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RUBENS 79 1. Mai 2003

Exzellenz made in Bochum

Der neue Prorektor für Forschung Prof. Jörg Winter im Gespräch


Die einstimmige Wahl im Senat am 28. Februar bezeichnete er als "Vertrauensvorschuss", entsprechend motiviert trat er sein Amt an: Prof. Dr. Jörg Winter ist der neue Prorektor für Forschung und Wissenstransfer der RUB - und Plasmaphysiker. Über exzellente Forschung in Bochum, Nullsummenspiele in der Nachwuchsförderung und "Physik für den Hausgebrauch" sprach er mit Jens Wylkop.


RUBENS: Herzlichen Glückwunsch zur Wahl, Herr Prof. Winter. Wie waren die ersten anderthalb Monate im neuen Rektorat?
Winter: Für mich turbulent. Neue Fragen und Probleme sind aufgetaucht, in die ich mich erst einarbeiten muss. Ich hatte meinen Terminkalender für dieses Jahr schon weit im Voraus geplant, nun kommen die Verpflichtungen als Prorektor hinzu, so dass ich einiges umdisponieren muss. Es wird auch noch eine Zeit lang turbulent bleiben. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir das langfristig in ruhigeres Fahrwasser bringen werden.

RUBENS: Wie werden Sie Ihre Zeit zwischen Prorektorenamt und Lehrstuhl aufteilen?
Winter: Ich habe vor, mir feste Zeiten für die Rektoratsarbeiten zu setzen, ebenso natürlich für die Arbeit an meinem Lehrstuhl. Das wird insgesamt etwa 50 zu 50 ausgehen, denke ich. Natürlich gibt es hier und da Stoßzeiten, die vorübergehend mehr Engagement für die eine Sache erfordern.

"Mein Büro steht immer offen"

RUBENS: Werden Sie eine Art "Sprechstunde" für die Mitglieder der RUB anbieten?
Winter: An meinem Lehrstuhl steht mein Büro im Prinzip immer offen, so möchte ich es auch im Rektorat handhaben. Wenn jedoch der Wunsch nach einer formellen, festen Sprechstunde bestehen sollte, werde ich das gern anbieten.

RUBENS: Apropos Büro: Die drei Prorektoren haben nun erstmals eigene Büros im Verwaltungsgebäude bekommen: Was versprechen Sie sich von der räumlichen Nähe zu den Mitgliedern des Rektorats?

Winter: Diese Initiative von Rektor Wagner halte ich für sehr gut. Das Rektorat ist ein Team, das vom regen Austausch lebt. Die räumliche Nähe ist unverzichtbar, um sich auch mal spontan mit den Kolleginnen und Kollegen auszutauschen.

RUBENS: Sie haben die einstimmige Wahl als "Vertrauensvorschuss" bezeichnet, der sie motiviert. Wie sieht es nun aus, nachdem das Wahlergebnis gesackt ist: Ist es Lust oder Last, Prorektor zu sein?

Winter: Die Turbulenzen der ersten Wochen haben mich nicht abgeschreckt: Meine Frustrationsschwelle ist relativ hoch. Bei allen terminlichen Problemen und allen neuen Fragen habe ich schon sehr viel über unsere Hochschule gelernt. Ich bin Naturwissenschaftler, doch seitdem ich mich als Prorektor mit der Forschung an unserer Universität beschäftige, sind z. B. die Geisteswissenschaften nicht mehr so weit weg für mich wie vorher. Die Prioritäten verschieben sich.

RUBENS: Stichwort Prioritäten: In ihrem Statement zur Wahl sagen Sie, die anstehende Gründung des Medizinzentrums habe absolute Priorität: Was hat es damit auf sich und wie weit ist die Gründung gediehen?

Winter: Nun, hier entsteht ein "Universitätszentrum Medizintechnik", was jedoch nur ein vorläufiger Arbeitstitel ist. Konkret bedeutet dies, dass Mediziner, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammenarbeiten, ihre Kompetenzen und Aktivitäten bündeln. Und das geht noch weiter: Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler und Ökonomen werden sich ebenfalls daran beteiligen und z. B. die - im weitesten Sinne - "Gesundheitswirtschaft" beleuchten, also ihr Know-how und Wissen einbringen. Das Zentrum wird Synergien für die Hochschule und für die ganze Region freisetzen. Unternehmen werden sich daraus ausgründen und sich hier ansiedeln. Kurz: Die Medizintechnik wird durch dieses Zentrum einen extrem hohen Stellenwert in der Ruhr-Uni einnehmen.

RUBENS: Welche Prioritäten setzen Sie noch in Ihrer Amtszeit?

Winter: Die Positionierung unserer Hochschule im nationalen und internationalen Wettbewerb. Wir müssen Schwerpunkte durch Zielvereinbarungen fördern - und zwar innerhalb der Universität, also zwischen dem Rektorat und einzelnen Einheiten, wie auch zwischen der Hochschule und dem Land NRW. Die Zielvereinbarungen sind ein wichtiges Steuerungs- und Motivierungsinstrument. Wir müssen sie noch intensiver als bisher einsetzen und nutzen, um unsere Forschung weithin sichtbar zu machen. Die Forschungsleistungen selbst, also die Exzellenzen, müssen nach wie vor aus den jeweiligen Bereichen - Fakultäten, Instituten, Lehrstühlen - kommen, aber durch Zielvereinbarungen kann das Rektorat hier unterstützend wirken.

RUBENS: Exzellenz drückt sich neudeutsch in "Centers of Excellence" aus. Was ist darunter zu verstehen?

Winter: Das sind Zusammenschlüsse von Forscherinnen und Forschern über Fakultätsgrenzen hinweg, also keine einzelnen Personen oder Lehrstühle. Dafür gibt es in der Regel auch kein separates Gebäude oder Labor, sondern die fachliche Zusammenarbeit zählt. Wir haben inzwischen dazu eine Reihe von Zielvereinbarungen abgeschlossen, die bis 2005 laufen. Unser Ziel ist, sie um eine weitere Periode zu verlängern, die zu weiteren Centers of Excellence führt und so zusätzliche Mittel einbringen soll.

"Wir gehören zu den großen Spielern"

RUBENS: Welche Centers of Excellence gibt es an der RUB, welche wird es geben?
Winter: Das "Proteincenter", "Nanostrukturen und -materialien" sowie "Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen im Systemwettbewerb - Herausforderungen der islamischen Welt" sind solche Centers of Excellence. In Vorbereitung sind "Plasmascience and -technology", "Technik, Anthropologie und Darstellung", "Gesellschaften im Kulturvergleich" und "Sicherheit in der IT-Technik" - letzteres als ein Bereich, in dem wir es ja bereits durch herausragende Leistungen geschafft haben, das Horst-Görtz Institut für IT-Sicherheit zu bekommen. Diese Aufzählung darf man jedoch nicht als vollständige, abgeschlossene Liste begreifen, sondern es handelt sich hier um einen dynamischen Prozess, in dem weitere Zielvereinbarungen angestrebt werden.

RUBENS: Das Universitätszentrum Medizintechnik plus die genannten Centers of Excellence: Ist das das künftige Forschungsprofil der RUB?

Winter: Das Medizinzentrum wird sicher auf die gesamte Region Ruhrgebiet ausstrahlen. Aber die RUB ist eben auch eine Volluniversität, die durch ihre fachliche Breite viele Dinge realisieren kann - das ist an anderen Hochschulen der Region nicht möglich. Mein vordringlicher Wunsch ist, durch Zielvereinbarungen und Centers of Excellence auch mehr Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den Geisteswissenschaften anzusiedeln. Die RUB hat jedoch allen Grund, auf das bisher Erreichte stolz zu sein. Im Ranking der DFG z. B. gehören wir zu den großen Spielern im Feld der drittmittelstärksten Hochschulen. Das ist eine ausgezeichnete Basis für die weiteren Anstrengungen.
Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass die gestuften Studiengänge und vor allem die neue, gestufte Lehrerausbildung ganz entscheidend zum Profil der RUB beitragen. Unsere Universität hat Modellcharakter für andere Hochschulen. Wir müssen die - zeitlich auf zunächst fünf Jahre befristete - Lehrerausbildung nach dem Bachelor-/Master-Modell langfristig an der RUB etablieren und die gestuften Studiengänge weiterentwickeln, um uns noch deutlicher zu profilieren.

RUBENS: In Ihr Ressort fällt auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchs. Da hätten wir z. B. die Juniorprofessur ...

Winter: ... über die sich derzeit Nachwuchsförderung in der Öffentlichkeit definiert. Die Juniorprofessur wurde durch ein Bundesgesetz eingeführt, dieses muss jedoch noch durch entsprechende Landesgesetze flankiert werden: Die Rechte und Pflichten der Juniorprofessuren sind in NRW leider noch nicht festgelegt. Bei aller Euphorie für die Juniorprofessur muss man sehen, dass es hier, was die Stellen betrifft, um ein Nullsummenspiel geht. Fakultäten, die eine Juniorprofessur einrichten, erhalten de facto keine neue Stelle, sondern müssen dies aus vorhandenen Stellen kompensieren. Die Universitätsleitung übt daher auch keinen Druck auf die Fakultäten aus, weil oft schwierige Strukturänderungen für die Einrichtung einer Juniorprofessur nötig sind. Andererseits werden Juniorprofessuren in einem BMBF-Förderprogramm mit einer eigenen finanziellen Grundausstattung versehen, die der betreffenden Fakultät und natürlich der Universität insgesamt zu gute kommt. Wir unterstützen daher nachdrücklich Fakultäten, die den Wunsch haben, eine Juniorprofessur einzurichten.

RUBENS: Das allgemeine Promotionskolleg der RUB hat die individuelle Förderung von Promotionsvorhaben abgelöst. Was versprechen Sie sich davon?
Winter: Dies ist insbesondere für die Geisteswissenschaften wichtig. Wir haben keine vergleichbaren Verhältnisse über alle Fakultäten: In den Naturwissenschaften haben wir z. B. ein hohes Drittmittelaufkommen, um u. a. Promotionsvorhaben zu finanzieren, in den Geisteswissenschaften hingegen ein vergleichsweise geringes. Mir schwebt vor, dass wir im Promotionskolleg der RUB Strukturen schaffen, die sich an die Graduiertenkollegs der DFG anlehnen. Damit können wir junge Leute unterstützen, bei denen Exzellenz zu erwarten ist.

"Ich bin leidenschaftlicher Bastler"

RUBENS: Sie sind Plasmaphysiker. Wie müssen sich unsere Leserinnen und Leser Ihren Hobbykeller vorstellen?
Winter: Das ist ein Bastelkeller, ich bin leidenschaftlicher Bastler. Meine Frau sagt immer etwas provokativ, aber liebevoll, dass ich darin "Physik für den Hausgebrauch" produziere.

RUBENS: Weitere Hobbys?
Winter: Ja, hauptsächlich ist meine Familie mein Hobby, außerdem Fahrradfahren und Wandern.

RUBENS: Wandern im Ruhrgebiet?
Winter: Die Region hat durchaus ihre Reize, aber ich bevorzuge die Eifel.

RUBENS: Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen eine erfolgreiche Amtszeit.



Extrakasten Lebenslauf
Jörg Winter wurde 1948 in Obernkirchen geboren und wuchs im Ruhrgebiet und im Rheinland auf. Er ist verheiratet und hat einen 22-jährigen Sohn. Er studierte Physik in Köln mit einem Stipendium der Ernst-Hilbert-Stiftung. Nach dem Diplom (1973) schrieb er im Forschungszentrum Jülich (FZJ) seine Dissertation im Bereich der Festkörperphysik und wurde 1976 in Aachen promoviert. Nach drei Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Nukleare Festkörperforschung der Universität der Bundeswehr München kehrte er 1979 an das FZJ zurück, wechselte das Forschungsgebiet hin zur Plasmaphysik und war Gruppenleiter im Bereich der Fusionsforschung am Institut für Plasmaphysik (IPP). Von 1989 bis 1996 war er zusätzlich Leiter des Teilprojektes "Wandoberflächen und Materialien" im Projekt Kernfusion des FZJ und ab 1993 einer der stellvertretenden Institutsdirektoren am IPP. 1988 habilitierte sich Jörg Winter in Düsseldorf; seit 1995 war er dort außerplanmäßiger Professor. 1991 arbeitete er im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes ein Jahr bei General Atomics Inc. in San Diego. Jörg Winter wurde 1997 zum Professor in der Fakultät für Physik und Astronomie der RUB ernannt (Lehrstuhl für anwendungsorientierte Plasmaphysik).
Seit seiner Berufung nach Bochum ist Jörg Winter aktiv in Selbstverwaltungsgremien der Universität tätig. Er ist maßgeblich beteiligt am Zustandekommen des neuen SFB "Universelles Verhalten von Nichtgleichgewichtsplasmen" der RUB und einer der Initiatoren des Center for Plasma Science and Technology der RUB. 2002 lehnte Winter einen Ruf ins Ausland ab.


jw
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Letzte Änderung: 30.04.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik