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RUBENS 73 1. Oktober 2002

Die zweiten Lehr- und Wanderjahre

Stipendiaten in der Theoretischen Chemie

Prof. Dr. Amalendu Chandra ist auf dem Höhepunkt seiner akademischen Karriere: Als Professor für Chemie lehrt und forscht der Inder seit neun Jahren am Indian Institute of Technology in Kanpur, einer der angesehensten Universitäten Indiens. Den Weg dorthin über Forschungsaufenthalte in USA und Kanada hat er längst hinter sich, dennoch hat Prof. Chandra seine "Lehr- und Wanderjahre" wieder aufgenommen: am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der RUB. Seit Anfang Mai ist er als Forschungsstipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung zu Gast am Lehrstuhl von Prof. Dr. Dominik Marx, um sich ein Jahr lang mit den dortigen Arbeitstechniken vertraut zu machen.

Virtuelle Reaktionen

Die Bochumer Wissenschaftler untersuchen chemische Reaktionen, d.h. Veränderungen, die an Stoffen stattfinden - allerdings nicht im Reagenzglas, sondern im "Virtuellen Labor", eben im Computer. Dabei führen sie die Prozesse auf die Gesetze der theoretischen Physik zurück. "Wir wollen verstehen, wie die Chemie auf atomarer Ebene vor sich geht, ohne auf das Experiment zurückzugreifen", erklärt Prof. Marx das Credo der Bochumer Theoretiker. Aber nicht nur das, es müssen auch die Methoden selbst weiterentwickelt werden, was allerdings nur von langjährigen erfahrenen Mitarbeitern geleistet werden kann. Während seines Gastaufenthaltes möchte Prof. Chandra herausfinden, wie sich die Elektronenstruktur verändert, wenn man Metalle in flüssigem Ammoniak auflöst und so aus einem Nicht-Leiter einen guten Stromleiter erzeugt. "Im Experiment kann man recht genau Zahlen messen, versteht aber unter Umständen gar nicht, was vor sich geht", macht Prof. Chandra deutlich, dass er und seine Kollegen mit ihren Berechnungen fehlende Puzzle-Teile zum Verständnis chemischer Abläufe beisteuern. Das Arbeitsgebiet ist relativ jung, nur wenige Arbeitsgruppen beherrschen die Methoden der sog. ab initio Molekulardynamik bzw. Car-Parrinello-Simulationen. Daher muss man diese Methoden "vor Ort" lernen, also an einer Universität, an der Wissenschaftler sich bereits damit auskennen und diese Technik auch methodisch weiterführen. Das wichtigste Arbeitswerkzeug finden die theoretischen Chemiker statt im Versuchslabor im Büro: den Computer. Allerdings hilft ein gewöhnlicher PC den Wissenschaftlern nicht weiter; die aufwändigen Rechenoperationen und Simulationen mit unzähligen Variablen können nur Großrechner durchführen, wie sie beispielsweise im Rechenzentrum der RUB zu finden sind. Aber die Bochumer nutzen nicht nur die heimischen Rechner, sondern Parallelrechner deutschland- und weltweit - übers Internet.

Dynamische Simulationen

Per Internet rechnet auch John Stubbs: Der US-Amerikaner, bis Ende Juli Gast am Lehrstuhl für Theoretische Chemie, hat von Bochum aus den Großrechner seiner Heimatuniversität, der University of Minnesota benutzt - dieser Parallelrechner arbeitet mit 404 Prozessoren. Als Doktorand ist er, wie nun Prof. Chandra, bei Prof. Marx und seinen Mitarbeitern für ein Jahr "in die Lehre gegangen", um sich die speziellen Arbeitsmethoden anzueignen. "Deutschland habe ich für meinen Auslandsaufenthalt wegen meines Interesses für die deutsche Sprache ausgewählt", erinnerte sich der DAAD-Stipendiat, der bereits während seines B.A.-Studiums in den USA Deutsch gelernt hat. Auf Bochum fiel seine Wahl, weil hier Experten der Fachrichtung sitzen, die auch John Stubbs als Schwerpunkt gewählt hat. Dass die Wissenschaftler hier andere Methoden anwenden als die Kollegen in Minnesota, hat für Stubbs neue Möglichkeiten eröffnet: Während er daheim vor allem die thermodynamischen Eigenschaften von Flüssigkeiten untersucht, hat er in Bochum die Umwandlungsprozesse unter die Lupe genommen, die bei chemischen Reaktionen stattfinden. Wie genau entstehen sog. glykosidische Bindungen zwischen Zuckermolekülen unter physikalischen Bedingungen? Diese Frage konnten Wissenschaftler bislang nicht beantworten; John Stubbs hofft, mit Hilfe der bei den RUB-Chemikern verwendeten dynamischen Simulationen aufklären zu können, wie Polysaccharide entstehen. Ganz ähnliche Fragestellungen werden übrigens auch von weiteren Mitarbeitern am Lehrstuhl im Rahmen der Forschergruppe "Wasser" (FOR 436) bearbeitet.
Amalendu Chandra und John Stubbs werden ihr in Bochum erworbenes Wissen in ihre jeweilige Heimat mitnehmen - genau, wie Prof. Marx die ab initio-Simulationen nach Bochum mitgebracht hat: Dominik Marx hat seine Lehrjahre u.a. in Parrinellos Arbeitsgruppe am IBM Zürich Research Laboratory in Rüschlikon verbracht.
Dank des Internets wird der wissenschaftliche Austausch mit der Abreise von Chandra und Stubbs nicht enden. Das gilt auch für den "leibhaftigen" Austausch: In wenigen Wochen erwartet die Arbeitsgruppe von Prof. Marx einen DAAD-Stipendiaten aus Marokko, Prof. Dr. Hassan Rabaa. Er wird sein Interesse an heterogen katalysierten Reaktionen auf Oxidoberflächen in Zusammenarbeit mit dem SFB 558 weiterverfolgen. Christina Heimken

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Letzte Änderung: 01.10.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik