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RUBENS 79 1. Mai 2003

Auge in Auge

Ex-Ministerpräsident Yilmaz an der RUB


"Mir ist bewusst, dass die Türkei kein Paradies der Menschenrechte gewesen ist. Aber das soll sich jetzt ändern." Etwa die Hälfte der Anwesenden wird diese Äußerung als gut gemeintes Versprechen interpretieren. Für die andere Hälfte mag es wie Hohn klingen: Als Kurden lebten sie lange in der Türkei und fühlten sich dort unterdrückt, sie sprechen von Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen. Nun sitzen sie "ihrem" ehemaligen Regierungschef Auge in Auge gegenüber und versuchen, ihn mit detaillierten Fragen in die Enge zu treiben.
Selten erregt eine Pressekonferenz an der RUB solch eine öffentliche Aufmerksamkeit wie die Präsentation des Gastprofessors Mesut Yilmaz am 1. April. Rund hundert deutsche, türkische sowie kurdische Journalisten und Studierende sind in den Senatssaal gekommen, um den vormaligen türkischen Ministerpräsidenten und künftigen Dozenten der Politikwissenschaft der RUB zu erleben. Zahlreiche Mikrophone warten am Podium, Diktiergeräte und Fotoapparate liegen griffbereit. Als Yilmaz schließlich durch die Hintertür hineinkommt, hasten Dutzende zum Podium und fotografieren ihn minutenlang.
Auch später springen regelmäßig Journalisten auf, ändern die Stellung ihrer Mikrophone oder fotografieren Yilmaz. Immer wieder jedoch fotografieren einige genau in die andere Richtung: ganz gezielt ins Auditorium. Möglicherweise möchten sie den guten Besuch dokumentieren. Oder sollen sie etwa doch im Auftrag des türkischen Geheimdienstes die kritischen kurdischen Fragesteller ablichten, wie später vielfach spekuliert wird? Immerhin fragten vor der Konferenz mehrere Kurden, an wen die - obligatorische - Anwesenheitsliste weitergeleitet wird. Der deutsche Staatsschutz ist auch präsent, dazu türkische Bodyguards ...
Lassen wir uns also von denen anstecken, die sich ohnehin verfolgt fühlen? Oder sollten wir eher Prof. Jürgen Gramke vertrauen? Der ehemalige Vorsitzende des Kommunalverbandes Ruhrgebiet und zwischenzeitliche Wirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt fungiert momentan als Vorsitzender des Institute for European Affairs in Düsseldorf und als Honorarprofessor der Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB. Die Gastprofessur von Yilmaz in Bochum kam auf seinen Vorschlag zustande. Nun sitzt er neben Mesut Yilmaz auf dem Podium: "Yilmaz wurde von verschiedenen Hochschulen und Instituten in Europa gebeten, dort zu wirken. Es ist deshalb ein großer Erfolg, dass es der Ruhr-Uni gelungen ist, ihn als Gastprofessor zu gewinnen", schwärmt Gramke.
Doch nur die wenigsten Besucher der Pressekonferenz möchten erfahren, welche Vorträge und Seminare Yilmaz im Sommer- und im Wintersemester an der Fakultät für Sozialwissenschaft halten wird. Gewiss wird er als ehemaliger Regierungschef einen exponierten Blick auf den Weg der Türkei nach Europa und in die EU werfen können. Und fraglos hat die Sowi-Dekanin Prof. Ilse Lenz recht, wenn sie betont: "Die Fakultät gewinnt mit Mesut Yilmaz einen hervorragenden Experten für die Schlüsselfrage der internationalen Politik in Europa, nämlich die Beziehungen zur Türkei und zum Mittelmeerraum." In gutem Deutsch ergänzt der Gelobte: "Ich weiß, dass Deutschland eine Vorreiterrolle zukommt, wenn entschieden wird, ob die Türkei eines Tages in die EU aufgenommen wird. Während meiner Zeit in Bochum möchte ich die deutsche Öffentlichkeit pro türkisch beeinflussen."
Dennoch gerät die Pressekonferenz zur Generaldebatte über den Irak-Krieg, Kurden, die EU, Menschenrechtsverletzungen, den Völkermord an den Armeniern und Yilmaz' Zeit als Ministerpräsident. Gleich die erste Fragestellerin möchte etwas über den Verbleib von vier Journalisten in der Türkei wissen. Sie fragt außerdem gezielt nach der Stellung der kurdischen Kultur und Bildung in der Türkei. Etwas einsilbig verweist der Ex-Premier auf Verfassungsänderungen während seiner Amtszeit. Deutlicher gerät seine Position zum Irak-Krieg und zur Haltung der türkischen Regierung: Yilmaz hält den Krieg für legitim und findet, die türkische Regierung sei zu wenig Amerika-freundlich gesinnt. Der nächste Fragesteller bezeichnet sich selbst als Folteropfer, ein anderer wünscht sich Yilmaz auf eine Anklagebank, eine weitere verlangt ein Schuldbekenntnis zum Völkermord der Türken an den Armeniern. Mesut Yilmaz lässt sich nicht in die Enge drängen. Er bleibt Vollblutpolitiker, mal smart, mal zupackend, vor allem aber un(an)greifbar.
(s. auch das Editorial sowie Interview auf S. 5)

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