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RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
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| RUBENS 77 |
1.
Februar 2003 |
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Vernebelte Blutkörperchen
Serie:
Medizinhistorische Sammlung
Erinnern sie sich noch an ihren letzten nächtlichen
Spaziergang im Nebel? Vielleicht haben sie sich über
das schlechte Wetter geärgert. Die Lichthöfe
aber, die um die Straßenlaternen herum zu sehen
waren, haben sie wahrscheinlich nicht beachtet. Kein Wunder
- zu alltäglich und banal scheint dieses Phänomen.
Alltäglich war es offensichtlich schon in den 1930er
Jahren. Jedenfalls benutzte es der damals in Hamburg
arbeitende Internist Hans Erhard Bock, um seinen Kollegen
ein neues Messverfahren zu erläutern, mit dem die
Größe der roten Blutkörperchen (Erythrozyten)
schnell und bequem bestimmt werden konnte. Ein Blutausstrich
auf einer Glasplatte wirkt nämlich ähnlich wie
der Nebel: Hält man ihn direkt vor das Auge und blickt
auf eine Lichtquelle, so sieht man ebenfalls einen "Halo"
um das Licht herum. Der Blutausstrich wirkt hier als Beugungsgitter:
Große Zellen erzeugen kleine Beugungsringe, kleine
Zellen große. Dieses schon länger bekannte
Phänomen hatte der südafrikanische Arzt Adrianus
Pijper 1918 wieder aufgegriffen, nachdem verschiedene
Forscher auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht hatten,
Blutkrankheiten anhand der Größe der roten
Blutzellen zu unterscheiden, besonders die "perniziöse"
Anämie (von lat. pernicies: "Verderben, Untergang").
Während man im englischsprachigen Raum auf dieser
Grundlage bereits wenige Jahre später mehrere Apparate
konstruiert hatte und in der Praxis einsetzte, war das
Verfahren im Deutschen Reich noch weitgehend unbekannt.
Hier wurde der wichtige diagnostische Parameter des durchschnittlichen
Erythrozyten-Durchmessers gewöhnlich durch Messungen
an mindestens 100, besser 400 Zellen bestimmt, wozu kostspielige
Apparate und gut eine Stunde Zeit nötig waren. Doch
Zeit ist Geld. Dies galt damals auch in Ärztekreisen.
Das Gefühl einer "Krise der Medizin" hatte
Hochkonjunktur. Die wirtschaftliche Seite dieser Krise
rankte sich um die "Abhängigkeit" von den
Krankenkassen, viele Ärzte sahen sich zur Akkordarbeit
gezwungen. Nachdem ein Kollege von Bock, Walter Griesbach,
einen der neuen Messapparate, ein "Halometer nach
Eve", aus Indien mit nach Hamburg gebracht hatte,
experimentierten die Hamburger daher nicht nur mit der
neuen Methode. Bock konstruierte schließlich
auch ein billigeres und einfacheres Gerät: das "Erythrozytometer
nach Bock", von dem die Medizinhistorische Sammlung
der RUB ein Exemplar besitzt (Inv.-Nr.: Klin.Chem.74).
Eine Messung war nun in "allerhöchstens 2 Minuten"
möglich.
Bei ihren wissenschaftlichen Versuchen bestätigten
Bock und Griesbach die Grundprinzipien der "Halometrie"
des Blutes: 1. Je größer die roten Blutzellen,
desto kleiner die Beugungsringe; 2. Je "unschärfer"
die Beugungsringe, desto unregelmäßiger die
Erythrozyten; 3. Je "verwaschener" die Beugungsbilder,
desto höher der Anteil der weißen Blutzellen.
Der etwa 40 cm hohe Apparat selbst besteht in seinem unteren,
schwarzen Teil aus einem Lichtkasten, in dem sich eine
Glühbirne befindet. Der helle Teil oben besteht aus
zwei ineinander gesteckten Röhren. Der innere, kürzere
Tubus ist unten mit einer Platte verschlossen, die zwei
Öffnungen besitzt. Er kann über einen Knopf
verschoben werden, der durch eine Lücke im äußeren
Rohr ragt. Der äußere Tubus endet oben in einem
Objekttisch, auf den man den ungefärbten Blutausstrich
legt. Schaut man nun von oben durch den Blutausstrich
in den Apparat hinein, so sieht man zwei regenbogenfarbige
Lichthöfe um die beiden Öffnungen. Das innere
Rohr wird dann so lange verschoben, bis sich die roten
Anteile der beiden Lichthöfe eben berühren.
Über eine empirisch geeichte Messskala auf der äußeren
Röhre kann dann direkt der mittlere Durchmesser der
Erythrozyten abgelesen werden. Trotz gewisser Ungenauigkeiten
avancierte die neue Konstruktion zu einem beliebten Gerät,
das mehrere Jahrzehnte in Gebrauch blieb. Der Apparat
nach Bock wurde von einem Hamburger Hersteller für
30 Reichsmark (1933) vertrieben.
Stefan Schulz
ad
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