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RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
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| RUBENS 75 |
1.
Dezember 2002 |
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"DAS IST
BOCHUM"
Revolutionäre
Lehre in der Chemie
Im chemischen Einführungspraktikum (nebst Vorlesung
und Übung) regiert normalerweise die Routine. Bei
einem Dutzend Sitzungen erledigen rund 200 Erstsemester
Standardexperimente, das Programm wird abgespult und fertig.
Zusätzliche Motivation? Warum denn?
Warum eigentlich nicht?, fragte sich Prof. Roland Fischer
(Anorganische Chemie II). Fürs laufende Wintersemester
sorgte er für jede Menge Motivation. Am Ende des
ersten Praktikumstages gab er den Studierenden eine freiwillige
Hausaufgabe: "Worin sehen Sie die Beziehung zwischen
Ihrem ersten Versuchstag und der Französischen Revolution?"
Die Antworten sollten per E-Mail inklusive "knackigem
Betreff" an Fischer geschickt werden. Der klügsten
Einsendung winkte ein Sachbuchpreis im Wert von 50, 60
Euro. Und Zack! 26 Erstsemester wagten den Spagat zwischen
Geschichte und Chemie und lieferten "pfiffige Antworten",
so Prof. Fischer. Zudem erkundigten sie sich nach weiteren
Fragen dieser Art. "Der Sportsgeist war geweckt",
erklärt der scheidende Prorektor für Lehre,
"übrigens nicht nur bei den Studierenden, sondern
auch bei Laboranten und Technikern, die zum Teil ebenfalls
antworteten."
Folglich schritt man am zweiten Praktikumstag zur Preisverleihung:
Den 1. Preis (das Lehrbuch der Anorganischen Chemie) verdiente
sich Christian Seifert. Im Internet entdeckte er den wahren
Zusammenhang. Bei ihren ersten Versuchen hatten die Studierenden
u. a. mit Seife zu tun. Das ursprüngliche Verfahren
zu deren Herstellung hatte kurz vor Ausbruch der Französischen
Revolution Nicolas Leblanc entdeckt - und damit ein Preisausschreiben
(sic!) gewonnen. Viel Glück hatte der Arzt damit
allerdings nicht. Statt eines gut dotierten Patents sah
er sich mit dem Revolutionsslogan "Seife für
alle" konfrontiert - kein Geschäft also; schließlich
starb Leblanc im Armenhaus.
Allerdings, so räumte Prof. Fischer ein, ist es mit
einer einzigen Wahrheit nicht immer getan. Schließlich
beschäftigten sich die Studierenden in ihren Experimenten
ebenfalls mit der Stoffumwandlung. Ersetzt man (ganz vereinfacht
ausgedrückt) in der dazugehörigen Formel die
Moleküle mit Begriffen wie König, Regierung,
Revolte, Bürger oder Arbeiter, erhält man eine
prima Formel für die Umwandlung von Machtverhältnissen,
die nicht nur für die Französische, sondern
auch für die Russische Revolution gilt. Urheberin
der Formel ist Julia Lorke, die weder Chemie noch Geschichte
studiert, sondern Biologie. Auch sie bekam das Lehrbuch
der Anorganischen Chemie. Der Preisverleihung folgte umgehend
die zweite Aufgabe: "Würden Sie Amedeo Avogadro
posthum einen Nobelpreis verleihen?"
Insgesamt wird sich Prof. Fischer 13 knifflige Fragen
einfallen lassen. Er hofft auf noch regere Beteilung und
möchte am Ende des Semesters aus Fragen, Antworten,
E-Mail-Verkehr und Kommentaren aller Preisträger/innen
ein Buch machen. Zusammen mit dem Praktikum wird es
zeigen, was mit ein paar guten Ideen in der Lehre der
RUB möglich ist - oder wie die passende Formel von
Fischer besagt: "DAS ist Bochum."
Gute Lehre gesucht
Prof. Fischers freiwillige Hausaufgaben sind (hoffentlich)
nur eines von vielen Beispielen für innovative
Ansätze in der Lehre an der RUB. Auf weitere berichtenswerte
Konzepte wartet ganz ungeduldig die RUBENS-Redaktion:
Tel. -23999 oder E-Mail: rubens@presse.rub.de
ad
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