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RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
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Auge in Auge
Ex-Ministerpräsident
Yilmaz an der RUB
"Mir ist bewusst, dass die Türkei kein Paradies
der Menschenrechte gewesen ist. Aber das soll sich jetzt
ändern." Etwa die Hälfte der Anwesenden
wird diese Äußerung als gut gemeintes Versprechen
interpretieren. Für die andere Hälfte mag es
wie Hohn klingen: Als Kurden lebten sie lange in der Türkei
und fühlten sich dort unterdrückt, sie sprechen
von Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen. Nun
sitzen sie "ihrem" ehemaligen Regierungschef
Auge in Auge gegenüber und versuchen, ihn mit detaillierten
Fragen in die Enge zu treiben.
Selten erregt eine Pressekonferenz an der RUB solch
eine öffentliche Aufmerksamkeit wie die Präsentation
des Gastprofessors Mesut Yilmaz am 1. April. Rund
hundert deutsche, türkische sowie kurdische Journalisten
und Studierende sind in den Senatssaal gekommen, um den
vormaligen türkischen Ministerpräsidenten und
künftigen Dozenten der Politikwissenschaft der RUB
zu erleben. Zahlreiche Mikrophone warten am Podium, Diktiergeräte
und Fotoapparate liegen griffbereit. Als Yilmaz schließlich
durch die Hintertür hineinkommt, hasten Dutzende
zum Podium und fotografieren ihn minutenlang.
Auch später springen regelmäßig Journalisten
auf, ändern die Stellung ihrer Mikrophone oder fotografieren
Yilmaz. Immer wieder jedoch fotografieren einige genau
in die andere Richtung: ganz gezielt ins Auditorium. Möglicherweise
möchten sie den guten Besuch dokumentieren. Oder
sollen sie etwa doch im Auftrag des türkischen Geheimdienstes
die kritischen kurdischen Fragesteller ablichten, wie
später vielfach spekuliert wird? Immerhin fragten
vor der Konferenz mehrere Kurden, an wen die - obligatorische
- Anwesenheitsliste weitergeleitet wird. Der deutsche
Staatsschutz ist auch präsent, dazu türkische
Bodyguards ...
Lassen wir uns also von denen anstecken, die sich ohnehin
verfolgt fühlen? Oder sollten wir eher Prof. Jürgen
Gramke vertrauen? Der ehemalige Vorsitzende des Kommunalverbandes
Ruhrgebiet und zwischenzeitliche Wirtschaftsminister in
Sachsen-Anhalt fungiert momentan als Vorsitzender des
Institute for European Affairs in Düsseldorf und
als Honorarprofessor der Fakultät für Sozialwissenschaft
der RUB. Die Gastprofessur von Yilmaz in Bochum kam auf
seinen Vorschlag zustande. Nun sitzt er neben Mesut Yilmaz
auf dem Podium: "Yilmaz wurde von verschiedenen Hochschulen
und Instituten in Europa gebeten, dort zu wirken. Es ist
deshalb ein großer Erfolg, dass es der Ruhr-Uni
gelungen ist, ihn als Gastprofessor zu gewinnen",
schwärmt Gramke.
Doch nur die wenigsten Besucher der Pressekonferenz
möchten erfahren, welche Vorträge und Seminare
Yilmaz im Sommer- und im Wintersemester an der Fakultät
für Sozialwissenschaft halten wird. Gewiss wird
er als ehemaliger Regierungschef einen exponierten Blick
auf den Weg der Türkei nach Europa und in die EU
werfen können. Und fraglos hat die Sowi-Dekanin Prof.
Ilse Lenz recht, wenn sie betont: "Die Fakultät
gewinnt mit Mesut Yilmaz einen hervorragenden Experten
für die Schlüsselfrage der internationalen Politik
in Europa, nämlich die Beziehungen zur Türkei
und zum Mittelmeerraum." In gutem Deutsch ergänzt
der Gelobte: "Ich weiß, dass Deutschland eine
Vorreiterrolle zukommt, wenn entschieden wird, ob die
Türkei eines Tages in die EU aufgenommen wird. Während
meiner Zeit in Bochum möchte ich die deutsche Öffentlichkeit
pro türkisch beeinflussen."
Dennoch gerät die Pressekonferenz zur Generaldebatte
über den Irak-Krieg, Kurden, die EU, Menschenrechtsverletzungen,
den Völkermord an den Armeniern und Yilmaz' Zeit
als Ministerpräsident. Gleich die erste Fragestellerin
möchte etwas über den Verbleib von vier Journalisten
in der Türkei wissen. Sie fragt außerdem gezielt
nach der Stellung der kurdischen Kultur und Bildung in
der Türkei. Etwas einsilbig verweist der Ex-Premier
auf Verfassungsänderungen während seiner Amtszeit.
Deutlicher gerät seine Position zum Irak-Krieg und
zur Haltung der türkischen Regierung: Yilmaz hält
den Krieg für legitim und findet, die türkische
Regierung sei zu wenig Amerika-freundlich gesinnt. Der
nächste Fragesteller bezeichnet sich selbst als Folteropfer,
ein anderer wünscht sich Yilmaz auf eine Anklagebank,
eine weitere verlangt ein Schuldbekenntnis zum Völkermord
der Türken an den Armeniern. Mesut Yilmaz lässt
sich nicht in die Enge drängen. Er bleibt Vollblutpolitiker,
mal smart, mal zupackend, vor allem aber un(an)greifbar.
(s. auch das Editorial sowie Interview
auf S. 5)
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