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RUBENS 74 1. November 2002

Unbequeme Ergebnisse

Neu an der RUB: Prof. Thomas Feltes

Sitzt eine Katze im Apfelbaum und traut sich nicht hinunter, ist dies manchmal ein Fall für die Polizei: Die erweist sich als Helfer in der Not und holt das Tier wieder herunter. Allerdings verbinden die wenigsten Menschen diese Art von Hilfe mit der Polizei; viele haben eine von Fernsehkrimis geprägte Vorstellung von der Arbeit der Beamten.
Was die Polizei in der Realität leistet, untersucht Prof. Dr. Thomas Feltes, der seit Sommer den Lehrstuhl für Kriminologie leitet. Er nimmt das Alltagshandeln der Schutzpolizei unter die Lupe, also des Teils der Polizei, der in der Öffentlichkeit in Polizeiuniform in Erscheinung tritt. Feltes war der erste, der in Deutschland bereits in den achtziger Jahren Funkstreifenwagen-Einsätze systematisch untersucht hat. Hierbei sowie bei intensiveren Studien in den Neunzigern traten Ergebnisse zutage, die manche lieber nicht wahrhaben wollten, die aber inzwischen von anderen Wissenschaftlern reproduziert sind: Gewalt findet zum Großteil zu Hause statt: "Drei von vier Einsätzen, die mit Gewalt und Körperverletzung in Verbindung stehen, gehen in die Familien", so Feltes. Insgesamt machen die Aufgabenfelder "Bekämpfung von Straftaten", "Verkehrsregelung", "Konfliktschlichtung" und "Hilfeleistung" etwa je ein Viertel der Polizeiarbeit aus.
Hilfeleistung kann bedeuten, die Katze vom Baum zu holen, einem Betrunkenen zu helfen, der in der Gosse liegt, oder einem psychisch Kranken, der nicht weiß, wo er hingehört. "Das kann auch bedeuten, einem 70-Jährigen zu helfen, sein Auto wiederzufinden, wenn er vergessen hat, wo er geparkt hat", erinnert sich Prof. Feltes an ein Fallbeispiel. Die Schutzpolizei leistet also viel mehr als "nur" Straftaten-Bekämpfung. "Es gibt noch eine Zahl, für die ich bekannt geworden bin und die mir ziemlichen Ärger eingebracht hat", blickt Feltes einige Jahre zurück: Er hat die sog. Polizeidichte in deutschen Städten und Gemeinden untersucht. Er hat gezeigt, dass die gängige Berechnungsgrundlage von 1:300 (ein Beamter auf 300 Einwohner) nicht gerechtfertigt ist. "Man darf nicht von der Gesamtzahl der Beamtinnen und Beamten ausgehen, sondern muss schauen, wer tatsächlich verfügbar ist." Das heißt: Nur diejenigen Polizisten dürfen in die Berechnung einfließen, die tatsächlich für die Bevölkerung greifbar sind. Wenn man berücksichtigt, dass z. B. wegen Schichtdienst und Urlaub nie alle Beamten ihren Dienst gleichzeitig verrichten, sieht die Zahl ganz anders aus - dann kommt in Wirklichkeit gerade mal ein Polizist auf 20.000 Einwohner. Das Berechnungskonzept hat Feltes aus amerikanischen Studien auf deutsche Verhältnisse übertragen. "Für den Bürger ist doch von Bedeutung, wie lange er im Ernstfall warten muss, bis ein Beamter kommt", bringt er auf den Punkt, warum er seine Rechnung für realitätsnäher hält.
Neben dieser "objektiven Sicherheit" hat Feltes in den letzten Jahren vor allem mit Kollegen der Universitäten in Heidelberg und Konstanz sowie vom Max-Planck-Institut in Freiburg das sog. Opferwerden und die Verbrechensfurcht der Bevölkerung untersucht und nach Lösungen gefahndet, um das subjektive Sicherheitsgefühl zu erhöhen: "Oft ist die Angst, nachts auf die Straße zu gehen, gar nicht durch ein Kriminalitätsproblem begründbar", erläutert Feltes. Faktoren wie schlechte Beleuchtung und mannshohe, unüberschaubare Hecken führen dazu, dass Bürger sich unsicher fühlen. Wo solche Untersuchungsergebnisse in Projekten kommunaler Kriminalprävention berücksichtigt werden, tragen sie dazu bei, die Lebensqualität der Bevölkerung zu erhöhen.
Zu den aktuellen Projekten des neuen Lehrstuhlinhabers gehört der "Polizei-Newsletter", den Feltes ins Leben gerufen hat und herausgibt. Dieser weltweit einzigartige Informationsdienst für Polizeibeamte gibt per Internet monatlich Auskunft über aktuelle Ergebnisse der internationalen Polizeiforschung und berichtet z. B. über Gesetzesvorhaben oder Polizeireformen. Der Newsletter hat weltweit Abonnenten und erscheint auf Deutsch, Englisch, Französisch und seit kurzem auch auf Spanisch. In einem weiteren internationalen Projekt plant Prof. Feltes, gemeinsam mit Kollegen u. a. aus den USA, Kanada, Venezuela und Brasilien den Einsatz von Gewalt durch die Polizei zu untersuchen und der Frage nachzugehen, wie der einzelne Polizeibeamte seine Gewaltanwendung rechtfertigt.
Auch für die Lehre hat Prof. Feltes Pläne: Er möchte das am Weiterbildungszentrum der RUB entwickelte E-Learning-System "Blackboard", ab sofort für Vorlesungen und Seminare in seinem Fachbereich nutzen. Es soll u.a. den E-Mail-Verkehr zwischen Studierenden und Professoren erleichtern, den Studierenden die Möglichkeit bieten, in virtuellen Arbeitsgruppen Hausarbeiten gemeinsam zu erstellen und die Vorbereitung auf Prüfungen unterstützen.
Vor dem Hintergrund der weiteren Einführung gestufter Studiengänge strebt Prof. Feltes eine stärkere Einbindung der Kriminologie an der RUB an sowie eine Profilierung des Faches im Rahmen der Reformierung der Juristenausbildung. Ihm liegt die Internationalisierung von Forschung und Lehre in seinem Fachbereich besonders am Herzen: "Vieles, was wir in Deutschland im Bereich der Kriminalpolitik und der inneren Sicherheit tun oder lassen, ist andernorts bereits erprobt und evaluiert. Daraus müssen wir lernen." Christina Heimken

Vita

Thomas Feltes wurde am 16.2.51 in Mainz geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und der Pädagogik wurde er 1979 in Bielefeld zum "Dr. jur." promoviert. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit u. a. an den Unis Bielefeld, Hamburg, Heidelberg und Montreal habilitierte er sich 1992 für die Fächer Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Uni Tübingen. Von 1992 bis 2002 war er Rektor und Professor an der FH Villingen-Schwenningen - Hochschule für Polizei. Neben zahlreichen anderen Tätigkeiten - u.a. für den Europarat und die UN - war Prof. Feltes von 1998 bis 2002 Mitglied der Sucht- und Drogenkommission der Bundesregierung. Im Sommersemester 2002 vertrat er den Lehrstuhl für Kriminologie an der RUB und ist als Nachfolger von Prof. em. Dr. Hans-Dieter Schwind seit dem 1. August Universitätsprofessor und Inhaber des Lehrstuhls mit den Schwerpunkten Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft. Christina Heimken

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Letzte Änderung: 31.10.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik