|
|
|
 |
RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
|
|
| |
| |
|
 |
|
|
|
|
Sechs Monate
Afrika
Praktikum
an der Elfenbeinküste
Wie wichtig es ist, im Studium mal eine Weile außer
Landes zu sein, hat spätestens die Auslandsmesse
"Grenzenlos" gezeigt. Einer, der mit gutem Beispiel
vorangeht, ist Dr. Timo Weinacht, seit Oktober 2002 Mitarbeiter
am Lehrstuhl für Kriminologie (Prof. Dr. Thomas Feltes)
der RUB. Vorher verbrachte der Erziehungswissenschaftler
ein halbes Jahr in Afrika. Mit ihm sprach Meike Drießen.
RUBENS: Wieso hat es sie ausgerechnet an die Elfenbeinküste
gezogen?
Timo Weinacht: Ich hatte mich für meine Diplomarbeit
und auch für die Dissertation mit dem Thema selbstorganisierte
Jugendorganisationen befasst und wollte zusätzlich
eine internationale Qualifikation, gerne auch im Gewerkschaftsbereich.
Außerdem wollte ich ein Entwicklungsland unter diesem
Aspekt kennen lernen - intensiver als in einem 14-tägigen
Urlaub. Auf meine Online-Bewerbung um ein Praktikum antwortete
die Elfenbeinküste zuerst. Die Promotionsförderung
der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung machte
es dann möglich: Von Februar bis August 2002 absolvierte
ich ein Praktikum im westafrikanischen Büro von UNI
(Union Network International), einer internationalen Gewerkschaftsorganisation,
die für den Dienstleistungssektor zuständig
ist.
RUBENS: Was macht UNI genau und was war Ihre Aufgabe?
Timo Weinacht: UNI versteht sich als eine gewerkschaftliche
Antwort auf die voranschreitende Regionalisierung und
Globalisierung. Es gibt Sektorausschüsse für
Bereiche wie Handel, Finanzwesen, Telekom, Post, IT-Angestellte,
Wartungs- und Sicherheitsdienste, Medien und Unterhaltung
oder Tourismus. UNI gehören mehr als 900 Gewerkschaften
mit über 15 Mio. Mitgliedern weltweit an. Gesprächspartner
von UNI sind multinationale Arbeitgeber, NGO's, Regierungen,
Arbeitgeber-Gruppen und andere Gewerkschaftsorganisationen.
Dabei unterstützt UNI nationale Gewerkschaften in
Konflikten mit Arbeitgebern und Regierungen, indem sie
diese mit Gewerkschaften in Kontakt bringt, die Mitglieder
des gleichen Arbeitgebers in anderen Ländern vertreten.
In Entwicklungsländern organisiert UNI Schulungsprogramme
und hilft dortigen Gewerkschaften, demokratische Strukturen
aufzubauen und die Mitgliedermobilisierung zu verbessern.
Während ich dort war, gab es z. B. auch einen Kongress
mit dem Thema Aids, wovon in Afrika bekanntlich sehr viele
Menschen betroffen sind, was natürlich auch die Arbeitswelt
beeinflusst.
Meine Aufgabe war es u.a., die Mitgliederrekrutierung
durch eine Befragung von ivorischen Gewerkschaftsaktivisten
zu evaluieren, ein Kommunikationsnetzwerk junger afrikanischer
Gewerkschaftler aufzubauen und Kongresse und Seminare
mit vorzubereiten und durchzuführen.
RUBENS: Die politische Situation an der Elfenbeinküste
ist kompliziert: Wie haben Sie die Konflikte erlebt?
Timo Weinacht: Das Büro von UNI-Africa befindet sich
in Abidjan, dem etwa drei Mio. Einwohner zählenden
Regierungssitz der Côte d'Ivoire. Zur Zeit des Praktikums
war das Land noch in relativer Ruhe. Von der Militärrevolte,
die den Staat seit September in einen bürgerkriegsähnlichen
Zustand versetzt und die ökonomische Situation drastisch
verschlechtert, war bis dahin noch wenig zu spüren.
Allenfalls die Klagen von Angehörigen nördlich
angesiedelter Ethnien über fehlende politische Rechte
und ihre soziale Situation, eine massive Polizeipräsenz
und die beharrlichen Fernsehansprachen des sozialdemokratischen
Präsidenten Gbagbo, dass es keinen Staatsstreich
geben werde, deuteten bereits auf die aktuellen Entwicklungen
hin.
RUBENS: Was hat Sie am alltäglichen Leben am meisten
beeindruckt?
Timo Weinacht: Am erstaunlichsten fand ich die Offenheit
der Menschen und die Straßen, die leben. Das soziale
Leben findet tatsächlich auf der Straße statt,
und Kinder bestimmen das Bild wesentlich, was es bei uns
so nicht mehr gibt. Außerdem haben mich alle Sinneseindrücke
fasziniert: Die Gerüche, die Klänge, die Farben
der Stoffe. Beeindruckend im negativen Sinne ist die Lage
vieler Kinder: Für sie ist es sehr schwierig, sich
zu bilden, weswegen sie in Zwangslagen und Abhängigkeiten
stecken, z. B. als Hausbedienstete mit extrem geringer
oder gar keiner Entlohnung.
RUBENS: Ein Pädagoge am Lehrstuhl für Kriminologie
- das klingt ungewöhnlich. Was planen Sie dort in
nächster Zeit?
Timo Weinacht: Ich wünsche mir ein Forschungsprojekt
mit internationalem Bezug. Eine interessante Fragestellung
wäre etwa, wie in verschiedenen Gesellschaften kommunale
Kriminalprävention und Gemeinwesenarbeit miteinander
kooperieren, und wie dabei die Straße als sozialer
Raum genutzt wird, um marginalisierten Kindern und Jugendlichen
Alternativen zu kriminellen Karrieren zu ermöglichen.
md
|
|
|
|
|
| |
|
|