Fünf Wesen
in einem Körper
Roman über
eine multiple Persönlichkeit
"Ich bin nicht allein', sagte sie plötzlich.
'Eine von uns will sterben'". Schon auf der
ersten Seite ahnt man das faszinierende Thema des ersten
Romans von Verena Liebers "Schattenmädchen"
und seine spätere Katastrophe: "Nova ist
anders. Denn in Novas Körper gibt es noch weitere
Personen. Das macht alles viel komplizierter. Wie soll
man jemanden lieben, wenn man nur einen Teil dieses
Menschen liebt?" Zunächst ist es Nova, die
der Erzähler kennen lernt. Nova ist eine liebevolle,
romantisch veranlagte schöne Frau, mit der er viele
lange Spaziergänge unternimmt. Schon bald begegnet
ihm Marlene im Körper Novas; aber Marlenes klare,
metallisch-abweisende Stimme geht er immer wieder aus
dem Weg, er sucht lieber die Nähe Novas. So kommt
die Liebe auf und unweigerlich die Erotik ins Spiel.
Dafür sorgt Mary, ebenfalls im Körper Novas.
Spätestens nachdem er das achtjährige Lenchen
und den 17-jährigen Marco in Nova kennen lernt,
fängt der Erzähler bewusst an, sich dem Problem
der multiplen Persönlichkeiten zu widmen.
Subtil und mit großer Kennerschaft wagt sich
die promovierte Biologin Liebers an dieses Thema heran.
Wie selbstverständlich stellt sich ihr Ich-Erzähler
stets auf die neuen Situationen ein, die mit den wechselnden
Personen in demselben Körper einhergehen. Er spaziert
mit Nova, spielt mit Lenchen und erduldet ihren kindlichen
Schabernack, erlebt die heißesten Nächste
mit Mary, misst sich mit Marco und wendet sich sogar
an Marlene, als schließlich schwerwiegende Probleme
auftauchen. Aber in der Person dieses Erzählers
offenbart sich auch die Krux des Romans: Der namenslose
Erzähler ist jederzeit verständnisvoll, so
sehr, dass er zwar glaubwürdig einen Therapeuten
geben könnte, nicht aber den "liebenden Menschen".
Daher rührt auch der stets gleichmäßige
lyrische Erzählton ohne große Höhen
und Tiefen.
Verena Liebers ist Mitarbeiterin am Berufsgenossenschaftlichen
Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin (BGFA) der
RUB. Sie hat erst kürzlich den Dorstener Lyrikpreis
2003 erhalten. Unter 567 Gedichten wurde ihr Beitrag
"Unsichtbar" einstimmig auf Platz 1 gewählt.
Zuvor war sie 1. Preisträgerin des SALONline-Literaturpreises
2000 und hat den 2. Preis der Oberhausener Literaturtage
2002 gewonnen.
Verena Liebers, "Das Schattenmädchen",
SALON Literaturverlag, München 2003, 200 S., 17,20
Euro
Wir verlosen das Buch unter allen,
die uns bis zum 30. Mai 2003 eine Postkarte schicken:
Redaktion Rubens, Pressestelle der Ruhr-Uni, UV 366,
44780 Bochum. Das Stichwort ist die Antwort auf die
Frage: "Wer ist kein Ethik-Guru?"
jk
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