Klare Vorstellungen
Die neue
Prorektorin im Gespräch
Am 19. Dezember 2002 wurde Prof. Dr. Notburga Ott (Fakultät
für Sozialwissenschaft) vom Senat der RUB zur Prorektorin
für Lehre, Weiterbildung und Medien gewählt.
Sie sprach mit Arne Dessaul über Ziele, Visionen
und Entspannung nach der Arbeit.
RUBENS: Frau Professor Ott, zunächst einmal herzlichen
Glückwunsch zur Wahl! Mit welcher Motivation treten
Sie Ihr Amt als Prorektorin an?
Prof. Ott: Ich sehe viele Chancen in den Modellen zu den
gestuften Studiengängen bzw. zur Lehramtsausbildung.
Hier haben wir ja in den vergangenen Jahren schon eine
Menge erreicht; dies gilt es nun dauerhaft und verlässlich
abzusichern. Die Ruhr-Universität hat hier eine einzigartige
Chance, die wir unbedingt nutzen sollten. Ich will nicht
verschweigen, dass sich meine Motivation auch auf persönliche
Erfahrungen stützt: Meine Tochter hat einen Bachelor-Studiengang
absolviert.
RUBENS: In Bochum?
Prof. Ott: Nein, sie hat in Magdeburg studiert. Sie war
in einem der ersten Jahrgänge dort. Durch sie habe
ich die Sichtweise der Studierenden aus nächster
Nähe kennen gelernt und ich habe erfahren, welche
Fehler Lehrende machen können. Viele sehen das ganze
als durchgehenden Studiengang: Wer einen Bachelor-Abschluss
hat, macht gleich danach den Master, so ähnlich wie
auf das Vordiplom automatisch das Diplom folgt. Viele
Studierende sehen es anders. Sie wollen nach dem Bachelor
erst einmal ins Berufsleben einsteigen, um dort zu entscheiden,
welcher Master sich zur Profilierung eignet. Den Master
machen sie nicht automatisch an derselben Uni wie den
Bachelor, sondern an der Uni mit der besten Auswahl. Für
die RUB geht es also darum, neben dem interessanten Bachelor-Angebot
auch möglichst viele interessante Master-Studiengänge
zu etablieren, um qualifizierte und motivierte Studierende
zu bekommen. Zum Angebot sollten dabei auch berufsbegleitende
Studiengänge gehören wie z.B. der Master of
Organizational Management am Institut für Arbeitswissenschaften
der RUB.
RUBENS: Und was ist mit der Lehramtsausbildung?
Prof. Ott: Hier haben wir eine echte Chance. Ich fand
es stets traurig, dass die Lehramtsstudierenden häufig
wie das fünfte Rad am Wagen behandelt wurden und
in ihrer eigenen Zielsetzung nicht ernst genommen wurden.
Weiterhin werde ich auch meine Erfahrungen aus der Familienpolitik
einbringen, speziell den Kontext Familie - Erziehung
- Bildung. Ich möchte, dass die Lehramtsstudierenden
die RUB mit Kompetenzen verlassen, die diesen Zusammenhang
berücksichtigen und nicht nur mit fachwissenschaftlichem
Wissen. Hier bietet das Y-Modell der Lehramtsausbildung
eine große Chance. Nach der Orientierung in der
Bachelor-Phase können die Studierenden in der Master-Phase
einen besonderen Schwerpunkt auf den Erwerb didaktischer
und pädagogischer Fähigkeiten legen. Anschließend
gehen sie mit einem ganz anderen Selbstverständnis
in die Schule. Gerade nach den Ergebnissen der PISA-Studie
wurde der Ruf nach neuen Konzepten der Lehrerausbildung
laut - wir haben bereits damit begonnen.
RUBENS: Ihre offizielle Bezeichnung lautet Prorektorin
für Lehre, Weiterbildung und Medien. Ihr Vorgänger
Prof. Fischer war Prorektor für Lehre, Studium
und Studienreform. Können Sie uns den Unterschied
erklären?
Prof. Ott: Ich halte diese Ergänzung in der Verfassung
der Ruhr-Universität für sehr sinnvoll. Der
Begriff "Lehre" deckt ja ohnehin "Studium"
und "Studienreform" mit ab. Angesichts der
Anforderungen am Arbeitsmarkt haben Weiterbildung bzw.
Lebenslanges Lernen enorm an Bedeutung gewonnen. Und
die neuen Medien gehören längst zur Lebenswirklichkeit
der Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Sowohl beim Einsatz und der Verwendung neuer Medien
wie auch auf den verschiedenen Feldern der Weiterbildung
tut sich an der Ruhr-Uni enorm viel. Dies gilt es zu
bündeln und zu koordinieren, damit auch in diesen
Bereichen die RUB ein klares Profil bekommt.
RUBENS: Rektor Wagner hatte in der RUBENS angekündigt,
Büros für die Prorektor/innen im Verwaltungsgebäude
zu organisieren. Wie weit sind diese Planungen?
Prof. Ott: Sehr weit. Seit Mitte Januar bin ich auch
in meinem Büro in der Verwaltung zu erreichen:
3. Etage, Raum 375.
RUBENS: Ein erstes großes Projekt in der Lehre
ist die Marketing-Veranstaltung "Stufen bilden"
am 13. und 14. Februar an der RUB. Worum geht es da?
Prof. Ott: Da die Ruhr-Uni bei gestuften Studiengänge
deutschlandweit vorn liegt, möchte sie nun ihre
Erfahrungen an andere Hochschulen weitergeben und gleichzeitig
Zwischenbilanz ziehen nach zehn Jahren. Wir berichten
also über die flächendeckende Einführung
von Bachelor- und Master-Studiengängen in den Geistes-,
Sozial- und Naturwissenschaften sowie die konsekutive
Lehrerausbildung, wir stellen unser Konzept des Optionalbereichs
und unsere Überlegungen für ein umfassendes
und an den neuen Erfordernissen orientiertes Beratungssystem
vor. Wir werden ausführlich mit den auswärtigen
Gästen diskutieren und hoffen auf kritische Fragen,
die uns weiter voranbringen.
RUBENS: Welche weiteren Projekte stehen an?
Prof. Ott: Vorrangig geht es ums Beenden der großen
Baustellen "Gestufte Studiengänge" und
"Lehramtsausbildung". Noch im Januar soll
die Prüfungsordnung für den Master of Education
verabschiedet werden. Auch die gut funktionierende Kooperation
im Schnittstellenbereich Schule - Hochschule, ich denke
hier zum Beispiel an die sehr erfolgreiche Schüler-Uni,
wird weiterentwickelt.
RUBENS: Gibt es darüber hinaus Ziele für
Ihre Amtszeit?
Prof. Ott: Ich habe die eine oder andere Idee. Zum Beispiel
könnten wir unsere Erfahrungen mit dem neuen Modell
der Lehramtsausbildung für die Forschung nutzen.
Diese Bildungsforschung könnte z.B. in ein Graduiertenkolleg
zur Fachdidaktik münden, vielleicht zusammen mit
einer ausländischen Universität.
RUBENS: Wie viel Zeit wird Ihnen voraussichtlich
für Forschung und Lehre bleiben?
Prof. Ott: Deutlich weniger als vorher. Offiziell muss
ich nur noch zwei Stunden lehren. Ich werde aber wohl
mehr unterrichten. Zum einen braucht meine Fakultät
die Lehrkapazität, vor allem aber brauche ich den
regelmäßigen direkten Kontakt zu den Studierenden.
Man sollte sich im Rektorat nicht zu weit davon entfernen,
gerade wenn man für Lehre verantwortlich ist. Bei
der eigenen Forschung sieht es etwas schwieriger aus.
Natürlich werde ich meine Doktorandinnen und Doktoranden
intensiv betreuen. Dann habe ich mit zwei Kolleg/innen
aus Bielefeld gerade ein interdisziplinäres Forschungsprojekt
zu "Public Health Genetics" am ZIF genehmigt
bekommen. Ich werde auch im Wissenschaftlichen Beirat
für Familienfragen des Bundesministeriums für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend bleiben. Vorrang
haben jedoch die Aufgaben als Prorektorin.
RUBENS: Wie entspannen Sie sich nach der Arbeit?
Prof. Ott: Zum einen durch Fahrradfahren, vor allem
nach einem sehr stressigen Tag, tut das gut. Zum anderen
durch Gitarre spielen.
RUBENS: Eine bestimmte Musikrichtung?
Prof. Ott: Nein, eigentlich querbeet, je nach Stimmung.
RUBENS: Wissen Sie schon, was Sie heute Abend spielen
werden?
Prof. Ott: Nein, noch nicht.
RUBENS: Vielen Dank für das Gespräch. Wir
wünschen Ihnen für Ihre Amtszeit viel Erfolg!
Vita
Notburga Ott wurde am 23. März 1954 in Amberg geboren.
Sie ist verheiratet und hat eine 25-jährige Tochter.
Nach dem Abitur studierte sie Pädagogik, Mathematik
und Volkswirtschaftslehre in Regensburg und Bielefeld.
Sie beendete ihr Studium 1984 mit dem Diplom in VWL.
Bis 1995 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin
beim SFB "Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik"
im Projekt "Mikrosimulation" und als wissenschaftliche
Assistentin am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
der Uni Frankfurt am Main tätig. 1989 wurde sie
mit einer spieltheoretischen Arbeit zur "innerfamilialen
Arbeitsteilung" promoviert, 1996 habilitierte sie
sich mit einer Arbeit über die Anwendbarkeit von
Fuzzy-Mathematik in der Entscheidungstheorie. Nach Lehrstuhlvertretungen
an der Humboldt-Uni Berlin (Finanzwissenschaft) und
der Uni Bremen (Sozialpolitik) übernahm sie 1997
den Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik in Bielefeld.
1998 wurde sie an die RUB auf den Lehrstuhl für
"Sozialpolitik und öffentliche Wirtschaft"
berufen. Otts aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind Haushaltsökonomik,
Familienpolitik und Gesundheitswesen. In der Politikberatung
hat sie sich mit Projekten im Auftrag von Bundes- und
Landesministerien und auf kommunaler Ebene (z. B. Sozialbericht
der Stadt Bielefeld) engagiert. Zuletzt war Prof. Ott
Dekanin der Fakultät für Sozialwissenschaft.
jw
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