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RUBENS 75 1. Dezember 2002

Einer der auszog, um zu kämpfen

Karsten Rudolph ersetzt Wolfgang Clement

Vor einigen Jahren wäre er "stante pede" in den Düsseldorfer Landtag eingezogen, "doch nun habe ich einen Augenblick gezögert und mich mit Freunden beraten". Lange hat er nicht gezögert: Dr. Karsten Rudolph (40) ist derjenige, der seit dem 7. November die SPD-Reihen im NRW-Landtag für den ausgeschiedenen, neuen Superminister, Wolfgang Clement wieder schließt. Der ehemalige Ministerpräsident persönlich hatte Rudolph zwar recht früh darüber informiert, dass er für ihn im Landtag nachrücken würde, trotzdem hatte Rudolph die unerwartete Chance auf die neue politische Karriere überrascht.
Bis vor kurzem war er als Privatdozent am Institut für soziale Bewegungen der RUB tätig. Erst im Sommersemester 2001 hatte er sein Habilitationsverfahren abgeschlossen und die Venia legendi für Neuere und Neueste Geschichte erhalten. Als "typischer" Zwilling trägt Rudolph jedoch zwei Seelen in seiner Brust. "Schon als 17-Jähriger habe ich mich mit Leidenschaft für Schülerinteressen eingesetzt - eben für die, die unten sind: Arbeiter, Indianer, Frauen", erklärt er augenzwinkernd. Schon bald darauf trat er der SPD bei. Akzente setzte er auch dort von Anfang an. So stieß der Schüler auf eine breite Front der Ablehnung, als er sich auf seiner ersten Parteisitzung, mit einer Unterschriftenliste gegen Atomkraftwerke bewaffnet, Gehör verschaffen wollte. "Ich habe dabei gesehen, dass man etwas erreichen kann", resümiert Rudolph. Mittlerweile ist der ehemalige "Rebell" zum stellvertretenden SPD-Landesvorsitzenden in NRW aufgestiegen.
In der Schule entwickelte er bereits früh seine Liebe zur Geschichte. "In Geschichte musste ich immer kämpfen. Wir hatten einen strengen Lehrer, der uns ziemlich gefordert hat." Anreiz genug, in Bochum Geschichte zu studieren. Karsten Rudolph blieb auch später an der RUB: "Die Uni habe ich nie verlassen, nur meine akademischen Vorbilder haben sich geändert, angefangen mit Hans Mommsen, bei dem ich studentische Hilfskraft war, bis hin zu Helga Grebing und Klaus Tenfelde". Promoviert hat er über die Sozialdemokratie in Sachsen und war von 1989 bis 1992 in Dresden und Leipzig. "Noch mit Genehmigung des Ministerrats durfte ich im Staatsarchiv in Dresden forschen. Und dann passierte da Geschichte und ich war dabei. So etwas kann man nicht aus Büchern lernen". Rudolph ist Verfasser einer Vielzahl von Veröffentlichungen, u. a. über Willy Brandt und die SPD 1972-1992. Zudem ist er auch Mitherausgeber einer zehnbändigen Reihe "Demokratische Bewegungen in Mitteldeutschland"; seine Habilitationsschrift verfasste er über "Die Ostpolitik der westdeutschen Industrie (1945-1981)".
Geschichte und Politik, viel Zeit für anderes bleibt da kaum. Mittlerweile jedoch ist der eingefleischte Historiker und Bochumer auf dem Sprung nach Düsseldorf, um sein "Hobby" zum Beruf zu machen - obwohl er eigentlich seine wissenschaftliche Karriere fortsetzen wollte und sich auf verschiedene Lehrstühle beworben hatte. "Mir fehlt halt noch der sichere Hafen, der mir eine Rückkehr garantiert. Ansonsten hätte ich gesagt, ja ich gehe sofort nach Düsseldorf." Nun hat Rudolph sich neue Ziele gesetzt. Von der RUB als wissenschaftlicher Angestellter beurlaubt, hält er weiterhin montags seine Vorlesung zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. "Schließlich mache ich es gerne, außerdem hat das Semester bereits angefangen und die Studierenden verlassen sich darauf."
Die restlichen Tage gehören der Politik. Max Weber zitierend, fordert Karsten Rudolph von sich und anderen in der Politik Augenmaß und Verantwortlichkeit. "Und Leidenschaft, denn gerade die wird häufig vergessen." Ausbrennen, so wie manche Politiker, das will Rudolph nicht. Lieber sieht er sich - in 20 Jahren vielleicht - in einem Haus mit reetgedeckten Dach, irgendwo im Norden Deutschlands. Oder in Holland, abends badend im Meer. Was er tatsächlich machen wird, kann er heute noch nicht sagen. Ansonsten aber weiß er sehr wohl, was er will, frei nach dem Motto: "Wenn du an eine Weggabelung kommst, dann nimm sie mit, mit aller Kraft."
Alexandra Heyer
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