RUBENS: Exzellenz drückt sich neudeutsch in "Centers
of Excellence" aus. Was ist darunter zu verstehen?
Winter: Das sind Zusammenschlüsse von Forscherinnen
und Forschern über Fakultätsgrenzen hinweg,
also keine einzelnen Personen oder Lehrstühle.
Dafür gibt es in der Regel auch kein separates
Gebäude oder Labor, sondern die fachliche Zusammenarbeit
zählt. Wir haben inzwischen dazu eine Reihe von
Zielvereinbarungen abgeschlossen, die bis 2005 laufen.
Unser Ziel ist, sie um eine weitere Periode zu verlängern,
die zu weiteren Centers of Excellence führt und
so zusätzliche Mittel einbringen soll.
"Wir gehören zu den großen
Spielern"
RUBENS: Welche Centers of Excellence gibt es
an der RUB, welche wird es geben?
Winter: Das "Proteincenter", "Nanostrukturen
und -materialien" sowie "Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnungen im Systemwettbewerb - Herausforderungen
der islamischen Welt" sind solche Centers of Excellence.
In Vorbereitung sind "Plasmascience and -technology",
"Technik, Anthropologie und Darstellung",
"Gesellschaften im Kulturvergleich" und "Sicherheit
in der IT-Technik" - letzteres als ein Bereich,
in dem wir es ja bereits durch herausragende Leistungen
geschafft haben, das Horst-Görtz Institut für
IT-Sicherheit zu bekommen. Diese Aufzählung darf
man jedoch nicht als vollständige, abgeschlossene
Liste begreifen, sondern es handelt sich hier um einen
dynamischen Prozess, in dem weitere Zielvereinbarungen
angestrebt werden.
RUBENS: Das Universitätszentrum Medizintechnik
plus die genannten Centers of Excellence: Ist das das
künftige Forschungsprofil der RUB?
Winter: Das Medizinzentrum wird sicher auf die gesamte
Region Ruhrgebiet ausstrahlen. Aber die RUB ist eben
auch eine Volluniversität, die durch ihre fachliche
Breite viele Dinge realisieren kann - das ist an anderen
Hochschulen der Region nicht möglich. Mein vordringlicher
Wunsch ist, durch Zielvereinbarungen und Centers of
Excellence auch mehr Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den Geisteswissenschaften
anzusiedeln. Die RUB hat jedoch allen Grund, auf das
bisher Erreichte stolz zu sein. Im Ranking der DFG z.
B. gehören wir zu den großen Spielern im
Feld der drittmittelstärksten Hochschulen. Das
ist eine ausgezeichnete Basis für die weiteren
Anstrengungen.
Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass die
gestuften Studiengänge und vor allem die neue,
gestufte Lehrerausbildung ganz entscheidend zum Profil
der RUB beitragen. Unsere Universität hat Modellcharakter
für andere Hochschulen. Wir müssen die - zeitlich
auf zunächst fünf Jahre befristete - Lehrerausbildung
nach dem Bachelor-/Master-Modell langfristig an der
RUB etablieren und die gestuften Studiengänge weiterentwickeln,
um uns noch deutlicher zu profilieren.
RUBENS: In Ihr Ressort fällt auch die Förderung
des wissenschaftlichen Nachwuchs. Da hätten wir
z. B. die Juniorprofessur ...
Winter: ... über die sich derzeit Nachwuchsförderung
in der Öffentlichkeit definiert. Die Juniorprofessur
wurde durch ein Bundesgesetz eingeführt, dieses
muss jedoch noch durch entsprechende Landesgesetze flankiert
werden: Die Rechte und Pflichten der Juniorprofessuren
sind in NRW leider noch nicht festgelegt. Bei aller
Euphorie für die Juniorprofessur muss man sehen,
dass es hier, was die Stellen betrifft, um ein Nullsummenspiel
geht. Fakultäten, die eine Juniorprofessur einrichten,
erhalten de facto keine neue Stelle, sondern müssen
dies aus vorhandenen Stellen kompensieren. Die Universitätsleitung
übt daher auch keinen Druck auf die Fakultäten
aus, weil oft schwierige Strukturänderungen für
die Einrichtung einer Juniorprofessur nötig sind.
Andererseits werden Juniorprofessuren in einem BMBF-Förderprogramm
mit einer eigenen finanziellen Grundausstattung versehen,
die der betreffenden Fakultät und natürlich
der Universität insgesamt zu gute kommt. Wir unterstützen
daher nachdrücklich Fakultäten, die den Wunsch
haben, eine Juniorprofessur einzurichten.
RUBENS: Das allgemeine Promotionskolleg der RUB hat
die individuelle Förderung von Promotionsvorhaben
abgelöst. Was versprechen Sie sich davon?
Winter: Dies ist insbesondere für die Geisteswissenschaften
wichtig. Wir haben keine vergleichbaren Verhältnisse
über alle Fakultäten: In den Naturwissenschaften
haben wir z. B. ein hohes Drittmittelaufkommen, um u.
a. Promotionsvorhaben zu finanzieren, in den Geisteswissenschaften
hingegen ein vergleichsweise geringes. Mir schwebt vor,
dass wir im Promotionskolleg der RUB Strukturen schaffen,
die sich an die Graduiertenkollegs der DFG anlehnen.
Damit können wir junge Leute unterstützen,
bei denen Exzellenz zu erwarten ist.
"Ich bin leidenschaftlicher Bastler"
RUBENS: Sie sind Plasmaphysiker. Wie müssen
sich unsere Leserinnen und Leser Ihren Hobbykeller vorstellen?
Winter: Das ist ein Bastelkeller, ich bin leidenschaftlicher
Bastler. Meine Frau sagt immer etwas provokativ, aber
liebevoll, dass ich darin "Physik für den
Hausgebrauch" produziere.
RUBENS: Weitere Hobbys?
Winter: Ja, hauptsächlich ist meine Familie mein
Hobby, außerdem Fahrradfahren und Wandern.
RUBENS: Wandern im Ruhrgebiet?
Winter: Die Region hat durchaus ihre Reize, aber ich
bevorzuge die Eifel.
RUBENS: Vielen Dank für das Gespräch. Wir
wünschen Ihnen eine erfolgreiche Amtszeit.
Extrakasten Lebenslauf
Jörg Winter wurde 1948 in Obernkirchen geboren
und wuchs im Ruhrgebiet und im Rheinland auf. Er ist
verheiratet und hat einen 22-jährigen Sohn. Er
studierte Physik in Köln mit einem Stipendium der
Ernst-Hilbert-Stiftung. Nach dem Diplom (1973) schrieb
er im Forschungszentrum Jülich (FZJ) seine Dissertation
im Bereich der Festkörperphysik und wurde 1976
in Aachen promoviert. Nach drei Jahren als wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Nukleare Festkörperforschung
der Universität der Bundeswehr München kehrte
er 1979 an das FZJ zurück, wechselte das Forschungsgebiet
hin zur Plasmaphysik und war Gruppenleiter im Bereich
der Fusionsforschung am Institut für Plasmaphysik
(IPP). Von 1989 bis 1996 war er zusätzlich Leiter
des Teilprojektes "Wandoberflächen und Materialien"
im Projekt Kernfusion des FZJ und ab 1993 einer der
stellvertretenden Institutsdirektoren am IPP. 1988 habilitierte
sich Jörg Winter in Düsseldorf; seit 1995
war er dort außerplanmäßiger Professor.
1991 arbeitete er im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes
ein Jahr bei General Atomics Inc. in San Diego. Jörg
Winter wurde 1997 zum Professor in der Fakultät
für Physik und Astronomie der RUB ernannt (Lehrstuhl
für anwendungsorientierte Plasmaphysik).
Seit seiner Berufung nach Bochum ist Jörg Winter
aktiv in Selbstverwaltungsgremien der Universität
tätig. Er ist maßgeblich beteiligt am Zustandekommen
des neuen SFB "Universelles Verhalten von Nichtgleichgewichtsplasmen"
der RUB und einer der Initiatoren des Center for Plasma
Science and Technology der RUB. 2002 lehnte Winter einen
Ruf ins Ausland ab.
jw
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