Unbequeme Ergebnisse
Neu an
der RUB: Prof. Thomas Feltes
Sitzt eine Katze im Apfelbaum und traut sich nicht
hinunter, ist dies manchmal ein Fall für die Polizei:
Die erweist sich als Helfer in der Not und holt das
Tier wieder herunter. Allerdings verbinden die wenigsten
Menschen diese Art von Hilfe mit der Polizei; viele
haben eine von Fernsehkrimis geprägte Vorstellung
von der Arbeit der Beamten.
Was die Polizei in der Realität leistet, untersucht
Prof. Dr. Thomas Feltes, der seit Sommer den Lehrstuhl
für Kriminologie leitet. Er nimmt das Alltagshandeln
der Schutzpolizei unter die Lupe, also des Teils der
Polizei, der in der Öffentlichkeit in Polizeiuniform
in Erscheinung tritt. Feltes war der erste, der in Deutschland
bereits in den achtziger Jahren Funkstreifenwagen-Einsätze
systematisch untersucht hat. Hierbei sowie bei intensiveren
Studien in den Neunzigern traten Ergebnisse zutage,
die manche lieber nicht wahrhaben wollten, die aber
inzwischen von anderen Wissenschaftlern reproduziert
sind: Gewalt findet zum Großteil zu Hause statt:
"Drei von vier Einsätzen, die mit Gewalt und
Körperverletzung in Verbindung stehen, gehen in
die Familien", so Feltes. Insgesamt machen die
Aufgabenfelder "Bekämpfung von Straftaten",
"Verkehrsregelung", "Konfliktschlichtung"
und "Hilfeleistung" etwa je ein Viertel der
Polizeiarbeit aus.
Hilfeleistung kann bedeuten, die Katze vom Baum zu holen,
einem Betrunkenen zu helfen, der in der Gosse liegt,
oder einem psychisch Kranken, der nicht weiß,
wo er hingehört. "Das kann auch bedeuten,
einem 70-Jährigen zu helfen, sein Auto wiederzufinden,
wenn er vergessen hat, wo er geparkt hat", erinnert
sich Prof. Feltes an ein Fallbeispiel. Die Schutzpolizei
leistet also viel mehr als "nur" Straftaten-Bekämpfung.
"Es gibt noch eine Zahl, für die ich bekannt
geworden bin und die mir ziemlichen Ärger eingebracht
hat", blickt Feltes einige Jahre zurück: Er
hat die sog. Polizeidichte in deutschen Städten
und Gemeinden untersucht. Er hat gezeigt, dass die gängige
Berechnungsgrundlage von 1:300 (ein Beamter auf 300
Einwohner) nicht gerechtfertigt ist. "Man darf
nicht von der Gesamtzahl der Beamtinnen und Beamten
ausgehen, sondern muss schauen, wer tatsächlich
verfügbar ist." Das heißt: Nur diejenigen
Polizisten dürfen in die Berechnung einfließen,
die tatsächlich für die Bevölkerung greifbar
sind. Wenn man berücksichtigt, dass z. B. wegen
Schichtdienst und Urlaub nie alle Beamten ihren Dienst
gleichzeitig verrichten, sieht die Zahl ganz anders
aus - dann kommt in Wirklichkeit gerade mal ein Polizist
auf 20.000 Einwohner. Das Berechnungskonzept hat Feltes
aus amerikanischen Studien auf deutsche Verhältnisse
übertragen. "Für den Bürger ist
doch von Bedeutung, wie lange er im Ernstfall warten
muss, bis ein Beamter kommt", bringt er auf den
Punkt, warum er seine Rechnung für realitätsnäher
hält.
Neben dieser "objektiven Sicherheit" hat Feltes
in den letzten Jahren vor allem mit Kollegen der Universitäten
in Heidelberg und Konstanz sowie vom Max-Planck-Institut
in Freiburg das sog. Opferwerden und die Verbrechensfurcht
der Bevölkerung untersucht und nach Lösungen
gefahndet, um das subjektive Sicherheitsgefühl
zu erhöhen: "Oft ist die Angst, nachts
auf die Straße zu gehen, gar nicht durch ein Kriminalitätsproblem
begründbar", erläutert Feltes. Faktoren
wie schlechte Beleuchtung und mannshohe, unüberschaubare
Hecken führen dazu, dass Bürger sich unsicher
fühlen. Wo solche Untersuchungsergebnisse in Projekten
kommunaler Kriminalprävention berücksichtigt
werden, tragen sie dazu bei, die Lebensqualität
der Bevölkerung zu erhöhen.
Zu den aktuellen Projekten des neuen Lehrstuhlinhabers
gehört der "Polizei-Newsletter",
den Feltes ins Leben gerufen hat und herausgibt. Dieser
weltweit einzigartige Informationsdienst für Polizeibeamte
gibt per Internet monatlich Auskunft über aktuelle
Ergebnisse der internationalen Polizeiforschung und
berichtet z. B. über Gesetzesvorhaben oder Polizeireformen.
Der Newsletter hat weltweit Abonnenten und erscheint
auf Deutsch, Englisch, Französisch und seit kurzem
auch auf Spanisch. In einem weiteren internationalen
Projekt plant Prof. Feltes, gemeinsam mit Kollegen u.
a. aus den USA, Kanada, Venezuela und Brasilien den
Einsatz von Gewalt durch die Polizei zu untersuchen
und der Frage nachzugehen, wie der einzelne Polizeibeamte
seine Gewaltanwendung rechtfertigt.
Auch für die Lehre hat Prof. Feltes Pläne:
Er möchte das am Weiterbildungszentrum der RUB
entwickelte E-Learning-System "Blackboard",
ab sofort für Vorlesungen und Seminare in seinem
Fachbereich nutzen. Es soll u.a. den E-Mail-Verkehr
zwischen Studierenden und Professoren erleichtern, den
Studierenden die Möglichkeit bieten, in virtuellen
Arbeitsgruppen Hausarbeiten gemeinsam zu erstellen und
die Vorbereitung auf Prüfungen unterstützen.
Vor dem Hintergrund der weiteren Einführung gestufter
Studiengänge strebt Prof. Feltes eine stärkere
Einbindung der Kriminologie an der RUB an sowie eine
Profilierung des Faches im Rahmen der Reformierung der
Juristenausbildung. Ihm liegt die Internationalisierung
von Forschung und Lehre in seinem Fachbereich besonders
am Herzen: "Vieles, was wir in Deutschland im Bereich
der Kriminalpolitik und der inneren Sicherheit tun oder
lassen, ist andernorts bereits erprobt und evaluiert.
Daraus müssen wir lernen." Christina Heimken
Vita
Thomas Feltes wurde am 16.2.51 in Mainz geboren. Nach
dem Studium der Rechtswissenschaften und der Pädagogik
wurde er 1979 in Bielefeld zum "Dr. jur."
promoviert. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit u.
a. an den Unis Bielefeld, Hamburg, Heidelberg und Montreal
habilitierte er sich 1992 für die Fächer Kriminologie,
Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Uni Tübingen.
Von 1992 bis 2002 war er Rektor und Professor an der
FH Villingen-Schwenningen - Hochschule für Polizei.
Neben zahlreichen anderen Tätigkeiten - u.a. für
den Europarat und die UN - war Prof. Feltes von 1998
bis 2002 Mitglied der Sucht- und Drogenkommission der
Bundesregierung. Im Sommersemester 2002 vertrat er den
Lehrstuhl für Kriminologie an der RUB und ist als
Nachfolger von Prof. em. Dr. Hans-Dieter Schwind seit
dem 1. August Universitätsprofessor und Inhaber
des Lehrstuhls mit den Schwerpunkten Kriminalpolitik
und Polizeiwissenschaft. Christina Heimken
ad
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