Zeitschriftenversorgung
an der RUB
Die Zeichen
stehen auf Rot
Der wissenschaftliche Schriftenmarkt wird von Publikationen
wie Science oder Nature überstrahlt. Während
diese Magazine komplette Wissenschaftsdisziplinen abdecken,
existieren daneben Tausende von höchst spezialisierten
Fachzeitschriften. Dieser Teilmarkt wird von einem halben
Dutzend Großverlagen dominiert. Deren rigide Preis-
und Vertriebspolitik sorgt u. a. dafür, dass das
Angebot an elektronischen Zeitschriften der UB der RUB
innerhalb von zwei Jahren um etwa 80 Prozent sank.
Auf den ersten Blick scheint alles bestens zu sein. Wer
sich über die Homepage der Universitätsbibliothek
(UB) zur Elektronischen Zeitschriftenbibliothek klickt,
findet dort ein großes Angebot vor: Etwa 14.000
Fachzeitschriften warten darauf, online gelesen zu werden.
Theoretisch, denn der Zugang ist nicht immer frei. Durch
ampelähnliche Symbole neben dem Titel wird angezeigt,
ob der Volltext einer Zeitschrift frei zugänglich
ist (grün), ob die Zeitschrift an der RUB lizenziert
und für ihre Benutzer im Volltext zugänglich
ist (orange/gelb) oder ob die Zeitschrift nicht abonniert
und daher nicht im Volltext nutzbar ist (rot). "Leider
werden die roten Punkte immer zahlreicher und die gelben
immer weniger", erläutert die Direktorin der
UB Dr. Erdmute Lapp.
Verlorenes Paradies
Dabei war die Welt der elektronischen Zeitschriften
noch vor wenigen Jahren vollkommen in Ordnung, die Zustände
waren nahezu paradiesisch: Die NRW-Hochschulbibliotheken
schlossen in Konsortien günstige Verträge
mit den Großanbietern gedruckter und elektronischer
Fachzeitschriften wie Elsevier (Niederlande), Wiley
(USA) oder Springer. Diese sog. Big Deals brachten z.
B. allein über Elsevier mehr als 1.400 elektronische
Fachzeitschriften ins Netz der RUB ("Von ihnen
wurde an der RUB allerdings nur etwa ein Drittel wirklich
genutzt", schränkt der UB-Dezernent für
Erwerbung und Formalkatalogisierung Dr. Wolfgang Wintermeier
ein). Hinzu kamen die Titel weiterer großer und
kleiner Anbieter. Im Jahre 2000 konnten die Nutzerinnen
und Nutzer des Online-Angebots der UB der RUB in zirka
5.000 Titeln blättern. Vor allem aber unterstützte
das NRW-Wissenschaftsministerium die Konsortialverträge
mit satten 50 Prozent.
Doch die schöne Zeit endete bereits ein Jahr später.
"Auf einmal wollte Elsevier für das gleiche
Angebot den doppelten Preis haben", erinnert sich
Christa F. Wittig, die in der UB die Abteilung Buchzugang
leitet. Verhandlungen waren zwecklos, der niederländische
Konzern ließ nicht mit sich reden; seine marktbeherrschende
Position erlaubte ihm, auf mehrere Kunden zu verzichten.
Verschärfend kam hinzu, dass das Ministerium die
Förderung der Konsortialverträge komplett
einstellte. "Nicht zuletzt deshalb mussten wir
den Vertrag mit Elsevier 2001 auslaufen lassen",
erklärt Christa Wittig. "Jetzt bieten wir
online nur noch die 136 Zeitschriften an, die wir auch
in gedruckter Version abonnieren."
Marktmechanismen
In den folgenden Jahren erhöhten auch die anderen
Großanbieter ihre Preis - mit dem gleichen Effekt:
Weitere Verträge liefen oder laufen aus. Online
wird häufig nur noch angeboten, was auch gedruckt
abonniert wird. In Zahlen ausgedrückt: Von den
5.000 elektronischen Fachzeitschriften gingen innerhalb
von zwei Jahren über 4.000 verloren. Den meisten
anderen NRW-Hochschulbibliotheken erging es ähnlich.
Von zum Teil drastischen Preiserhöhungen betroffen
sind jedoch auch die gedruckten Fachzeitschriften. "Im
Durchschnitt erhöhen sich die Kosten für Zeitschriften
jährlich um etwa 15 Prozent", konkretisiert
Dr. Wintermeier. "Da wir aber pro Jahr immer nur
in etwa den gleichen Zeitschriftenetat, etwa 500.000
Euro, zur Verfügung haben, können wir immer
weniger Zeitschriften abonnieren." Standen 1998
noch 4.300 Titel in den Regalen der UB, sind es heute
nur noch knapp 2.900. "Zum Teil haben wir wegen
der großen Lücken bereits ganze Regale abgebaut",
sagt Erdmute Lapp.
Enormer Wissensverlust
Noch schlimmer als der Abbau der Regale freilich ist
der enorme Verlust an aktuellem Wissen. Von ihm sind
zum einen die Forscherinnen und Forscher an der RUB
betroffen: "Insbesondere in technischen und naturwissenschaftlichen
Spezialgebieten kommen sie ganz einfach nicht mehr an
die nötigen Informationen heran. Darüber beklagen
sie sich vollkommen zurecht", räumt Dr. Lapp
ein. "Uns sind allerdings die Hände gebunden.
Den anderen Hochschulbibliotheken in NRW geht es nicht
besser, abgesehen von Bielefeld."
Dr. Wintermeier erinnert darüber hinaus daran,
dass eine allgemein schlechte Bestückung der Universitätsbibliothek
nicht nur die Forschung hemmt, sondern die gesamte Uni
im Wettbewerb um neue Studierende zurückwirft.
"Schon jetzt informieren sich angehende Studierende
eingehend über den Bestand einer Hochschulbibliothek.
Ich schätze, dass dieser Faktor zukünftig
noch wichtiger sein wird."
Angesichts der bekannten Finanzmisere in Bund und Land
halten sich die Verantwortlichen der UB mit konkreten
Forderungen nach mehr Geld für mehr Zeitschriften
und Bücher zurück. Stattdessen appellieren
sie an alle Wissenschaftler, sich zu überlegen,
weiterhin bei Großanbietern wie Elsevier oder
Springer zu publizieren. Schließlich reduziert
sich die Zahl der Leserinnen und Leser ständig.
Dr. Lapp nennt auch gleich eine mögliche Alternative:
"Die Initiative Sparc aus den USA bietet eine kostengünstige
Plattform für wissenschaftlich fundierte Alternativpublikationen
in allen Disziplinen. Neuerdings unterhält Sparc
auch ein Büro in London."
Wer mehr über die Initiative erfahren will, die
sich explizit als Antwort auf den von Preiserhöhungen
geprägten wissenschaftlichen Fachzeitschriftenmarkt
versteht, der klicke http://www.arl.org/sparc
an.
Elektronische Zeitschriften an der RUB
Die Elektronische Zeitschriftenbibliothek
(EZB) ist ein Service zur effektiven Nutzung wissenschaftlicher
Volltextzeitschriften im Internet. Sie wurde in einem
DFG-Projekt von der Universitätsbibliothek Regensburg
zusammen mit der Bibliothek der TU München entwickelt
und wird in etwa 200 Bibliotheken bzw. Forschungseinrichtungen
angeboten.
Die Titel werden kooperativ gesammelt und die Daten
gemeinsam in einer zentralen Datenbank gepflegt. Für
jede teilnehmende Einrichtung wird ein auf ihre lokalen
Bedürfnisse zugeschnittenes Angebot an elektronischen
Zeitschriften erzeugt. Jede beteiligte Institution kann
ihre lizenzierten Zeitschriften eigenständig verwalten
und eigene Benutzerhinweise integrieren. Abonnierte
Volltextzeitschriften können zusammen mit frei
zugänglichen E-Journals in einer einheitlichen
Oberfläche angeboten werden.
Die weit über 10.000 Zeitschriften sind alphabetisch
und nach Fachgebieten sortiert (dort wiederum ebenfalls
in alphabetischer Reihenfolge). Über 4.000 Titel
werden allein unterm Stichwort "Medizin" aufgeführt,
auch die Biologen erhalten etwa 1.800 Treffer. Zeitschriften
wie Lancet, Science oder Nature sind in allen Farben
und Modellen erhältlich. Ansonsten gibt alles erdenklich
Spezielle zu entdecken: ob den Bahrain Country Monitor,
das Hamburgische Gesetz- und Verordnungsblatt oder die
Pädagogische Zeitschrift für Deutschlands
Lehrer an Progymnasien, höheren Bürger- und
Stadtschulen; allein über 2.000 Magazine tragen
z. B. den Begriff "Journal" im Titel.
Durch die Vertragsauflösungen mit den Großverlagen
reduzierte sich das Angebot in der UB der RUB auf unter
1.000 elektronisch verfügbare Titel; die meisten
davon abonniert die UB auch in gedruckter Form. Hinzu
kommen etwa 2.900 Zeitschriften, welche die UB ausschließlich
gedruckt bereit hält. Weitere knapp 5.400 Zeitschriften
liegen in den dezentralen Bibliotheken aus. Etwa zwei
Drittel dieser insgesamt knapp 8.300 Zeitschriften kauft
die RUB, das restliche Drittel erhält sie durch
Tausch oder Schenkungen.
ad
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