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RUBENS 75 1. Dezember 2002

Am Machbaren orientiert

Interview mit Prof. Gerhard Wagner


Am 7. November wurde Prof. Dr.-Ing. Gerhard Wagner im Senat - mit großer Mehrheit - zum neuen Rektor der Ruhr-Universität gewählt. Bei der Akademischen Jahresfeier am 27. November erfolgte die Amtsübergabe und am 1. Dezember der offizielle Amtsbeginn. Dazwischen nahm sich Prof. Wagner die Zeit zu einem ausführlichen Gespräch mit Arne Dessaul.

RUBENS: Herr Professor Wagner, herzlichen Glückwunsch zur gewonnenen Wahl. Im ersten Augenblick waren Sie sehr überrascht von der Höhe Ihres Wahlerfolges. Können Sie ihn sich mittlerweile erklären?
Prof. Wagner: Nein, ich bin nach wie vor überrascht, zumal meine beiden Kollegen in vielen Dingen ähnliche Ansichten äußerten wie ich. Andererseits bin ich sehr glücklich über den Vertrauensbeweis.

RUBENS: Obwohl Ihre Amtszeit noch gar nicht offiziell begonnen hat, sind Sie bereits ein gefragter Mann und erfüllen zahlreiche Interview- und weitere Wünsche. Ist Ihnen das lästig?
Prof. Wagner: Bisher ist es mir noch nicht lästig. Es zeigt ja auch das große öffentliche Interesse an unserer Universität. Ich habe auch festgestellt, dass die Medien sehr fair mit uns umgehen.

Vorlesung als erste "Amtshandlung"

RUBENS: Welches sind Ihre ersten offiziellen Termine im Dezember?
Prof. Wagner: Der 2. Dezember ist der erste Arbeitstag. Und mein erster Termin ist meine eigene Vorlesung, die ich natürlich halten werde. Im Laufe des Tages fahre ich sehr wahrscheinlich nach Düsseldorf zur neuen Ministerin, das wäre der erste offizielle Termin als Rektor. Am Tag darauf fahre ich nach Berlin zu einem Empfang beim Bundespräsidenten, anlässlich der Verleihung des deutschen Wissenschaftspreises.

RUBENS: Als Rektor legen Sie eine mindestens vierjährige Pause in Lehre und Forschung ein. Was hat Sie gereizt, Ihre vertrauten Arbeitsbereiche gegen ein Vollzeit-Engagement in der universitären Selbstverwaltung einzutauschen? Sind Sie als Prorektor auf den Geschmack gekommen?
Prof. Wagner: Sicher war die Zeit als Prorektor nicht unwichtig. Ich konnte im Rektorat eine Menge Dinge lernen, die man aus dem normalen Lehrstuhlgeschäft heraus nicht lernt, vor allem die speziellen Sichtweisen des Rektorates. Ich habe auch gesehen, welche Möglichkeiten der Einflussnahme und Gestaltung man dort hat.

RUBENS: Sie haben sich mit konkreten Vorstellungen um das Rektoramt beworben. Darauf basierend möchten wir Sie bitten, zu den vier zentralen Bereichen Forschung, Studium, Finanzen und Verwaltung Ihr jeweiliges Kernziel zu benennen. Zunächst bitte zur Forschung?
Prof. Wagner: Es ist nicht so einfach, nur ein Kernziel zu nennen. Dazu sind diese Bereiche allesamt zu komplex. Wir müssen eine Reihe von Dingen zum Abschluss bringen und festigen - und von dort aus gehe ich nach vorne. Aber wenn wir jetzt zunächst die Forschung ansprechen, da gilt es natürlich den augenblicklichen Stand zu halten, vor allem die hohe Zahl unserer Sonderforschungsbereiche. Wir müssen aber auch neue Forschungsfelder ausmachen, um weitere Forschungsförderung einzuwerben. Überhaupt geht es in allen Bereichen darum, ausreichend Mittel zu Verfügung zu haben. Das ist für mich eins der wichtigsten Ziele, das gibt der Uni nach innen den Freiraum, sich um Forschung und Lehre zu kümmern.

RUBENS: Studium und Lehre?
Prof. Wagner: Hier ist es etwas einfacher, Kernziele zu formulieren: unsere Bachelor-/Master-Aktivitäten und die Lehrerausbildung. Unser Modellversuch in der Lehrerausbildung muss so abgesichert werden, dass nach der Projektphase, wenn die endgültige Entscheidung ansteht, niemand mehr an uns vorbei kommt. Die Bachelorphase ist weitgehend geregelt. Aber es gibt noch einiges zu tun für die Masterphase. Das ist einer der wichtigsten Punkte in Forschung und Lehre, um den sich das Rektorat kümmern muss.

RUBENS: Struktur und Finanzen?
Prof. Wagner: Das ist natürlich der Aufgabenbereich, der sich durch alles durchzieht. Ich schätze, dass das nächste Jahr das schwierigste werden wird. Beispielsweise wird das Rektorat wesentlich weniger Schöpfungsmittel zur Verfügung haben. Das war bisher unser Freiraum, um Projekte anzustoßen, der uns nun größtenteils genommen wird. Bereits eingegangene Verpflichtungen des Rektorats gegenüber Fakultäten und Instituten werden natürlich erfüllt.

Büros für die Prorektoren

RUBENS: Rektorat und Verwaltung?
Prof. Wagner: Da habe ich klare Vorstellungen, speziell im Bereich der Kommunikation, im Umgang der Mitglieder des Rektorats miteinander. Ich möchte einiges anders machen als bisher. Zurzeit suche ich die Prorektorinnen und Prorektoren. Für mich ist es ganz wichtig, ein Team zu bekommen, das sich als solches versteht, das als Rektoratsteam häufig zusammenarbeitet. Dazu zählt auch die räumliche Nähe. Sie wissen selbst, dass die Prorektoren keine eigenen Büros in der Verwaltung haben. An anderen Unis haben sie welche. Es wird auch bei uns in Zukunft so sein, dass die Prorektoren ihren Arbeitsbereich in der Verwaltung haben. Zudem möchte ich den Prorektoren wesentlich mehr Verantwortung im Rektorat übertragen.

RUBENS: Haben Sie schon jemanden gefunden?
Prof. Wagner: Dafür nehme ich mir sehr viel Zeit und gehe davon aus, dass die Suche etwa Mitte Dezember beendet ist. Das wäre rechtzeitig für die Senatssitzung am 19. Dezember, wo die Prorektoren gewählt werden könnten.

RUBENS: Bis dahin arbeitet das alte Rektorat weiter?
Prof. Wagner: Ja, es scheidet zunächst nur Herr Petzina aus.

RUBENS: Und Sie sind für ein paar Wochen Rektor und Prorektor für Forschung?
Prof. Wagner: Ja, gewissermaßen. Das werde ich in dieser Zeit mit übernehmen.

RUBENS: Wie stehen Sie zu Studiengebühren, Studienkonten etc.?
Prof. Wagner: Ich lehne es ab, Gebühren zur Sanierung des Landeshaushalts oder anderer Haushalte von Studierenden einzuziehen. Über Studienkonten als mögliches Steuerungsinstrument kann man diskutieren. Im augenblicklichen Modell allerdings werden die verschiedenen Lebensumstände der Studierenden kaum berücksichtigt, insbesondere das Teilzeit-Studium.

RUBENS: Ein weiteres Problem bewegt zurzeit viele Studierende der RUB: die ungewöhnlich hohe Zahl an überfüllten Seminaren und Vorlesungen?
Prof. Wagner: Für viele kamen die Zahlen und die Verteilungen auf Fächer der letzten Einschreibung überraschend, zum Beispiel, dass die Germanistik einen Zuwachs von über 200 Prozent hat. Es ist jedoch schwierig, kurzfristig darauf zu reagieren. Erfreulich ist, dass viele Kolleginnen und Kollegen ihre Veranstaltungen doppelt anbieten - freiwillig. Das kann natürlich kein Dauerzustand sein. Eine Lösung könnte das E-Learning sein. Oder ein anderes, flexibles Management der Hörsaalvergabe. Man muss auch mit den Politikern reden, um zu verhindern, dass sich bei Aufhebung eines NC unbegrenzt Studierende für ein Fach einschreiben können. Damit ist keinem geholfen. Vor allem nicht den Studierenden, die auf Treppen oder sogar unter der Tafel sitzen müssen.

Pragmatisch und ungeduldig

RUBENS: Die Leserinnen und Lesern der RUBENS interessiert auch der Mensch Gerhard Wagner. Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?
Prof. Wagner: Eine schwierige Frage, deren Beantwortung man lieber anderen überlassen sollte. Zum einen bin ich durch meine Ausbildung als Ingenieur geprägt, das heißt, ich bin pragmatisch und am Machbaren orientiert. Andererseits bin ich in vielen Dingen ein sehr ungeduldiger Mensch. Ich mag es nicht, wenn Dinge sich über einen zu langen Zeitraum erstrecken und nicht erledigt werden.

RUBENS: Haben Sie Vorbilder?
Prof. Wagner: Im Beruf sicherlich meinen Doktorvater.

RUBENS: Und privat?
Prof. Wagner: Es wäre anderen gegenüber ungerecht, Namen zu nennen.

RUBENS: Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht Ingenieur geworden. Welcher andere Beruf hätte Sie gelockt?
Prof. Wagner: Bis zu meinem Abitur wollte ich Lehrer für Physik und Mathematik werden. Ich habe mich erst während meiner beiden Jahre bei der Bundeswehr fürs Ingenieurstudium entschieden. Dazu haben auch Freunde beigetragen, die Ingenieur geworden sind und mich mitgenommen haben.

RUBENS: Zwei Jahre beim Bund? Waren Sie Reserveoffizier?
Prof. Wagner: Ja, Leutnant. Heute allerdings würde ich den Dienst verweigern oder zum THW gehen. Damals hat man als junger Mensch noch die Notwendigkeit gesehen, zur Bundeswehr zu gehen. In meine aktive Zeit fiel zum Beispiel die russische Besetzung der Tschechoslowakei.

RUBENS: Es ist bekannt, dass Sie ein passionierter Tänzer sind. Welche anderen Hobbys haben Sie?
Prof. Wagner: Ich habe andere Hobbys, aber wenn man eines intensiv betreibt, bleibt nicht viel Zeit für die anderen. Als Rektor werde ich wohl noch weniger Zeit haben. Leider auch fürs Tanzen, wo meine Frau und ich in der zweithöchsten Amateurklasse in den Standardtänzen starten.

Cluberer und VfLer


RUBENS: Welches Buch lesen Sie gerade?
Prof. Wagner: Wenn ich im privat Bücher lese, dann gerne englischsprachige Romane, zurzeit von John Grisham "The Summons".

RUBENS: Im fußballverrückten Ruhrgebiet lautet eine der entscheidenden Fragen: Gelb oder Blau?
Prof. Wagner: Ich komme aus Franken, deshalb Rot und Schwarz für den 1. FC Nürnberg. Ich bin allerdings lange genug hier, um auch mit Blau zu sympathisieren, aber damit meine ich nicht Schalke, sondern Bochum.

RUBENS: Herr Professor Wagner, wir wünschen Ihnen für die nächsten vier Jahre viel Erfolg. Vielleicht werden es ja auch acht ...
Prof. Wagner: Erst mal die vier Jahre abwarten. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mir sehr herzlich zur Wahl gratuliert und wünschen mir ein glückliches Händchen. Das wünsche ich vor allem der Universität, dass das neue Rektorat eine gute Leitung sein wird und uns in den nächsten vier Jahren voranbringt.

Vita
Gerhard Wagner, am 31. Oktober 1946 in Bamberg geboren, ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach dem Abitur 1966 in Nürnberg studierte er von 1968 bis 1973 Maschinenbau an der TH Darmstadt, wo er 1980 promoviert wurde. Es folgten zehn Jahre lang verschiedene Aufgaben und Positionen in der Industrie: 1979 bis 1983 Leiter des Kranbaus bei Donges Stahlbau GmbH, Darmstadt; 1983 bis 1987 Hauptabteilungsleiter und Prokurist bei Mannesmann Demag AG, Wetter; 1987 bis 1989 Geschäftsführer der MAN GHH Krantechnik, Heilbronn. Seit April 1989 ist Gerhard Wagner Professor an der RUB (Maschinenelemente und Fördertechnik). Er war von 1989 bis 1993 Mitglied des Konvents, seit 1990 vertritt er seine Fakultät im bundesweiten Fakultätentag Maschinenbau. Von 1993 bis 1995 war er Dekan, von 1995 bis 1997 Prodekan an seiner Fakultät. In der letzten zwei Jahren war Prof. Wagner Prorektor für Forschung und Wissenstransfer der RUB.

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Letzte Änderung: 01.12.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik