Voll
Überfüllte
Veranstaltungen an der RUB
Prof. Wilhelm Bleek (Politische Wissenschaften 1) staunte,
als er am ersten Donnerstagmorgen des Wintersemesters
in seinen Übungsraum gehen wollte: Aus Erfahrung
hatte er für den Lektürekurs "Aristoteles:
Die Politik" GC 03/146 gebucht, der rund 30 Plätze
hat. Diesmal jedoch interessierten sich 110 Studierende
für Aristoteles. Sie standen bereits in den Gängen,
der Seminarraum war voll. "Bei solchen Massen greifen
natürlich keinerlei pädagogische Konzepte",
erklärt Bleek, der den Kurs kurzerhand teilte: "Eine
Hälfte trifft sich weiterhin donnerstags um halb
neun, die andere um 16 Uhr."
So einfach ließen sich nicht alle Probleme lösen,
die der große Ansturm an neuen Studierenden im Wintersemester
mit sich brachte. Vor allem Sozialwissenschaftler,
Germanisten und Historiker verzeichneten Zuwächse
auf hohem Niveau. Genau diese erfreuliche Tendenz verursachte
die Platzprobleme in Seminarräumen und Hörsälen.
Überfüllt waren und sind vor allem Einführungsveranstaltungen.
Überfüllt waren und sind auch Veranstaltungen
des Optionalbereichs bzw. von ihm angekündigte Kurse
(s. Interview). Davon weiß der Fachschaftsrat (FR)
Niederlandistik zu berichten. Beim ersten Termin des
Sprachkurses "Niederländisch I" tummelten
sich 189 Menschen im und um den 40 Plätze fassenden
Seminarraum GABF 04/411, 90 Prozent davon aus dem Optionalbereich.
Dozentin Birgitta Bexten schaffte es mit Mühe zum
Tisch und stellte sich darauf, um einigermaßen den
Überblick zu behalten. Dennoch blieb ihr nichts anderes
übrig, als schnellstmöglich einen neuen Raum
zu suchen.
"Anders ging das nicht", bestätigen Hendrik
und Jens vom FR, "100 Studis hatten wir schon im
letzten Semester. Die passten gerade so in den Seminarraum.
Bei 200 ist nichts zu machen." Zur zweiten Veranstaltung
kamen noch mal 20 Leute mehr in den Hörsaal HGB 40,
der ebenfalls zu klein war. Birgitta Bexten musste den
Kurs teilen. "Wir werden im Optionalbereich anregen,
den Kurs demnächst mindestens zweimal anzubieten",
erklärt man im FR.
Zu viele Studierende, zu kleine Räume - Richard
Möhlendick, in der Verwaltung für die Hörsaalvergabe
zuständig, kann sich an kein Semester erinnern, in
dem der Tauschbedarf so groß war wie in diesem.
Zum Glück gibt es auch Dozenten, die - nach den Eindrücken
der ersten Semesterwochen - einen kleineren Raum benötigen.
Sie können mit denjenigen tauschen, die einen größeren
brauchen. Doch alle Wünsche konnte Richard Möhlendick
diesmal nicht erfüllen.
Dr. Rainer Bovermann bekam einen neuen Raum. Für
die Übung "Einführung in die Politikwissenschaft"
hatte er sich GC 04/614 (40 Plätze) reservieren lassen.
Dann sah er sich beim ersten Termin mit 200 Studierenden
konfrontiert. Dr. Bovermann ließ sich daraufhin
einen freien Hörsaal geben. Doch auch in HZO 100
passen nur 80 Menschen hinein. "Der Rest sitzt auf
den Treppen und auf dem Podium oder steht im Eingangsfoyer.
An die Sicherheit denke ich lieber nicht, falls man den
Raum schnell räumen müsste ...", schildert
der Politologe die Misere, die auch die beiden anderen
Einführungsübungen in die Politikwissenschaft
betrifft. Bovermann wollte mit einem zeitgleich lehrenden
Physikdozenten tauschen. In dessen Hörsaal (HZO 60;
150 Plätze) saßen nur etwa 50 Leute. "Leider
tauschte der Kollege nicht. Er wollte nicht, dass seine
Studierenden Ellbogen an Ellbogen sitzen."
Die Politologie-Studierenden nehmen den überfüllten
Hörsaal mit Humor, machen lakonische Bemerkungen
über die unsolidarischen Physiker im Saal gegenüber
und bedauern ihren Dozenten, der zu allem Überfluss
auch noch eine riesige Zahl an Klausuren zu korrigieren
hat. Außerdem wundern sich die angehenden Politologen
über die zahlreichen Diplomgeografen in ihrer Veranstaltung,
für die Politik neuerdings verpflichtend ist. Rauswerfen
möchte man sie allerdings nicht. Man schüttelt
eher den Kopf über die Vergabepraxis der Hörsäle:
Schließlich läuft die Vergabe einige Monate,
bevor überhaupt feststeht, wie viele neue Studierende
ein Fachbereich aufzunehmen hat.
Früher hätten sich die Probleme in einigen Fächern
von selbst gelöst. Nach ein paar Wochen hätten
sich viele Studierende Alternativen gesucht und wären
nicht mehr bei den überfüllten Veranstaltungen
erschienen. Doch vor diese Lösung schiebt die Anwesenheitspflicht
in den gestuften Studiengängen einen Riegel. Das
Eintragen in die Anwesenheitsliste dauert (wie bei der
politikwissenschaftlichen Übung) nicht nur über
15 Minuten, es bindet die Studierenden zudem an die Veranstaltung:
Wer häufiger als zweimal fehlt, kann keine Kreditpunkte
sammeln.
Rainer Bovermann wünscht sich von allen Beteiligten
mehr Flexibilität. Einige Dozenten zeigen sie, indem
sie ihre Kurse doppelt anbieten. Flexibilität stünde
auch den Dozenten gut zu Gesicht, die ihren zu großen
Hörsaal gegen einen kleineren tauschen könnten.
Auf ihre Unterstützung ist auch Richard Möhlendick
angewiesen. Von den Studierenden kann man nur bedingt
Flexibilität erwarten: Bei den vielen Vorgaben der
Bachelor-/Master-Studiengänge haben sie kaum Alternativen.
Viele Erstsemester
Rund 5.200 neue Studierende haben sich zum WS 02/03
an der RUB immatrikuliert, im WS 01/02 waren es 4.900.
Während einige Bereiche aus verschiedenen Gründen
(z. B. Einführung eines NC) Rückgänge
zu verzeichnen haben (u. a. Pädagogik, Bauingenieurwesen,
Biologie), haben sich in anderen Fächern die Zahlen
extrem erhöht. So stieg die Zahl der Erstsemester
in den Sozialwissenschaften um 68 % auf 645, bei den
Germanisten - aufgrund der Aufhebung des NC - um 206
% auf 254, bei den Historikern um 38 % auf 174 und bei
den Geografen um 42 % auf 156. In diesen und einigen
anderen Fachbereichen gab es zu Beginn des Semesters
überfüllte Seminare und Vorlesungen, namentlich
bei Einführungsveranstaltungen oder bei Kursen,
die sowohl in einem Fachbereich als auch im Optionalbereich
angeboten und deshalb zusätzlich von "fachfremden"
Studierenden besucht werden.
Über das Problem überfüllter Veranstaltungen
und die Rolle des Optionalbereiches sprach Arne Dessaul
mit Prof. Manfred Tietz, dem Studiendekan des Optionalbereichs.
RUBENS: Herr Prof. Tietz, im laufenden Semester
platzen insbesondere die Anfängerkurse in Fremdsprachen
aus allen Nähten. Das liegt offenbar zu einem großen
Teil an den Studierenden des Optionalbereichs, die Credit
Points im Gebiet Fremdsprachen erwerben wollen. Können
Sie uns den Zusammenhang kurz erläutern?
Prof. Tietz: Um von vornherein Missverständnisse
zu vermeiden: Die Studierenden des Optionalbereichs
sind keine zusätzliche Gruppe, sondern Studierende
fast aller Fächer der RUB, die durch den Optionalbereich
die Möglichkeit haben, neben dem Fachstudium weitere
Qualifikationen zu erwerben. Die Interessen und Wünsche
der Studierenden hinsichtlich des Modulangebots werden
in der Beratung erfragt. Studierende des 2-Fach-Bachelor-Studiums
z.B. müssen aus den fünf Gebieten des Optionalbereichs
(1: Fremdsprachen; 2: Präsentation, Kommunikation
und Argumentation; 3: Informationstechnologien/EDV;
4: Interdisziplinäre Studieneinheiten und/oder
Studieneinheiten anderer Fächer; 5: Praktikum)
mindestens drei besucht haben.
Während der Optionalbereich die Gebiete 2, 3 und
5 fast ausschließlich allein bestreitet, die Dozent/innen
einwirbt und die Angebote finanziert, stellen im Gebiet
1 und 4 die Fakultäten, die Fächer bzw. die
Dozent/innen der RUB ihr reguläres Angebot zur
Verfügung. Es ist dann ausgewiesen im Veranstaltungsverzeichnis
des Optionalbereichs und über unsere Homepage www.optionalbereich.de.
So war im letzten Jahr erstmals eine Übersicht
fast des gesamten Fremdsprachenangebots dokumentiert
- das hat zweifelsohne zur intensiveren Nutzung der
Kurse beigetragen. Die derzeitige Überfüllung
zahlloser Kurse ist aber auch auf die unerwartet hohe
Zahl der Neuimmatrikulationen zurückzuführen.
Allein für das 2-Fach-Bachelor-Studium sind ca.
2.000 neue Studierende immatrikuliert. Der Optionalbereich
hat bereits sehr früh darauf reagiert: Wir haben
zusätzlich zwei Italienisch-Module, drei Spanisch-Module,
ein Informationstechnologie-Modul, zwei Journalistik-Module
sowie ein Marketing-Modul eingerichtet, so dass nochmals
über 200 neue Plätze für Studierende
geschaffen wurden.
RUBENS: Viele Studierende wird es interessieren,
ob diese Kurse auch in den nächsten Semestern überfüllt
sein werden oder ob es bereits Pläne gibt, die
Situation zu entspannen?
Prof. Tietz: Der Optionalbereich hat einen Gemeinsamen
Ausschuss, der sich aus Vertreter/innen der beteiligten
Fakultäten zusammensetzt. Der Ausschuss wurde frühzeitig
über die angespannte Situation informiert und hat
sich ausdrücklich für die Erweiterung des
Angebots ausgesprochen. Diese kann jedoch nur mit finanzieller
Unterstützung der Universitätsverwaltung erfolgen,
die - ebenso wie die Fächer - die erhöhte
Nachfrage u.a. der Fremdsprachenkurse letztlich nur
positiv werten kann, zeigt sie doch, dass das Reformkonzept
der RUB aufgeht. Die Studierenden nehmen die Möglichkeit
zur Weiterqualifikation sehr ernst und dürfen nun
selbstverständlich nicht bereits im ersten Semester
durch überfüllte Kurse abgeschreckt werden.
Der Optionalbereich, der sich als Organisationsplattform
und ausdrücklich als Dienstleistungsbereich versteht,
bietet deshalb seine Unterstützung hinsichtlich
der Organisation und Information der erforderlichen
Angebote an. Ich möchte deshalb nochmals betonen,
dass ich als Studiendekan und selbstverständlich
auch mein Team allen Interessierten für Gespräche,
Anregungen und Diskussionen zur Verfügung stehen.
Eine Studienreform in dieser Größenordnung
kann nur gemeinsam erfolgreich umgesetzt werden.
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