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RUBENS 76 2. Januar 2003

Dünn in Japan, dick in Deutschland

Geplant: Internationale Studie zu Fitness und Gesundheit von Schülern


Die Ausgangsthesen sind niederschmetternd: Unsere Schülerinnen und Schüler sitzen am liebsten, um SMS zu schreiben, die neuesten Spiele auf DVD auszuprobieren oder Fast Food in sich hineinzustopfen. Deshalb sind sie körperlich nicht fit, leiden unter Bluthochdruck und/oder Arterienverkalkung und sind so Mitverursacher der hohen Kosten im Gesundheitswesen. Weil sie nicht fit sind, sind sie außerdem nicht sonderlich aufnahmefähig und leisten zu wenig in der Schule.
Ob diese und andere Vermutungen stimmen - und vor allem: wie die Situation zu verbessern ist, soll demnächst ein großangelegtes Forschungsprojekt herausfinden. Federführend beteiligt an Pro-Fit (Projekt Fitness) ist der Arbeitsbereich Trainingswissenschaft der Fakultät für Sportwissenschaft der RUB. Die Bochumer arbeiten zusammen mit Wissenschaftlern aus Berlin, Großbritannien, Italien, Portugal, Japan und Südkorea. Anfang Dezember trafen sich die Beteiligten aus Bochum und Großbritannien an der RUB zur Feinabstimmung. Neben dem Untersuchungsdesign ging es auch um die Projektförderung. Pro-Fit hofft auf ausreichende Unterstützung seitens der EU, denn den EU-Staaten sollen die Ergebnisse letztlich zugute kommen.
Initiator des Projekts ist Peter Richard Wright, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bochumer Arbeitsbereich Trainingswissenschaft tätig ist. Als er Ende der 1990-Jahre in einer Vorlesung von Prof. Günter Tidow (damals RUB, heute Humboldt Universität Berlin) vor der mangelnden Fitness deutscher und englischer Schüler erfuhr, erinnerte er sich an seinen Japan-Aufenthalt. Dort wird diesem Problem wird mit einem ganz eigenen Konzept begegnet. Ihre ganze Schulzeit über müssen sich japanische Schüler regelmäßigen Fitnesstests unterziehen, die in die Note fürs Fach Sport einfließen. Weiterhin gibt es an japanischen Schulen das Unterrichtsfach Gesundheit und Hygiene, quasi verpflichtende Sportclubs für Freizeit und Ferien, regelmäßige zahnärztliche Untersuchungen, eine Krankenschwester im Schuldienst sowie eine schuleigene Krankenstation. "Das japanische Konzept ist zwar nicht perfekt. Man kann aber einiges davon lernen und sollte es auf europäische Erfordernisse umstellen", erklärt Wright.
Die Idee zum Projekt war geboren. Nun brauchte der gebürtige Engländer noch Partner. Diese fand er zum einen in Prof. Tidow und im neuen Leiter des Bochumer Arbeitsbereiches Trainingswissenschaft, Prof. Alexander Ferrauti. Zum anderen fand er sie - bei einem zweiten Besuch - in Japan und letztlich in Großbritannien. An den Universitäten von Exeter und Bangor forschen zahlreiche, weltweit anerkannte Experten in Sachen Sport - Gesundheit - Psychologie. Schließlich fanden sich noch Wissenschaftler in Italien, Portugal und Südkorea, die sich am Projekt beteiligen.
Untersuchungsziel und Methode stehen mittlerweile in Grundzügen fest (s. Kasten), auch der Ablauf: Zunächst werden in Japan und Südkorea jeweils 12.000 Schüler auf ihre Fitness und ihren Gesundheitszustand untersucht. Anschließend werden mit den gleichen Methoden die 24.000 europäischen Schüler analysiert. So erhält man zum einen eine Bestandsaufnahme, zum anderen jede Menge Vergleiche: u.a. Asien mit Europa, Italien mit Deutschland, 10-Jährige mit 18-Jährigen usw. "Man hätte auch erstmals eine aussagekräftige Datenbasis über Fitness und Gesundheit von Schülern vorliegen. Alle bisherigen Aussagen zum Thema basieren auf sehr kleinem, oftmals nur zusammengestückeltem Zahlenmaterial", so Wright.
Noch im selben Jahr unterziehen sich alle untersuchten (europäischen) Schülerinnen und Schüler einem - noch zu konzipierenden europäischen - Fitness-Test (inklusive Vorbereitung darauf) - und werden anschließend noch einmal untersucht.
Alle gehen davon aus, dass die Ergebnisse positiv sein werden und die untersuchten Schüler fitter und gesünder sind als vorher - und dass das Projekt schließlich Bestandteil eines neuen Erziehungssystems sein könnte. Dieses neue, ganzheitliche System soll in einer nachfolgenden Studie entwickelt und erprobt werden. "Die Kosten, die durch die verschiedenen Studien entstehen, erhält man um ein Vielfaches zurück: durch größere Leistung und höhere Motivation der Schüler - und damit auch der Lehrer, und vor allem durch zurückgehende Kosten im Gesundheitswesen", erläutert Peter Wright.
Dass das Projekt nicht am Bedarf vorbei zielt, zeigt sich bereits jetzt. So erreichten Peter Wright - weit vor dem Start des Projekts - Anfragen von Bochumer Schulen, die den Fitness-Test sowie die Unterrichtsfächer Gesundheitsförderung bzw. Hygiene modellhaft testen wollen.

Pro-Fit: Ziele und Methode
Ziele:
Internationaler Vergleich des Gesundheits- und Fitnesszustandes von Schülern verschiedener Altersgruppen;
Entwicklung und Evaluation eines geeigneten diagnostischen Verfahrens zur Bestimmung der Fitness, das Bestandteil eines neuen Erziehungssystems sein könnte;
Entwicklung und Erprobung eines ganzheitlich integrativen Systems (Nachfolge-Studie).
Methode:
Beteiligte Nationen: Deutschland, Großbritannien, Italien, Portugal, Japan und Südkorea;
Probanden: pro Nation je 2.000 Schüler der Altersgruppen 8-10, 12-14, 16-18 (also insgesamt 36.000 Schülerinnen und Schüler).
Von allen Schülern werden allgemeine medizinische und psychologische Daten erheben, alle durchlaufen den japanischen Fitnesstest (Ausdauer, Beweglichkeit, Reaktion, Koordination, Kraft; z. B. 1.500-Meter-Lauf, Klimmzüge); zehn Prozent unterziehen sich darüber hinaus komplexer labordiagnostischer Untersuchungen.


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