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RUBENS 78 1. April 2003

Mit Enthusiasmus Aufbruchstimmung erzeugen

Interview mit dem neuen Prorektor für Struktur Prof. Elmar Weiler


Am 28. Februar wurde Prof. Dr. Elmar Wilhelm Weiler (Pflanzenphysiologie) vom Senat der RUB einstimmig zum neuen Prorektor für Struktur, Planung und Finanzen gewählt. Kurz darauf traf er sich mit Arne Dessaul und sprach u. a. über den Globalhaushalt, das Erscheinungsbild der RUB und die Betreuung von Gastwissenschaftlern.

RUBENS: Herr Professor Weiler, nochmals herzlichen Glückwunsch! Was war Ihr erster Gedanke nach der Wahl?
Prof. Weiler: Ich habe mich sehr über die breite Zustimmung gefreut und mich gleichzeitig gefragt, was wohl alles auf mich zukommt. Ein bisschen wird es wie ein Sprung ins kalte Wasser sein. Ich springe allerdings mit großer Zuversicht und mit großem Enthusiasmus.

RUBENS: Haben Sie sich schon Gedanken über Ihr künftiges Zeitmanagement gemacht?
Prof. Weiler: Ich werde mich auf drei Dinge konzentrieren: den Lehrstuhl, das Amt des Prorektors und die Deutsche Forschungsgemeinschaft - wenn auch alles mit gewissen zeitlichen Beschränkungen. Aber gerade im Lehrstuhl spüre ich eine große Rückendeckung. Von Vorteil ist unsere an angloamerikanische Departments angelegte Struktur mit weitgehend autonomen Projektgruppen, die über eigene Forschungsmittel verfügen. Ich werde aber auch alle meine Vorlesungen weiterhin selbst halten. Fest steht, dass weder die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Lehrstuhl noch die Studierenden darunter leiden werden, dass ich Prorektor bin. Sonst hätte ich es bei aller Liebe zur Uni auch nicht gemacht.

RUBENS: Liebe?

Prof. Weiler: Doch, die habe ich schon, das muss ich gestehen. Sie werden aus meinem Lebenslauf leicht entnehmen können, dass ich sehr attraktive Angebote abgelehnt habe. Das habe ich gemacht, weil die Infrastruktur an der Ruhr-Uni sehr gut ist und weil ich die Menschen dieser Region sehr mag. Ich schätze besonders ihr pragmatisches Zupacken.

"Ich mag die Menschen hier"

RUBENS: Was waren Ihre Beweggründe, das Amt des Prorektors anzutreten?
Prof. Weiler: Ich möchte drei Gründe nennen. Zum einen sehe ich es als - gern wahrgenommene - Pflichterfüllung gegenüber der Universität an, der ich - zweitens - viel zu verdanken habe. Davon möchte ich nun einiges zurückgeben: bestenfalls eine allgemeine Aufbruchstimmung erzeugen. Drittens strukturiere ich sehr gerne.

RUBENS: Sie haben die RUB bereits als Student und Doktorand kennen gelernt. Später waren Sie Dekan und Senator. Inwiefern können Sie als Prorektor von diesen Erfahrungen profitieren?

Prof. Weiler: Ich hoffe doch sehr, dass ich davon profitiere. Ich kann mich gut an meine Studienzeit erinnern und weiß noch, wie man sich als Erstsemester an der Ruhr-Uni fühlt.

RUBENS: Als Dekan haben Sie das Profil der Bochumer Biologie deutlich geschärft. Unter anderem wurde erstmals ein Fakultätsstrukturplan erstellt. Ist etwas ähnliches auch auf universitärer Ebene denkbar?

Prof. Weiler: Die Aufgabe, einen Hochschulentwicklungsplan zu erstellen, haben wir durch das Hochschulgesetz ohnehin. Ich bin mir sicher, dass wir als Hochschule besser zurechtkommen, wenn wir uns über unsere mittelfristige strukturelle Entwicklung sehr genau Klarheit verschaffen, ein vernünftiges Konzept entwickeln und alle Kraft einsetzen, dies auch zu verwirklichen.

RUBENS: In etwa zwei Jahren werden an den Hochschulen Globalhaushalte eingeführt. Existieren bereits konkrete Pläne, wie das Geld innerhalb der RUB verteilt werden wird?

Prof. Weiler: Noch nicht in meinem Kopf. Klar ist, dass der Globalhaushalt zwar Risiken birgt, jedoch auch viele Chancen bietet. Er lässt ausreichend Freiheiten, die wir kreativ nutzen sollten, um unsere Potenziale auszuschöpfen. Bei der Verteilung des Geldes darf es nicht zu erdrutschartigen Verschiebungen zwischen den Fakultäten kommen. Vor allem muss der Verteilschlüssel die individuellen Gegebenheiten berücksichtigen und gewährleisten, dass alle Fakultäten weiterhin ihre Grundaufgaben erfüllen können. Deshalb wird es ausführliche Gespräche mit den Fakultäten und Einrichtungen geben.

RUBENS: Wann?
Prof. Weiler: So schnell wie möglich. Noch haben wir Handlungsfreiheit und können agieren. Alle Pläne, die wir jetzt verbindlich entwickeln, sichern uns davor ab, später nur noch reagieren zu können.

"Ich strukturiere gerne"

RUBENS: Welche weiteren Prioritäten werden Sie setzen?
Prof. Weiler: Ich werde in den nächsten Tagen zusammen mit meiner Referentin Susanne Schult eine Prioritätenliste erstellen. Darauf darf nichts fehlen, was der Leistungsfähigkeit der Ruhr-Uni förderlich ist. Priorität besitzen zum einen die Exzellenzzentren, die eine langfristig solide Förderung brauchen, um letztlich auf eigenen Beinen zu stehen. Wir dürfen aber nicht ausschließlich auf Exzellenzzentren und Profilbildung setzen. Wir müssen die richtige Balance finden zwischen Profilbildung und Vielfalt und beides fördern. Schließlich geht die Kreativität von einzelnen Forscherinnen und Forschern aus.

RUBENS: In Ihrem Statement vor der Wahl äußern Sie zahlreiche bemerkenswerte Gedanken zur Situation an der RUB. Beispielsweise regen Sie ein Betreuungsbüro für ausländische Doktorandinnen und Doktoranden an. Können Sie diese Idee näher erläutern?
Prof. Weiler: Wir machen zurzeit sehr positive Erfahrungen im Europäischen Graduiertenkolleg zu Zellsystemen. Dort wurde mit Unterstützung des Rektorats eine Koordinatorin eingesetzt, die sich um die außerfachlichen Belange der ausländischen Doktorandinnen und Doktoranden kümmert. Diese Betreuung läuft vorzüglich. Ich sehe auch, wie dankbar die Doktorandinnen und Doktoranden es aufnehmen, eine Bezugsperson zu haben, die sich auch um private Probleme wie Zimmersuche oder Behördengänge kümmert. Die Integration funktioniert so um ein Vielfaches besser. Ich denke, das Modell lässt sich auf die gesamte Uni übertragen. Zunächst für Doktorandinnen und Doktoranden, später für alle ausländischen Studierenden. Das würde die Attraktivität der RUB enorm erhöhen.

RUBENS: Besonders wichtig ist Ihnen ja auch das äußere Erscheinungsbild der RUB?
Prof. Weiler: In der Tat könnte der Campus ein wenig freundlicher werden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Wir haben nun mal den Beton und wollen ihn auch gar nicht verstecken. Und natürlich verhindern finanzielle Engpässe viele Ideen. Aber oft reichen Kleinigkeiten aus, um beispielsweise Eingangsbereiche attraktiver zu gestalten. Auch die zum Teil 30 Jahre alten Sitzbänke könnten ausgewechselt werden. Ich denke, das würde auch dazu beitragen, die Bindung der Studierenden und Beschäftigten an die Uni zu verbessern.

RUBENS: Eine weiterer Vorschlag von Ihnen lautet, dass sich jede Arbeitsgruppe, jeder Lehrstuhl, jedes Institut der RUB neben den Kerninteressen an mindestens einem disziplinübergreifenden Programm in Forschung und/oder Lehre beteiligen soll. Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dies zu realisieren?
Prof. Weiler: Es muss ja nicht zu 100 Prozent umgesetzt werden. Aber auch bei der Entwicklung gemeinsamer Interessen würde ich gerne für Aufbruchstimmung sorgen. Wir müssen entsprechende Anreize schaffen - und auf eine Eigendynamik hoffen. Das Potenzial ist vorhanden, wenn ich an unsere Forschergruppen, Graduiertenkollegs, Graduate Schools, Research Schools und an die vielen Sonderforschungsbereiche denke. Diese Dinge sollten Modellcharakter haben für jene Fakultäten, in denen disziplinübergreifende Programme nicht so stark vertreten sind.

"Ich forsche unglaublich gerne"

RUBENS: Spielen Pflanzen und Blumen auch in Ihrer Freizeit eine Rolle?
Prof. Weiler: Natürlich. Bei mir gibt es keinen großen Unterschied zwischen Dienstzeit und Freizeit. Ich forsche unglaublich gerne. Für mich ist die Wissenschaft Beruf, aber auch Hobby. Ich verbringe einen Großteil meiner Freizeit im Institut.

RUBENS: Und wer kümmert sich um Ihre Pflanzen daheim?
Prof. Weiler: Das, muss ich gestehen, erledigt meine Frau viel kompetenter als ich. Ich bin zu selten zu Hause, um substanzielle Beiträge zu leisten.

RUBENS: Und wie finden Sie Zerstreuung?
Prof. Weiler: Vor allem beim Trekking.

RUBENS: Wo?
Prof. Weiler: Aus Zeitgründen meist in der Umgebung der Universität.

RUBENS: Haben Sie weitere Hobbys?
Prof. Weiler: Lesen. Zum einen Wissenschaftliches zu meinem Fachgebiet, um stets auf dem Laufenden zu bleiben. Darüber hinaus lese ich sehr gerne Briefwechsel, zuletzt den zwischen Martin Heidegger und Hannah Ahrendt und den Briefwechsel Paul Celans mit seiner Frau.

RUBENS: Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen eine erfolgreiche Amtszeit.

 

Lebenslauf
Elmar Wilhelm Weiler wurde am 13. Juni 1949 geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Abitur (1968) studierte er bis 1974 Biologie und Chemie an der RUB; im Februar 1977 wurde er promoviert. 1978/79 hatte er mehrere Forschungsaufenthalte am Biology Department der University South Florida in Tampa. 1982 habilitierte sich Weiler an der RUB für Botanik. 1983-85 war er Privatdozent und Akademischer Rat am Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie. 1984 folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie der Uni Osnabrück. 1987 lehnte Weiler einen Ruf an die FU Berlin ab. Den Ruf auf den Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie der RUB zum 1.10.1988 nahm er jedoch an und ist seitdem Inhaber dieses Lehrstuhls, seit 1991 auch Direktor des Zentralen Isotopenlaboratoriums. 1992 wurde er an die TU München gerufen und lehnte diesen Ruf ebenso ab, wie 1993 den Ruf als Direktor an das Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam.

Vielfach ausgezeichnet

Prof. Weiler ist 1983 mit dem Tate and Lyle Award der Phytochemical Society of Europe, 1995 mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG und 1997 mit der Carus-Medaille der Deutschen Gesellschaft der Naturforscher Leopoldina ausgezeichnet worden. Seit 2000 ist er Mitglied im Senat und seit 2001 im Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von 1990 bis 2000 war er Sprecher des Graduiertenkollegs "Biogenese und Mechanismen komplexer Zellfunktionen" der DFG, von 1998 bis 2001 des SFB 480 "Molekulare Biologie komplexer Leistungen von botanischen Systemen". Zwischen 1993 und 1995 war er Dekan seiner Fakultät.

Den ebenfalls neu gewählten Prorektor für Forschung und Wissenstransfer, Prof. Dr. Jörg Winter (Physik und Astronomie), möchten wir in der Maiausgabe vorstellen.


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Letzte Änderung: 01.04.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik