Polizeiarbeit
in Zentralasien - eine andere Art angewandter Forschung
Wie man
mit Schweinezucht eine Polizeihochschule finanziert
Ende 2002 reiste Prof. Dr. Thomas Feltes (Lehrstuhl
für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft
der RUB) im Auftrag der OSZE nach Kirgisien, um dort
eine Bestandsaufnahme zu Polizeiarbeit und -ausbildung
vorzunehmen. Er fand zum Teil haarsträubende Verhältnisse
vor: Da die Polizeibeamten selbst und ihre Ausbildung
chronisch unterfinanziert sind, werden die benötigten
finanziellen Mittel anderweitig besorgt: legal z. B.
durch Viehzucht, illegal u.a. durch Drogenhandel und
Schutzgelderpressung. Es folgt Prof. Feltes' kompletter
Bericht.
Hintergrund meiner Reise war eine (von den USA beeinflusste)
Entscheidung der OSZE (Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa), die kirgisische Polizei
mit mehreren Mio. US-Dollar zu unterstützen. Man
versprach sich dadurch eine Stabilisierung der Region,
die aufgrund ihrer Nähe zu Afghanistan und Irak
und ihrer Infrastruktur (Flugplätze für einen
möglichen Krieg im Nahen Osten) für NATO und
USA von Bedeutung ist.
Papier aus dem Safe
Andererseits weiß man, dass Drogenhandel und
organisierte Kriminalität in Kirgisien eine wichtige
Rolle spielen und dass die Strafverfolgungsbehörden
im Ruf stehen, darin verwickelt zu sein. Dies wurde
durch den Bericht der hochkarätig und überparteilich
besetzten International Crisis Group bestätigt,
der kurz vor meiner Reise veröffentlicht wurde
(www.crisisweb.org).
Er beschäftigt sich mit der Polizeireform in den
zentralasiatischen Staaten Kirgisien, Tadschikistan
und Usbekistan. Danach muss man tatsächlich davon
ausgehen, dass der Bereich der Strafverfolgung, der
inneren Sicherheit und der Polizeireform in der Region
von Korruption und Vetternwirtschaft, Mangel an grundlegenden
Ermittlungs- und Ausbildungsmaterialien, Folter und
Missmanagement geprägt ist.
Mein Auftrag, den ich gemeinsam mit einem hochrangigen
norwegischen Polizeibeamten ausführte, bestand
darin, die vorhandenen Ausbildungsprogramme der Polizeiakademie
einschließlich der institutionellen, personellen
und politischen Rahmenbedingungen sowie der Curricula
zu evaluieren. Darauf aufbauend sollten wir Programme
zur Verbesserung der Effektivität und Effizienz
der Polizeiausbildung empfehlen. Gleichzeitig sollten
wir Vorschläge erarbeiten, wie die Einhaltung der
Menschenrechte im Rahmen der polizeilichen Arbeit verwirklicht
werden kann. Zeitgleich hatten zwei weitere Experten
aus Großbritannien und Norwegen den Auftrag, die
Polizeiarbeit und Polizeistruktur insgesamt zu evaluieren
und Empfehlungen zu erarbeiten.
Sechs Monate Gefängnis für einen Ladendiebstahl
Zunächst ging es für uns darum, Basisinformationen
über die Grundlagen, Strukturen und Abläufe
der Polizeiausbildung zusammenzutragen. Allerdings konnten
viele Dokumente erst nach der Ankunft vom Russischen
ins Englische übertragen werden. Die Dokumente
waren zudem teilweise veraltet, weil sie aus der Zeit
stammten, als Kirgisien eine Sowjetrepublik war. Neuere
Dokumente gab es gar nicht oder nur in Fragmenten und
in Kirgisisch. Die an allen Stellen deutliche Mangellage
machte sich auch hier bemerkbar: Der Leiter einer großen
Polizeidienststelle in der Hauptstadt Bishkek musste
auf unseren Wunsch nach einem Blatt Papier erst den
Schlüssel zu seinem Safe holen, in dem die dürftigen
Papierreserven der Polizeidienststelle verwahrt wurden.
Die Polizei ist zahlenmäßig mit 19.000 Angehörigen
und vom Einfluss her dem Militär mit rund 11.000
Mitgliedern überlegen. Positive wie negative Veränderungen
in Kirgisien hängen daher entscheidend von der
Polizei ab, die auch ein potenzieller und entscheidender
Faktor für Unruhen, zukünftige Instabilität
und systemische Unsicherheit ist. Wegen der Korruption
fungiert sie als Bremse für die wirtschaftliche
Entwicklung. Dass Effektivität und Effizienz der
Polizei nicht nur nach westlichen Maßstäben
absolut ungenügend sind, braucht unter diesen Umständen
nicht betont zu werden. So gehen nach einer Straftat,
die der Polizei gemeldet oder von ihr "entdeckt"
wurde, nach Abschluss der Ermittlungen (sofern sie geführt
werden) die Akten ans Innenministerium, das über
das weitere Verfahren entscheidet. Ein Strafverfahren
wird aber in der Regel nur gegen solche Personen durchgeführt,
die weder über Geld zur Bestechung der ermittelnden
Beamten, noch über Beziehungen z.B. zu deren Vorgesetzten
oder ins Ministerium verfügen. In einer Gesellschaft,
die noch weitgehend auf Clans aufgebaut ist, ist dies
ein wichtiger, wenn nicht sogar entscheidender Faktor
im Strafverfahren. Dennoch kann ein Verfahren mit drastischen
Strafen enden, z. B. sechs Monate Gefängnis für
einen Ladendiebstahl.
25 Euro Monatsgehalt
Das Verhältnis zwischen Polizei und Bürgern
in Zentralasien ist noch schlechter als in Russland
und den anderen ehemaligen russischen Teilrepubliken.
Die Polizei wird gefürchtet und als unfähig
angesehen, gleichzeitig ist die politische Kontrolle
deutlich schwächer. Folter ist an der Tagesordnung,
da polizeilicher Erfolg ausschließlich an der
Aufklärungsquote gemessen wird, die bei 75 Prozent
liegt und offensichtlich dadurch zustande kommt, dass
ermittelten "Tatverdächtigen" weitere,
noch nicht aufgeklärte Fälle "zugeordnet"
werden. Von mehreren Quellen wurde von Verhaftungen
offensichtlich Unschuldiger berichtet, um die Aufklärungsquote
zu verbessern bzw. um aus dem Ermittlungsverfahren oder
seiner Einstellung finanzielle Vorteile zu erzielen.
Zwar ist die Polizei selbst zumindest teilweise unzufrieden
mit der aktuellen Situation und wünscht sich eine
Reform. Dieser Wunsch ist in vielen Fällen aber
eher vordergründig, weil praktisch alle Polizeibeamten
und Mitarbeiter im Ministerium vom derzeit existierenden
System profitieren. Es ist zu bezweifeln, ob im operativen
Bereich tatsächlich ein Interesse daran besteht,
das auf Korruption aufgebaute System zu verändern.
Das Budget der Polizei kommt nur zu etwa 25 Prozent
aus dem staatlichen Haushalt. Der Rest stammt aus eigenen
Geschäften, Schutzgeldzahlungen und Erpressungen.
Zahlungen an die Polizei werden von Bürgern und
Geschäftsleuten als "zweites Steuersystem"
angesehen. Das Gehalt eines Polizeibeamten beträgt
etwa 25 Euro, das eines Professors an der Polizeiakademie
33 Euro. Deshalb muss das Einkommen durch Korruption
aufgebessert werden, wenn man seine Familie ernähren
will. Das vom zuständigen Ministerium festgelegte
Budget der Polizeiakademie wird nur zu einem Drittel
tatsächlich ausgezahlt. Den Rest muss die Akademie
durch Eigenbetriebe (Schweine- und Fischzucht, Bäckerei)
oder anders erwirtschaften. Sie hat sich deshalb für
externe Studenten geöffnet, die gegen Gebühr
ihr Jurastudium abschließen können.
Selbst in der Landeshauptstadt verfügt die Polizei
über praktisch keine einsetzbaren Streifenwagen;
auch die sonstige technische Ausstattung ist absolut
mangelhaft. Die Beamten benutzen ihre Privatwagen und
privat beschaffte Handys und PCs für ihre Arbeit.
Das Geld hierfür wird wiederum durch Korruption
oder Erpressung erwirtschaftet, indem z.B. nach Schichtbeginn
erst einmal ein Pkw "kontrolliert" wird, um
so an Benzin für die Streifenfahrten zu kommen.
Karriere nur gegen Bares
Positionen und Funktionen innerhalb der Polizei müssen
ebenso wie bestimmte Tätigkeitsbereiche erkauft
werden: Der Preis liegt zwischen einigen hundert und
mehreren zehntausend Euro. Viele Polizeibeamte nehmen
ein Darlehen auf, um sich einen entsprechenden Posten
zu kaufen. Nach zwei, drei Jahren können sie es
(dank Korruption und Erpressung) zurückzahlen und
kommen sogar zu relativem Wohlstand.
Die Beobachtungen vor Ort haben auch gezeigt, dass bisherige
Hilfsmaßnahmen für die Polizei (z.B. aus
den USA oder England) unzureichend waren, weil sie die
lokale Polizeikultur und die tatsächlichen polizeilichen
Aufgaben vor Ort nicht berücksichtigten. Die Maßnahmen
beschränkten sich auf einmalige technische und
meist finanzielle Hilfen, wobei das Geld meist in grauen
Kanälen versickerte. Die Mittel wurden oft ohne
gründliche Analysen und ohne dauerhafte, nachhaltige
Unterstützung gegeben und sind häufig nicht
koordiniert. Im Land selbst spricht man von "Spenden",
die man gerne annimmt, die aber zu keiner eigenen Leistung
verpflichten.
Im Ergebnis versucht unser Bericht, der dem Auswärtigen
Amt in Berlin und der OSZE vorliegt, Strategien und
Techniken vorzuschlagen, wie die Verwendung der geplanten
Finanzmittel so kontrolliert werden kann, dass einerseits
die lokale Mentalität nicht verletzt wird, andererseits
aber gewährleistet ist, dass die Mittel auch tatsächlich
für die angestrebten Ziele eingesetzt werden. Man
versucht dies z.B. durch den Einsatz von externen Beratern
zu erreichen, die im Tandem mit lokalen Repräsentanten
die Projektleitung vor Ort haben, oder durch die Einrichtung
von entsprechenden Partnerschaften. Zudem wurden nur
Projekte vorgeschlagen, die den Kriterien der Nachhaltigkeit
unter Verwendung lokaler Ressourcen entsprechen, und
wo immer dies möglich erscheint auf bereits vorhandenem
Know-how und vorhandener Infrastruktur aufbauen. Als
erster kleinen Schritt soll demnächst und unabhängig
von dem von der OSZE geplanten Projekt eine von mir
organisierte Lieferung von Lehrbüchern für
den Deutsch-Unterricht an die Polizei-Akademie in Bishkek
gehen. Im Mai fahre ich übrigens ein zweites Mal
im Auftrag der OSZE nach Kirgisien - zur Einrichtung
und Evaluation einer "Balanced Scorecard"
als Grundlage für den effektiven Unterricht an
der Polizeihochschule.
Prof.
Dr. Thomas Feltes (Tel. 0234/32-28245)
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