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RUBENS 77 1. Februar 2003

Theorie der "Schweine-Einheit"

Trainingswissenschaft und Sportpraxis

Das aktuelle Hauptseminar von Prof. Alexander Ferrauti (Trainingswissenschaft) widmet sich den "Trainingswissenschaftlichen Aspekten in den Sportspielen". Es beleuchtet klassische Sportspiele wie Basketball, Fußball und Tennis aus zahlreichen Blickwinkeln. Metabolische, konditionelle und koordinative Beanspruchungsprofile werden auf Basis harter empirischer Daten vermittelt und deren Konsequenzen für die Trainingssteuerung diskutiert. Die Messung der Sportspielleistung mittels computergestützter Systeme der Spielanalyse sowie über komplexe sportspielspezifische Tests werden sowohl für den Leistungssport als auch für den Bereich der Talentdiagnostik thematisiert. Weitere Schwerpunkte der Seminarveranstaltung sind die sportspielspezifischen Aspekte der Ernährung (z. B. in der Halbzeitpause) und der Nahrungsergänzung (z. B. Kreatinsupplementierung). Schließlich hört man immer wieder, dass komplette Vereinsmannschaften vielfach unreflektiert und ohne garantierte Aussicht auf Erfolg zur Einnahme von Kreatinpräparaten quasi "zwangsverpflichtet" werden.
Über die theoretische Durchdringung von wissenschaftlichen Modellen zur Trainingssteuerung hinaus soll diese Lehrveranstaltung durch den direkten Kontakt zur Sportpraxis auf höchstem Leistungsniveau auch zur kritischen Reflexion über die Realität im Sportspieltraining anregen. So folgte der Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Bochum, Peter Neururer, der Einladung des Lehrstuhls und hielt am 20.11.2002 vor annähernd 400 Studierenden einen Gastvortrag an der RUB. Nach dem Motto "Die beste Theorie bringt nichts, wenn sie in der Praxis versagt" ging der "berühmteste Trainer Bochums", wie er von Ferrauti angekündigt wurde, auf einen Katalog trainingswissenschaftlich interessanter Fragen ein. Der Fragenkatalog - eingebunden in eine anschauliche Präsentation - entstand gemeinsam mit den Studierenden des Hauptseminars.
"Als Großmaul bekannt", wie er selbst zugab, bewies Neururer in seinem Vortrag, dass zweifelsohne fundiertes Fachwissen hinter dem losen Mundwerk steckt. So gab er Auskunft über Trainingsalltag, Taktik, Ernährung, Spielerführung, Medienwelt und Psyche im Profifußball, wobei letzteres ihm besonders wichtig schien. Über den Umgang mit seinen Spielern erfuhren die Studierenden, dass Neururer sehr bemüht ist, diese als mündige Sportler zu respektieren und die üblichen Verhaltensmaßregelungen vergleichsweise locker dosiert. Andererseits wartet eine Geldstrafe von 500 Euro auf denjenigen, der sich beim Verzehr von Limonaden erwischen lässt. "Wenn man dann allerdings so ein Glas Cola hat, kann man den Zuckergehalt durch das Hinzufügen von Jim Beam durchaus entschärfen," flachste Neururer. Als "harter Hund" zeigt er sich seinen Spielern gegenüber nur selten, dann aber gewaltig. Bislang hatte noch jeder, der unter seiner Regie trainierte, Angst vor seiner berühmt-berüchtigten "Schweine-Einheit". So nennt Neururer ein immens anspruchsvolles Konditionstraining in der Vorbereitungsphase einer Saison.
Ein weiterer Höhepunkt des Hauptseminar wird eine systematische Trainingsbeobachtung beim VfL sein, in deren Anschluss sich Trainer Neururer den kritischen Fragen der Studierenden stellen wird. Ferrauti hofft, dass mit dieser Art der Lehrveranstaltung durch den hautnahen Kontakt zum Berufsfeld Sport eine konkretere und motivierendere Plattform für die Vermittlung theoretischer Lehrinhalte geschaffen wird. So sollen auch zukünftig im Rahmen einer Vortragsreihe unter dem Motto "Antworten aus der Trainingspraxis" erfahrene Athleten und Trainer in die Diskussion mit Studierenden der Sportwissenschaft treten.
Marc Mühlenbrock ad
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Letzte Änderung: 01.02.2003| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik