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RUBENS 73 1. Oktober 2002

Ein Leben für die deutsche Literatur

Zum 80. Geburtstag von Ingrid Strohschneider-Kohrs

Habilitationsschriften sind gewöhnlich akademisches Verbrauchsmaterial; unter Zeitdruck entstanden, dienen sie dem Erwerb einer Qualifikation und wandern dann in die Fakultätsarchive und Unibibliotheken, wo sie oftmals über Jahre kaum einen Leser finden. Es gibt Ausnahmen, z. B. wenn sie in Buchform erscheinen und eine zweite Auflage erleben. Jetzt ist etwas sehr Seltenes geschehen: Die Habilitationsschrift von Ingrid Strohschneider-Kohrs über "Die romantische Ironie in Theorie und Gestaltung"; 1957 in München vorgelegt, ist rechtzeitig zu deren 80. Geburtstag am 28. August in dritter Auflage erschienen (Tübingen 2002). Sie besticht durch die gleichen Vorzüge wie ihrer anderen vier Bücher und mehr als 30 Aufsätze in Fachzeitschriften und Sammelbänden: durch dichte Argumentationen in präziser Begrifflichkeit und durch textorientierte Darlegungen in schnörkelloser Sprache. Alle Arbeiten gelten zentralen Gestalten und Problemen der deutschen Literatur von Klopstock bis Hofmannsthal, mit einem deutlichen Schwerpunkt im 18. Jahrhundert und insbesondere bei Lessing.
Der "unpoetische Dichter", der zugleich ein "Liebhaber der Theologie", aber auch der Philosophie war, hat die Jubilarin seit ihrer kleinen, aber eindringenden Untersuchung "Vom Prinzip des Maßes in Lessings Kritik" (Stuttgart 1969) durch die Jahrzehnte begleitet und immer wieder über ihr engeres Fachgebiet hinausgeführt. Die Lessing-Akademie in Wolfenbüttel bot ihr ein Forum für interdisziplinären Austausch, der seinen Niederschlag in ihrem (vorläufig) letzten Buch "Vernunft als Weisheit. Studien zum späten Lessing" gefunden hat (Tübingen 1991). Es war naheliegend, dass die Festschrift, mit der Wissenschaftler aus mehreren Ländern und Disziplinen sie vor wenigen Jahren ehrten, denselben Autor in den Mittelpunkt stelle ("Neues zur Lessing-Forschung"; Tübingen 1998). Da Lessing gewissermaßen einen Doppelstern mit Moses Mendelssohn bildete, hat Ingrid Strohschneider-Kohrs ihre beiderseitigen Beziehungen in der Spätzeit mehrfach auf einfühlsame Weise beleuchtet. Zu ihren großen Verdiensten zählt, dass sie die Fortführung der von den Nationalsozialisten gestoppten historisch-kritischen Mendelssohn-Ausgabe durch Alexander Altmann und später Eva Engel-Holland (Stuttgart-Bad Cannstatt 1972ff.) mit angestoßen und unterstützt hat, indem sie das Projekt als eine nationale Aufgabe immer wieder den Förderinstitutionen ans Herz gelegt hat.
Mehr als 20 Jahre hatte Ingrid Strohschneider-Kohrs einen Lehrstuhl and der Ruhr-Universität Bochum inne; nach ihrer Emeritierung übersiedelte sie in die Nähe von München und nimmt seitdem einen Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität wahr. Wer sie noch jüngst in faszinierender geistiger Präsenz bei Vorträgen und Diskussionen auf Tagungen erleben durfte, wird in den Wunsch einstimmen: Ad multos annos! Günter Gawlick (Bochum)
ad
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Letzte Änderung: 01.10.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik