Dünn in
Japan, dick in Deutschland
Geplant:
Internationale Studie zu Fitness und Gesundheit von
Schülern
Die Ausgangsthesen sind niederschmetternd: Unsere Schülerinnen
und Schüler sitzen am liebsten, um SMS zu schreiben,
die neuesten Spiele auf DVD auszuprobieren oder Fast Food
in sich hineinzustopfen. Deshalb sind sie körperlich
nicht fit, leiden unter Bluthochdruck und/oder Arterienverkalkung
und sind so Mitverursacher der hohen Kosten im Gesundheitswesen.
Weil sie nicht fit sind, sind sie außerdem nicht
sonderlich aufnahmefähig und leisten zu wenig in
der Schule.
Ob diese und andere Vermutungen stimmen - und vor allem:
wie die Situation zu verbessern ist, soll demnächst
ein großangelegtes Forschungsprojekt herausfinden.
Federführend beteiligt an Pro-Fit (Projekt Fitness)
ist der Arbeitsbereich Trainingswissenschaft der Fakultät
für Sportwissenschaft der RUB. Die Bochumer arbeiten
zusammen mit Wissenschaftlern aus Berlin, Großbritannien,
Italien, Portugal, Japan und Südkorea. Anfang Dezember
trafen sich die Beteiligten aus Bochum und Großbritannien
an der RUB zur Feinabstimmung. Neben dem Untersuchungsdesign
ging es auch um die Projektförderung. Pro-Fit hofft
auf ausreichende Unterstützung seitens der EU, denn
den EU-Staaten sollen die Ergebnisse letztlich zugute
kommen.
Initiator des Projekts ist Peter Richard Wright, der als
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bochumer Arbeitsbereich
Trainingswissenschaft tätig ist. Als er Ende der
1990-Jahre in einer Vorlesung von Prof. Günter Tidow
(damals RUB, heute Humboldt Universität Berlin) vor
der mangelnden Fitness deutscher und englischer Schüler
erfuhr, erinnerte er sich an seinen Japan-Aufenthalt.
Dort wird diesem Problem wird mit einem ganz eigenen Konzept
begegnet. Ihre ganze Schulzeit über müssen sich
japanische Schüler regelmäßigen Fitnesstests
unterziehen, die in die Note fürs Fach Sport einfließen.
Weiterhin gibt es an japanischen Schulen das Unterrichtsfach
Gesundheit und Hygiene, quasi verpflichtende Sportclubs
für Freizeit und Ferien, regelmäßige zahnärztliche
Untersuchungen, eine Krankenschwester im Schuldienst sowie
eine schuleigene Krankenstation. "Das japanische
Konzept ist zwar nicht perfekt. Man kann aber einiges
davon lernen und sollte es auf europäische Erfordernisse
umstellen", erklärt Wright.
Die Idee zum Projekt war geboren. Nun brauchte der gebürtige
Engländer noch Partner. Diese fand er zum einen in
Prof. Tidow und im neuen Leiter des Bochumer Arbeitsbereiches
Trainingswissenschaft, Prof. Alexander Ferrauti. Zum anderen
fand er sie - bei einem zweiten Besuch - in Japan und
letztlich in Großbritannien. An den Universitäten
von Exeter und Bangor forschen zahlreiche, weltweit anerkannte
Experten in Sachen Sport - Gesundheit - Psychologie. Schließlich
fanden sich noch Wissenschaftler in Italien, Portugal
und Südkorea, die sich am Projekt beteiligen.
Untersuchungsziel und Methode stehen mittlerweile in Grundzügen
fest (s. Kasten), auch der Ablauf: Zunächst werden
in Japan und Südkorea jeweils 12.000 Schüler
auf ihre Fitness und ihren Gesundheitszustand untersucht.
Anschließend werden mit den gleichen Methoden die
24.000 europäischen Schüler analysiert. So erhält
man zum einen eine Bestandsaufnahme, zum anderen jede
Menge Vergleiche: u.a. Asien mit Europa, Italien mit Deutschland,
10-Jährige mit 18-Jährigen usw. "Man hätte
auch erstmals eine aussagekräftige Datenbasis über
Fitness und Gesundheit von Schülern vorliegen. Alle
bisherigen Aussagen zum Thema basieren auf sehr kleinem,
oftmals nur zusammengestückeltem Zahlenmaterial",
so Wright.
Noch im selben Jahr unterziehen sich alle untersuchten
(europäischen) Schülerinnen und Schüler
einem - noch zu konzipierenden europäischen - Fitness-Test
(inklusive Vorbereitung darauf) - und werden anschließend
noch einmal untersucht.
Alle gehen davon aus, dass die Ergebnisse positiv sein
werden und die untersuchten Schüler fitter und gesünder
sind als vorher - und dass das Projekt schließlich
Bestandteil eines neuen Erziehungssystems sein könnte.
Dieses neue, ganzheitliche System soll in einer nachfolgenden
Studie entwickelt und erprobt werden. "Die Kosten,
die durch die verschiedenen Studien entstehen, erhält
man um ein Vielfaches zurück: durch größere
Leistung und höhere Motivation der Schüler -
und damit auch der Lehrer, und vor allem durch zurückgehende
Kosten im Gesundheitswesen", erläutert Peter
Wright.
Dass das Projekt nicht am Bedarf vorbei zielt, zeigt
sich bereits jetzt. So erreichten Peter Wright - weit
vor dem Start des Projekts - Anfragen von Bochumer Schulen,
die den Fitness-Test sowie die Unterrichtsfächer
Gesundheitsförderung bzw. Hygiene modellhaft testen
wollen.
Pro-Fit: Ziele und Methode
Ziele:
Internationaler Vergleich des Gesundheits- und Fitnesszustandes
von Schülern verschiedener Altersgruppen;
Entwicklung und Evaluation eines geeigneten diagnostischen
Verfahrens zur Bestimmung der Fitness, das Bestandteil
eines neuen Erziehungssystems sein könnte;
Entwicklung und Erprobung eines ganzheitlich integrativen
Systems (Nachfolge-Studie).
Methode:
Beteiligte Nationen: Deutschland, Großbritannien,
Italien, Portugal, Japan und Südkorea;
Probanden: pro Nation je 2.000 Schüler der Altersgruppen
8-10, 12-14, 16-18 (also insgesamt 36.000 Schülerinnen
und Schüler).
Von allen Schülern werden allgemeine medizinische
und psychologische Daten erheben, alle durchlaufen den
japanischen Fitnesstest (Ausdauer, Beweglichkeit, Reaktion,
Koordination, Kraft; z. B. 1.500-Meter-Lauf, Klimmzüge);
zehn Prozent unterziehen sich darüber hinaus komplexer
labordiagnostischer Untersuchungen.
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