Am Machbaren
orientiert
Interview
mit Prof. Gerhard Wagner
Am 7. November wurde Prof. Dr.-Ing. Gerhard Wagner
im Senat - mit großer Mehrheit - zum neuen Rektor
der Ruhr-Universität gewählt. Bei der Akademischen
Jahresfeier am 27. November erfolgte die Amtsübergabe
und am 1. Dezember der offizielle Amtsbeginn. Dazwischen
nahm sich Prof. Wagner die Zeit zu einem ausführlichen
Gespräch mit Arne Dessaul.
RUBENS: Herr Professor Wagner, herzlichen Glückwunsch
zur gewonnenen Wahl. Im ersten Augenblick waren Sie
sehr überrascht von der Höhe Ihres Wahlerfolges.
Können Sie ihn sich mittlerweile erklären?
Prof. Wagner: Nein, ich bin nach wie vor überrascht,
zumal meine beiden Kollegen in vielen Dingen ähnliche
Ansichten äußerten wie ich. Andererseits
bin ich sehr glücklich über den Vertrauensbeweis.
RUBENS: Obwohl Ihre Amtszeit noch gar nicht offiziell
begonnen hat, sind Sie bereits ein gefragter Mann und
erfüllen zahlreiche Interview- und weitere Wünsche.
Ist Ihnen das lästig?
Prof. Wagner: Bisher ist es mir noch nicht lästig.
Es zeigt ja auch das große öffentliche Interesse
an unserer Universität. Ich habe auch festgestellt,
dass die Medien sehr fair mit uns umgehen.
Vorlesung als erste "Amtshandlung"
RUBENS: Welches sind Ihre ersten offiziellen
Termine im Dezember?
Prof. Wagner: Der 2. Dezember ist der erste Arbeitstag.
Und mein erster Termin ist meine eigene Vorlesung, die
ich natürlich halten werde. Im Laufe des Tages
fahre ich sehr wahrscheinlich nach Düsseldorf zur
neuen Ministerin, das wäre der erste offizielle
Termin als Rektor. Am Tag darauf fahre ich nach Berlin
zu einem Empfang beim Bundespräsidenten, anlässlich
der Verleihung des deutschen Wissenschaftspreises.
RUBENS: Als Rektor legen Sie eine mindestens
vierjährige Pause in Lehre und Forschung ein. Was
hat Sie gereizt, Ihre vertrauten Arbeitsbereiche gegen
ein Vollzeit-Engagement in der universitären Selbstverwaltung
einzutauschen? Sind Sie als Prorektor auf den Geschmack
gekommen?
Prof. Wagner: Sicher war die Zeit als Prorektor
nicht unwichtig. Ich konnte im Rektorat eine Menge Dinge
lernen, die man aus dem normalen Lehrstuhlgeschäft
heraus nicht lernt, vor allem die speziellen Sichtweisen
des Rektorates. Ich habe auch gesehen, welche Möglichkeiten
der Einflussnahme und Gestaltung man dort hat.
RUBENS: Sie haben sich mit konkreten Vorstellungen
um das Rektoramt beworben. Darauf basierend möchten
wir Sie bitten, zu den vier zentralen Bereichen Forschung,
Studium, Finanzen und Verwaltung Ihr jeweiliges Kernziel
zu benennen. Zunächst bitte zur Forschung?
Prof. Wagner: Es ist nicht so einfach, nur ein
Kernziel zu nennen. Dazu sind diese Bereiche allesamt
zu komplex. Wir müssen eine Reihe von Dingen zum
Abschluss bringen und festigen - und von dort aus gehe
ich nach vorne. Aber wenn wir jetzt zunächst die
Forschung ansprechen, da gilt es natürlich den
augenblicklichen Stand zu halten, vor allem die hohe
Zahl unserer Sonderforschungsbereiche. Wir müssen
aber auch neue Forschungsfelder ausmachen, um weitere
Forschungsförderung einzuwerben. Überhaupt
geht es in allen Bereichen darum, ausreichend Mittel
zu Verfügung zu haben. Das ist für mich eins
der wichtigsten Ziele, das gibt der Uni nach innen den
Freiraum, sich um Forschung und Lehre zu kümmern.
RUBENS: Studium und Lehre?
Prof. Wagner: Hier ist es etwas einfacher, Kernziele
zu formulieren: unsere Bachelor-/Master-Aktivitäten
und die Lehrerausbildung. Unser Modellversuch in der
Lehrerausbildung muss so abgesichert werden, dass nach
der Projektphase, wenn die endgültige Entscheidung
ansteht, niemand mehr an uns vorbei kommt. Die Bachelorphase
ist weitgehend geregelt. Aber es gibt noch einiges zu
tun für die Masterphase. Das ist einer der wichtigsten
Punkte in Forschung und Lehre, um den sich das Rektorat
kümmern muss.
RUBENS: Struktur und Finanzen?
Prof. Wagner: Das ist natürlich der Aufgabenbereich,
der sich durch alles durchzieht. Ich schätze, dass
das nächste Jahr das schwierigste werden wird.
Beispielsweise wird das Rektorat wesentlich weniger
Schöpfungsmittel zur Verfügung haben. Das
war bisher unser Freiraum, um Projekte anzustoßen,
der uns nun größtenteils genommen wird. Bereits
eingegangene Verpflichtungen des Rektorats gegenüber
Fakultäten und Instituten werden natürlich
erfüllt.
Büros für die Prorektoren
RUBENS: Rektorat und Verwaltung?
Prof. Wagner: Da habe ich klare Vorstellungen,
speziell im Bereich der Kommunikation, im Umgang der
Mitglieder des Rektorats miteinander. Ich möchte
einiges anders machen als bisher. Zurzeit suche ich
die Prorektorinnen und Prorektoren. Für mich ist
es ganz wichtig, ein Team zu bekommen, das sich als
solches versteht, das als Rektoratsteam häufig
zusammenarbeitet. Dazu zählt auch die räumliche
Nähe. Sie wissen selbst, dass die Prorektoren keine
eigenen Büros in der Verwaltung haben. An anderen
Unis haben sie welche. Es wird auch bei uns in Zukunft
so sein, dass die Prorektoren ihren Arbeitsbereich in
der Verwaltung haben. Zudem möchte ich den Prorektoren
wesentlich mehr Verantwortung im Rektorat übertragen.
RUBENS: Haben Sie schon jemanden gefunden?
Prof. Wagner: Dafür nehme ich mir sehr viel
Zeit und gehe davon aus, dass die Suche etwa Mitte Dezember
beendet ist. Das wäre rechtzeitig für die
Senatssitzung am 19. Dezember, wo die Prorektoren gewählt
werden könnten.
RUBENS: Bis dahin arbeitet das alte Rektorat
weiter?
Prof. Wagner: Ja, es scheidet zunächst nur
Herr Petzina aus.
RUBENS: Und Sie sind für ein paar Wochen
Rektor und Prorektor für Forschung?
Prof. Wagner: Ja, gewissermaßen. Das werde
ich in dieser Zeit mit übernehmen.
RUBENS: Wie stehen Sie zu Studiengebühren,
Studienkonten etc.?
Prof. Wagner: Ich lehne es ab, Gebühren
zur Sanierung des Landeshaushalts oder anderer Haushalte
von Studierenden einzuziehen. Über Studienkonten
als mögliches Steuerungsinstrument kann man diskutieren.
Im augenblicklichen Modell allerdings werden die verschiedenen
Lebensumstände der Studierenden kaum berücksichtigt,
insbesondere das Teilzeit-Studium.
RUBENS: Ein weiteres Problem bewegt zurzeit viele
Studierende der RUB: die ungewöhnlich hohe Zahl
an überfüllten Seminaren und Vorlesungen?
Prof. Wagner: Für viele kamen die Zahlen
und die Verteilungen auf Fächer der letzten Einschreibung
überraschend, zum Beispiel, dass die Germanistik
einen Zuwachs von über 200 Prozent hat. Es ist
jedoch schwierig, kurzfristig darauf zu reagieren. Erfreulich
ist, dass viele Kolleginnen und Kollegen ihre Veranstaltungen
doppelt anbieten - freiwillig. Das kann natürlich
kein Dauerzustand sein. Eine Lösung könnte
das E-Learning sein. Oder ein anderes, flexibles Management
der Hörsaalvergabe. Man muss auch mit den Politikern
reden, um zu verhindern, dass sich bei Aufhebung eines
NC unbegrenzt Studierende für ein Fach einschreiben
können. Damit ist keinem geholfen. Vor allem nicht
den Studierenden, die auf Treppen oder sogar unter der
Tafel sitzen müssen.
Pragmatisch und ungeduldig
RUBENS: Die Leserinnen und Lesern der RUBENS
interessiert auch der Mensch Gerhard Wagner. Wie würden
Sie sich selbst charakterisieren?
Prof. Wagner: Eine schwierige Frage, deren Beantwortung
man lieber anderen überlassen sollte. Zum einen
bin ich durch meine Ausbildung als Ingenieur geprägt,
das heißt, ich bin pragmatisch und am Machbaren
orientiert. Andererseits bin ich in vielen Dingen ein
sehr ungeduldiger Mensch. Ich mag es nicht, wenn Dinge
sich über einen zu langen Zeitraum erstrecken und
nicht erledigt werden.
RUBENS: Haben Sie Vorbilder?
Prof. Wagner: Im Beruf sicherlich meinen Doktorvater.
RUBENS: Und privat?
Prof. Wagner: Es wäre anderen gegenüber
ungerecht, Namen zu nennen.
RUBENS: Stellen Sie sich vor, Sie wären
nicht Ingenieur geworden. Welcher andere Beruf hätte
Sie gelockt?
Prof. Wagner: Bis zu meinem Abitur wollte ich
Lehrer für Physik und Mathematik werden. Ich habe
mich erst während meiner beiden Jahre bei der Bundeswehr
fürs Ingenieurstudium entschieden. Dazu haben auch
Freunde beigetragen, die Ingenieur geworden sind und
mich mitgenommen haben.
RUBENS: Zwei Jahre beim Bund? Waren Sie Reserveoffizier?
Prof. Wagner: Ja, Leutnant. Heute allerdings
würde ich den Dienst verweigern oder zum THW gehen.
Damals hat man als junger Mensch noch die Notwendigkeit
gesehen, zur Bundeswehr zu gehen. In meine aktive Zeit
fiel zum Beispiel die russische Besetzung der Tschechoslowakei.
RUBENS: Es ist bekannt, dass Sie ein passionierter
Tänzer sind. Welche anderen Hobbys haben Sie?
Prof. Wagner: Ich habe andere Hobbys, aber wenn
man eines intensiv betreibt, bleibt nicht viel Zeit
für die anderen. Als Rektor werde ich wohl noch
weniger Zeit haben. Leider auch fürs Tanzen, wo
meine Frau und ich in der zweithöchsten Amateurklasse
in den Standardtänzen starten.
Cluberer und VfLer
RUBENS: Welches Buch lesen Sie gerade?
Prof. Wagner: Wenn ich im privat Bücher
lese, dann gerne englischsprachige Romane, zurzeit von
John Grisham "The Summons".
RUBENS: Im fußballverrückten Ruhrgebiet
lautet eine der entscheidenden Fragen: Gelb oder Blau?
Prof. Wagner: Ich komme aus Franken, deshalb
Rot und Schwarz für den 1. FC Nürnberg. Ich
bin allerdings lange genug hier, um auch mit Blau zu
sympathisieren, aber damit meine ich nicht Schalke,
sondern Bochum.
RUBENS: Herr Professor Wagner, wir wünschen
Ihnen für die nächsten vier Jahre viel Erfolg.
Vielleicht werden es ja auch acht ...
Prof. Wagner: Erst mal die vier Jahre abwarten.
Viele Kolleginnen und Kollegen haben mir sehr herzlich
zur Wahl gratuliert und wünschen mir ein glückliches
Händchen. Das wünsche ich vor allem der Universität,
dass das neue Rektorat eine gute Leitung sein wird und
uns in den nächsten vier Jahren voranbringt.
Vita
Gerhard Wagner, am 31. Oktober 1946 in Bamberg geboren,
ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach dem Abitur
1966 in Nürnberg studierte er von 1968 bis 1973
Maschinenbau an der TH Darmstadt, wo er 1980 promoviert
wurde. Es folgten zehn Jahre lang verschiedene Aufgaben
und Positionen in der Industrie: 1979 bis 1983 Leiter
des Kranbaus bei Donges Stahlbau GmbH, Darmstadt; 1983
bis 1987 Hauptabteilungsleiter und Prokurist bei Mannesmann
Demag AG, Wetter; 1987 bis 1989 Geschäftsführer
der MAN GHH Krantechnik, Heilbronn. Seit April 1989
ist Gerhard Wagner Professor an der RUB (Maschinenelemente
und Fördertechnik). Er war von 1989 bis 1993 Mitglied
des Konvents, seit 1990 vertritt er seine Fakultät
im bundesweiten Fakultätentag Maschinenbau. Von
1993 bis 1995 war er Dekan, von 1995 bis 1997 Prodekan
an seiner Fakultät. In der letzten zwei Jahren
war Prof. Wagner Prorektor für Forschung und Wissenstransfer
der RUB.
ad
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